Erfahrungsbericht AFS-Kurzzeitaustausch
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Es war für mich ein sehr erhebendes Gefühl, auf der chinesischen Mauer zu laufen

Vincent, China, 2018, AFS-Kurzzeittaustausch mit Mercator und Voith Stipendium

Am 4. August startete meine Reise mit einem Flug von Frankfurt nach Peking. Insgesamt traten sieben Jugendliche aus verschiedenen deutschen Städten den Kurzzeitaustausch an, wir wurden von einer AFS-Betreuerin begleitet, die mit uns gemeinsam nach Peking flog. In Peking haben wir von Montag bis Freitag immer vormittags an einem Sprachkurs teilgenommen, in dem wir Grundbegriffe der chinesischen Sprache (Mandarin) vermittelt bekommen sollten. Da ich schon im Vorfeld mit dem Erlernen von Mandarin begonnen hatte, waren viele Dinge nicht neu für mich, dennoch habe ich einige weitere Sprachkompetenz erwerben können. Nachmittags war ausreichend Zeit, Peking zu erkunden und die berühmten Sehenswürdigkeiten anzusehen. Darunter waren zum Beispiel die chinesische Mauer, die verbotene Stadt, der Platz des himmlischen Friedens und der Sommerpalast.

Nach dieser Woche in Peking sind wir in die Städte unserer Gastfamilien geflogen. Bei mir war das Wuxi, eine Stadt mit rund sieben Millionen Einwohnern westlich von Shanghai. Ebenfalls in Wuxi waren noch zwei weitere Deutsche aus dem Kurzzeitaustausch-programm in Gastfamilien untergebracht. Nach einem relativ kurzen Flug sind wir am 11. August in Shanghai gelandet. Dort haben unsere Austauschschüler bereits auf uns gewartet. Mein chinesischer Austauschschüler war ja im Februar/März 2018 bei uns in Deutschland, so dass wir uns schon gut kannten und es ein großes Wiedersehen gab. Gemeinsam mit unseren chinesischen Austauschpartnern sind wir mit einem modernen Schnellzug etwa eine Stunde lang nach Wuxi gefahren.
 
Am Bahnhof in Wuxi wurden wir von den jeweiligen Eltern abgeholt und in unser neues Zuhause gebracht. Dann hatten wir in Wuxi bis zum 2. September Ferien, die wir genutzt haben, um die Stadt anzuschauen und China besser kennenzulernen. Außerdem gab es in dieser Zeit viele Besuche bei den Großeltern, Tanten und anderen Familienangehörigen meiner Gastfamilie. Ab dem 3. September begann wieder die Schule, aber der erste Termin in der Schule fand schon am Sonntag den 2. September statt, bei dem es darum ging, die Bücher für das beginnende Schuljahr abzuholen.
 
Am 28. September, also zum Ende des Aufenthalts, bin ich dann mit den zwei anderen Deutschen, deren chinesischen Austauschschülern und meinem chinesischen Austauschschüler mit dem Zug nach Peking gefahren. Dort haben wir die anderen Deutschen des Kurzzeitaustauschs getroffen sowie fast alle von ihren Austauschschülern (ein paar sind nicht mitgekommen). In Peking fand samstags eine Nachbereitung des Austausches im Goethe Institut statt. Am Sonntag hieß es dann, den Rückflug anzutreten. Mittags flogen wir von Peking nach Frankfurt. In Frankfurt wurde ich von meinen Eltern und meinem Bruder abgeholt. Damit war mein China Aufenthalt beendet!

Meine Gastfamilie

Meine Gastfamilie bestand aus meinem Austauschschüler, seiner Mutter und seinem Vater. Sie haben mich alle drei sehr herzlich aufgenommen und sich immer fürsorglich um mich gekümmert. Teilweise war das auch ein wenig anstrengend, aber ich habe diese Gastfreundschaft sehr zu schätzen gewusst. Auch hatten die Eltern ein sehr großes Interesse daran, dass ich viel esse. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Angst hatten, dass ich verhungere oder, ob das auch ein Teil der chinesischen Gastfreundschaft ist. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Die Stimmung in der Familie war jedoch insgesamt nicht so gut, da die Eltern sich viel gestritten haben und mein Austauschschüler auch immer wieder in diese Streitereien involviert war. Trotzdem haben die Eltern mich sehr gut behandelt und auch viel mit mir unternommen. Die Großeltern meines Austauschschülers waren ebenfalls sehr nett. Sie haben beide mit den Schwestern des jeweiligen Elternteils zusammen gelebt. Wir haben sie häufig besucht, und sie haben sich immer sehr gefreut.
 
