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Ganz anders als erwartet

Laura, Kolumbien, 2012/13, weltwärts

Ganz anders als erwartet

Ich habe meinen Freiwilligendienst im Rahmen des weltwärts-Projekts von AFS in Kolumbien absolviert und dort von Januar 2012 bis Januar 2013 in einem kleinen Städtchen namens Ubaté, welches in der Nähe der Hauptstadt Bogotá liegt, gelebt und gearbeitet. Da ich bei meiner Länderwahl damals keine bestimmten Präferenzen hatte, hatte ich mich vorher nicht viel mit dem Land Kolumbien und deren Leute auseinander gesetzt, wodurch ich das Land und deren Kultur weitgehend unvoreingenommen kennenlernen und entdecken konnte.

Herzliche und offene Menschen

Mein Eindruck und mein Bild von Kolumbien haben sich so von Tag zu Tag erweitert und ausgebaut, wobei das Erlernen der Sprache hierbei auch eine bedeutende Rolle gespielt hat. Aber auch bereits zu Beginn, als ich der Sprache noch nicht mächtig war, habe ich bereits überall, sei es an der Kasse im Supermarkt, oder einfach auf der Straße die Herzlichkeit, Freundlichkeit und Offenheit gespürt, die von den Menschen ausging. Keiner wirkte verbissen oder kalt, sondern sie versprühten eine Art Leichtigkeit und Unbeschwertheit und schienen über alles lachen zu können. Dieser Eindruck hat sich in vieler Hinsicht während des Jahres bestätigt, jedoch habe ich auch die Rückseite kennengelernt und festgestellt, dass solche positiven Emotionen teilweise nur oberflächlich sind.

An diese Art der Menschen genauso wie an viele andere Dinge, die zu Beginn total neu waren, sei es im alltäglichen Leben mit meiner Gastfamilie, mit Freunden oder auch bei der Arbeit, habe ich mich ziemlich schnell gewöhnt, sodass sie bereits nach kurzer Zeit total normal für mich waren. Dazu gehörte vor allem die Spontanität und Planlosigkeit im Tagesablauf. Es wurde viel gesagt und erzählt, aber wenig davon auch wirklich so umgesetzt. Dementsprechend wusste ich auch meist nicht, was am Tag anstand und aus welchem Grund wir wo hinfuhren, als wir bereits auf dem Weg waren. Insgesamt hat mich das aber nicht sehr gestört und ich habe mich einfach überraschen lassen. Ähnlich war es auch mit Freunden und in der Schule, in der ich gearbeitet habe. Treffen wurden immer sehr spontan abgesprochen und in der Schule gab es zwar einen Stundenplan, doch dieser wurde oft kurzfristig abgewandelt und Stunden wurden vertauscht.

Alltag zwischen Familie und Freunden

AFS-Gastschülerin Laura mit ihren Freunden in Kolumbien

Meine Freizeit habe ich überwiegend mit Gleichaltrigen und mit meiner Gastfamilie verbracht, wobei mein Gastbruder auch in meinem Alter war und ich ab und zu auch etwas mit seinen Freunden und ihm unternommen habe. Generell muss ich sagen, dass es mir oft schwer fiel, die richtige Balance zwischen Familienleben und Freunden zu finden, da es für meine Familie sehr wichtig war, gemeinsam etwas zu unternehmen. Dies habe ich auch sehr gerne gemacht, das Problem war nur, dass diese Unternehmungen immer aus heiterem Himmel kamen und ich daher manchmal bereits etwas anderes vorhatte. Mit der Zeit habe ich aber ziemlich gut gelernt damit umzugehen und Kompromisse zu schließen, wodurch das Familienleben immer schöner wurde.

Kolumbien – ganz anders als Deutschland?

Generell kann ich sagen, dass ich mir das Leben in Kolumbien vor meinem Aufenthalt anders vorgestellt habe, als es letztendlich war. Ich hatte eher damit gerechnet, dass es noch mehr von Traditionen geprägt und generell anders strukturiert sei. Denn auch wenn sich Kolumbien, wie hinsichtlich des Bildungssystems oder der Bedeutung der Religion, in einigen Punkten deutlich von Deutschland unterscheidet, sind die Prinzipien, die dahinterstehen, doch dieselben, nur unterschiedlich entwickelt und ausgeprägt. Eine kulturelle Gemeinsamkeit, mit der ich nicht unbedingt gerechnet hatte, ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Ich hatte damit gerechnet, dass der Mann im Alltag gegenüber der Frau doch ein wenig dominieren würde. Dies war jedoch in den Erfahrungen, die ich in meiner Gastfamilie oder auch sonst gemacht habe, überhaupt nicht der Fall. Das Einzige was mir auffiel, war, dass der Mann im Vergleich zu Deutschland um einiges mehr dem Bild eines „Machos“ entspricht, sehr viele Komplimente oder Andeutungen macht und generell in vielen Situationen zuvorkommender ist.

