Erfahrungsbericht Auslandsjahr
Jetzt Spenden

Spontanität wird in Chile groß geschrieben

Lena, Chile, 2016, Schuljahr im Ausland mit Deutsche Bank-Stipendium

Ich kann es noch gar nicht realisieren, dass ich nun schon seit fast einem Monat wieder in Deutschland bin und mein Auslandsjahr in Chile somit vorbei ist. Es ist ein komisches Gefühl, wieder zuhause zu sein, wobei mir schon die erste Veränderung auffällt, dass das Wort `zuhause` jetzt eine ganz andere und vor allem größere Bedeutung für mich hat, als noch vor einem Jahr. Ich denke dabei nicht nur an mein Haus in Deutschland, sondern auch an Orte in Chile, die ich in mein Herz geschlossen habe, Menschen, bei denen ich mich wohl fühle und die mir viel bedeuten, wie meine Freunde und besonders meine Familie. Sowohl meine deutsche als auch meine chilenische und meine internationale AFS Familie mit denen ich einige der besten Momente dieses Jahres zusammen erlebt habe.

Es war schwer, Chile zu verlassen

Es war schön und auch emotional nach so langer Zeit zurückzukehren. Aber gleichzeitig auch unglaublich traurig und schwer, da ich Chile noch nicht verlassen wollte und zu viele gemischte Gefühle auf einmal hatte, weil der Abschied von den besten Freunden und der Familie noch nicht so weit zurück lag. Es war auch viel schwerer, Chile zu verlassen als Deutschland, da ich bei der Abreise in Deutschland sehr aufgeregt und neugierig war, was mich erwarten würde, welche Abenteuer ich erleben könnte und wie die Gastfamilie ist. Bei der Abreise in Chile war klar, dass ich in mein gewohntes Umfeld und meine Alltagsroutine zurückkehren würde, wo sich nicht allzu viel verändert hat. Außerdem war vor dem Auslandsaufenthalt klar, dass ich nach einem Jahr wiederkomme. Wann ich allerdings nach Chile fliegen kann, um meine Familie wiederzusehen, weiß ich nicht.

Ich wurde mit aller Gastfreundschaft aufgenommen

Im Unterschied zu deutschen Familien nehmen die Chilenen vieles gelassener und entspannter. So etwas wie Stress gibt es nicht und auch Spontanität wird dort groß geschrieben. Das ist auch der Grund dafür, dass niemand einen Kalender besitzt und sie zu allen Terminen mindestens eine halbe Stunde zu spät kommen und allgemein sehr unpünktlich sind.

 

Ein anderer wichtiger Punkt ist die Herzlichkeit und Offenheit der Personen, wie sie miteinander umgehen und sich gegenüber treten, was schon bei der Begrüßung deutlich wird; wobei es sich um eine Umarmung und einen Wangenkuss handelt. Dieser Aspekt der Kultur ist mir besonders beim Kennenlernen neuer Leute aufgefallen, da mich diese bis dahin noch fremden Menschen mit aller Gastfreundschaft aufgenommen haben und mich, sobald ich sie länger kannte, wirklich wie eine Tochter behandelt haben.

Meine chilenische Gastfamilie

In meiner Gastfamilie konnte man die Werte, die den Kindern beigebracht wurden, sowie die Erziehung und die gerechte Rollenverteilung der Eltern sehr mit einer deutschen Familie vergleichen, was meiner Meinung daran liegt, dass Chile im Gegensatz zu den anderen lateinamerikanischen Ländern ein aufgeklärtes und entwickeltes Land ist. Allerdings habe ich auch Familien kennengelernt, in denen der Vater die Entscheidungen trifft, die Mutter nicht arbeiten geht, sich um die Kinder kümmert und Emanzipation keine Rolle spielt.

