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Ein Land voller wunderschöner und bedrückender Wahrheiten

Jari-Carlos, Kolumbien, 2013, weltwärts

Kolumbien – ein Land voller wunderschöner und bedrückender Wahrheiten

Im Jahre 2013 durfte ich im Rahmen des „Weltwärts“-Programms mit der Entsendeorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen e.V nach Kolumbien ausreisen und für 8 Monate in der Hauptstadt Bogota leben. Die Zeit in Kolumbien ist für mich schwer in Worte zu fassen, geschweige denn, schriftlich fest zu halten. Obgleich ich schon wieder länger in Deutschland bin, habe ich das Gefühl, noch nicht all die vielseitigen und wertvollen Eindrücke verarbeitet und eingeordnet zu haben. Vielleicht wird man das ja auch gar nicht komplett, sondern mit den Emotionen, Erfahrungen und unbeantworteten Fragen neue herausfordernde Etappen des Lebens erklimmen.

Jari-Carlos mit kolumbianischen Frauen in traditionellem Gewand

Schon Monate vor der Abreise spielten meine Gefühle und Vorstellungen bzgl. des angehenden Aufenthalts in Kolumbien verrückt. Ich war aufgeregt wie noch nie und voller Vorfreude. Hierbei muss ich auch zugeben, dass ich mich im Vorfeld der Ausreise von den vielen Vorurteilen und Horrorgeschichten, die in den Medien breit getreten werden, habe verunsichern lassen. Folglich stieg dennoch genau deswegen mein Interesse und ich orderte mir Lektüre über die kolumbianische Kultur, Küche, Lebensart, das kolumbianische Spanisch, die Politik und vor allem über die Menschen, die das Land so wunderbar machen.

Der Gedanke, dass ich bald in einem komplett fremden, exotischen, facettenreichen und von vielen Vorurteilen geprägten Land für einen längeren Zeitraum leben werde, hatte mich völlig euphorisiert. Ich wollte nun unbedingt die Realität Kolumbiens kennen lernen und nicht wie viele andere ein Land vorverurteilen, ohne einmal vor Ort gewesen zu sein. Kolumbien war und ist ein Land zwischen Schönheit und Zerstörung und ein „Land der Kontraste“, welches bekannt erweise lediglich eine Gefahr birgt - zu bleiben und das Land zu lieben.

Kolumbien – „Das Tor zu Südamerika“

Kolumbien fasst mit einer multikulturellen Bevölkerung, mit den Anden, der Karibik, dem Amazonas, dem Pazifik, den Regenwäldern und der einzigartigen landschaftlichen Vielfalt all den Zauber Südamerikas in einem Land zusammen. Bedauerlicherweise existiert in Kolumbien eine große Schattenökonomie, an der vor allem das europäische und amerikanische Feiervolk eine enorm große Mitschuld trägt. Der Drogenhandel und Anbau ist seit vielen Jahrzehnten der Nährboden des bewaffneten Konflikts in Kolumbien.

Jari-Carlos hilft während eines Projekts in Kolumbien beim Bau eines Hauses

Viele Institutionen und soziale Einrichtungen versuchen mit viel Einsatz und Herz gegen die fatalen Folgen des Konflikts zu kämpfen und möchten vor allem den Menschen in den Comunas Perspektiven und Sicherheit bieten. So auch die soziale Einrichtung, namens „ Fundacion social Semilla y Fruto“, was so viel wie „ Säen und ernten“ heißt. Ich hatte das Privileg, knapp 8 Monate für „Semilla y Fruto“ arbeiten zu dürfen und bin dieser unfassbar interessanten, vielseitigen und teilweise auch sehr traurigen Erfahrung dankbar.

Meine Arbeitsstelle

Meine Arbeitsstelle lag fast zwei Stunden von der Wohnung meiner Gastfamilie entfernt. In der Stadt Soacha, welche eine Vorstadt Bogotas ist und nahezu nahtlos an die Elendsviertel im Süden Bogotas anschließt. Bekannt ist Soacha für die zum Teil bittere Armut, hohe Jugendkriminalität, fehlende Infrastruktur und Gewalt in den Comunas. Stadtbaulich handelt es sich vor allem in den Bergstadtteilen Soachas um improvisiert aufgebaute Häuser, die aus Holz, Karton, Ziegelsteinen und Wellblechdächern zusammen gesetzt wurden.

„Semilla y Fruto“ hat sich das Ziel gesetzt, die fatalen Folgen des Konflikts, welche sich vor allem in den Armutsvierteln wiederspiegeln, mit aller Macht zu bekämpfen. Somit hat sich „Semilla y Fruto“ als eine wichtige Anlaufstelle und Bildungseinrichtung für alle Eltern und Kinder des Stadtteils La Cristalina in Soacha etabliert. Ein Kindergarten, eine Kinderkrippe, schulische Angebote, wie. z.B. Mathematik- und Englischunterricht, sowie ein Mittagstisch für alle Schulkinder und eine Bäckerei als Beschäftigungsangebot für Eltern, bieten allen Stadtteilbewohnern Halt, Hilfe und friedliche Perspektiven. Zudem werden auch Break-Dance, Graffiti und Rap-Workshops angeboten, um die Kinder und Jugendlichen von der gefährlichen Straße fern zu halten.