Feier an der Schule in Kolumbien

Zu den größten kulturellen Unterschieden, die mir aufgefallen sind, gehört vor allem die Bedeutung der Religion im Alltag. Den Kindern wird von Geburt an die katholische Religion anerzogen, zum einen natürlich durch die Eltern und später dann auch sehr stark durch die Schule wie durch gemeinsame Gottesdienste und ein sehr ausgeprägtes Feiern von religiösen Feiertagen. Ein weiterer Unterschied, den ich bereits erwähnt habe, ist eine oft oberflächliche und indirekte Art der Menschen, wodurch eben auch oberflächliche Freundschaften und Beziehungen entstehen. Man muss stets lernen, einzuschätzen, wem man trauen kann und wem nicht und wer wirklich an einem selbst und wer an anderen Dingen interessiert ist. Ebenso gilt es zu lernen, bestimmte Aussagen und Gesten richtig zu verstehen, da die Kolumbianer ihre Meinung gelegentlich indirekt ausdrücken und ein „ja“ auch „nein“ bedeuten kann.

Leben und Arbeiten in den Anden

Während meines Aufenthaltes in Ubaté habe ich in einer öffentlichen Schule gearbeitet, welche auf die Bildung der ländlichen Bevölkerung ausgerichtet ist und die Ausbildung von Vorschule bis zum höchsten Schulabschluss nach der elften Klasse vorsieht. Ich habe selbstständig die Kinder von der Vorschule bis zur fünften Klasse in Englisch unterrichtet und bin in den Stufen sechs bis neun überwiegend begleitend und unterstützend mit den Lehrern mitgegangen. Dabei kam ich in etwa auf 28 Unterrichtsstunden in der Woche, wobei ich am Wochenende frei hatte. Da so eine Lehrtätigkeit ein sehr oft gesehenes Projekt ist, haben wir auch bereits in den Vorbereitungen einige Tipps und Ratschläge von den leitenden Teamern bekommen, die ich gut umsetzen konnte. Da es öfter vorkam, dass Lehrer mit ihren Klassen kurzfristig andere Pläne hätten, wurde ich manchmal von Raum zu Raum geschickt, ohne dass dabei irgendetwas herauskam. Das führt dazu, dass ich einige Ideen, die ich hatte und auch angefangen habe, letztendlich doch nicht umsetzen konnte, was mich teilweise frustriert hat. Umgekehrt kam es vor, dass, wenn etwas Bestimmtes anstand, wie ein Fest, bei dem etwas aufgeführt werden sollte, ich plötzlich für alle gleichzeitig da sein und mir irgendetwas aus dem Ärmel schütteln sollte. Trotz dessen konnte ich einige wirklich schöne Dinge in die Tat umsetzen und auch ein paar Akzente setzen.

Gastfamilie von Laura in Kolumbien

Hinsichtlich meiner Gastfamilie muss ich sagen, dass mir das Einleben etwas schwer gefallen ist. Es hat mir am Anfang eine gewisse Herzlichkeit und Freundlichkeit gefehlt, was dazu geführt hat, dass ich mich zu Beginn nicht richtig wohl gefühlt habe. Es gab Situationen, in denen ich den Eindruck hatte, dass sich über meine mangelnden Sprachkenntnisse am Anfang lustig gemacht wurde, alle lachten und ich nicht wusste warum. Im Laufe des Jahres habe ich gemerkt, dass das einfach ihr Humor und nicht böse gemeint ist. Schließlich habe ich es gut geschafft, damit umzugehen, einige Dinge einfach nicht ganz ernst zu nehmen, sodass ich mich immer mehr in die Familie integriert habe und mich schließlich rund um wohl gefühlt habe. Auch wenn die Anfangszeit ein wenig schwer war, habe ich aus der Situation sehr viel gelernt und letztendlich sehr viel mit meiner Familie unternommen, viel gelacht und Spaß gehabt. Dementsprechend ist der Abschied beiden Seiten auch sehr schwer gefallen.

