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Gelassenheit ist alles

Lara, Chile, 2013/14, weltwärts
Laura ist mit AFS als Freiwillige in Chile und berichtet über ihre Erfahrungen im Projekt

"Na gut", dachte ich mir, als ich die Bestätigung für meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst bekam, "jetzt geht es also für ein Jahr nach Chile, so viel kann da doch eigentlich nicht schief gehen." Jetzt war ich zwölf Monaten in der chilenischen Hauptstadt Santiago und habe inzwischen eine mehr oder weniger klare Vorstellung von dem mir kürzlich noch völlig unbekannten Erdteil.

Chile ist ein Land voller Gegensätze. Arm und Reich sind hier Lebensrealitäten, die nicht miteinander kollidieren, sondern nebeneinander existieren. Da steht im Zentrum von Santiago die größte Mall Chiles, während nur wenige Kilometer entfernt Chilen*innen Holz und Plastikreste für den provisorischen Hüttenbau sammeln. Und während es in Chile in begüterten Familien zum guten Ton gehört, riesige Mahlzeiten wegzuwerfen, wird das Restobst, das am Ende des Tages auf dem Markt übrig bleibt, eifrig von den in einer prekären Situation lebenden aufgelesen.

Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums

Hinter der Fassade des ökonomischen Wachstums und dem großen wirtschaftlichen Fortschritts ist ein wirklich sehr brüchiges System versteckt. Der Zugang zum Gesundheits-/Bildungssystem ist großen Teilen der Bevölkerung nicht möglich. Teure Arztbesuche und Medikamente, noch teurere monatliche Versicherungsbeiträge. Vom Bildungssystem sollte mensch am besten gar nicht anfangen zu reden. Sicherlich wurde von den zahlreichen Protesten auch etwas in den deutschen Medien gezeigt. Bildung ist hier nämlich keine Notwendigkeit oder gar ein Recht, Bildung ist ein Produkt, welches - wie fast alles in diesem Land - der kapitalistischen Verwertungskette anheimgefallen ist und somit käuflich gemacht wurde.

Monatliche Studiengebühren von mehreren 100 € sind normal, es kann aber durchaus auch bis in die 1000 hochgehen. Staatliche Kredite sind nicht so leicht zu bekommen, da es natürlich auf die ökonomische Situation der Familie ankommt. Studieren mit Kredit heißt allerdings auch, jahrelanges Abbezahlen der Schulden. Der Teufelskreislauf ist perfekt organisiert.

Als Freiwillige bei TECHO

Die Zahl der Hüttensiedlungen, der sogenannten Campamentos, ist riesig. In einigen davon arbeitete ich als Freiwillige von TECHO, einer Nichtregierungsorganisation welche insgesamt in 19 lateinamerikanischen Ländern vertreten ist und die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Armut zu reduzieren und bessere Lebensbedingungen in den Armutsvierteln zu schaffen. Das geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen: indem Mikrokredite vergeben werden, Gemeinschaftszentren und Häuser errichtet werden, Kinder bei den Hausaufgaben betreut werden oder Erwachsene Kochunterricht erhalten. Alphabetisierung, Jugend/Erwachsenenbildung, Arbeits(r)integration und Häuser bzw. Gemeinschaftszentrenbau.

Laura nahm bei einem AFS-Projekt in Chile teil, bei dem der Bau eines Hauses unterstützt wird

Das Konzept von TECHO ist genauso simpel wie effektiv: direkte Zusammenarbeit zwischen den Familien in den Siedlungen, den Festangestellten im Büro und den Schüler*innen und Studenten*innen. Ich verbringe meine Freiwilligenarbeit vor allem damit, Englisch zu unterrichten. Anfangs, mit weniger guten Spanischkentnissen, habe ich größtenteils meine Kolleg*innen begleitet und so viele Erfahrungen sammeln können. Da die Campamentos in urbanen Gebieten liegen, ist die Anreise meist sehr lang, manchmal sogar bis zu 2 Stunden. Dadurch ergaben sich folglich sehr lange Arbeitszeiten, da der Bürotag morgens um 9 Uhr losging, die Versammlungen in den Campamentos meist aber erst um 18 Uhr abends waren. Kurz gesagt, ein 9-12 Stunden Arbeitstag. Die Zeit im Büro verbrachte ich meist mit administrativen Aufgaben oder mit der Vorbereitung meines Englischunterrichtes. Gelegentlich standen an den Wochenende selbstorganisierte Fußballturniere oder diverse Bau-, oder Kulturprojekte an.

