• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Als Lehrerassistent in Santa Cruz

Simon, Costa Rica, 2010/11, weltwärts

COSTA RICA: Als Lehrerassistent in Santa Cruz

Santa Cruz

Für mich ging es für ein Jahr in die costaricanische Kleinstadt Santa Cruz, im Nordwesten des Landes. Ich wohnte in Deutschland ja bereits in einer Kleinstadt, doch mit geschätzten 10000 Einwohnern war Santa Cruz doch noch einmal ein ganzes Stück kleiner. Und doch musste ich nicht auf vieles, dass ich in der Heimat gewohnt war, verzichten: Es gab die Möglichkeit Basketball zu Spielen, Fitnessstudios, ein Freibad, Einkaufsmöglichkeiten, Busverbindungen, usw. Allerdings alles ein wenig auf eine andere Art. Basketball wurde auf dem Hartplatz oder in der heruntergekommenen Halle gespielt, das Freibad war nicht vergleichbar mit einem deutschen und auch Busfahren war hier ganz anders. Der größte Unterschied war zunächst aber das Klima. Da ich Anfang Februar, also frisch aus dem deutschen Winter, nach Santa Cruz kam, machten mir die ca. 35°C im Schatten schon erst einmal zu schaffen. Das hatte zur Folge, dass ich immer recht zeitig zu Bett ging, da ich von der Hitze geschafft war. Beim Einschlafen half der Ventilator in meinem Zimmer sehr. Nach einigen Tagen hatte ich mich dann aber auch an das Klima gewöhnt und war froh, der deutschen Kälte entkommen zu sein.

Gastfamilie

Auch das Leben in meiner Gastfamilie war anders als ich das von zu Hause gewohnt war. Zunächst einmal möchte ich ein wenig über sie erzählen. Ich wohnte mit meinem Gastvater Gerardo (62) und seiner Freundin Tina (54) zusammen in einem Haus mit 3 Zimmern, Wohnzimmer, Bad und Küche relativ nah am Zentrum von Santa Cruz. Die Frau meines Gastvaters war 3 Jahre zuvor verstorben und nun war er seit 2 Jahren mit Tina liiert. Gerardo hatte mit seiner ersten Frau 3 Söhne, die aber alle bereits ausgezogen waren. Tina hatte 4 Kinder, die aber auch in einem anderen Haus zusammen mit ihrer Schwester wohnten. Mein Gastvater war pensionierter Gerichtsassistent und war somit so gut wie immer zu Hause. Tina hatte neben ihrer Aufgabe als Hausfrau ein paar Putzjobs. Eine der Lieblingsbeschäftigungen der beiden war Fernsehen, das wurde mir gleich am ersten Abend klar. Ich war nämlich, nachdem ich um 19 Uhr nach 5,5-stündiger Busfahrt in Santa Cruz angekommen war, gegen halb neun bereits zu Bett gegangen. Meine Gasteltern schauten im Wohnzimmer, an das mein Zimmer angrenzte, ihre Lieblingssendung „Quién tiene la razón“ (Wer hat Recht). In der Show werden Familien- und Beziehungsprobleme zum Teil lautstark diskutiert, und wenn es zu wild wird, bimmelt die Moderatorin mit einer Glocke, damit wieder alle ruhig sind.

Da die Wand zwischen Wohnzimmer und meinem Zimmer nur aus Holz bestand, drang an diesem Abend also all dieses Geschrei und Gebimmel beinahe ungehindert zu mir herein und hielt mich in einem unruhigen Halbschlaf. Ich dachte mir nur „Wo bin ich hier nur gelandet...!?“. Zum Glück wiederholte sich dieser Vorfall nicht noch einmal. Generell bestanden aber die Hauptaktivitäten meines Gastvaters aus Fernsehen, unterbrochen von den Mahlzeiten und von gelegentlichem Abspritzen des Carports und des Autos mit dem Gartenschlauch. Das viele Fernsehen ist übrigens sehr typisch für Ticos, wie die Costa-Ricaner genannt werden. Auch typisch ist, dass die Frau alleinige Verantwortliche ist für Essenszubereitung und Sauberkeit des Hauses. Die Rollenverteilung ist also noch sehr traditionell-konservativ. Von zu Hause war ich gewohnt, dass jeder im Haushalt mithilft, ich musst zum Beispiel ein Mal wöchentlich kochen. In Costa Rica musste ich gar nichts machen, wobei das bestimmt anders gewesen wäre, wäre ich ein Mädchen. Als Zeichen des guten Willens habe ich aber einmal am Tag nach dem Essen das Geschirr gespült. Das Verhältnis zu meinen Gasteltern war zu Beginn, bedingt durch die Sprachbarriere, noch etwas bedrückt. Es war nie schlecht, doch es konnte sich noch kein wirklich tiefes Verhältnis aufbauen. Aber genauso wie meine Spanischkenntnisse jeden Tag ein wenig besser wurden, wurde auch die Stimmung zu Hause besser. Ich konnte spüren wie die anfängliche Scheu auf beiden Seiten allmählich zurückging und wir herzlicher miteinander umgingen.

