• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Arbeit mit Straßenkindern

Julian, Chile, 2009, weltwärts

Arbeit mit Straßenkindern

Nach langer, nicht immer leichter, aber auf jeden Fall sehr spannender Zeit der Vorbereitung, war es am 30. Juli 2009 endlich soweit. Von meinem Aufenthalt in Chile, wo ich über die Organisation AFS ein weltwärts – Programm als Zivildienstersatz („Anderer Dienst im Ausland“) verbringe, trennte mich nur noch der 14-stündige Flug quer über den Pazifik auf die andere Seite und Halbkugel der Erde. Meine erste Woche in Chile verbrachte ich mit drei anderen Deutschen, ebenfalls Zivildienstleistende, in Santiago, der Hauptstadt von Chile, wo wir in Gastfamilien lebten und fünf Tage lang für jeweils vier Stunden eine Sprachschule besuchten, in der ich meine Sprachkenntnisse, die zu der Zeit nicht über die nötigsten Sätze und grammatikalischen Strukturen hinausreichten, ein wenig verbessern konnte. Nach einer Woche ging es für uns vier dann mit dem Flugzeug weiter nach Arica, der nördlichsten Stadt in Chile, direkt an der Grenze zu Peru. Am Flughafen angekommen, wurden wir von Mitarbeitern des lokalen AFS-Büros abgeholt und direkt ins Büro von „Un techo para Chile“ („Ein Dach für Chile“), unserer zukünftigen Arbeitstelle gebracht und der Direktorin Monica vorgestellt.

Mein neues Zuhause: Die Stadt Arica

AFS-Freiwilliger Julian in seiner Stadt Arica, Kolumbien

Zunächst aber: Wo bin ich eigentlich. Chile ist ein, sich über 4300 Kilometer in Nord-Süd-Richtung entlang der Anden und dem Pazifischen Ozean erstreckendes Land, mit einer durchschnittlichen Breite von gerade mal 180 Kilometern. Übertragen auf Europa wäre das eine Länge, die der Strecke von der Mitte Dänemarks bis in die Sahara entspricht. Aufgrund dieser extremen Länge des Landes erstreckt sich Chile über viele verschiedene Klimazonen, wobei ich die Atacamawüste im Norden mein neues Zuhause nennen darf. Die Atacamawüste gilt als trockenste Wüste der Erde und liegt im so genannten Regenschatten der Anden, was für mich bedeutet, dass es bis jetzt noch kein einziges Mal auch nur einen einzigen Tropfen geregnet hat. Arica, meine neue Heimatstadt, ist die nördlichste Stadt Chiles und liegt in der Region Arica und Parinacota. Sie wird als die Stadt des ewigen Frühlings bezeichnet, obwohl mir meine, im kalten Deutschland trainierten, Empfindungen für Temperaturen eher ein Gefühl des ewigen, heißen Sommers vermitteln.

Die Stadt hat ca. 190.000 Einwohner, wovon jeder einzelne, den ich bis jetzt kennen lernen durfte, überaus nett, warmherzig und hilfsbereit war. Menschen, die man neu kennen lernt, werden auch immer sofort mit Küssen auf die rechte Wange begrüßt (außer Männer untereinander) und es herrscht von Anfang an eine viel herzlichere Stimmung zwischen allen, als ich das aus Deutschland gewohnt war. Direkt nach meiner Ankunft lernte ich auch meine Gastfamilie kennen, mein Zuhause für das kommende Jahr. Ich lebe jetzt ca. 7,5 Kilometer außerhalb von Arica und habe eine ganz wunderbare und herzliche Gastfamilie mit drei Gastgeschwistern namens Aldo (18), Carla (15) und Fernanda (13). Mein Gastvater bewirtschaftet dort Olivenplantagen, so dass die Umgebung um meinen neuen Lebensmittelpunkt ländlich und ein wenig einsam ist.

Die ersten zwei Wochen in Arica waren für mich Einführungswochen, in denen ich das Land, die Stadt, neue Leute und meine Arbeit für die nächsten Monate kennen lernte. Also ein Crashkurs über die Mentalität und Kultur sowie die Bedeutung unserer Arbeit für die unglaublich offenen und gastfreundlichen Menschen hier. Insgesamt kann ich bis jetzt nur positiv über die Menschen hier und die zwar ein bisschen ruhigere, aber durchaus abends auch lebendige Stadt Arica reden, in der ich mich mittlerweile, auch Dank meiner inzwischen verbesserten Spanischkenntnisse, gut zurecht finde und mich trotz eines sehr schnellen und genuschelten Castellano (so wird die spanische Sprache in Südamerika bezeichnet), welches hier gesprochen wird, gut verständigen kann.

Mein neuer Arbeitsplatz

„Un techo para Chile“, wo ich jetzt tätig bin, ist eine Organisation, die sich darum bemüht, bis zum Jahr 2010, dem 200-jährigen Staats-Jubiläum von Chile, alle Campamentos beseitigt und die dort lebenden Menschen neu versorgt zu haben. Ein Campamento ist ein Ort, in Deutschland würden viele dazu „Slum“ sagen, an dem acht oder mehr Familien unter sehr schlechten Bedingungen und ohne Elektrizität, fließendes Trinkwasser oder ein Abwassersystem leben. Die Familien leben dort in sehr einfachen Holzhütten und mit oft sehr vielen Personen in einem Raum. In Arica gibt es zurzeit drei verschiedene Campamentos, in denen 30 bis 125 Familien leben.

