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Unglaubliche Bereicherung mit Höhen und Tiefen

Lisa, China, Volksrepublik, 2010/11, weltwärts

Unglaubliche Bereicherung mit Höhen und Tiefen

Der Abschied ist mir nicht ganz so schwer gefallen, wie ich befürchtet hatte. Zwar hatte ich wundervolle letzte Stunden mit meiner Gastfamilie und ein unvergessliches und fröhliches letztes gemeinsames Abendessen. Alle drei haben sie mich zum Flughafen gebracht und meine Gastmama und -schwester waren sichtlich traurig. Aber das Gefühl, dass es jetzt endgültig vorbei ist und wie viel ich zurück lasse, kam erst Wochen später. Jetzt bin ich noch immer in Kontakt mit meiner Gastschwester, wir schreiben uns E-Mails und haben einmal zwei Stunden lang telefoniert, um uns auf den neuesten Stand zu bringen. Sie fehlt mir sehr. Und obwohl ich die Zeit in China noch immer als hart und schwierig empfinde, vermisse ich sie doch immer mal wieder, die laute Großstadt im Osten Chinas. So ganz abgeschlossen habe ich mit der Zeit noch nicht, ich bin eher noch dabei diesen Prozess vor mir herzuschieben.

Gute Freunde gefunden

Für mich persönlich war die Zeit eine unglaubliche Bereicherung, mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich bin sehr froh, dass ich die Tiefpunkte durchgehalten habe und fühle mich jetzt ein bisschen so, als könnte ich nun alles schaffen. Dafür bin ich China sehr dankbar. Außerdem habe ich tolle und unersetzliche Freundschaften geschlossen, die mir durch die Zeit in China geholfen haben und auch jetzt durch die Zeit des Wieder-Ankommens. Und obwohl all das immer weiter in den gedanklichen Hintergrund rückt, werde ich definitiv niemals vergessen, wie ich neun Monate in China lebte. Aber was hat diese Zeit eigentlich geprägt, was habe ich wirklich erlebt und wie beeinflusst es mich heute in meinem Alltag? Das Leben in einer Gastfamilie war ein ganz wesentlicher Bestandteil des Programms und der interkulturellen Lernerfahrung. Meine Gasteltern und -schwester haben mir auf unersetzliche Art und Weise die urchinesische Kultur nahe gebracht, wie es das Leben in anderer Form nie gekonnt hätte. Ich war ganz bewusst ein Teil des Alltags, also dessen, was die Alltagskultur am stärksten zum Ausdruck bringt. Der von Arbeit und Fleiß geprägte Tagesablauf, die distanzierte Haltung zu Fremden, die extrem wichtigen Familienkontakte, die durch regelmäßiges gemeinsames Essen und Ausgehen geprägt ist – all das hat mir das chinesische Familienleben beigebracht. Dadurch habe ich natürlich auch viel über mich selbst und meine Gewohnheiten gelernt.

Das Arbeiten in einer internationalen Organisation in Shanghai und in einer lokalen Schule für von der Gesellschaft Shanghais weitläufig ausgegrenzte Migrantenkinder hat mich einiges über die Arbeitsmoral dieses vielseitigen Volkes gelehrt. Wie wichtig indirekte Kommunikation ist, um ans Ziel zu kommen, und wie elementar Beziehungen sind, um erfolgreich zu sein. Und auch hier habe ich wiederum meine Wurzeln und Privilegien kennen und zu schätzen lernen können. Im Laufe der Zeit sind mir natürlich viele prägnante Unterschiede zwischen meiner eigenen und der chinesischen Kultur bewusst geworden. Ein paar Beispiele spiegeln meiner Meinung nach die Andersartigkeit der Chinesen ganz besonders stark wider:

Die Arbeitswut

Meine Gastschwester wohnt etwa zehn Minuten Fußweg von ihrer Universität entfernt. Für jeden deutschen Studenten würde das große Freude bedeuten, man würde die Mittagspausen öfter mal zu Hause verbringen und sich was leckeres kochen und genießen, morgens nicht zu früh rauszumüssen. Meine Gastschwester jedoch übernachtet andauernd in einem Studentenwohnheim, weil sie sonst nicht genug Zeit für ihre Hausaufgaben hat, wie sie sagt. Wenn Chinesen Feiertage haben, müssen die in der Regel „vorgearbeitet“ werden. Wenn also an einem Montag ein Feiertag ist, dann muss man dafür normalerweise am Sonntag arbeiten gehen, um sich den freien Tag auch zu „verdienen“. Man kann sich die Streiks geradezu ausmalen, die es dafür unter den Deutschen geben würde.

