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Die Menschen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit

Ben, Kolumbien, 2011, weltwärts

Die Menschen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit

Arbeitsplatz

Vor nun mehr als 15 Monaten brach ich nach Cali in Kolumbien auf, um dort als Lehrerassistent an der größten öffentlichen Schule der Stadt zu unterrichten. Meine Schule, die INEM, hat ein Zweischichten-System, das heißt vormittags haben 3500 Schüler Unterricht und nachmittags noch einmal über 3000 Schüler. Bereits in der 9. Klasse entscheiden sich die Schüler für eine Studienrichtung, so gibt es Grafikdesign, Chemie oder auch Wirtschaft zur Auswahl. Die Schüler, die ich betreute, hatten „Idiomas y Tourismo“ (Sprachen und Tourismus u.a. Englisch, Deutsch und Französisch) gewählt. In diese Richtung werden sie dann bis zu ihrem Abschluss Ende der 11. Klasse unterrichtet. In der ersten Stunde wurden wir (Josi, eine weitere Freiwillige, und ich) von Martha, der Deutschlehrerin an der Schule, in den Deutschklassen vorgestellt. Die Schüler fragten uns auf Deutsch nach unseren Namen, woher wir kommen und wie alt wir sind. In den folgen Tagen halfen wir im Unterricht bei der Aussprache deutscher Wörter und korrigierten Tests der Schüler.

Nach zwei Wochen erhielten wir dann einen offiziellen Stundenplan (ca. 7 bis 8 Stunden täglich). Durch meinen Aufenthalt in den USA wurde ich zum größten Teil in den Englischunterricht mit Profe Carlos eingeteilt, der mit 26 Jahren bereits seit 5 Jahren Lehrer ist. Schnell erkannte ich, dass Carlos ein sehr guter Lehrer ist und auch sein Englisch für kolumbianische Verhältnisse ausgezeichnet war. Mit ihm verbrachte ich auch in den Pausen viel Zeit. Von ihm erfuhr ich viel über das kolumbianische Schulsystem und allgemein über das Land. Manchmal diskutierten wir einfach über das letzte Clasico, die Fußballpartie der beiden rivalisierenden Vereine in Cali: America vs. Deportivo. Carlos hat mich ich auch stärker in den Unterricht einbezogen. So durfte ich selbst Übungen mit den Schülern machen, wenn er verhindert war oder er ließ mich Aufgaben für die Schüler ausarbeiten.

So stellte ich z.B. den Schülern die Aufgabe, dass sie sich ihr eigenes Traumland ausdenken sollten. Am Ende sollten sie mir den „Reisepass“ ihres fiktiven Landes vorstellten und ich befragte sie zu dem Land auf Englisch. Mit der Zeit gewann ich immer mehr das Vertrauen der Schüler und sie sahen mich wie eine Mischung aus Kumpel und Lehrer. So konnte ich mein Spanisch verbessern und sie erzählten mir ihre Sorgen oder fragten mich Dinge über Deutschland. Nach 3 Monaten begann ich damit, zwei Englischclubs für zwei 10. Klassen zu geben. Hier übten wir die Aussprache von Wörtern, ich wiederholte die Themen der letzten Stunden und zusammen machten wir Spiele, die dazu dienten, den Schülern die Sprache näher zu bringen.

Land und Leute

Über das Jahr hinweg lernte ich natürlich auch vieles über die Kolumbianer, ihr Land und ihre Kultur. Und ich kann nur jedem raten, diesem wunderschönen Land einen Besuch zu erstatten! Die Menschen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit. Für sie steht die Familie an erster Stelle und so gibt es viele Gründe dafür, sich am Wochenende zum gemeinsamen feiern zu treffen, sei es der Geburtstag von einem Verwandten, der Sieg von America oder einfach nur weil es Wochenende ist. So lernte ich auch immer mehr Verwandte aus meiner Gastfamilie kennen und wurde sehr schnell zum Teil der Familie erklärt. Gerade diesen Familienzusammenhalt lernte ich sehr zu schätzen – vor allem bei einer so großen Gastfamilie, wie meiner (mein Gastvater hatte 9 Geschwister!). So verbrachte ich auch den ein oder anderen Abend in einer Tienda, Bierchen trinkend mit meinem Bruder und meinen Cousins.

Die Qualität des Lebens in Kolumbien reicht von sehr arm bis protzig reich. In den Städten sieht man viele Obdachlose, geht man abends aber mal aus, erreichen die Bierpreise zum Teil deutsche Standards. In Kolumbien herrscht ein sozialer Rassismus, so werden die einzelnen Stadtviertel in Estados eingeteilt – Steuerklassen, in denen zwischen arm und reich unterschieden wird. Arme müssen in Kolumbien kaum Steuern bezahlen und auch die Kosten für Strom und Wasser sind gering. Doch dafür wird man von den höheren Klassen verspottet und die Klassen bleiben meistens unter sich. Für mich bleibt dies bis heute einer der wenigen traurigen Aspekte dieses Landes (abgesehen von den bekannten Problemen wie Drogenhandel und Korruption).

Kolumbien hat viel zu bieten

Doch das Land hat im positiven Sinne einfach so viel zu bieten: Von den Salsa-Klängen in Cali, der Artenvielfalt des Amazonas und der Lebensfreude der Menschen. Überall kann man etwas Neues entdecken. Sei es die Lulo, eine leckere Tropenfrucht, oder die Vorliebe der Kolumbianer, Früchte mit Salz zu essen. Allein schon die kolumbianische Küche wäre eine Reise wert – von den fleischgefühlten Maistaschen Empanadas, el Cuy (zubereitet Meerschweinchen, das wie Hühnchen schmeckt) bis hin zu der Sancocho, der „Nationalsuppe“ Kolumbiens. Die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert und so hatten auch wir die Möglichkeit vieles von dem Land zu sehen: Von den Stränden der Karibikküste, den Gebirgsketten der Anden bis zur Architektur Medellins, der wohl modernsten Stadt Kolumbiens. Auch bei den Volkfesten zeigen die Kolumbianer gerne ihre Lebensfreude, sei es bei der Feria de Cali oder beim Carneval de los Blancos y Negros in Pasto (UNESCO Weltkulturerbe), bei dem sich die Zuschauer mit Mehl und Schaum besprühen. Für wenige Stunden vergessen die Kolumbianer ihre kompletten Sorgen und Ängste und genießen einfach nur ihr Leben. Ich kann nur jedem empfehlen, dieses Land einmal zu besuchen!