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Ballet de Santa Teresa

Aurel, Brasilien, 2010/11, weltwärts

Als ich am 13. März 2010 gegen Mittagszeit in Rio de Janeiro landete, hatte ich nur wenig Ahnung davon, was mich in den kommenden 12 Monaten erwarten würde. Ich war gespannt auf das Projekt, in das ich kommen sollte, und auch auf die zukünftige Gastfamilie. Ich wurde am Flughafen von AFS-Mitarbeitern abgeholt und in eine Sprachschule gebracht, in der ich anschließend die ersten Wochen verbrachte und an einem Portugiesischkurs teilnahm. Dies gab mir einen guten Einstieg in die neue Kultur und ein paar neue Bekanntschaften.

Mein Projekt

Nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit in meiner neuen Umgebung ging es schließlich zu meinem zukünftigen Projekt namens "Ballet de Santa Teresa". Als ich zum ersten Mal in mein Projekt im Viertel namens Santa Teresa kam, wurde ich sehr freundlich von allen Mitarbeitern in Empfang genommen. Sie waren über meine Portugiesischkenntnisse sehr erstaunt und auch erleichtert, da ich mir bis dahin unter anderem durch den Portugiesischkurs von AFS, doch auch durch einen früheren, sechsmonatigen Sao Paulo Aufenthalt im Jahr 2006 einen gewissen Grundwortschatz aufgebaut hatte. Ich wurde von allen Kindern begrüßt und umarmt, und sie wollten gleich wissen, in welchen Fächern ich sie unterrichten würde.

Ich wurde anschließend im Projekt herumgeführt und konnte mir ein eigenes Bild davon machen: Es bestand aus mehreren Klassen mit Kindern im Alter von 5 bis 18 Jahren, und es wurde Ballet, Hip Hop, Musik, Englisch, Lesen und Schreiben, Kunst und Geschichte unterrichtet. Da es ein paar Wochen zuvor auf dem ursprünglichen Gelände des Projektes zu Erdrutschen gekommen war, musste das Projekt umziehen und wurde vorübergehend im Kulturzentrum von Santa Teresa untergebracht.

Anschließend wurde mir die feste Aufgabe als Lehrerassistent für das Fach Kunst zugeteilt. Ich fand sehr schnell einen Einstieg und die Kinder hatten sehr viel Spaß am Unterricht. Ich gab ihnen meistens Aufgaben oder Themen, die im Laufe des Unterrichts bewältigt werden sollten. Abhängig von der Altersklasse waren es Aufgaben wie z.B. eigene Fantasien und Träume malen, Zukunftsvisionen, Landschaften, das eigene Leben, die Natur, Unterwasserwelten und vieles mehr. Ich habe jedoch auch vor allem mit den älteren Kindern Techniken, wie räumliche Darstellungen, Gegenstände zeichnen, und verschiedene Maltechniken, behandelt. Der Kunstunterricht wurde laut einer Umfrage im Projekt schnell zu einem der meist geliebten Fächer und es machte mir selbst sehr viel Spaß die Kinder zu unterrichten.

Später habe ich auch beim Englischunterricht mitgeholfen. Viele Schüler waren dort sehr eifrig dabei, da ihnen bewusst war dass das Englischlernen später bessere Berufschancen ermöglichen kann und viele gerne mal ins Ausland gehen würden. So kam es, dass ich im Englischunterricht zum einen übliche Dinge wie Vokabular anhand von Verben, die Zeiten, Sätze bilden etc. unterrichtete, und zum anderen viele Spiele und Lieder mit einbrachte. Oft ließ ich die Kinder ihre Lieblingslieder, die sie im Radio gehört hatten, bestimmen und so sangen und übersetzten wir sie, und hin und wieder hatte ich eine Gitarre dabei.

Auf den Wunsch der Kinder, ebenfalls die Tanzstunden zu übernehmen, bekam ich kurzerhand noch die Aufgabe die Tanzstunden zu unterrichten. Ich hatte in Deutschland bereits erste Erfahrungen gesammelt, als ich in meiner ehemaligen Schule Standardtänze für Abi-Bälle unterrichtet hatte und jahrelang mit meiner Choreografie-Gruppe an Auftritten teilgenommen hatte. Dies half mir beim Gestalten der Tanzstunden sehr viel.

