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Eine wundervolle Kultur kennengelernt

Felix, Brasilien, 2013/14, Schuljahr im Ausland mit Evonik Industries-Stipendium

Guten Tag oder besser gesagt „Bom dia“ aus Brasilien. Mein Name ist Felix. Mit AFS Interkulturelle Begegnungen und dem Vollstipendium von Evonik Industries habe ich am 1. August 2013 mein Abenteuer: Auslandsjahr Brasilien, begonnen. Bevor ich nun anfange über meine Erfahrungen zu berichten, soll gesagt sein, dass Brasilien ein enorm riesiges Land ist. Der Norden und der Süden könnten von der Kultur, dem Essen und auch den regionalen Dialekten unterschiedlicher nicht sein. Meine Aussagen lassen sich somit nicht auf das ganze Land verallgemeinern. Hinzukommt dass ich in einer Familie lebe, die dem höheren Mittelstand angehört.

Ich lebe nun seit knapp 5 Monaten hier in Curitiba, der Hauptstadt des Staates Paraná. Die Stadt selber ist eher untypisch brasilianisch. Sowie die Architektur als auch das Klima ist sehr europäisch. Um nochmal speziell das Wetter anzusprechen: Curitiba könnte nicht verrückter sein. Als ich im August ankam, war es Winter in Brasilien. Da Curitiba 900 Meter über dem Meeresspiegel liegt, wird es zu dieser Zeit auch wirklich kalt. Jedoch musste ich schon nach der ersten Woche feststellen, dass man sich auch auf die Kälte nicht verlassen kann, da es zur Mittagszeit blitzartig sehr heiß wird. So kam die altbewehrte „Zwiebeltechnik“, also mehrere Schichten von Kleidungsstücken zum Einsatz.

Meine brasilianische Gastfamilie

Nun zu meiner Gastfamilie: Sie besteht aus meiner Mutter Doralice, meinem Gastvater Arnaldo und meinem Bruder Caua, der Schüler auf derselben Schule ist wie ich. Ich habe eine sehr starke Bindung zu ihm und wir beide machen viele Sachen zusammen. Wir beide sehen uns gegenseitig als wirkliche Brüder an. Außerdem habe ich noch eine Gastschwester die 16 Jahre alt ist, Isadora. Sie macht zur Zeit ein Auslandsjahr mit AFS in Frankreich. Ich hatte nur einen Monat Zeit sie kennen zu lernen.

Ein super Verhältnis mit meinen Gasteltern

Ich habe mich super eingelebt, habe ein ausgezeichnetes Verhältnis mit ihnen und werde auch von wirklich allen als ein Teil der Familie betrachtet. Ich werde zum Beispiel immer als neuer Sohn der Familie vorgestellt oder meine Cousins und Cousinen bezeichnen mich auch als ihren „Primo“ ,also ihren Cousin. Dies erwidere ich auch mit großer Freude. Es ist ein sehr schönes Gefühl von der Familie so aufgenommen worden zu sein.

Brasilien war meine erste Wahl für mein Auslandsjahr und die Erfahrungen die ich hier sammele, bestätigen diese nur. Bevor ich hier hinkam, hatte ich die „üblichen“ Klischees über Brasilien im Kopf: Samba, Fußball, Karneval, viel Lebensfreude aber auch Favelas und die allgegenwärtige Gewalt. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern als ich vom Flughafen auf den Weg in mein neues zu Hause war. Die portugiesische Sprache das erste Mal zu hören, die warme brasilianische Sonne auf meiner Haut zu fühlen, das erste Armenviertel zu sehen und meinen ersten Samba im Radio zu hören. Diese ganzen Eindrücke überwältigten mich in diesem Augenblick. Meine Euphorie hielt sich nicht mehr in Grenzen. Ich war wirklich sprachlos in diesem Moment.