Das Schulsystem in Chile

Auch in der Schule wurden mir mit der Zeit viele Unterschiede im Vergleich zu Deutschland bewusst, welche schon mit der Schule anfangen. In Chile gibt es drei Arten von Schulen die man mit unserem Gymnasium, der Real- sowie Hauptschule vergleichen könnte, allerdings nicht sollte. Das liegt daran, dass die Schulbildung überall gleich gut sein sollte, es aber darauf ankommt, wieviel die Eltern bezahlen können. Somit sind die komplett bezahlten Privatschulen die besten, die Schulen, bei denen die Kosten durch den Staat halbiert werden folgen darauf, und in öffentlichen Schulen, die nicht bezahlt werden, lernen die Schüler viel weniger und haben somit einen deutlich niedrigeren Wissenstand.

 

Ich habe zuerst eine öffentliche und nach einem Schulwechsel eine katholische Schule, bei welcher der Staat die Hälfte der Kosten übernimmt, besucht, und der Unterschied war deutlich erkennbar/merkbar. Es wurde anspruchsvollerer Stoff gelehrt und die Schüler haben sich angestrengt, gute Noten zu  schreiben. Auch wichtige Werte wurden durch die Lehrer vermittelt und man spürte, dass die Schüler eine Gemeinschaft gebildet hatten. Doch wenn ich das alles mit meinem deutschen Gymnasium vergleichen würde, wäre sofort klar, wieviel höher das Niveau des deutschen Schulsystems ist.

 

Man merkt einen großen Unterschied, wenn es um den Schulstoff und den Respekt den Lehrern gegenüber geht. Lehrer und Schüler haben in Chile ein schon fast freundschaftliches Verhältnis und werden von vielen noch bis zum Ende der Schulzeit mit `tio` oder `tia` angesprochen, was soviel wie Onkel oder Tante bedeutet. Es wird sich über private Dinge ausgetauscht und sich zu melden wird als komisch empfunden. Der positive Aspekt dabei ist, dass ein viel engeres Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, als wir es in Deutschland von Lehrern gewohnt sind, aber auf der anderen Seite kann es schneller passieren, dass die Autorität in Frage gestellt wird.

Erkenntnisse über Deutschland

Während meines Auslandsaufenthalts sind mir viele Erkenntnisse bezüglich der deutschen Kultur gekommen, die mir vorher nicht wirklich bewusst waren. Wie viele Sachen und Dinge wir planen, mit wieviel Druck oder Stress wir manchmal arbeiten, wie pünktlich und organisiert wir sind, aber wie verklemmt wir auch sein können, wenn es um spontane oder verrückte Dinge geht. Wie viele Gedanken wir uns darum machen, was andere von uns halten, wieviel Wert wir darauf legen, schlank zu sein, aber auch wie gut wir darauf achten, uns gesund zu ernähren.  Wie sehr wir uns für die Umwelt einsetzen mit zum Beispiel Mülltrennung oder wie zielstrebig und ehrgeizig wir sind. Viele positive aber auch negative Punkte unserer Kultur, die mir erst jetzt auffallen, da ich das Gegenteil von jedem der genannten Aspekte am anderen Ende der Welt in einer anderen, sehr unterschiedlichen Kultur erlebt habe.

 

Ich würde nicht gerne mit der chilenischen Kultur tauschen, allerdings halte ich es für eine gute Idee, einige Dinge zu übernehmen, die ich als besser empfinde oder die mir das Leben ein bisschen leichter und fröhlicher machen.

Es haben sich neue Türen für mich geöffnet

Durch diese Möglichkeit, ein Jahr im Ausland zu verbringen, die mir mein Stipendiengeber Deutsche Bank AG und meine Eltern gegeben haben, wofür ich unbeschreiblich dankbar bin, haben sich neue Türen für mich geöffnet, habe ich wundervolle Begegnungen mit interessanten Menschen gemacht, atemberaubende Orte Chiles gesehen und bin als Person an all den unzählbaren Erfahrungen und Erlebnissen gewachsen, danke dafür.