Mein Projektalltag begann in der Regel gegen 8 bis 8:30 Uhr. Ich hatte in der ersten Hälfte vor der Mittagspause zwei Englischstunden und Tanzunterricht. In der Mittagspause hatte ich Zeit zu essen und anschließend hatte ich bis um 17:30 Uhr Unterricht oder Vorbereitungszeit. Da ich bei der Gestaltung des Unterrichts viel Freiraum hatte, entwickelten sich mein Selbstbewusstsein, meine Kreativität und auch mein Durchsetzungsvermögen. Denn ich hätte mir, bevor ich nach Rio kam, ehrlich gesagt nicht zugetraut vor mehreren Klassen zu stehen und gleich drei verschiedene Fächer zu unterrichten, zumal alle Unterrichtsstunden auf Portugiesisch stattfanden. Ich hatte sehr viel Spaß dabei die Kinder zu unterrichten.

Veranstaltungen

Es fanden immer wieder regelmäßige Veranstaltungen im Projekt statt, bei denen ich verschiedene Aufgabenbereiche übernehmen konnte. So hatte ich manchmal die Aufgabe Fotos für Ausstellungen oder bestimmte Ereignisse zu machen, ein großes Bühnenbild für einen jährlich stattfindenden Auftritt des Projekts zu malen und die Beleuchtung bei Präsentationen zu übernehmen.

Desweiteren haben wir regelmäßige Ausflüge in Museen, Bibliotheken, zu Veranstaltungen und in verschiedene öffentliche Parks unternommen, bei denen ich ebenfalls als Betreuer dabei war und hin und wieder die alleinige Verantwortung für die Kinder übernehmen musste. Doch dass ging immer ohne Probleme, da die Kinder gut auf mich hörten und ich oft ein beliebter Spielpartner war.

Meine Gastfamilie

Meine Gastfamilie wohnte leider sehr weit von meinem Projekt entfernt, in einem Viertel namens Tijuca. Mein Weg zur Arbeit dauerte je nach Uhrzeit und Rushhour ein bis zwei Stunden. Es fiel mir nicht sehr schwer mich in die Gastfamilie einzuleben. Ich hatte direkt einen sehr guten Bezug zu meinem jüngeren, 13-jährigen Gastbruder und der Gastmutter. Wir sprachen vom ersten Tag an Portugiesisch, wobei anfangs noch bestimmte Dinge auf Englisch wiederholt oder erklärt werden mussten. Später sprachen wir ausschließlich auf Portugiesisch. Ich kam sehr gut mit meiner Gastmutter und meinem jüngeren Gastbruder zurecht.

Der Alltag unterschied sich jedoch sehr von meinem Familienalltag in Deutschland. Denn wir hatten eine Bedienstete, die alle Aufgaben wie Essen kochen, sauber machen, waschen etc. übernahm. Aufgrund der langen Entfernung von meinem Zuhause zum Projekt verließ ich jedoch oft sehr früh das Haus und kam oft erst spät am Abend wieder. Somit habe ich insgesamt nicht sehr viel Zeit zuhause verbracht, zumal ich an Wochenenden oft mit gleichaltrigen brasilianischen Freunden unterwegs war und gelegentlich bei ihnen übernachtete.

Insgesamt gab es viele Dinge, die anders waren als in Deutschland. Vor allem war es jedoch die Sicherheit. Durch die vielen Favelas und die Kinder aus meinem Projekt war mir von Anfang an ein großer gesellschaftlicher Spalt zwischen Armut und Reichtum bewusst. In meinem Projekt konnte ich natürlich ohne Gefahr unterrichten, und auch in meinem Wohnviertel kam es selten zu Überfällen. Doch zu vielen Kindern hätte ich nicht in die Favelas nach Hause gehen können, da die Gefahr ausgeraubt oder überfallen zu werden, zu groß gewesen wäre.

Es wurde mir erst mit der Zeit bewusst wie gewaltsam und gefährlich der Alltag mancher Kinder im Projekt tatsächlich war. Viele hatten Überfälle oder ähnliches persönlich sehr oft miterlebt und manche hatten Familienangehörige verloren. Ich versuchte deshalb von den Kindern möglichst viel zu erfahren, um ihr Verhalten besser nachvollziehen und einschätzen zu können. Denn bei manchen Kindern, die im Unterricht besonders auffielen, beeinflusste ihre derzeitige familiäre Situation ihr Verhalten. Doch ich bewunderte die lockere Art und die fröhliche Ausstrahlung, die viele Kinder und Erwachsene trotz der Umstände hatten.

Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte durch AFS und weltwärts diese unglaublichen Erfahrungen zu machen und habe viel übers Leben gelernt. Ich plane in nicht allzu ferner Zukunft wieder nach Brasilien zu fahren und hier in Deutschland eine Ausstellung mit Bildern, die im Laufe des Jahres in Brasilien entstanden sind, zu veranstalten.