Sprache und Kommunikation

Generell lernte ich das Spanisch schneller als angenommen, wobei das sicherlich an den wenigen Unterrichtsstunden, die ich vor meiner Abreise genommen hatte, und an dem 10- tägigen Spanisch-Camp lag. Gerade auf Letzterem sprachen wir, zumindest im Unterricht, nur Spanisch. Hier konnte ich mir die meisten grundlegenden Dinge aneignen, wie zum Beispiel einfache Unterhaltungen, einfache Grammatik und eine ganze Menge Vokabeln. Letztere stellten sich zu Anfang als besonders wichtig heraus, da es im Grunde erst einmal egal ist, ob man grammatikalisch korrekt spricht, solange man die richtigen Wörter parat hat. Rückblickend kann ich nun sagen, dass ich nach 3 Monaten so weit war, dass ich mich ohne größere Probleme unterhalten konnte, solange das Thema stimmte. Nach 6 Monaten konnte ich bereits, wie man so schön sagt, über „Gott und die Welt“ reden. Im zweiten halben Jahr hatte ich allerdings manchmal das Gefühl, ich würde nichts mehr dazu lernen. Das lag aber sicher daran, dass man zu Beginn so schnell lernt, dass es einem später wie ein Stillstand vorkommt.

Arbeitsplatz

Nun möchte ich ein wenig über meine Arbeit erzählen. Ich arbeitete an einer Schule in einem Nachbardorf von Santa Cruz. Das Dorf, Santa Barbara, hatte maximal 2500 Einwohner, 2-3 kleinere Supermärkte, 2 Bars, einen Fußballplatz, eine Grund- und eine weiterführende Schule und war mit dem Bus in 15-20 Minuten zu erreichen. Rush hour gab es nicht, der einzige Grund für Stau war ein Kuhherde, die über die Straße lief. Die Schule selbst hatte circa 300 Schüler und bestand aus neun Gebäuden, die 12 Klassenzimmer, eine Bibliothek, eine Sporthalle, das Sekretariat, den Speisesaal, zwei Werkstätten für Holz und Metall und einen Kiosk beherbergten. 10 der 12 Klassenzimmer hatten vergitterte, unverglaste Fenster und besaßen zur Kühlung lediglich ein paar Deckenventilatoren. Die anderen beiden Räume waren klimatisiert. Der eine war der Computer-Raum, der andere der Raum für „Conversational English.“ Der Speisesaal hatte seinen Namen eigentlich nicht verdient, zumindest nicht im deutschen Sinn. Auch hier waren die Fenster nur vergittert, auch die Küche war sehr offen und alles war nicht ganz so sauber, wie in einer Kantine in Deutschland. Dazu kam, dass man bei ca. 35°C und einer warmen Mahlzeit ordentlich ins Schwitzen kam, da es hier keine Ventilatoren, geschweige denn Klimaanlagen gab. Auch die Sporthalle war im Grunde ein überdachter Hartplatz, ein Betonfeld mit einem Wellblechdach darüber. Der Zustand der kompletten Schule ließ zu wünschen übrig, überall blätterte die Farbe ab, alles war heruntergekommen und halb kaputt. Wenigstens der kleine Kiosk war gut ausgestattet, hier konnte man von kühlen Getränken bis zur kleinen Stärkung alles kaufen. Gerne habe ich hier ein Pastel con jamón y queso, ein frittiertes Teigstück mit Schinken-Käse-Füllung, gegessen. Auch ein kühler Fresco, also ein Erfrischungsgetränk, taten Wunder gegen die Hitze.