Meine Gastfamilie lebt in einer relativ großen und schönen Wohnung. Diese Wohnung ist zentral in Wuxi gelegen und befindet sich in einer Anlage, die von einer Außenmauer umgeben ist. In dieser Anlage befanden sich sehr viele große Häuser (ca. 20-30) mit jeweils zwischen zehn und 20 Stockwerken.

Schule in China

Die chinesische Schule, die ich während meines Chinaaufenthalts besuchte, kann man mit meiner Schule in Deutschland nur schwer vergleichen. Zum einen ist der Schulunterricht in China über den ganzen Tag verteilt, der Schulbeginn ist um 7.40 Uhr, das Schulende um 16.20 Uhr, außer montags, an dem der Schulunterricht um 17.00 Uhr endete. In der Schule wurde trotz der langen Schulzeit an einem normalen Tag nur sechs Stunden lang unterrichtet. Das wird bei mir in Deutschland von 7.45 Uhr bis 12.50 Uhr gemacht. Grund für diese aus meiner Sicht ineffiziente Nutzung der Zeit sind lange Wartezeiten vor allem nach der Schule. Denn der Unterricht endete bereits um 15.00 Uhr.

In der Wartezeit wurde Schach gespielt, es wurden Bücher gelesen oder einfach miteinander geredet. Im Nachhinein hat mir mein Austauschschüler erklärt, dass es sich dabei um eine Art „Freilernzeit“ handelt, die jedoch von den Schülern nicht wahrgenommen wird, da sie keine Hausaufgaben bekommen oder sich am Anfang des Jahres nicht auf Prüfungen vorbereiten müssen. Auch begann der eigentliche Unterricht erst um 8.10 Uhr, man musste aber bereits um 7.40 Uhr anwesend sein. In dieser Zeit durften die Schüler ihre Smartphones aber noch behalten und haben die Zeit deshalb als „Spiel-Zeit“ genutzt. Danach mussten sie die Smartphones abgeben und durften sie erst am Ende des Tages wieder abholen.

Der Unterrichtsstil unterschied sich von dem in Deutschland ganz erheblich. Der Lehrer stand vorne und hat, meistens mit Power-Point, einen Vortrag über das Unterrichtsthema gehalten, es fand so gut wie keine Interaktion oder mündliche Mitarbeit der Schüler statt. Die Schüler wurden eigentlich nur im Eng-lischunterricht mit einbezogen; der Englischunterricht hat mir persönlich am besten gefallen. Die Englisch-lehrerin hat mich mehrfach gebeten, Teile des Unterrichts zu gestalten, was mir viel Spaß gemacht hat. Auch ein großer Unterschied zu deutschem Unterricht war, dass viele Schüler während des Unter-richts einfach geschlafen haben. Die Lehrer hat das überhaupt nicht gestört, und sie haben auch nicht erwartet, dass die Schüler ihrem Unterricht folgen. Da die Schüler auch nur ganz selten Übungen während des Unterrichts machen mussten, waren die Lehrer durch die schlafenden Schüler weder irritiert noch haben sie das Verhalten als Respektlosigkeit empfunden.

Als interessantesten Teil des Schulunterrichts habe ich den Fahnenapell empfunden, der immer montags morgens stattgefunden hat. Hier mussten alle Schüler (eigentlich mit Schuluniform, es haben sich jedoch nicht alle daran gehalten) auf den Sportplatz gehen und dort in Reih und Glied stehen. Dann hat der Rektor der Schule einen ca. 20 minütigen Vortrag gehalten (von dem ich leider nichts verstanden habe; es ging aber wohl um Schulleistungen und Motivation), und danach wurde die chinesische Flagge gehisst. Dabei wurde die chinesische Nationalhymne gespielt. Das fand ich so interessant, weil ich etwas Ähnliches aus Deutschland nicht kenne, und das deshalb sehr neu für mich war.
 