Sehr gutes Kulturangebot in Santiago

In meiner - nicht gerade im Überschuss vorhandene – Freizeit, war ich immer recht aktiv. Da ich in der Nähe von Santiago wohnte konnte ich meine Freund*innen dort jedes Wochenende besuchen gehen und dort das kulturelle Angebot genießen. Neben vielen sehr interessanten Museen - für einen Euro bekam ich unter anderem einen echten Andy Warhol und Gerhard Richter zu Gesicht – gibt es eine große Anzahl alternativer und autonomer Kunstprojekte junger Künstler*innen. Der Besuch des Friedensparkes und der Villa Grimaldi war ein emotional sehr aufgeladenes Ereignis. Die Villa Grimaldi in Santiago ist ein altes Anwesen mit einem Park (heute: parque de la paz) in welchem während der Diktatur (politische) Gefangenen gefoltert und in erschreckend großer Zahl ermordet wird.

Heute, und auch vor der Diktatur, ein friedlicher Ort, ein großer Garten mit vielen Bäumen und Blumen über welchem nun auch an einem sonnigen Tag ein dunkler Schatten liegt. Die durch Steine auf dem Boden markierten Rechtecke, deuten die Hütten an, in denen die Gefangenen 20 Stunden am Tag eingesperrt waren. Jede Blume in dem Rosengarten trägt den Namen einer ermordeten Frau der Villa Grimaldi. Erst später erfuhren wir, dass die Personen welche die Blumen pflegen, Familienangehörige oder Nachfahren sind. Als wir dort waren, bewässerten mehrere Menschen die Blumen und ich erinnere mich noch, dass ich zu meiner Freundin sagte, ich würde hier nicht gerne als Gärtnerin arbeiten wollen. Wer will das schon?

Laura bei einer Veranstaltung in Chile

Natürlich gibt auch viele Konzerte in Chile, besonders in Santiago und Valparaiso. Hier reicht das Angebot von internationalen, global bzw. weltweitbekannten Künstler*innen bis zu lokalen Kleingruppen. Die letzteren standen eher in meinem Fokus, da mir zum Einen das Geld fehlte um mir tatsächlich ein Konzert eines etablierten Künstlers bzw. einer etablierten Künstlerin anzusehen, und ich zum Anderen viel lieber die lateinamerikanische Musikszene kennenlernen wollte. Eine Intention die ich bis heute nicht bereue.

Von der Theorie in die Praxis

In Deutschland habe ich mich oft mit den verschiedenen Aspekten von Armut auseinandergesetzt – ich kann erklären, was relative, absolute oder strukturelle Armut ist, und weiß, dass der Gini-Koeffizient als Maßstab der Einkommensungleichverteilung dient. Als ich aber zum ersten Mal ein Campamento betrat, wusste ich erst wirklich, was Armut ist. Hier reiht sich Hütte an Hütte. Es gibt keine Glasfenster, kein fließendes Wasser, häufig keine Stromversorgung, kein Telefon oder Internet. Die Einwohner der Campamentos sind abgeschnitten von der Außenwelt. Die Erde ist der Fußboden, auf dem sich Erwachsene und zahlreiche Hunde und Kinder aufhalten.

Viele meiner Freund*innen in Deutschland und hier in Chile haben mich gefragt, ob ich am Anfang nicht geschockt war. Natürlich schockt es mich, dass über 2,489 Millionen Menschen hier in Chile absolut prekär leben. Bei einer Gesamteinwohner*innenzahl von 16 Millionen Menschen ist das ein ziemlich großer Anteil.

