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Das Land, wo die Sonne nicht nur am Himmel steht

Nicole, Brasilien, 2014, Schuljahr im Ausland mit dem AFS-Stipendienfonds

Mein Jahr ist zu Ende. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit verging! Ein Jahr voller Erfahrungen, Eindrücke und jede Menge Spaß! Ich bin überwältigt, wenn ich darüber nachdenke, dass es möglich ist ,innerhalb kurzer Zeit ein Leben in einem anderen Land aufzubauen - mit Familie, Freunden und einem einigermaßen normalen Alltag. Anfangs war es echt schwer sich einzufügen, alles war neu. Es schwirrten einem Fragen im Kopf herum, die man gern stellen wollte, sie aber noch nicht stellen kann, weil der Wortschatz fehlt. Man lernt jedoch mit der Zeit total unbewusst die Sprache. Ich hätte niemals gedacht, dass das so funktionieren würde.

Man lernt den Alltag, die Kultur und findet dann auch irgendwann seinen eigenen Platz. Mit der Zeit bauen sich dann immer mehr Beziehungen und Bekanntschaften auf. Gerade in den letzten Wochen habe ich gemerkt wie sehr mich die Leute ins Herz geschlossen haben. Wir wussten alle irgendwann steht der Abschied vor der Tür und täglich bekam ich gesagt, wie sehr ich doch fehlen werde. Es machte mich einerseits total traurig das zu hören, andererseits freute ich mich darüber. Denn es zeigte mir, dass ich ein Teil von ihnen geworden bin und sie es schätzen, mit mir Zeit verbracht zu haben, wie ich auch es schätze.

Die brasilianische Lebenseinstellung

Den brasilianischen Alltag kennenzulernen heißt auch, sich in den brasilianischen Rhythmus einzufügen. In letzter Zeit habe ich mich sehr oft beim "brasilianischen" Denken oder Handeln erwischt. Ein gutes Beispiel dafür ist, das zu spät kommen. Man trifft sich nicht zur ausgemachten Uhrzeit, sondern fängt dann erstmal an, sich langsam zu richten. In den Tag zu leben, ohne einen Plan zu haben oder einfach Dinge über die ich mir früher einen Kopf zerbrochen hätte, einfach gelassener zu sehen. Doch manchmal ist es für mich auch sehr schwer gewesen, die brasilianische Lebenseinstellung anzunehmen. Zu Beginn meines Aufenthaltes war es für mich unvorstellbar, einen Tag lang nichts zu machen, keinen Plan zu haben. Das mit meinen Plänen ist eine Sache, worüber sich meine Familie und Freunde gern lustig gemacht haben. Ich bin eben eine Person, die gerne alles plant und deswegen stellte ich fast täglich dieselbe Frage: "Was sind die Pläne für heute?". Eine Antwort bekam ich selten oder nie. Die Brasilianer schaffen es wirklich in den Tag hinein zu leben und das zu machen, wonach ihnen gerade ist. Ich bewundere diese Denkweise wirklich sehr! Ich denke das ist das, was die Brasilianer so gelassen und ausgeglichen macht. Sie wirken allgemein viel zufriedener und lebensfroher als die Deutschen.

Brasilianer sind keinesfalls verklemmt, sie sind sehr offen für alles. Als Ausländerin bin ich sehr oft mit Bewunderung angesehen worden. Ich wurde auch oft zum Essen eingeladen und man findet an jedem Ort Leute, die einen ins Haus einladen und einem anbieten eine Weile bei ihnen zu wohnen. Sehr oft haben mich auch fremde Leute ohne Verlegenheit gefragt, ob sie ein Foto mit mir machen dürfen. Dennoch gibt es Dinge, worin sich die Deutschen und die Brasilianer kaum unterscheiden: Fußball, Bier & Grillen. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Brasilien – Ein Land der Kontraste

Wenn man mich gefragt hat, warum ich nach Brasilien gekommen bin, habe ich immer gesagt, dass ich das Land wegen der großen Kontraste so interessant finde. Und das ist es auch. Ich bin in diesem Jahr an einigen Orten in Brasilien gewesen, und muss wirklich sagen, dass ich mich oft wie in einem ganz anderen Land gefühlt habe. Die Leute, die Landschaft, Häuser und sozialen Unterschiede waren enorm zu beobachten. Ich hatte total Glück und konnte als Austauschschüler wirklich sehr viel reisen! Das habe ich sehr genossen. Ich konnte dadurch noch mehr neue Leute kennenlernen und jede Reise war einfach einzigartig! Auf meiner nächsten Brasilienreise stehen schon die Orte: Amazonas und Salvador! Und wenn ich mal nicht verreist war, war ich in der Schule, die eine sehr große Erfahrung war.