Ich hatte nach kurzer Zeit einen sehr guten Kontakt zu vielen Mitschülern. Meine Mitschüler waren vor allem Jungs, da es sich um eine technisch orientierte Schule handelt. Viele Mitschüler sprachen sehr schlecht Englisch, dennoch klappte die Kommunikation mit Händen, Füßen und Chinesisch gut. Zum Abschied schenkten mir alle Mitschüler etwas: Jeder füllte einen Zettel aus, mit guten Wünschen für mich, die ich in einer Box überreicht bekam.

Chinesische Kultur

Wir haben in der ersten Woche in Peking sehr viel Sightseeing gemacht. Alle Besichtigungen habe ich als sehr interessant empfunden. Am spannendsten war für mich der Besuch der chinesischen Mauer, da sie ein riesiges, historisches Bauwerk in einer beeindruckenden Landschaft ist. Ich habe ja nur einen winzigen Teil von ihr gesehen, doch schon das fand ich sehr ergreifend. Es war für mich ein sehr erhebendes Gefühl, auf der chinesischen Mauer zu laufen und ihre weite Ausdehnung über das Land zu spüren.
 
Auch die verbotene Stadt in Peking war für mich sehr interessant. Im Vorfeld hatte ich zwar schon viel über die verbotene Stadt gehört und gelesen, aber dann vor Ort durch die verbotene Stadt zu laufen, war fast schon unwirklich. Die verbotene Stadt sieht „typisch chinesisch“ aus, was man an den Farben (viel Rot, Gold) und Formen der Gebäude festmachen kann.

Mit meinem Austauschschüler und den zwei anderen Deutschen aus Wuxi war ich zweimal in Shanghai. Dort waren wir auf dem „Oriental Pearl Tower“ und im technischen Museum. Das war beides sehr interessant, besonders aber der Turm. Wir hatten Tickets, mit denen wir bis zur höchsten Etage fahren konnten und das war über alle Maßen beeindruckend. Wir hatten einen atemberaubenden Überblick auf die Stadt, und erst dort wurden mir die Ausmaße der Stadt wirklich klar.
 
In Shanghai waren wir auch auf einem sogenannten „Fake Market“. Dort haben wir mit den Verkäufern gehandelt und auch einige Mitbringsel eingekauft. Das war wirklich cool, gerade, weil es so etwas in Deutschland ja gar nicht gibt. Shanghai war insgesamt ein Highlight meines China-Aufenthalts. Die Stadt habe ich als noch moderner und „lebendiger“ als Peking empfunden, wohingegen Peking auf mich traditioneller gewirkt hat.

Neben den unterschiedlichen Großstädten, die ich besucht habe, habe ich die chinesische Kultur hauptsächlich durch das Leben in der Familie erleben können. Einmal konnte ich gemeinsam mit meiner Gastfamilie an einer Feier von guten Freunden der Familie teilnehmen. Anlässlich der Aufnahme der Tochter auf eine Universität wurden wir in ein recht teuer aussehendes Hotel eingeladen. Das war höchst interessant und vollkommen anders als Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Es wurde ununterbrochen im Restaurant geraucht (das kenne ich aus Deutschland überhaupt nicht), und die Art des Essens war auch ganz anders. Es wird nämlich extrem viel Essen bestellt und auf eine Drehscheibe auf dem Tisch gestellt. Dann nimmt sich jeder das Essen mit dem Stäbchen aus den Schüsseln, das er möchte und dann wird die Scheibe weiter gedreht. Es wurde anlässlich des Festes so viel bestellt, dass jeder nochmal doppelt so viel hätte essen können. In China wird es als Zeichen guter Gastfreundschaft gesehen, wenn so viel Essen aufgetischt wird, dass viel übrigbleibt. Staatspräsident Xi versucht gerade, diese Verschwendung von Lebensmitteln, die bei den Chinesen sehr stark kulturell verankert ist, zu verändern.
 
Ungewöhnlich war für mich auch die Beobachtung, dass Männer, Frauen und Jugendliche in komplett getrennten Gruppen im Restaurant saßen. Die Jugendlichen haben nicht miteinander geredet, sondern gemeinsam Smartphonespiele gespielt.

Die Eltern meines Austauschschülers waren gesellschaftlich sehr engagiert. Die Mutter ist Grundschullehrerin und neben der Arbeit im Blutspendedienst von Wuxi engagiert. Bei den Blutspendeterminen konnte ich sie begleiten und beobachten, wie Blutspenden in China als soziale Aufgabe betrachtet wird. Die Mutter wirbt auch auf einem Plakat für das Spenden von Blut.