Ich habe Brasilien kennengelernt

Jetzt nach 5 Monaten kenne ich das Land, seine Sitten und seine Kultur viel besser. Ich kenne die nationalen Fußballklubs nun auswendig, weiß über das Land und seine Geographie bescheid, habe mich über die Geschichte schlau gemacht und verstehe langsam aber sicher woher diese riesige Lebensfreude der Brasilianer kommt. In meiner Stadt, Curitiba, kenne ich mich jetzt auch schon mehr oder weniger gut aus.

Jedoch fasziniert mich dieses wunderschöne Land jeden Tag aufs neue und es gibt immer was neues zu entdecken. Zum Beispiel die atemberaubenden Landschaften die für die Einwohner schon fast gar nichts mehr besonderes darstellen. Als ich zum Beispiel das erste Mal einen Dschungel mit wild wachsende Bananen gesehen habe, war ich ganz aus dem Häuschen. Meine Familie hingegen schaute mich nur verdutzt an. Der Brasilianer an sich ist ein Mensch der meist locker in den Tag hinein lebt. Alltagsstress gibt es viel seltener als in Deutschland. Die gute alte deutschen Ordnung und Struktur, auf die man sich in den meisten Fällen verlassen kann, sucht man hier manchmal vergebens. Einen Busplan mit Uhrzeiten gibt es hier schlicht nicht. Man stellt sich einfach an eine Bushaltestelle und wartet bis einer kommt.

Haushalt und Verhalten auf der Straße

Dinge die für mich am Anfang neu waren und jetzt fester Bestandteil meines Alltags sind, sind auf jeden Fall „arroz e feijão“ . Zu gut deutsch Reis und (Schwarze-) Bohnen. Dieses Gericht ist fester Bestandteil der brasilianischen Esskultur und wird wirklich JEDEN Tag als Beilage serviert. Am Anfang fand ich das sehr einfallslos und langweilig, da man es jeden Tag isst. Heutzutage esse ich dies nach Herzensliebe und bin ein begeisterter Fan. Eine weitere Umstellung war, dass eine Empregada, also eine Haushaltshilfe, im Haus arbeitet. Das macht vieles im Haushalt wesentlich einfacher. Ein weiterer Wesentlicher Unterschied zu Deutschland ist die potenzielle tägliche Gewalt. So ist es ratsam nicht mit dem Handy in der Hand auf der Straße rum zu laufen, seine Kreditkarte separat zu halten und immer 50 R$ Bar bei zu haben, die man im Falle eines Überfalles direkt abgeben könnte. Mir selber ist zum Glück noch nie etwas passiert, aber man sollte zu seinem eigenen Wohlergehen diese Vorsichtsmaßnahmen treffen.

Ich glaube hier in Brasilien bin ich reifer geworden. Ich weiß, dass das ein bisschen schwer zu sagen ist nach nur 5 Monaten, doch ich glaube, dass ich mich geistig schon ein wenig verändert habe. Ich bin zum Beispiel viel selbstständiger geworden. Ich habe gelernt auch die kleinen Dinge zu schätzen, dankbar für jeden Augenblick zu sein und mir ist auch nochmal wirklich der Wert der Familie klargeworden.

An meinem Auslandsjahr in Brasilien mag ich die Lebensfreude der Brasilianer, die entspannende aber zugleich auch animierende brasilianische Musik, das Portugiesisch sprechen und am meisten mit meinen neuen Freunden aus Brasilien und aus allen Winkeln der Welt Spaß zu haben.

Große Schwierigkeiten hatte ich außer mit den Moskitos noch keine. Ich bin glücklich darüber, denn ich hörte von anderen Austauschschülern, dass sie zum Beispiel Probleme mit der Gastfamilie oder starkes Heimweh hatten oder keinen Anschluss in der Schule fanden. Mit diesen Problemen wurde ich gottseidank noch gar nicht konfrontiert.

Silvester war mein bestes Erlebnis

Mein bis jetzt bestes Erlebnis war Silvester, mein Geburtstag! Es war das erste Mal, dass ich Geburtstag im Sommer bei knapp 33 Grad am Strand hatte. Meine Familie und ich feierten sehr ausgelassen , wie es sich in Brasilien halt gehört. Und Neujahr selbst war auch ein Ereignis für sich. Es gibt hier nämlich die Tradition um Mitternacht über 7 Wellen zu springen. Das war echt unvergesslich.

