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Der Abschied aus Costa Rica fiel mir nicht leicht

Mona, Costa Rica, 2013/14, weltwärts

Ich habe meinen weltwärts-Freiwilligendienst in einem Cen Cinai in Belén gemacht und eben dort auch in einer Gastfamilie gelebt. Belén liegt im Valle Central, also in der Hauptsiedlungszone Costa Ricas, in einem sehr urbanen Gebiet. Dort gibt es wie in vielen Orten in Costa Rica Cen Cinais, das heißt staatliche „Vorkindergarten“ für Kinder zwischen zwei und fünf, zur Unterstützung finanziell schwächerer Familien.

Land und Leute

Hätte ich Costa Rica in den ersten Tagen nach meiner Ankunft beschreiben müssen, wären mir die Worte laut, hektisch und chaotisch in den Sinn gekommen. Wir verbrachten die ersten Tage in San José. Ich muss sagen, dass ich diese Stadt bis zum Ende meines Aufenthalts als sehr anstrengend empfand, aufgrund des starken Verkehrs, den Menschenmengen und der allgegenwärtigen Armut. Daher bin ich auch froh das deutlich kleinere und ruhigere Industrie-Städtchen Belén meine Heimat für das Jahr nennen zu können. Dennoch wurde auch dort wegen jeder Kleinigkeit gehupt, die Häuser waren stark eingezäunt und gesichert und die Stromleitungen verliefen oberirdisch und hingen auch öfters einmal auf Kopfhöhe. Das sind einige der auffälligen Unterschiede, die im Laufe des Jahres für mich selbstverständlich wurden.

Man gewöhnt sich auch daran Klopapier in den Mülleimer zu werfen oder gerade Busfahren gelassener zu sehen, da man, zumindest in Belén, keine genaue Fahrplanauskunft erwarten kann und Bushaltestellen nicht beschriftet sind oder durchgesagt werden. Die ersten Monate meines Aufenthalts hatte ich verhältnismäßig viel Angst vor Diebstählen oder Überfällen. Letztendlich hört man in den lokalen Nachrichten auch immer wieder davon, aber mir und den meisten anderen Freiwilligen ist das Jahr über nichts passiert. Am Ende habe ich mich zumindest in bekannten Gebieten fast so sicher gefühlt wie in Deutschland. Natürlich gibt es Orte, die man insbesondere zu bestimmten Zeiten besser meidet, aber wenn du davon weißt, lässt es sich problemlos damit leben. Viele Ticos, die ich auch gerade am Anfang kennengelernt habe, weil ich in irgendwelchen Alltagssituationen Hilfe brauchte, waren sehr hilfsbereit und offen und gaben mir Auskunft.

Freunde

Der Kontakt zu gleichaltrigen Ticos war mir von Anfang an sehr wichtig, aber man musste etwas tun, um ihn zu bekommen. Abgesehen von den Treffen mit meiner Mitfreiwilligen Daphne, die praktischerweise 30 Minuten mit dem Bus entfernt wohnte, lernte ich gerade in den ersten Wochen fast keine Ticos kennen, die auch nur ansatzweise in meinem Alter gewesen wären. Auf den Hinweis meiner Gastmutter hatte ich von meinem Chor im Haus der Kultur („casa de la cultura“) erfahren. Ich hatte zwar nicht so viel Ahnung vom Singen, aber es erschien mir eine gute Möglichkeit ein paar Menschen aus Belén kennenzulernen. So war es auch. Der Chor war bunt gemischt und so lernte ich z.B. Ricardo kennen, dem ich irgendwann mal in der Stadt begegnet bin und der mich mit seiner Tagesmutter zum Essen in seinem Haus einlud. Ich suchte mir daneben einen Sport im Polideportivo. Beim Basketballtraining lernte ich Ticas kennen, die etwas jünger waren als ich, aber dafür sehr aufgeschlossen und interessiert. Ansonsten habe ich ab und zu an Wochenenden oder Ferientagen auch andere AFS Freiwillige gesehen, um zu reisen.

Kultur & Religion

Gerade in meiner Gastfamilie war der kulturelle Einfluss von den USA deutlich spürbar, weil meine Gastmutter lange dort gelebt hatte und meine Gastgeschwister dort geboren wurden. Aber nicht nur in meiner Gastfamilie, sondern allgemein in Costa Rica sieht man, dass sich das Land sehr nach seinem großen Nachbarstaat ausrichtet. Man sieht, dass neue Malls und Condominios gebaut werden und es immer mehr Fastfood-Ketten gibt. Dennoch ermöglichte mir das Jahr natürlich einen Einblick in Costa Ricas traditionelle Kultur. Generell wird der christliche Glaube in Costa Rica deutlich intensiver ausgelebt als in Deutschland, so ist Jesus einem im Alltag immer wieder begegnet z.B. in der Sprache („gracias a dios“, „que dios le acompane“), auf Stickern im Bus, Gebeten vor dem Essen oder bei den wöchentlichen Kirchengängen.