Jari-Carlos hält seine Eindrücke von seinem Leben in Kolumbien fest

Ich musste schnell lernen, mit den Schicksalen und der Armut klar zu kommen. Trotz vieler Schwierigkeiten habe ich mich immer daran fest gehalten, dass man dennoch etwas bewegen kann, wenn auch in einem sehr kleinen Rahmen. Das Wichtigste war für mich, eine gute, lustige und konstruktive Zeit mit den Kindern und Arbeitskollegen zu verbringen.

Ein typischer Tagesablauf

Meine Arbeit bestand zum Teil darin, dass ich von Montag bis Freitag, 20 Kinder im Alter von 7-14 Jahren täglich drei bis vier Stunden unterrichtet bzw. beschäftigt habe. Am anspruchsvollsten waren die Unterrichtsvorbereitungen. Jeden Tag habe ich nach der Arbeit Arbeitszettel gestaltet und den Unterrichtsablauf geplant. Zum Glück hatte ich mir noch Lehrmaterial aus Deutschland mitgenommen und weitere Bücher von meinen Eltern schicken lassen. Meistens war ich schlussendlich doch damit beschäftigt, für Ruhe zu sorgen und Streitigkeiten zu schlichten.

Folglich habe ich versucht, meine Strategien zu reformieren und mit meinem Vorgesetzten über neue Projekte zu sprechen. So durfte ich dann zusätzlich noch Computerunterricht geben und mit den Kindern auf der Straße Fußball spielen. Ich merkte einfach, dass die Kinder-und Jugendlichen einen Kumpel brauchten und nicht wieder einen konventionellen Lehrer, der sie nicht ernst nimmt. Obgleich es selbstverständlich Schwierigkeiten gab, hat mir das Unterrichten total viel gegeben und mich motiviert, über jeden einzelnen Schüler mehr zu erfahren.

Hilfe im Kindergarten und der Bäckerei

Jari-Carlos arbeitet im Rahmen seines Projekts bei einem Bäcker in Kolumbien

Nach den drei Stunden Unterricht oder Fußball habe ich beim Verteilen des Mittagsessens geholfen und anschließend im Kindergarten oder in der Bäckerei gearbeitet. In der Bäckerei werden Elternteile geschult und erhalten eine Erwerbstätigkeit. Die produzierten Brötchen oder Plätzchen wurden dann unseren größten Gönner zum Verkauf geliefert. Hinzukommend unterstützte ich meine Kolleginnen im Kindergarten beim Füttern, beim Spielen, Toben, Tanzen und ins Bett Bringen der Kinder. Im Großen und Ganzen wurde viel mit den Kindern gebetet, getanzt und gesungen. Zu dritt betreuten wir jeden Tag 40-50 Kinder im Alter von 2-5 Jahren. Vormittags lernten die Kinder mit meinen Arbeitskolleginnen oder auch mal mit mir in Form von Spielen oder Aufgaben die Farben, Tiere etc. auf Spanisch.

Zusammenfassend kann man sagen, dass meine Zeit bei „Semilla y Fruto“ eine unfassbar wertvolle und schöne Erfahrung war. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugleich zu arbeiten und etwas zu bewegen. Man gab mir viel Freiraum, mich selbst zu entfalten und mit einzubringen. Von Anfang an wurde ich respektiert, geschätzt und offen aufgenommen. Diese großartige Chance gehabt zu haben, die kolumbianische Arbeitskultur in Problemstadtteilen kennen zu lernen, sehe ich als ein unfassbares Geschenk an.

Nebenprojekt / Fundacion Catalina Munoz

Jari-Carlos, der mit AFS einen Freiwilligendienst in Kolumbien machte, mit seinen Freunden bei einem AFS-Treffen

Neben meiner Tätigkeit bei „Semilla y Fruto“ habe ich dreimal mit der Organisation „Catalina Munoz“ und AFS-Freunden in Soacha in den Armutsvierteln Häuser gebaut. Catalina Munoz konstruiert Häuser mit Studenten und anderen Freiwilligen für arme und obdachlose Familien, die aus vorgefertigten Platten zusammen gesetzt werden. Für ein Haus brauchten wir ca. 8-10 Stunden. Während der ganzen Konstruktion wurden wir von der Polizei bewacht, da sich meistens die Spender der Häuser nicht ohne polizeiliche Begleitung in die Viertel trauten. Die Konstruktionen mit Catalina Munoz waren immer eine sehr intensive Arbeit, bei der man zum Schluss wirklich mit eigenen Augen sehen konnte, was man im Kollektiv mühsam erschaffen hat. Wir haben uns immer zutiefst gefreut, wenn wir dann den Familien die Schlüssel überreichen konnten und sie zum Teil in Tränen ausbrachen.