Es gab fast immer zu viel Essen

Das Essen in China war fast immer sehr, sehr gut und appetitlich, manchmal allerdings auch sehr exotisch. Es gab hauptsächlich Reis oder Nudeln mit Fleisch und Gemüse. Das Gemüse schmeckte mir meist am besten: Es gab viele Pilze, Salat, etc. aber auch chinesisches Gemüse, das mir sehr gut geschmeckt hat. Auch das Fleisch war meist sehr gut, jedoch gab es ab und zu Innereien oder Knorpel und Gelenke, die ich zwar probiert habe, aber nicht dauerhaft essen konnte. Das war einfach zu anders! Teilweise schien mir auch die Qualität des Fleischs nicht mit der Qualität des Fleischs in Deutschland vergleichbar zu sein, dieser Eindruck wurde durch meinen chinesischen Austauschschüler bestätigt.

Auffällig war für mich, dass Lebensmittel und Essen in China eine sehr große Rolle spielen. Es gab fast immer zu viel Essen. Weder beim Essen zuhause, noch im Restaurant hatten wir eine Chance alles aufzuessen. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass ich dabei war oder ob das generell so gemacht wird. Zudem wurde ständig gegessen, vor allem warme Gerichte.
 
Einmal war ich stark erkältet. Meine Gasteltern waren sehr besorgt und haben sofort Birnen besorgt, weil Birnen in der traditionellen chinesischen Medizin ein gutes Mittel gegen Husten darstellen. Ich fand es sehr fürsorglich, dass sie sich so liebevoll um mich gekümmert haben. Sowohl Vater als auch Mutter waren berufstätig und sehr beschäftigt, deshalb weiß ich ihr Verhalten sehr zu schätzen.
 
Am meisten habe ich in China Brötchen vermisst. Brot oder Brötchen gibt es dort überhaupt nicht. Sollte man im Supermarkt dennoch eines finden, ist es alt, hart und ungenießbar.

Mein gesprochenes Chinesisch hat sich extrem verbessert

Mein Aufenthalt in China war insgesamt sehr interessant und bereichernd. Am besten hat mir der Einblick in die chinesische Kultur gefallen, den ich als Tourist in China niemals hätte haben können. Darüber hinaus hat mir das Leben in China geholfen, mein Chinesisch enorm zu verbessern. Ich habe vor allem die Schulzeit genutzt, um die Zeichen der chinesischen Schriftsprache intensiv zu üben. Das ist mir anfangs nicht leicht gefallen, da man die Schriftzeichen in einer bestimmten Strichfolge schreiben und gerade die komplexen Zeichen sehr oft üben muss. Am Ende konnte ich aber ganz erhebliche Fortschritte verzeichnen. Durch den Alltag hat sich mein gesprochenes Chinesisch, vor allem meine Aussprache, extrem verbessert. Ich werde versuchen, meine HSK-1 Prüfung noch in diesem Dezember zu bestehen.
 
Ich persönlich finde, dass es mir sehr geholfen hat, in so einer neuen Umgebung zurechtzukommen und neue Freunde zu finden. Gerade mit meinen chinesischen Klassenkameraden habe ich mich sehr gut verstanden. Ich glaube, dass mir dieses Erlebnis auch in Zukunft helfen wird, neue Freunde zu finden, und ich hoffe, dass ich den Kontakt zu meinen chinesischen Freunden halten kann.

Danksagung

Ich bedanke mich sehr bei AFS für die Organisation des Austauschs, für die Vorbereitung in Deutschland und China und für die Betreuung vor Ort. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von AFS waren immer erreichbar und haben sich fürsorglich und kompetent um alle Teilnehmer und alle Belange des Austauschs gekümmert.
Ganz herzlich möchte ich mich auch bei meinen Stipendiengebern, der Stiftung Mercator sowie der Voith GmbH & Co. KGaA, bedanken. Ich bin sehr stolz, die Stipendien erhalten zu haben und ich werde immer versuchen, dieser Auszeichnung gerecht zu werden.
 
Meine Zeit in China war für mich sehr prägend und wird für mich sicherlich der Anfang vieler weiterer Kontakte zu Chinesen und zur chinesischen Kultur sein.