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Mein Auslandsjahr in Copiapó

Ronja, Chile, 2012/13, weltwärts

Mein Auslandsjahr in Copiapó

Mein erster Eindruck von Chile war auf alle Fälle positiv: die Schönheit der Anden und die freundliche Begrüßung und gute Organisation durch AFS. Ich war aber auch verwirrt vom reichen Stadtteil Las Condes, wo wir unser erstes Wochenende verbrachten. Das sah mir alles viel zu europäisch aus, das kam mir alles viel zu bekannt vor. Erst später habe ich Santiagos andere Stadtviertel kennen und die Schönheit dieser Hauptstadt schätzen gelernt. Ich habe mein Auslandsjahr in Copiapó, im kleinen Norden Chiles, verbracht. Dort arbeitete ich in TECHO - Un Techo para Chile im Bereich Bildung und Kultur und lebte in einer Gastfamilie. Während meines Freiwilligendienstes lebte ich ein gutes Jahr lang mitten in der Atacamawüste und lernte so neben der chilenischen Kultur und Lebensweise auch eine für mich gänzlich neue Landschaft kennen.

Land und Leute

Ronja in der Natur in Chile

Wenn ich vor einem Jahr an Chile dachte, kamen mir zunächst die Anden und Rotwein sowie aufgeschlossene, chronisch unpünktliche und oft singende und tanzende Menschen in den Sinn. Die Zeit in Chile hat mir geholfen, all diese Bilder differenzierter zu betrachten. Mittlerweile kenne ich die chilenische Mentalität besser und kann meinen Erfahrungen zufolge sagen, dass der ständig singende und tanzende Chilene doch eher ein Mythos ist. Eigenschaften wie Offenheit und Unpünktlichkeit beschreiben viele Chilenen dann aber doch ganz gut. Ich glaube, dass es neben den vielen Unterschieden zwischen den Kulturen auch viele Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Chilenen gibt.

Ich habe wahrscheinlich gerade wegen der vielen Ähnlichkeiten trotzdem viele Diskussionen über Kulturunterschiede geführt, zum Beispiel über den vermeintlich kühlen Deutschen. Dabei fiel mir auf, dass man im Ausland den typischen Deutschen wirklich als den kalten, ordnungsliebenden Bratwurstliebhaber sieht. In den meisten Gesprächen kam dann jedoch heraus, dass der Deutsche vielleicht im Vergleich zum offenen Südamerikaner eher zurückhaltend ist, aber nach kurzer Zeit doch auftaut; dass der Deutsche Ordnung gern hat, aber nicht den ganzen Tag Stifte nach Größe ordnet und dass es auch deutsche Vegetarier gibt.

Dieser Austausch von Stereotypen und das stetige Revidieren oder auch Bestätigen von Vorurteilen war besonders wertvoll für mich und für meine chilenischen Freunde. Wir haben so sehr viel voneinander und übereinander gelernt. Ich hatte viel mit Chilenen zu tun, da ich die einzige ausländische Freiwillige in meinem Projekt war. Dieser Umstand hat mir das Kennenlernen der Mentalitäten und auch das Spanischlernen wirklich erleichtert. Zum Ende hin hatte ich das Gefühl, die Unpünktlichkeit und teilweise auch die Unzuverlässigkeit mancher Chilenen besser akzeptieren zu können und habe gelernt, viele Dinge nicht so ernst zu sehen. So kommt man einfacher und stressfreier durchs Leben.

Arbeitsplatz

Ronja mit ihren Kollegen bei einem TECHO Projekt in Chile, den sie mit AFS gemacht hat

Ich habe während meines Dienstes bei TECHO- Un Techo para Chile in der Abteilung für Bildung gearbeitet. TECHO ist eine chilenische Nichtregierungsorganisation, die zusammen mit chilenischen Jugendlichen, die bei der Organisation als Freiwillige arbeiten, versucht, die zwei Welten Chiles zwischen arm und reich miteinander in Kontakt zu bringen. Des Weiteren führt eine Konstruktionsabteilung Baumaßnahmen zur Errichtung sozialer Wohnungsbauten aus, die vom Staat finanziert werden. Mit diesem Feld kam ich allerdings relativ wenig in Kontakt. Ich nahm aber auch an den Konstruktionen teil, die zweimal im Jahr in den Ferien für die Freiwilligen stattfanden. Im Rahmen der Konstruktionen baute ich ein Bad und ein Haus in zwei verschiedenen Vierteln der Region. Ich habe in der Sozialabteilung TECHOs gearbeitet und meine Aufgabe war es, verschiedene kulturelle Projekte und Aktionen in Armenvierteln der Stadt zu planen und durchzuführen.