Was mich allerdings noch mehr erschreckt, ist die Ignoranz der Wohlhabenden, der ich hier teilweise begegne. Auf einer Party wurde mir erzählt, dass die Familien in den Campamentos selbst schuld an ihrer Situation seien, weil sie faul wären und keine Initiative zeigen würden. Der Staat leiste doch genügend Hilfe. Einen Teufelskreislauf gebe es nicht. Jeder in Chile hätte, wenn er oder sie sich nur anstrnge, freien Zugang zum Bildungssystem und die Chance auf ein gutes Leben. Aus Gesprächen weiß ich, dass das nicht so ist. Die Familien haben große Schwierigkeiten, Schuluniformen und Schulmaterialien zu bezahlen. Ein Studium kann sich ohne staatliche Kredite kaum jemand leisten .

Politisierung der Jugend

Lauras Eindrücke von Santiago de Chile

Es ist aber wirklich bemerkenswert, wie politisiert die Jugend hier ist. Das macht sich nicht nur an den zahlreichen Protesten bemerkbar, etwa gegen das Bildungssystem oder die schlechte Behandlung von Straßenhunden. Überall sieht man Graffitis in der Stadt: am häufigsten "Die Straße gehört uns" oder "Unsere stärkste Waffe ist die Bildung". Es tut sich was in Chile, und das ist auch gut so. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass 14-Jährige zehn Tage ihrer Ferien in einem Campamento verbringen, um eine Hütte zu bauen.

Genauso beeindruckt wie von der Politisierung bin ich von der Freundlichkeit und Gelassenheit in Chile (die zumindest in meinem direkten sozialen Umfeld herrschte. Natürlich möchte ich keine Stereotypen reproduzieren und kann dazu nur sagen: Auch in Deutschland habe ich gelassene Freund*innen. Gelassenheit assoziiere ich nicht automatisch mit Lateinamerika, bzw. in diesem konkreten Beispiel nicht mit Chile.)

Abschließende Worte

Generell hätte ich nie erwartet, dass es mir in Chile so gut gehen würde. Ohne Spanischkentnisse, ohne Bekannte, ohne Freund*innen. Aber alles verlief anders als erwartet. Ich bekam beim Spanischlernen viel Unterstützung von den Mitarbeiter*innen im Büro und von meiner Gastfamilie. Im Gegenteil zu Deutschland, wird mensch als nicht Muttersprachler*in unterstützt und nicht belächelt, ignoriert oder gar diskriminiert. Natürlich ist mir ebenfalls Diskriminierung wiederfahren, allerdings nicht wegen meiner Sprache und eigentlich auch nicht auf Grund meiner Herkunft.

Sagen wir es so, viele Menschen (weltweit) fühlen sich dazu genötigt einen Hitler-Gruß zu tätigen, sobald sie jemanden aus Deutschland treffen. Dies würde ich allerdings nicht als Diskriminierung ansehen sondern einfach nur als extrem große Unreflektiertheit und Unwissenheit. Gerade weil in Chile über die Diktatur unter Pinochet nicht gesprochen wird, werden natürlich solche Verhaltensmuster an den Tag gelegt. Einige Schwierigkeiten bereitete es mir allerdings, dass ich fast immer, da ich weiß und europäisch und somit natürlich super reich bin, als wohlhabend abgestempelt wurde. Da fühlte ich mich das eine oder andere Mal eher unwohl .

Für mich ist dieses Jahr ein sehr, sehr schönes gewesen. Ich habe viele neue Freund*innen gefunden, die ich hoffentlich bald, falls die finanzielle Not es zulässt, besuchen werde. Spanisch ist eine Sprache die mir sehr gut gefällt, und mit welcher ich mich nun auch in meinem Studium auseinandersetzen werde unter dem Aspekt der romanischen bzw. spanischen Sprachwissenschaft. Ich habe viel dazu gelernt, viel gesehen und erfahren. Ein Bericht kann natürlich nie auf alle Facetten eingehen und vermag es auch nicht, Erfahrungen und Erlebtes adäquat zu artikulieren. Gerade weil die Erlebnisse noch so frisch sind, fällt es schwer einen Gesamtüberblick zu geben.