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Eine zweite Heimat

Amelie, Brasilien, 2015,

Eineinhalb Monate sind mittlerweile vergangen, seit ich aus Brasilien zurückgekehrt bin. Manchmal fühlt es sich tatsächlich so an, als wäre alles ein Traum gewesen. aSo als hätte ich diese wundervolle Zeit gar nicht wirklich erlebt. Aber wenn ich dann eine Nachricht meiner brasilianischen Eltern, meiner Schulfreunde oder gar anderer Austauschschüler aus aller Welt empfange, wird mir klar, dass ich tatsächlich das Glück hatte, mir ein zweites Leben in diesem wunderbaren Land aufzubauen. Und dann werde ich ganz sentimental und verspüre dieses unangenehme Ziehen in der Brust…Fernweh? Oder doch…Heimweh…? Am ehesten trifft es wahrscheinlich „saudade“, mein portugiesisches Lieblingswort, für das es keine genaue Übersetzung gibt. Das Wort beschreibt einen Mix aus Gefühlen von Verlust, Sehnsucht, Schmerz, großer Entfernung, Dankbarkeit und Liebe. Genau das ist es was ich derzeit empfinde, mir fehlt Brasilien mit allem, was dazugehört, doch ich empfinde auch mindestens ebenso viel Dankbarkeit, dass ich überhaupt die Chance hatte, ein zweites Zuhause am anderen Ende der Welt zu finden.

"Ich würde keines dieser Erlebnisse jemals missen wollen."

Es ist unglaublich, darüber nachzudenken, wie viel im vergangenen Jahr geschehen ist. Ich würde keines dieser Erlebnisse jemals missen wollen. Am allerdankbarsten bin ich für die Momente, die ich in meinem Herzen für immer aufbewahre. Für die kleinen alltäglichen Details und für die großen Abenteuer. Das sind Erinnerungen, die mir keiner nehmen kann. Es sind Erinnerungen an ein lautes, ungestümes, offenes und knallhart ehrliches Volk, das mir am Anfang noch so fremd war und doch nach einiger Zeit zu einer Familie geworden ist. Erinnerungen an alle großen und kleinen Abenteuer, alle großen und kleinen Reisen, die ich unternommen habe, um dieses wunderschöne Land besser kennenzulernen. Erinnerungen an durchtanzte Nächte und wundervolle Musik. Erinnerungen an Reis und Bohnen jeden Tag. Erinnerungen an die verschiedensten Menschen aus aller Welt, die ich kennenlernen durfte. Erinnerungen an das unvergessliche Gefühl, Brasilianerin zu sein. Ja, ich fühle mich inzwischen nicht mehr „nur“ deutsch, sondern bin auch eine brasilerinha, eine kleine Brasilianerin.

Der brasilianische Schulalltag

Tatsächlich gibt es hier deutliche Unterschiede im Umgang zwischen Lehrern und ihren Schülern. Während wir uns in Deutschland der Autoritäts-und Respektsperson, die der Lehrer ist, deutlich bewusst sind, verschwimmen die Grenzen in Brasilien. Natürlich gibt es dort auch strengere Lehrer, die einen respektvollen Umgang erwarten, doch die meisten Lehrer, die ich kennengelernt habe, sind unglaublich locker und lässig eingestellt. Zu Anfang kam mir es doch sehr seltsam vor, dass die Lehrer mit Vornamen angeredet, zur Begrüßung umarmt und auf die Wange geküsst werden und auch ab und zu mal mit liebevollen (!) Schimpfwörtern besehen werden. Nach einigen Monaten jedoch durfte ich einige unserer Lehrer bereits meine „Freunde“ nennen.Meiner Meinung nach kann dieses enge Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern durchaus positiv sein. Die Schüler trauen sich somit, auch einmal Kritik am Unterricht zu äußern, wodurch oft lange Diskussionen entstehen. Außerdem ist es einfach nett, auf einem Fest mal ganz entspannt mit der Literaturlehrerin zu plaudern oder auf eine Geburtstagsparty im Haus des Schulleiters eingeladen zu werden.

Neue und alte Werte

Ich muss einmal die Spontanität der Brasilianer loben. Spontane Grillpartys sind einfach die besten! Da wird dann kurzfristig die ganze Nachbarschaft eingeladen und jeder bringt ein bisschen was mit, ob Bier, ob Salat oder einfach zusätzliche Stühle. Die Brasilianer haben mir gezeigt, dass nicht alles unbedingt eine lange Planung in Anspruch nimmt. Mit dem berühmten brasilianischen Optimismus klappt einfach (fast) alles! Wenn nicht heute, dann eben morgen. Doch, „es gibt immer einen Weg. Wenn der nicht passt, den du dir vorgestellt hast, dann nimm eben einen anderen.“ Das hat mir mein „Papai“, mein brasilianischer Vater, beigebracht. Und es ist in gewisser Weise auch zu meiner Lebensdevise geworden. Dort unten ist halt alles ein bisschen mehr „tranquilo“ und ein bisschen mehr „favorável“, so das bekannte brasilianische Lied, alles ist ein bisschen lockerer und entspannter. Jedoch habe ich nicht nur Brasilien, sondern auch Deutschland durch mein Austauschjahr mehr schätzen gelernt.

Danke AFS

Ich möchte mich noch einmal überaus herzlich für die Unterstützung von AFS bedanken. Dank AFS durfte ich das bisher aufregendste Jahr meines Lebens erleben, unglaublich tolle Menschen kennenlernen und am allerwichtigsten: Ich durfte ein zweites Zuhause in Brasilien finden.

 

MUITO OBRIGADA, VIELEN DANK!