• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Ein Gast aus dem Reich der Mitte

Mona, China, Volksrepublik, 2015, Kurzzeitaustausch China

Deutsch-chinesischer Schüleraustausch: 2 Monate bei Gastfamilien in Deutschland bzw. in China! Als ich diese Überschrift auf der Website des Goethe-Instituts vor nun knapp anderthalb Jahren las, war ich sofort Feuer und Flamme. China – klingt erst einmal ziemlich exotisch: Ein Land mit einer bewegenden Geschichte, einem anderem Schulsystem, anderem Essen, anderen Gebräuchen, einem anderem politischen System, einer völlig anderen Schrift und Sprache, die ich jetzt seit 3 Jahren lerne. Genau das ist es, was China für mich so reizvoll macht.

Meine Austauschpartnerin

Nachdem ich nach meiner Bewerbung verschiedene Auswahlverfahren durchlaufen hatte, war ich sehr gespannt, wer meine Austauschpartnerin sein würde. Ihr Name ist Xirui Cui (in Zeichen:曦睿崔) , und da das für uns ein wahrer Zungenbrecher ist, und sie vollkommen in die deutsche Welt und Kultur eintauchen wollte, erklärte sie uns, dass wir sie gerne Jasmin nennen dürfen. Bevor sie nach Deutschland kam, hatten wir bereits Kontakt per E-Mail und konnten dabei feststellen, dass die Austauschorganisation mit uns zwei Mädchen mit gleichen Interessen und Neigungen zusammengeführt hatte.

Die deutsche Sprache

Jasmins größte Angst vor der Abreise waren Kommunikations- und Sprachprobleme. Am Tag vor der Ankunft in Deutschland traf sie mit den anderen Austauschschülern in Peking eine deutsche Touristin, die sich mit ihnen unterhielt. Da Jasmin erst seit einem halben Jahr Deutsch gelernt hatte, konnte sie außer „und“, „oder“ und „auch“ kaum etwas verstehen. Doch wie kam sie auf die Idee, nach Deutschland zu kommen? Einerseits hat Jasmin Deutschunterricht in der Schule, dort hatte sie auch von dem Austausch erfahren. Andererseits machte Deutschland als wichtige Industrienation den Besuch für sie im Vorfeld reizvoll, und da sie in einigen Jahren in Bremen studieren möchte, war es eine hervorragende Gelegenheit, sich mit den deutschen Gepflogenheiten vertraut zu machen. Vielleicht hatte sie auch einfach nur gehört, dass der Unterrichtsstil hier im Gegensatz zum chinesischen viel entspannter ist.

Kulturelle Unterschiede

Am 21.2. war es dann endlich soweit: Meine Eltern und ich holten meine Gastschwester nach einem achttägigem Sprachkurs in Heidelberg ab. Wir alle waren sehr gespannt auf sie und darauf, wie sich die nächsten sieben Wochen mit ihr wohl gestalten würden. Unterschiede konnte sie hier viele feststellen. Shenzhen, Jasmins Heimatstadt, ist eine riesige Metropole mit ungefähr 13 Millionen Einwohnern. Sie liegt im Südosten Chinas (subtropisches Klima!), weswegen es dort im Sommer bis zu 40°C hat. Schwandorf, meine Heimatstadt, ist eine Kleinstadt mit knapp 30.000 Einwohnern. Die Temperaturen um den Gefrierpunkt zu dieser Zeit waren für Jasmin eine wahnsinnige Umstellung; sie brauchte einige Zeit, um sich an die Kälte, den Schnee und später den vielen Regen zu gewöhnen (Ich hoffe, dass das Wetter hier ihr nicht in zu schlechter Erinnerung verbleibt). Die Menschen hier beschreibt sie als freundlicher und offener als in ihrer Heimat, was durchaus daran liegen mag, dass ihre Stadt um so viel größer ist als unsere und sich die Menschen hier in Schwandorf daher viel näher stehen.

Nicht nur, dass die Schüler in Deutschland keine Schuluniform tragen, auch der Lehrer stellt Fragen, und nicht nur die Schüler. Und wenn diese etwas sagen, müssen sie auch nicht aufstehen. Außerdem legen wir sehr viel Wert auf Pünktlichkeit. Aber vor allem das Essen ist anders. Es gibt keine großen Teller mit Speisen, auf die alle einfach zugreifen, jeder hat seinen eigenen Teller. Und zum Frühstück gibt es auch keinen Reis! Allerdings war das – Gott sei Dank – kein großes Problem, nachdem mir Jasmin bereits am ersten Tag erzählte, dass sie sehr gerne Wurst isst. Seitdem gab es bei uns zum Frühstück warme Wiener Würstchen.

Wertvolle Erfahrungen

Am Ende ihres Aufenthaltes hier war für sie die deutsche Satzstellung immer noch sehr schwer, aber sie verstand viel mehr als zuvor. Sie hat Einblicke in das deutsche Leben gewonnen, kann nun Knödel drehen und „Neunerln“ spielen. Sie hat einen Gottesdienst besucht und kennt jetzt die deutschen Osterbräuche. Sie hat viele bayerische Städte wie Nürnberg und Regensburg gesehen, hat Schloss Neuschwanstein besichtigt, und die Walhalla besucht. Wir beide haben eine großartige Zeit hier erlebt. Dabei haben wir viel gelacht, teils wegen kleinerer Verständnisschwierigkeiten, teils aufgrund kultureller Unterschiede. Ich habe mit ihr Filme mit chinesischen und englischen Untertiteln gesehen, vierhändig Klavier gespielt und obwohl ich in diesen zwei Monaten weniger Chinesisch gesprochen habe, als ich mir vorgenommen hatte, habe ich nun weniger Angst, wenn ich im August nach China fliege. Denn ich weiß, meine Schwester am anderen Ende der Welt wartet auf mich.