Nun zu meiner Arbeit. Als ich im Februar an der Schule anfing, wusste die Schulleiterin zwar, dass ich kommen würde, was ich allerdings machen sollte, hatte sie sich aber noch nicht überlegt. Zum Glück war einer der Englischlehrer bereit, mich erst einmal mitzunehmen und mir die Schule zu zeigen. Mit ihm sollte ich während meines ganzen Jahres noch viel zu tun haben. Ich lernte also am ersten Tag die Kollegen kennen, besonders die Englisch und Sportlehrer, da angedacht war, dass ich ihnen als Assistent zur Hand ginge. Es stellte sich schnell heraus, dass hier alles ein bisschen lockerer lief, weder die Schüler noch die Lehrer schienen so wirklich motiviert zu sein. Ich konnte es ihnen angesichts der Hitze nicht verübeln. Das wirkte sich natürlich auf das Niveau des Unterrichts aus, wie ich nach wenigen Minuten im Englischunterricht feststellte. Es wurde hauptsächlich Spanisch gesprochen, was ich gleich doppelt blöd fand, da mein Spanisch ja noch mangelhaft war. Die Schüler schienen auch nicht wirklich Englisch sprechen zu wollen, was aber daran lag, dass sie es nicht konnten. Auch das Englisch der Lehrer war nicht allzu berauschend, mein Schul-Englisch war um Längen besser als das sämtlicher Lehrer meiner Schule. Um ihr Englisch zu verbessern, versuchten sie nun, sich mit mir ausschließlich auf Englisch zu unterhalten. Ich versuchte ihnen klar zu machen, dass ich mich mit ihnen nur auf Spanisch unterhalten würde, da ich das schließlich lernen müsste und meine Aufgabe ja nicht sei, das Englisch der Lehrer zu verbessern. In ein paar hartnäckigen Fällen musste ich aber eine Weile nur auf Spanisch antworten, bis sie schließlich auch Spanisch mit mir sprachen.

Sportunterricht

Generell wurde mir freundlich und neugierig begegnet. Ich hatte nie den Eindruck, fehl am Platz zu sein, oder dass mich jemand nicht ausstehen konnte. Ich begann also, im Englisch- und Sportunterricht mitzuhelfen. Bei letzterem konnte ich mich vor allem bei Sportarten wie Volleyball, Tischtennis oder Basketball nützlich machen, bei Rundenläufen dagegen eher weniger. Auch hier war die fehlende Motivation deutlich spürbar, was bei 35°C aber nur allzu gut verständlich ist. Nicht verständlich war mir aber, warum den Kindern eigentlich nur Fußball bekannt war, jede andere Sportart schien „doof“ zu sein. Zum Glück gab es einen Sportlehrer, der dies ändern wollte. Er besorgte eine Tischtennisplatte und spielte mit den Schülern Volleyball. Zunächst kam das bei ihnen nicht so gut an, doch mit ein wenig Übung fanden sie allmählich Gefallen daran. Es war nett mit anzusehen, wie sie von Woche zu Woche Fortschritte machte.

Eigenes Basketball-Team

Nach sechs Monaten gründete ich mein eigenes Basketball-Team. Dies geschah auf Initiative von AFS, da sich jeder von uns in seinem Projekt ein eigenes kleines Projekt schaffen sollte. Da ich in Deutschland jahrelang Basketball gespielt hatte, lag es bei mir nun nahe, etwas in diese Richtung zu machen. Das war allerdings einfacher gesagt als getan, denn erst einmal musste alles Notwendige besorgt werden. Eine „Sporthalle“ mit zwei Körben gab es ja immerhin, allerdings in dürftigem Zustand und ohne Linien und Netze. Weiter fehlte es an Basketbällen. Mangels Geld konnte ich hier nur meinen eigenen zur Verfügung stellen, den ich zu Anfang des Jahres billig in einem Supermarkt gekauft hatte. Jetzt brauchte ich also nur noch Freiwillige. Gemeinsam mit einer Sportlehrerin machte ich mich auf die Suche und fand etwa zehn Mädels, die sich bereiterklärten, jeden Tag mit mir zu trainieren. Bei den Jungs schien das Interesse nicht so groß zu sein und so begnügte ich mich erst ein Mal mit der Mädchenmannschaft.

Großzügigerweise wurde uns von der Direktorin erlaubt, während der Schulzeit zu spielen, sehr zur Freude der Schülerinnen. Da keines der Mädchen jemals zuvor Basketball gespielt hatte, besann ich mich zurück zu den Tagen, als ich meine ersten Basketball-Versuche unternommen hatte und machte dieselben Übungen mit ihnen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich dabei weniger geschickt anstellten als deutsche Mädchen in diesem Alter. Aber da wir jeden Tag trainierten, konnte ich doch recht bald Fortschritte bemerken. Leider machte mir auch hier die fehlende Motivation und Pünktlichkeit der Mannschaft zu schaffen. Wenn um 12 Uhr abgemacht war, trudelte man gegen 12:30 Uhr ein, wenn ich sagte fünf Runden warmlaufen, wollte man nur zwei, allerhöchstens drei laufen. Es bedurfte mehrerer „Standpauken“, um wenigstens halbwegs für Disziplin und Pünktlichkeit zu sorgen.