Julian mit Kindern aus seinem Freiwilligendienst-Projekt

Ich arbeite im Bereich Eventos, wo es meine Aufgabe ist, zusammen mit anderen Voluntarios (freiwilligen Mitarbeitern) Veranstaltungen zu organisieren, die helfen sollen, andere von dem Handlungsbedarf dort und unserer Arbeit zu überzeugen, darüber auch Spenden zu generieren und insbesondere den Kindern in den Campamentos schöne Erlebnisse zu bieten, damit sie ein wenig ihre Lebenssituation vergessen können. In den vergangenen drei Monaten waren das unter anderem Feiern für Halloween, den „Dia de los niños“ (Kindertag) oder den 18. September (Chiles Nationalfeiertag) für die Kinder in den Campamentos oder die Voluntarios von „Un techo para Chile“. Um die Arbeit unserer Organisation bekannt zu machen und tatkräftige oder finanzielle Hilfe einzusammeln sitze ich gelegentlich auch am Computer, recherchiere größere Companys, stelle Informationen und Unterlagen zusammen und besuche die Unternehmen persönlich. Außerdem verwalte ich die Einnahmen von „Un techo para Chile“, die aus der Arbeit in einem Supermarkt resultieren, in dem jedes Wochenende Voluntarios gegen freiwillige Spenden Geschenke einpacken.

MIt dem AFS-Freiwilligendienstprogramm weltwärts unterstützte Julian Straßenkinder in Kolumbien

Dazu unterrichten wir auf Initiative von uns deutschen Zivi`s einmal in der Woche die kleinen Kinder der Campamentos in Englisch. Gelegentlich packen wir auch tatkräftig mit an, wenn in den Campamentos etwas zu bauen ist. Mit den Kindern mal Fußball spielen oder Ihnen über Europa und Deutschland zu erzählen, macht ebenfalls viel Spaß. Unsere Arbeitszeiten sind morgens von 10 Uhr bis 14 Uhr und nachmittags von 17 Uhr bis 20:30 Uhr. Dazwischen haben wir Mittagspause. Und eine Pause ist das wahrhaftig, denn um diese Zeit herrscht in Chile Siesta. Alle Geschäfte schließen, alle Menschen gehen nach Hause, essen „almuerzo“ (Mittagessen) und schlafen oder ruhen sich einfach nur aus. Am Wochenende haben wir meistens frei. Allerdings müssen wir gelegentlich los, um z.B. bei größeren Einkaufsmärkten, wo sich am Wochenende viele Menschen aufhalten, für unser Projekt zu werben oder zu besonderen Anlässen in die Campamentos fahren.

Nach der Arbeit

Das Wochenende verbringen wir tagsüber meistens mit unseren Familien und abends mit Freunden, von denen ich hier in Chile schon viele neue finden konnte. Gefeiert wird hier allerdings sehr unterschiedlich im Vergleich zu Deutschland. Was alleine schon daraus resultiert, dass die Menschen viel offener und herzlicher sind als in Deutschland. Mit diesen neuen Freunden ergeben sich manchmal auch Ausflüge nach Tacna, der südlichsten Stadt in Peru oder Radtouren im Valle de Azapa, eine Art Tal, das an die Stadt angrenzt. Solche Touren finden aber natürlich immer mit viel Wasser im Gepäck statt, da hier in der Wüste im Moment ca. 20-25 °C herrschen und die Sonne über dem klarsten Himmel der Welt besonders stark zu sein scheint. Zurzeit ist hier bei mir noch Frühjahr. Zwischendurch wird dann auch gerne mal eine Empanada gegessen, eine Teigtasche mit Zwiebeln und Fleisch. Empanadas sind eine von vielen chilenischen Köstlichkeiten, zu der ich jetzt schon eine Art von Suchtbeziehung aufgebaut habe.

AFS-Freiwillige in Kolumbien

Ich fühle mich persönlich und in meiner Aufgabe hier sehr wohl und bin sehr froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Es macht viel Freude, so intensiv helfen zu können, in einem so interessanten Land zu leben und dieses intensiv kennen lernen zu können. Auch auf Menschen zu treffen, die mich so herzlich und freundlich aufgenommen haben. Es ist einfach super, gebraucht zu werden und etwas Prägendes für sein ganzes Leben zu tun. Für meine weitere Zeit hier in Arica hoffe ich, dass diese mindestens genau so schön wird wie bis jetzt und dass es nicht noch heißer wird, was sich allerdings kaum vermeiden lässt, da es auf diesem Teil der Erde gerade Sommer wird. Außerdem freue ich mich auf die geplante Reise mit Freunden nach La Paz, der Hauptstadt Boliviens, und auf mein erstes Weihnachtsfest am Strand.