Die Familienbande

Ist für Chinesen unheimlich wichtig. Familienbesuche sind regelmäßig an der Tagesordnung. Freunde hat scheinbar niemand, denn man hat auf der Arbeit bzw. in der Schule oder Uni genug mit anderen Menschen zu tun. Und die Chinesen sind ja wirklich von morgens bis abends und manchmal länger mit ihrem Tun beschäftigt. Freie Tage werden zu Hause verbracht, oder mit der Familie. Und das auch gern! Also ich bin in Deutschland meistens froh, wenn ich mich um langweilige Familienbesuche drumrum drücken kann… In China spielt die Familie eine absolut entscheidende Rolle, sie ersetzt neben der Arbeit die sozialen Kontakte, die wir über Freundschaften pflegen. Besonders gern wird zusammen gegessen und aufgetrumpft, was man zu bieten hat. Hobbys hat soweit ich das sehen konnte niemand, es ist einfach keine Zeit dazu! Chinesische Austauschschüler in Deutschland müssen es echt schwer haben, mit der vielen Freizeit zurechtzukommen, die sie dann auf einmal haben.

Das Verhalten im Verkehr

Ach ja, immer wieder eine beliebte Art und Weise, Kulturen zu vergleichen. Ich kenne das ganze Bild ja vor allem aus der Perspektive eines Fußgängers oder eines Busgastes, aber da kriegt man doch schon sehr viel mit. Auf eine grüne Ampel zu warten bringt schon mal gar nichts, denn die Farbe hat eigentlich überhaupt keine Bedeutung für den Fußgänger. Rechtsabbieger dürfen immer fahren (einzige Ausnahme ist ein roter Rechtspfeil) und tun das auch. Fußgänger dabei vorzulassen ist noch niemandem in den Sinn gekommen. Wenn Linksabbieger grün kriegen, nehmen sie genauso viel Rücksicht auf die Fußgänger, wie die Rechtsabbieger. Also im Prinzip kann man es ganz einfach zusammenfassen: Als Fußgänger ist man immer der Buhmann. Ziemlich gefährlich ist außerdem die Rollerfraktion; die haben meistens ihren eigenen Streifen rechts neben der normalen Fahrbahn. Wenn sie also links abbiegen wollen, müssen sie quer über die ganzen Autospuren. Da hat es schon das ein oder andere mal gekracht, denn im Bremsen sind die Chinesen nicht die besten, im Hupen dafür umso besser! Und wenn es kracht, dann bleiben alle Beteiligten immer einfach mitten auf der Kreuzung stehen, steigen aus bzw. ab und diskutieren erst mal, was eigentlich los ist. Alle drum herum hupen einfach wild und versuchen um die Diskutierenden herumzukommen. Chaos pur – einfach herrlich.

Umso stärker hat sich meine eigene Geduld ausgeprägt, denn ohne kommt man wirklich nicht weit. Ich habe mich in den ersten Monaten so oft so doll aufgeregt über das Gehupe, das Geschrei, das Gespucke und Gefluche, das Geschmatze und Gerülpse… bis mir einen schönen Tages aufgegangen ist, wie sinnlos es ist, und von da an ging es mir richtig gut. Die ersten Monate habe ich mich sehr schwer getan. Die fremde Kultur, die fremde Sprache, das Stadtleben, die Art der Menschen hier, all das hat mich viel Zeit gekostet, mich an alles zu gewöhnen. Dazu kam der Winter, als es überall zu jeder Zeit kalt war, sodass ich oft in ziemlich negativer Stimmung war. Nach meinem Familienwechsel direkt nach zwei Wochen war es erst mal ganz okay, alles war neu und aufregend. Aber als meine Mandarin-Kenntnisse besser wurden und ich die Unterhaltungen meiner Familie nach wie vor nicht verstehen konnte, weil sie kein Mandarin benutzen; als ich Tag und Nacht gefroren habe und es immer kahl und dunkel war; als ich jeden Morgen Schwierigkeiten hatte, mich in meinen Bus zu quetschen, da war es immer mal sehr schwierig, sich wohlzufühlen.