Von einem wirklich negativen Erlebnis kann ich jedoch nicht erzählen. Natürlich gab es Tage an denen es mal langweiliger war oder ich einfach mal Lust auf gar Nichts hatte, aber von einem wirklich negativen Erlebnis kann ich nicht sprechen...

Brasilianer sind "offen für alles"

Brasilianische Jugendliche lieben es auszugehen und zu feiern. Diese Interesse teile ich mit großer Freude mit ihnen. Außerdem kann man sagen dass Brasilianer „offen für alles“ sind. Sie lieben es einfach zu flirten. Hier in Curitiba ist es unter Jungs beliebt Longboard zu fahren, eine schmalere und längere Variante des Skateboards. Mädchen hingegen teilen in etwa die selben Interessen wie auch in Deutschland: Shoppen und Jungs beobachten, aber auch Sport und Musik sind weitaus beliebter als bei Mädchen in Deutschland.

Der nächsten Generation von AFSern kann ich folgendes mit auf den Weg geben:

1. Führt ein Tagebuch! Es sind einfach zu viele Erlebnisse zum erinnern und außerdem ist es, denk ich, sehr schön in 10-20 Jahren nochmal sein Auslandsjahr anhand des Tagebuchs Revue passieren zu lassen.

2.Seit offen für alles! So komisch und verrückt die neue Kultur vielleicht erscheinen mag, akzeptiert es einfach und vergleicht nicht alles mit Deutschland. Sonst werdet ihr euch niemals voll und ganz einleben können. Außerdem ist es sehr spannend neue, ungewöhnliche Dinge dazu zu lernen.

3. Es ist kein Problem auch mal Heimweh zu haben. Nur lasst diese Gefühle nicht Überhand gewinnen, sonst gewinnt vielleicht noch der Wunsch wieder nach Hause zu fliegen. Ich hatte zum Beispiel in meiner zweiten Woche mitten im Oscar Niemeyer Museum Heimweh. Das kam einfach wie aus dem Nichts und ich war sehr betrügt und niedergeschlagen. Aber es zeigt dir, dass dir deine Familie und Freunde wichtig sind und sie ein Teil von dir sind, der dir nun wortwörtlich fehlt.

4. Versucht so wenig Englisch wie möglich zu sprechen! Es mag zwar viel Hilfsreicher und einfacher sein, jedoch hilft es dir nicht weiter die Sprache zu lernen. (Außer du gehst in ein englischsprachiges Land, dann solltest du natürlich so viel Englisch wie möglich sprechen ;) )

5. Genieß es einfach! Sei immer du selbst und genieß jeden Tag als wäre es dein letzter. Hört sich dramatisch an, ist aber die Wahrheit.

Die Zeit vergeht viel zu schnell

Die Hälfte meines Auslandsjahr ist nun vorbei… Die Zeit vergeht einfach VIEL zu schnell! Es ist schon schockierend, da ich die Hälfte schon erreicht habe. Ich habe in diesen 5 Monate einfach schon so viel neues dazu gelernt. Eine neue Sprache, eine neue wundervolle Kultur, viele neue Menschen und eine zweite Familie am anderen Ende der Welt. In einem Freue ich mich schon tierisch wieder meine Freunde und Familie in Deutschland wieder zu sehen, zum Anderen werde ich auch sehr traurig wenn ich daran denke Brasilien wieder zu verlassen. All diese Erfahrungen und die tollen Erfahrungen die ich hoffentlich noch haben werde, wären mir ohne das Vollstipendium der Evonik Industries wahrscheinlich verwehrt geblieben…

Vielen vielen herzlichen Dank an Evonik Industries und auch an AFS Interkulturelle Begegnungen!!! Ohne sie wäre ich nicht hier! Ich hoffe sie werden in der Zukunft noch vielen anderen Schülern die Möglichkeit geben, die gleichen Erfahrungen wie mir zu ermöglichen!