Betreuung durch AFS Kolumbien

Die Betreuung durch AFS im Gastland hat vor allem durch eine Kontaktperson und ein AFS-Komitee direkt in Ubaté stattgefunden. Es gab regelmäßige Treffen und Unternehmungen und auch bei Problemen mit Arbeit oder Gastfamilie konnte ich mich immer an meine Kontaktperson wenden, welche mich immer unterstützt hat, wie beispielsweise mit meinen anfänglichen Problemen in der Gastfamilie. Meine Kontaktperson hat mir gute Ratschläge gegeben damit umzugehen, was mir sehr geholfen hat. Während des Jahres habe ich an dem On-arrival-Camp, dem Midstay-Camp sowie dem End-of-stay teilgenommen.

Spanisch lernen und sprechen

In Bezug auf die Sprache und Kommunikation, war ich am Anfang erstaunt, wie gering die Englischkenntnisse der meisten Kolumbianern waren. Dementsprechend hat die Kommunikation am Anfang sehr viel über Gestik und Mimik sowie Wörterbuch und einzelne englische und spanische Wörter und Sätze stattgefunden, da ich bis zu dem Zeitpunkt auch nur über sehr beschränkte Spanischkenntnisse verfügte. Im ersten halben Jahr hatte ich dann zusammen mit einem weiteren Freiwilligen zweimal wöchentlich Spanischunterricht. Im Gegensatz zu anderen Freiwilligen hatte ich das Gefühl, dass es mit dem Spanisch lernen am Anfang eher schleppend voranging und ich dann an einen Punkt kam, nach etwa vier bis fünf Monaten, an dem mir das Spanisch sprechen nicht mehr anstrengend vorkam, sondern mir einfach so über die Lippen ging und ich neue Ausdrücke, die ich hörte, einfach so aufnehmen, einordnen und weiterverwenden konnte. Das führte dazu, dass ich am Ende problemlos auch über tiefergehende Themen sprechen und diskutieren konnte und nur das eine oder andere Wort nachfragen musste.

Vor allem am Anfang ist mir aufgefallen, dass Menschen, die noch sehr wenig Kontakt zu Fremdsprachen hatten, wie bei meiner Arbeit oder auch in der Gastfamilie, oft nicht richtig nachvollziehen können, wie es sich anfühlt, die Sprache, die alle um einen herum sprechen, nicht zu verstehen und demzufolge auch nicht so viel Rücksicht darauf nehmen. So war ich gezwungen, aber auch gleichzeitig sehr motiviert, möglichst schnell Spanisch zu lernen.

Interkulturelles Lernen in der Praxis

AFS-Austauschschüler und Laura bei einem gemeinsamen Treffen

Betrachte ich nun meine Erfahrungen, die ich in diesem Jahr gemacht habe im Hinblick auf Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit, ist mir deutlich geworden, dass um Entwicklungspolitik effektiv betreiben und umsetzen zu können der Wille und die Motivation von beiden Seiten vorhanden sein müssen. Es reicht nicht, wenn die eine Seite helfend und unterstützend eingreift und die andere Seite ablehnt oder dem neutral gegenübersteht. Gerade die Seite, der geholfen wird, muss über die Motivation und den Willen verfügen, langfristig etwas zu erreichen und zu verändern, denn die Hilfe und Unterstützung ist eher etwas Kurzfristiges, was dazu dient, bestimmte Akzente zu setzen und Ideen zu entwickeln. Es muss eine gewisse Basis geschaffen werden, die auf gegenseitigem Verständnis, Respekt und Akzeptanz aufbaut. Außerdem darf auch nicht zu viel in zu kurzer Zeit erwartet werden, sondern es sollten bereits kleine Fortschritte als Erfolge gesehen werden.

Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, werde ich wohl in erster Linie durch Erzählungen und das Zeigen von Fotos weitergeben aber bestimmt auch durch gewisse Einstellungen und Verhaltensweisen, die ich über das Jahr entwickelt habe. Zudem plane ich, mich auch weiterhin bei AFS als Teamer zu engagieren. Außerdem hat der Auslandsaufenthalt zu meiner Studienwahl „Kulturwissenschaften“ beigetragen und damit mein späteres Berufsfeld stark beeinflusst. Zu welcher Tätigkeit das letztendlich führen wird, ist zwar noch nicht abzusehen, aber mein Interesse liegt ganz klar im internationalen und entwicklungspolitischen Bereich. Ich hoffe und denke, dass ich in Zukunft noch sehr viel von all den Erfahrungen, die ich während des Jahres in Kolumbien gemacht habe, profitieren werde, weil ich gelernt habe verschiedene Umstände und Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und einzuschätzen und in somit in einen größeren Kontext zu setzen.