An Vieles würde ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen können; dass man zum Beispiel immer ein Fremder sein wird mit meinem Gesicht und meinen Haaren, und immer wieder angestarrt und als Ausländer (外国人 - Wai Guo Ren) bezeichnet wird. Und andere Sachen sind im Laufe der Zeit total normal geworden und ich habe sie zu schätzen gelernt. Insgesamt hat mir die Zeit in China eine riesige Portion Geduld und Nachsicht gebracht, was ich offenbar beides bitter nötig hatte, weshalb ich mich sehr darüber freue. Ich nehme die Dinge nun viel mehr als vorher einfach, wie sie kommen, mache mir kaum noch Gedanken über Sachen, die ich sowieso nicht voraussehen oder ändern kann. 没办法 (Mei ban fa) benutzte ich gegen Ende meines Chinaaufenthaltes mindestens zwanzig Mal am Tag: „Kann man nichts machen; ist eben so; na ja, meine Güte…“ Aufregen bringt eh nichts, also spar dir eine Menge Ärger und Nerven und lass es einfach. Das konnte ich früher nicht so gut.

Ich bin selbstsicherer geworden

Außerdem habe ich eine Menge Dinge gelernt und getan, die ich mir eigentlich nicht zugetraut hätte. Ich kann jetzt von mir behaupten, dass ich mich ohne Scham vor 50 Kinder stellen kann, deren Sprache ich nicht spreche, und irgendwie 35 Minuten mit ihnen rumkriege, und mich einfach mal spontan zum Affen machen kann. Dass ich vor einer ganzen Schule englische Vorträge über meine Gastorganisation Shanghai Roots Shoots halten kann, ohne aufgeregt zu sein oder mich zu verhaspeln. Dass ich mich generell aus haarigen Situationen winden kann, anstatt peinlich berührt davonzulaufen.

Und noch etwas ziemlich wichtiges habe ich gelernt, das man wahrscheinlich nirgends so deutlich wie hier zu spüren bekommt: Dass Menschenrechte und Rechte im Allgemeinen etwas unheimlich Wertvolles sind. Wie das mit so vielen Sachen so ist, merkt man oft erst, was man hat, wenn man es dann nicht mehr hat. Dass man gewisse Themen im Internet einfach nicht finden kann, weil niemand davon wissen soll, oder dass Plattformen komplett unzugänglich sind, um sich nicht zu sehr mit der Welt austauschen zu können, habe ich hier zum ersten Mal miterlebt. Wildfremde Menschen dürfen an der „freiwilligen Taschenkontrolle“ in der Metro einen einfach festhalten und fordern, die Tasche durchsuchen zu dürfen (was sie nur mit manchen Leuten machen, natürlich besonders gern mit Ausländern). „Ich möchte nicht“, hab ich ein mal gesagt, woraufhin die Frau mich festgehalten hat und gesagt hat, „Dann möchtest du eben auch nicht mit der Metro fahren.“ Auf meine Erwiderung hin, dass ich überall anders jederzeit mit der Metro fahren darf, hat sie mich nur böse angefunkelt und ich habe lieber aufgegeben, denn auf ein Recht zu beharren, das ich nicht habe, bringt eben nichts. Mei ban fa!

Eine unvergessliche Zeit

Es ist und bleibt eine unvergessliche Zeit, die mich ohne Frage viele Nerven gekostet, aber auch vieles gelehrt hat. Ich bin deshalb unheimlich dankbar für die Zeit und die Möglichkeit, diese Erfahrungen gemacht haben zu können. Deshalb sei an dieser Stelle ganz besonders allen Sponsoren, natürlich inklusive weltwärts selbst, gedankt, die dieses Projekt und mich persönlich unterstützt haben, und ohne die diese Erfahrung nicht möglich gewesen wäre.