Mir wurde viel Freiraum für meine eigenen Ideen gelassen und ich wurde von meinen Mitarbeitern in allen meinen Vorhaben tatkräftig unterstützt. Hierbei wurde mir auch eine Vertrauensperson, die Leiterin meiner Abteilung, zur Seite gestellt, die letztendlich auch zu einer guten Freundin wurde. In den elf Monaten organisierte ich zum Beispiel Museumsbesuche, einen Weihnachtsnachmittag für Kinder, eine Bücherspendenaktion mit einer Privatschule für Kinder aus den campamentos, gab Englischkurse für Kinder und Erwachsene und führte Workshops zum Thema Umweltschutz durch. Außerdem half ich im TECHO Büro auch in anderen Bereichen, wo ich konnte, und begleitete meine Arbeitskollegen zu ihren Terminen z.B. in Universitäten und mit verschiedenen Partnern. Was die Arbeit betraf, war ich während des Jahres sehr gut ausgelastet und fühlte mich auch durch keine meiner Aufgaben überfordert.

Gastfamilie

Ronja mit ihrer Gastmutter während ihres Freiwilligendienstes in Chile

Meine Gastfamilie, in der ich das Jahr über gewohnt habe, hat mich schon zu Beginn sehr herzlich begrüßt. Ich hatte drei Gastgeschwister, obwohl nur die jüngste Schwester mit Mutter und Vater und mir im Haus lebte, bevor sie im März – wie die älteren zwei auch – zum Studieren in eine andere Stadt zog. Mit allen Familienmitgliedern verstand ich mich gut und das Klima in der Familie war immer sehr freundlich und liebenswert. Ich konnte mich schnell integrieren und mir wurde in allen schwierigen Situationen geholfen, im Gegenzug half ich meiner Gastmutter Marisol im Haushalt. Ich nahm an Familienfesten teil und wir unternahmen einige Ausflüge. Das Leben in meiner Gastfamilie gefiel mir sehr gut und ich habe auch noch weiter Kontakt zu ihnen. Ein Negativaspekt des Zusammenlebens war, dass ich mich oft nicht in der Lage sah, kleinere Konflikte direkt anzusprechen. Doch auch meine chilenische Familie setzte eher auf Vermeidung von Auseinandersetzungen. Durch diese Erfahrung habe ich gelernt, dass es in verschiedenen Kulturkreisen vermieden wird, offen über Konflikte zu reden.

Durch das Zusammenleben mit zu Beginn völlig fremden Menschen lernte ich mehr über mich selbst z.B. wie ich in bestimmten Situationen reagiere - und vor allem erfuhr ich wahnsinnig viel über die chilenische Kultur und Sprache. Das Leben in meiner Gastfamilie hatte positive und negative Seiten, aber letztendlich bin ich meiner chilenischen Familie unendlich dankbar, dass sie mir nicht nur ihr Haus geöffnet haben, sondern mich eingeladen haben, ein wirklicher Teil ihrer Familie zu sein. Diese Geste hat mir gezeigt, wie einfach und wie erfüllend es sein kann, Türen für andere zu öffnen, damit sie sich wohl und geborgen fühlen.

Betreuung

Die Betreuung von uns Freiwilligen durch AFS war sehr gut. Die Vorbereitungsseminare vor der Ausreise sowie die Nachbereitung nach der Rückkehr waren von hoher Qualität und haben mir wichtige Aspekte zum Gastland sowie interessante Impulse zur Entwicklungspolitik vermittelt. Auch die organisatorische Betreuung bezüglich des Visums sowie der Versicherung und des Kontos etc. haben mir sehr weitergeholfen. Ein weiterer guter Aspekt war, dass die Vorbereitungen von AFS-Freiwilligen durchgeführt wurden, die selbst schon Erfahrungen im Ausland gesammelt haben und so viele hilfreiche Tipps an uns weitergeben konnten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass AFS meine Erwartungen an eine weltwärts-Entsendeorganisation sehr gut erfüllt hat. Die Organisation war untereinander gut abgestimmt, der Informationsfluss war klar und immer pünktlich und der Umgang mit uns Freiwilligen sehr professionell. Auch die Betreuung von AFS Chile im Gastland würde ich als sehr positiv werten. Ich hatte viel Kontakt zu meinen Lokalkoordinatoren, die sich um kleinere Probleme vor Ort kümmern konnten. Zudem war die Organisation auf nationaler Ebene ebenfalls gut abgestimmt. Das Begrüßungs-, Zwischen- und Endseminar fand jeweils in Santiago statt und bot ein gutes Programm und eine Plattform, um vereinzelte Probleme in der Gastfamilie bzw. im Projekt zu besprechen.

