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Chaotische Ordnung?

Lea, China, Volksrepublik, 2012/13,

Chaotische Ordnung?

Meine ersten Eindrücke hier waren so viele und so stark, dass ich sie kaum in Worte fassen konnte. Mir ist aber sofort aufgefallen, dass der Himmel, anders als in Deutschland, nicht blau ist, sondern gelblich-grau. Nachdem ich von meiner Lehrerin nach Tangshan, meine neue Stadt, gebracht wurde, kam meine Gastfamilie mich an der Schule abholen. Meine Schwester hat mich sofort umarmt, noch ehe ich ganz aus dem Auto aussteigen konnte. Darüber habe ich mich sehr gefreut! Meine Familie ist einfach großartig! Es ist die typische chinesische Familie, wie man sie sich vorstellt.

Der Alltag

Eine AFS-Gastschülerin in einer Schule in China

Der Vater und die Mutter arbeiten beide ziemlich viel. Manchmal bleibt der Vater für einen Tag in einer anderen Stadt, meistens ist es Peking. Er bringt meine Schwester, den Nachbarn und mich morgens zur Schule, die schon um 6:30 Uhr anfängt. Weil chinesische Schüler sehr unter Druck stehen, hat auch meine Schwester unglaublich viele Hausaufgaben auf und ist deshalb leider sehr beschäftigt. Am Anfang hat mich das etwas verunsichert, weil ich dachte, sie würde nichts mit mir zu tun haben wollen. Aber dann habe ich mal mit meiner Mutter über alles geredet und sie hat mir das erklärt. Jetzt weiß ich, dass das normal ist und komme viel besser damit klar. Wann immer wir gleichzeitig Freizeit haben, verbringen wir die auch zusammen.

„Meine“ Familie

Immer wenn ich „Mutter“ schreibe, meine ich meine chinesische Mutter. Wenn ich über meine Gastfamilie rede, bezeichne ich sie meistens als „meine Familie“. Damit habe ich ziemlich schnell angefangen. Manchmal verwirrt das meine Freunde, weil sie nicht genau wissen, ob ich meine chinesische oder meine deutsche Familie meine. Nur wenn ich mit meiner Gastfamilie spreche, fällt es mir noch etwas schwer, sie direkt „Mama“ oder „Papa“ zu nennen. Zu meiner Mutter habe ich eine sehr gute Beziehung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie mir immer bei Problemen hilft und sich mit mir auch lange auf chinesisch unterhält. Wahrscheinlich habe ich von ihr das meiste gelernt. Meine Schwester spricht leider immer Englisch mit mir,ber dazu wurde mir auch schon gesagt, dass die meisten Chinesen ihr Englisch mit uns üben möchten. Solange ich andere Leute habe, die mit mir Chinesisch sprechen, ist das auch kein Problem für mich.

Mein Vater spricht sehr schnell und außerdem Tangshanhua. Also der Dialekt aus Tangshan. Am Anfang konnte ich ihn gar nicht verstehen. Da habe ich einfach immer genickt, gelächelt und etwas über meinen Schultag erzählt. Bis mir irgendwann von meiner Mutter erklärt wurde, dass er mich auch nicht versteht. Aber jetzt verstehe ich immer mehr, sogar wenn er und meine Mutter eine Unterhaltung führen, ohne mich mit einzubeziehen. Dann reden sie auch richtig schnell und benutzen den Dialekt. Deshalb freue ich mich auch immer so, wenn ich es verstehe. Am meisten hat mich aber gefreut, als meine Mutter gesagt hat: „Weil du jetzt meine zweite Tochter bist, gebe ich dir 1000 Yuan für die Reise.“ Ich habe nicht wegen des Geldes gefreut, sondern weil sie mich „zweite Tochter“ genannt hat! Das bedeutet, sie hat mich wirklich aufgenommen. Kurz darauf war Weihnachten undich habe unter anderem eine Pralinenschachtel bekommen auf der stand: „Tochter, frohe Weihnachten!“ Das war so unglaublich süß!!!

Pflichten & Freunde

Meine Hilfe im Haushalt beschränkt sich leider nur auf Zimmer aufräumen, meine Wäsche waschen und Geschirr spülen. Meine Mutter lässt mich nichts machen. Sie begründet das damit, dass meine Schwester auch nichts machen muss und das sonst unfair wäre. Einerseits verstehe ich das, aber andererseits ist meine Schwester sehr beschäftigt mit Hausaufgaben. Ich bin das nicht. Ich muss von halb 7 Uhr morgens bis halb 6 Uhr abends in der Schule sein. Dann darf ich nach Hause gehen. Meine Klassenkameraden aber haben eine kurze Pause und danach noch vier weitere Unterrichtsstunden... Und danach haben sie noch Hausaufgaben auf. Meine Schwester geht normalerweise nicht vor 11 Uhr abends ins Bett. Und am Morgen müssen wir um 5 Uhr aufstehen. Ich habe jeden Tag neun Unterrichtsstunden, davon mindestens sechs nur mit den anderen Austauschschülern zusammen, weil das Spezialfächer wie Chinesischunterricht, Kalligraphie und Kung Fu sind. Mit meinen Klassenkameraden habe ich also höchsten drei Stunden am Tag Unterricht. Deswegen habe ich nicht so einen engen Kontakt zu ihnen. Aber dafür schätze ich die chinesischen Freunde, die ich habe, umso mehr!