 

Das Schulleben in Brasilien ist ganz anders als das in Deutschland. Der Lehrer ist mehr ein Freund als ein Lehrer und es kommt sehr oft vor, dass vom Thema abgeschweift wird. Die Zeit in der Schule war doch auch ab und zu eine Qual für mich, weil ich dem Unterricht nicht immer folgen konnte. Das muss ich ehrlich zugeben. Ab und zu jedoch konnte ich auch mal Präsentationen über die deutsche Geschichte halten oder allgemein mein Wissen im Klassenraum teilen, soweit meine Sprachkünste mir es erlaubt haben. Ich habe es sehr genossen meine Klassenkameraden kennen zu lernen und mit ihnen Zeit zu verbringen. Auch wenn es anfangs aufgrund der Sprachbarriere wirklich schwer war, Freunde zu finden Inzwischen habe ich sie wirklich ins Herz geschlossen, so dass der Abschied wirklich hart war. Man verbringt so viel Zeit miteinander und weiß einfach nicht. wann man sich das nächste Mal sehen wird.

Meine Gastfamilie in Brasilien

Ein fast unerträglicher Abschied war auch der von meiner Familie sein. Ich hätte mir keine andere Familie für meinen Austausch gewünscht. Ich habe eine tolle Gastmutter, die sich das ganze Jahr stets um mich gekümmert hat und immer für mich da war. Mit der ich viel geteilt habe und immer offen reden konnte. Und einen Gastvater, der mir jede Geschichte X-mal erzählt hat, dass ich es ja auch nicht vergesse. Mit dem ich Witze machen oder auch ernste Gespräche führen konnte. Und zwei unglaublich tolle Geschwister, die ich so unendlich vermisse. Es hat mir viel Spaß gemacht, die „große“ Schwester zu sein und die glücklichen Kinderaugen bei der ein oder anderen "Pyjamanacht mit Nici" zu sehen. Auch wenn es Anfangs komisch war, in einem Haus von „Fremden“ zu wohnen, gewöhnt man sich schnell daran und wird Teil der Familie. Es hängen so viele Momente und Erinnerungen mit ihnen zusammen, die ich nie vergessen werde. 

„Ich bin so froh, diese Erfahrung gemacht zu haben.“

Es war nicht immer ein Zuckerschlecken 10 000 km von der eigenen Heimat weg zu sein. Es gab auch Zeiten, in denen man vor Langeweile verrückt wird, die Sehnsucht sich wie ein Messer im Herz anfühlt oder Situationen, in denen man nicht weiß, wie man damit umgehen oder sich richtig ausdrücken soll. Doch all diese Zeiten sehe ich, wenn ich jetzt daran zurück denke, nicht mehr als negativ. Sie haben mich gelehrt, damit umzugehen. Ich war alleine mit mir und habe es geschafft, das zu überstehen. Es hat mich erfahrener und stärker gemacht. Und ganz nebenbei findet man zu sich selbst. Man findet seine Grenzen und lernt etwas über seine Ziele und lernt das zu schätzen was einem wirklich wichtig ist. Wie ihr seht, könnte ich euch noch Stunden lang von meinen Erfahrungen erzählen. Was ich jedoch eigentlich mit meinem Text sagen möchte, ist, dass es 10 1/2 unglaubliche Monate waren. Monate mit Höhen und Tiefen, mit unzähligen Eindrücken und einzigartigen Momenten. Ich bin so froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin so dankbar, dass ich gar nicht weiß, wie ich das alles zeigen soll. All die Personen, die mich in dieser Zeit begleitet haben, haben mir so viele unersetzbare Momente geschenkt, die ich nie vergessen werde! Ich möchte mich auch nochmal ganz recht herzlich bei Voith GmbH bedanken, die mir diese wunderbare Erfahrung ermöglicht hat. Jetzt habe ich so viel geschrieben und habe trotzdem noch das Gefühl sprachlos zu sein, wenn ich an das Jahr zurück denke. Ein Jahr, das ich mit viel Liebe in meinem Herzen tragen werde, bis es aufhört zu schlagen.