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Meine Schwester sagt, ich rede mehr Chilenisch als Castellano

Charlotte, Chile, 2010/11,

Meine Schwester sagt, ich rede mehr Chilenisch als Castellano

Ich bin jetzt schon mehr als fünf Monate hier in Chile. Doch es gibt immer noch Sachen, die mich überraschen und Dinge, die ich neu kennen lerne. Obwohl ich im Süden Chiles, in einer kleinen Stadt namens Coyhaique wohne, wo es noch kälter ist als in Deutschland, habe ich mich gleich vom ersten Tag an hier sehr wohl gefühlt.

Meine Familie mit „Zoo“

Meine Familie ist total nett und meine Schwester war sofort wie meine beste Freundin. Klar streiten wir uns inzwischen auch schon mal, aber das gehört dazu, finde ich. Ich habe neben meiner Schwester, die älter ist als ich und mit der ich mir ein Zimmer teile, auch einen jüngeren Bruder, mit dem ich mich ebenfalls gut verstehe. Aber wie alle Jungs mit 16 verbringt er viel Zeit für sich und spielt am PC.

Was mich sehr freut, ist, dass wir Haustiere haben. Ich hatte vorher nämlich keine. Wir haben einen Hund, der im Haus lebt; zwei, die draußen leben; dann zwei Kater und eine Katze, die auch Junge hatte. Wir haben einen Zoo im Haus. Manchmal nervt das, doch meistens ist es unterhaltsam. Genauso wie die Namen von unseren Tieren, denn alle sind nach einem alkoholischen Getränk benannt. Keine Ahnung wieso.

Unterricht auf Spanisch

Im Großen und Ganzen habe ich mich schnell eingewöhnt. Natürlich mag ich die Kälte immer noch nicht. Der Unterricht ist jetzt, da ich ihn verstehe, viel interessanter. Am Anfang haben alle einfach noch viel zu schnell gesprochen, und ich hatte nie eine Ahnung, worum es gerade geht. Die Sprache ist eben doch anders. Ich war sehr glücklich, dass ich wenigstens schon ein bisschen Spanischen vorher gelernt hatte. So konnte ich mich wenigstens schon etwas verständigen Auch wenn alle langsam sprechen mussten, damit ich es auch verstehe. Das hat sich inzwischen erledigt. Und wie sagt meine Schwester so schön: ich rede mehr Chilenisch als das spanische Castellano.

Das verstehen können, hat das Leben hier insgesamt einfacher gemacht. In die Schule gehe ich inzwischen gerne, weil ich Leute treffen und mich mit Freunden unterhalten kann. Ich fand es ebenfalls sehr schön, dass gleich am Anfang alle auf mich zugekommen sind und Fragen gestellt haben. Insgesamt sind die Leute in Chile viel offener und freundlicher. Man kann sich mit allen nett unterhalten. Auch Unbekannte sind direkt herzlich zu einem und so ist es viel leichter jemanden kennen zu lernen.

Blonde Haare fallen auf

Dazu muss gesagt werden, dass man hier als Austauschschüler bekannt ist, vor allem wenn man wie ich blond ist. Ich musste mich ziemlich daran gewöhnen, dass viele mich anschauen oder mir hinterher pfeifen. Das liegt daran, dass es hier sehr wenige Menschen mit hellen Haaren gibt und sie dann natürlich umso mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ebenfalls ist mir schon sehr oft passiert, dass mich jemand kannte, obwohl ich der Meinung war, noch nie mit dieser Person gesprochen zu haben. Das liegt einfach ein bisschen an dem Sonderstatus, den Austauschschüler hier genießen.

Genau deswegen hatte ich am Anfang auch Angst, ich würde vielleicht keine „echten“ Freunde finden. Denn wie soll man wissen, ob die Leute an einem selbst oder an dem „Ausländer sein“ interessiert sind? Mit der Zeit dann habe ich natürlich zu einigen Personen Vertrauen aufgebaut und kann jetzt eine Reihe von Leuten aufzählen, die mir wichtig sind. Man muss hier jedoch höllisch aufpassen, wem man etwas erzählt. Die Gerüchteküche hier ist nämlich kochend heiß und die Leute lieben es herumzutratschen.

Ein sozialer Lebensstil mit viel Musik und Tanz

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich dieses Land einfach liebe und ich mich mehr „chilenisch“ als „deutsch“ fühle. Der Lebensstil, die Offenheit, die Kultur hier finde ich einfach toll. Die Jugendlichen sind zum Beispiel viel mehr auf das Soziale bedacht. Man unternimmt viel mit Freunden und nach Schulschluss geht es nicht direkt nach Hause, sondern man bleibt und redet noch ein wenig. Auch trifft man sich öfter in großen Gruppen und die Parties hier sind natürlich um Meilen besser - alleine schon der Musik wegen. Es gibt hier nämlich viele verschiedene Arten von Musik. Am Bekanntesten ist glaube ich der Reggaeton.

Ich finde es einfach genial, dass der größte Teil der Leute fast die ganze Nacht am Tanzen ist und überhaupt gibt es diese so genannten Hausparties. Jedoch mit viel mehr Stimmung, so dass man einfach immer Spaß hat. Der einzige Nachteil ist, dass meine Eltern hier mir längst nicht so viel Freiheit lassen wie meine Eltern in Deutschland. Das liegt vielleicht daran, dass hier alles viel gefährlicher ist und daran, dass sie immer fahren müssen. An diesen Umstand musste ich mich erst gewöhnen. Doch solche Erfahrungen gehören auch dazu. Jetzt weiß ich wenigstens, was ich an meinen echten Eltern habe und ich weiß viel mehr die Lage unseres Hauses zu schätzen.

Gelernt fürs Leben

Man lernt in einem Auslandsjahr einfach unglaublich viel: über die fremde Kultur genauso wie über die eigene. Denn man lernt, die Dinge aus einem fremden Sichtwinkel zu betrachten. Vor allem lernt man über sich selbst. Deswegen möchte ich mich für das Teilstipendium bedanken und hoffe, dass es auch in Zukunft durch solche Stipendien vielen Schülern ermöglicht wird, diese Erfahrung zu machen. Ich denke man hat sein ganzes Leben etwas davon.

Als Tipp kann ich nur sagen: macht ein Auslandsjahr, aber erwartet nicht zu viel; lasst die Dinge auf euch zu kommen; nehmt es gelassen, wenn nicht alles so klappt, wie es soll. Das Leben ist da, um es zu genießen. Seid einfach offen und geht mit Optimismus an die Dinge. Denn wenn man etwas wirklich will, dann kann man das auch erreichen.