Nach unserer Ankunft wurden wir nochmals beim „Welcome-Seminar“ intensiv auf mögliche kritische Situationen in Gastfamilien, in den Projekten und über die geschichtliche und politische Lage Kolumbiens aufgeklärt. Das Local-Chapter Bogota war ebenfalls sehr um unser Wohlbefinden bemüht und hat anfänglich einige Treffen und Ausflüge organisiert, um uns die Ankunft zu versüßen. Dies gelang auch auf jeden Fall! Zudem hatten wir Kontaktpersonen, die uns bei Fragen und Ängsten jeder Zeit zur Seite standen. Ich hatte ebenfalls ein unfassbar tolles Verhältnis zu meiner Kontaktperson, so dass wir viel zusammen unternahmen. Das Midstay bzw. das Zwischenseminar nach 6 Monaten, war ebenfalls absolut top organsiert und hat uns allen enorm geholfen, unsere Erfahrungen und Erlebnisse zu teilen und zu reflektieren.

Ich fühlte mich die ganze Zeit von AFS Kolumbien sehr gut betreut. Unsere Ansprechpartner waren durchgehend hilfsbereit, freundlich, interessiert und informierten uns ständig über die politische Lage des Landes. Darüber hinaus standen sie ebenfalls mit unseren Gastfamilien in engen engem Kontakt. Schlussendlich entwickelte sich aus der AFS Gemeinde eine total liebevolle und hilfsbereite Familie, die immer füreinander da war. Auch in harten Zeiten standen wir alle zueinander, so dass sich echt wahre Freundschaften aus dem "Weltwärts-Jahr" entwickelt haben.

Mein Leben in der Gastfamilie

Der Freiwillige Jari-Carlos mit seiner Gastfamilie in Kolumbien

Ich freute mich immer wieder darüber, dass meine Gastfamilie unglaublich warmherzig und gastfreundlich war. Alle fragten mich aus, boten mir rund um die Uhr Köstlichkeiten an und luden mich zu allen Festivitäten ein. Allein die rund 100 Familienmitglieder, die ich kennen lernen durfte, haben mich sofort akzeptiert, integriert und mich als ein neues Familienmitglied angesehen und auch als solches Bekannten vorgestellt. Außerdem nahmen sie mich zu allen Familienbesuchen in andere Städte mit und zeigten mir alle Sehenswürdigkeiten. Dafür liebe ich meine Gastfamilie bis heute. Zudem haben sie meine Alltagsängste, meine Erfahrungen aus dem Projekt und Zukunftsvisionen respektiert und ernst genommen. Somit wurden all meine Wünsche und Ängste zugleich genommen und meine Erwartungen an die Gastfamilie nach kurzer Zeit übertroffen.

Reflexion des entwicklungspolitischen Anspruchs

Wir alle wissen, dass das Programm „Weltwärts“ an vielen Ecken kritisiert wird. Man wirft uns vor, „Elendstourismus“ zu betreiben und auf Staatskosten Abenteuer zu erleben. Doch meiner Ansicht nach konnten alle Freiwilligen etwas bewegen, auch wenn es nur in einem kleinen Rahmen war. Alle, wenn sie mit Herz und Leidenschaft dabei waren, haben ihre Projekte nachhaltig geprägt. Selbst wenn sie nur Spaßvögel waren und die Leute zum Lachen brachten, haben sie meiner Meinung nach, den Sinn dieses Programms erreicht und sich für Toleranz, Frieden und kulturellen Austausch engagiert.

Fazit

Jari-Carlos mit Kindern während seiner Projektarbeit im Kindergarten von Kolumbien

Als ich anfangs im Projekt versuchte, zu unterrichten und die ersten Male im Kindergarten und in der Bäckerei mitarbeitete, habe ich mich auch erwischt, wie arrogant und rechthaberisch wir doch sein können. Genau hierbei habe ich erkannt, dass man unsere Ansprüche, Lebensphilosophien und Gedanken nicht auf die komplett anderen Gegebenheiten dieses Landes übertragen darf. Erst wenn man neue bzw. fremde Verhaltensmuster oder Arbeitsansätze nachvollzogen, reflektiert und eingeordnet hat, kann man sich einbringen oder Kritik üben. Alles andere wäre mit der typischen westlichen Rechthaberei gleichzusetzen. Zudem habe ich auch endlich gelernt, dass es keine Standard-Kolumbianer gibt. Viele fragten mich immer, wie sind denn die Kolumbianer? Jetzt weiß ich, dass es wirklich alles gibt und dass ich auf keinen Fall mehr pauschalisieren möchte, denn das schürt Vorurteile.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass Kolumbien ein wundervolles und sehenswertes Land mit unfassbar warmherzigen und gastfreundlichen Menschen, einer eindrucksvollen und facettenreichen Natur, delikaten Küche, brisanter Tagespolitik und vieler außergewöhnlicher Kulturen und Subkulturen ist.

Die einzige bekannte und wirkliche Gefahr ist, dass man sich für das Land fasziniert, wieder kommen möchte und im Kopf nie von der Reise zurückkehrt.