Sprache und Kommunikation

AFS-Freiwillige Ronja mit Kindern in Chile

Ich hatte das Glück, schon vor meiner Einreise drei Jahre lang den Schulunterricht in Spanisch besucht zu haben, was mir half, mich in den ersten paar Wochen zurechtzufinden.Trotzdem dauerte es seine Zeit, bis ich mich besser verständigen konnte. Nach den ersten drei Monaten hatte ich dann durch vieles Sprechen, Lesen, Zuhören und das Anlegen eines Vokabelheftes die Sprache soweit gelernt, dass ich auch meine Arbeit im Projekt voll und ganz aufnehmen konnte. Insgesamt reagierten alle sehr positiv auf mein Bemühen, schnell Spanisch zu lernen und unterstützten mich in meinem Vorhaben, indem sie mich bei Fehlern korrigierten. Aufgezogen wurde ich nur für mein „deutsches R“ und die eine oder andere lustige Wortverwechslung.

Entwicklungspolitik

Rona und ihre Kollegen in einem Projekt

Im Zentrum stand in meinem Freiwilligenjahr für mich die Problematik des Eurozentrismus. Ich wollte mich auf das Gastland einlassen und versuchen, die Dinge aus anderen –nicht aus deutschen – Augen zu betrachten. Meine Sicht war natürlich immer noch europäisch geprägt, aber ich bekam nach dem Abschließen meiner Arbeit die Rückmeldung, dass meine Kollegen das Gefühl hatten, ich hatte mich auf ihre Kultur und ihre Denkweise eingelassen und trotzdem eine gute Balance zwischen der deutschen und der chilenischen Sichtweise gefunden Zudem habe ich erfahren, dass Entwicklungszusammenarbeit nur mit Toleranz und Offenheit und durch gemeinsames globales Lernen gelingen kann. Wir müssen uns gegenseitig besser kennenlernen, wir müssen mehr übereinander wissen. Dafür ist ein interkultureller Austausch da, um voneinander zu lernen. Ich glaube, dass ich die Chance zum globalen Lernen dieses Jahr sehr gut genutzt habe. In einer Gastfamilie saugt man die Kultur in sich auf und bekommt einen sehr differenzierten Blick. Aber nicht nur das, vor allem der Kontakt zu so unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen hat mich in meinem Auslandsjahr so bereichert. Und auch die verschiedenen politischen Ansichten, mit denen ich konfrontiert wurde, haben mich manchmal umdenken lassen.

Ich werde versuchen, meine Erfahrungen bezüglich meines Auslandsjahres weiterzugeben, indem ich das Gespräch mit meinen Freunden und Verwandten suche. Außerdem werde ich das Konzept eines weltwärts-Dienstes bei einem kleinen Vortrag in meiner ehemaligen Schule den Schülern der Oberstufe nahe bringen, damit sie wissen, welche Optionen man nach dem Abitur neben dem Einschreiben an der Uni noch hat. Meine im Freiwilligendienst erworbenen Erfahrungen und das Eintauchen in einen fremden Kulturkreis werden mir auch in meinem Studium der Internationalen Beziehungen von großem Nutzen sein und mich darüber hinaus für mein weiteres Leben bereichern. Die Arbeit bei einer Nichtregierungsorganisation hat mir gut gefallen und ich denke darüber nach, mich nach dem Studium in diese Richtung zu orientieren.

Ich habe andere Realitäten nicht nur gesehen, sondern direkt miterlebt und das beeinflusst mich in den Entscheidungen, die ich jetzt treffe (z.B. bei der Bundestagswahl) und künftig treffen werde. Und ich möchte mich auch weiterhin für das Verständnis für die Eine Welt einsetzen, indem ich diskutiere, hinhöre, erzähle und Neues erfahre und indem ich weitere Länder und deren Bewohner in Auslandssemestern, Reisen oder bei der Arbeit im Ausland kennenlerne. Ich denke, dass mich dieser Prozess mein Leben lang begleiten wird.