Lea berichtet über Schneetage mit Freunden in China während ihres Schüleraustausches

Wir unternehmen oft etwas zusammen, zum Beispiel machen wir Schneeballschlachten oder gehen zum Karaoke. Es wurde auch eine Weihnachtsfeier für uns organisiert, das war so süß! Insgesamt wird hier echt viel für uns getan, selbst fremde Leute auf der Straße sprechen uns an und fragen, ob wir Hilfe brauchen. Das einzige, was etwas nervig ist, ist dass mir selbst nach 4 Monaten Aufenthalt hier nicht erlaubt wird, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Als hätten wir keine Autos in Deutschland. Dafür kann ich die Zeit im Auto morgens nochmal zum Schlafen nutzen und etwas Zeit mit meiner Schwester verbringen.

Drei Typen von Chinesen

Die Leute auf der Straße kann ich anhand ihrer Reaktionen in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe sind die Senioren. Sie schauen mich einfach nur an, als wäre ich ein seltenes Tier. Die zweite Gruppe sind die Jugendlichen. Sie stoßen sich immer ganz aufgeregt an und grüßen mich. Wenn ich zurückgrüße werden die leicht verlegen und fangen an zu kichern oder sagen ihren Freunden Bescheid und zeigen dann mit ausgestrecktem Finger auf mich. Die letzte Gruppe sind die Erwachsenen. Die beachten mich entweder gar nicht oder sprechen mich an. Das mag ich echt gerne, denn sie geben sich dann keine Mühe, langsam oder einfach zu sprechen. Wenn ich sie also verstehe, ist das schon ein echter Erfolg.

In Deutschland wäre ich viel zu schüchtern gewesen, um einfach mit irgendwelchen Fremden zu reden. Hier musste ich viel aufgeschlossener werden und von selbst auf die Leute zugehen. In Deutschland hatte ich meine Freunde und musste sie mir nicht erst erarbeiten. Außerdem gehe ich hier viel entspannter mit Fehlern um. Ich merke nämlich deutlich, dass ich nicht die Einzige bin, die Fehler macht. Wir Austuschschüler wurden alle zusammen mit einer fremden Kultur konfrontiert, in der wir die Bräuche, Verhaltensregeln und manche nützlichen Tipps und Tricks noch nicht kannten.

AFS-Gastschüler in China treffen sich in der Natur

Weil wir alle in derselben Situation sind, verstehe ich mich auch so gut mit ihnen! Wenn wir zusammen unterwegs sind, werden wir oft von den mutigeren Chinesen angesprochen und in interessante Unterhaltungen verwickelt. Am lustigsten ist es aber, wenn ich mit den Taxifahrern rede. Letztes hat mich einer gefragt, ob alle Deutschen gelbe Haare hätten! Sowas werde ich echt vermissen, wenn ich wieder zurück nach Deutschland muss! Die süßen Chinesen, die alle so interessiert an Ausländern sind. Ich glaube ohne die Hilfsbereitschaft von allen hier wäre ich manchmal echt aufgeschmissen gewesen. Mir sind hier so viele Sachen ans Herz gewachsen: meine unglaublich nette chinesische Familie! Meine Klasse und meine Chinesischlehrer! Die lauten Straßenmärkte und kleinen Läden. Die alten Chinesen, die am Straßenrand Schach spielen und in die Gegend spucken. Einfach alles, was typisch chinesisch ist. Besonders fällt mir auf, dass hier alles diszipliniert sein soll und es deswegen unglaublich viele Regeln gibt. Aber trotz dieser Disziplin ist es ziemlich chaotisch, besonders in der Schule. Da gibt es diese Tage, an denen die Toiletten kein Wasser haben oder die Aufwärmübungen im Sportunterricht in eine riesige Schneeballschlacht ausarten...

Meine Zukunft in China

Austaschschülerin Lea vor einem Haus in China

Ich würde China jederzeit wieder als Gastland wählen. Dann würde ich mir aber etwas mehr Infos darüber wünschen, dass die Chinesen wirklich sehr beschäftigt sind und man wirklich viel Geduld mit der Sprache braucht. Jetzt wo ich das weiß, habe ich vier sehr erfahrungsreiche Monate hinter mir und werde noch sechs wundervolle Monate in meinem super interessanten Gastland bei meiner allerbesten und allerliebsten Gastfamilie verbringen! Und dafür möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken, denn ohne das großzügige Stipendium wäre ich jetzt gar nicht hier. Ich hätte so viel verpasst! Ich weiß echt nicht, wie ich das in Worte fassen kann. Ich habe hier so viel gelernt – über mich, über andere Kulturen und den Umgang mit Problemen.

Ich weiß jetzt schon, dass ich später noch viel von diesem Jahr haben werde und freue mich erst mal auf die nächsten sechs Monate.