Das erste Spiel

Nach etwa sechs Wochen Training kam dann der erste aufregende Höhepunkt für meine Mannschaft: Das erste Spiel. Über einen Sportlehrer hatten wir Kontakt zu einer amerikanischen Schule in einem nahegelegenen Strandort aufnehmen können und nun wollte deren frisch gegründetes Mädchen-Team gegen unseres antreten. Als Austragungsort wurde die Halle des amerikanischen Teams gewählt, da diese in einem deutlich besseren Zustand war. Ich war überrascht, wie gut sich meine Mädels in diesem Spiel schlugen, und obwohl wir nicht gewannen, war es doch ein Erfolg für die ganze Mannschaft und man konnte ihnen ansehen, dass es ihnen Spaß machte. Ein paar Wochen später kam dasselbe Team dann zu uns an die Schule und wir unterlagen trotz Anfeuerungsrufe der anderen Schüler zum zweiten Mal. Aber auch hier war das Ergebnis am Ende nicht so wichtig, wie der Spaß und die gesammelte Erfahrung. Die Zeit mit meiner Mannschaft war auch für mich sehr schön, mit allen Höhen und Tiefen die es gab. Sehr gefreut hat es mich, als ich hörte, dass die Mannschaft auch weiterhin besteht und noch ab und an Spiele gegen andere Teams bestreitet.

Meine Arbeit im Englischunterricht verlief weit weniger spektakulär. Hier konnte ich eher im kleinen Stil helfen und so ein wenig Schwung bringen. Meistens unterstützte ich die Schüler bei Gruppenarbeiten. Ich versuchte immer, nur kleine Hinweise zu geben und sie so zum eigenständigen Denken anzuregen um am Ende selbst die Lösung herauszufinden den. Denn natürlich wollte jeder von mir gleich die richtige Lösung hören, anstatt sich selbst anstrengen zu müssen. Bei mündlichen Abfragen übernahm ich eine Hälfte der Klasse, wobei ich ein wenig gefürchtet war, da ich ein wenig strenger benotete als der Lehrer (für deutsche Verhältnisse ließ ich aber sehr viel durchgehen und war sehr gutmütig). Gelegentlich hielt ich auch Vertretungsunterricht, denn es kam des Öfteren vor, dass Lehrer nicht kamen. Ich konnte aber nur Vertretungsstunden halten, wenn mir der Lehrer vorher Material gegeben hatte. Schulbücher gab es nämlich nicht in jeder Klasse. Sehr gerne wurde ich auch als Wörterbuch-Ersatz und Aussprache-Trainer verwendet. Zu Beginn war das noch ein wenig schwer, da ich ja von Spanisch ins Englische übersetzen musste, also von einer Fremdsprache in eine andere.

Entwicklungspolitik

Letzten Endes war es aber nicht das, was ich den Schülern beigebracht habe, sondern vielmehr die Erfahrung, die ich mit ihnen und sie mit mir hatten, was meine Zeit dort ausmachte. Viele der Kinder hatten noch nie so eng und über einen so langen Zeitraum Kontakt zu einem Ausländer gehabt. Hier machten sie, denke ich, ähnliche Erfahrungen wie ich: Man stellt fest, dass die eigenen Denkens- und Handelsweisen nicht immer die einzig wahren und richtigen sind, dass man mit bestimmten Situationen auch ganz anders umgehen kann, und so weiter. Ich hoffe, dass ich helfen konnte, einige Schüler ein Stückchen weltoffener und toleranter gemacht habe und dass ich das ein oder andere Vorurteil aus dem Weg räumen konnte. Und wer weiß, vielleicht findet sich ja der ein oder andere Schüler bald in einem Austausch wieder, um diese Erfahrung zu intensivieren. Zum Schluss bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich sehr zufrieden war mit der Arbeit, die AFS Costa Rica geleistet hat. Auch wenn nicht immer alles hundertprozentig glatt lief, gab es bei mir nie ernsthafte Probleme. Die Camps waren immer eine gute Gelegenheit, mich mit den anderen Freiwilligen auszutauschen. An dieser Stelle ein dickes DANKESCHÖN an AFS Costa Rica und AFS DEUTSCHLAND!!