Ich hatte den Eindruck, dass der Glaube hier vielen Menschen Kraft und Rückhalt gibt und auch gerade junge Menschen anspricht. Konflikte werden selten direkt angesprochen, was die Lösung manchmal sehr kompliziert macht. Man kann maximal vermuten, was den anderen stört, denn bei Nachfragen, ist meistens alles gut und man solle sich keine Sorgen machen. In meiner Gastfamilie konnte man den „machismo“ überhaupt nicht erleben, schon allein durch die Tatsache, dass meine Gastoma und meine Gastmutter alleinerziehend sind. In einigen anderen Familien, in denen ich zu Besuch war, konnte man diese eindeutige Rollenverteilung noch finden.

Arbeitsplatz

Im Cen Cinai habe ich morgens von 7 Uhr bis nachmittags um 15 Uhr gearbeitet. Davon war eine Stunde Mittagspause, die ich zusammen mit meinen Kolleginnen vor Ort verbracht habe und in der ich auch Mittagessen bekam. Insgesamt habe ich in einer normalen Arbeitswoche 35 Stunden gearbeitet. Von meinem Haus bis zum Projekt benötigte ich jeden Tag 20 Minuten. Am Wochenende habe ich normalerweise nicht gearbeitet. Es gab natürlich schöne Ausnahmen wie einen Lichterzug mit dem Cen Cinai und das Weihnachtsfest.

Die Aufgaben, die ich übernommen habe waren vielfältig, aber nicht immer anspruchsvoll. Täglich habe ich der Köchin dabei geholfen die Tische zu putzen und zu fegen und der Kindergärtnerin bei der Aufsicht der Kinder geholfen. Dazu kam dann gemeinsames Basteln und Unterstützung der jüngeren Kinder, weil nicht alle immer ihre Aufgaben lösen konnten. Daneben wurde ich öfters zum Fotokopierer geschickt, habe Aufgaben vor- und nachbereitet. Zum Beispiel bei Fingerpuppen: Die meisten Kinder können die Fingerpuppen ausmalen, einige können schneiden, aber die wenigsten können auch sauber mit dem Kleber umgehen, sodass ich dann die Sachen schneide oder klebe, damit am Ende alle mit einer Fingerpuppe nach Hause gehen können. Es gab auch einen kleinen Maltisch im Kindergarten, an dem ich für die Kinder Bilder gezeichnet habe, die sie hinterher ausmalen konnten.

Was mir am schwersten gefallen ist, war das alleinige Aufsicht führen, weil man stets aufmerksam seien muss, Konflikte schnell lösen muss, obwohl man nie genau weiß was passiert ist und wer die Wahrheit erzählt. Aber es kam zum Glück nicht allzu oft vor, dass ich für längere Zeit komplett alleine war und es half mir dabei mich besser durchzusetzen. Diese Situationen haben mich sehr gefordert und teilweise auch überfordert, z.B. als ein Schrank auf ein Kind neben mir gefallen ist, weil es daran gezogen hatte in einem Wutanfall. Darüber hinaus konnte ich im Rahmen meines Personal Projects auch ein selbst gebasteltes Spiel präsentieren, einmal wöchentlich gemeinsam mit den Kindern Müll trennen als Lehreinheit und aus Plastikflaschen Blumentöpfchen basteln und diese mit Bohnen bepflanzen. Es gab selten überhaupt nichts zu tun. Man musste manchmal nach Aufgaben suchen, aber normalerweise war man immer ausgelastet.

Gastfamilie/Unterkunft

Meine Gastfamilie bestand aus meiner Gastmutter Georgina, die sich alleinerziehend um ihre beiden Kinder Daniel und Sophia kümmert und nebenbei arbeitet. Das Einleben fiel mir sehr leicht, da meine Gastmutter schon Erfahrungen im interkulturellen Austausch hatte. Sie hat mich oft mitgenommen und so lernte ich schnell meine Umgebung und meine restliche Familie kennen und wurde auch selbstständiger. Gerade das Kaffeetrinken bei meiner Gastoma hat mir immer sehr gut gefallen, weil sich dabei viel Zeit genommen wurde um zu Essen und auch viel geredet und diskutiert wurde. Ich konnte meine Gastschwester Sofia auch nach einiger Zeit dazu bringen, dass sie mit mir zum Basketballtraining geht, wodurch wir uns deutlich öfter sahen.

 

Der Familienzusammenhalt war immer sehr stark, auch bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Familie. Hier war der Glaube wieder von großer Bedeutung, da durch den Gottesdienst fast garantiert war, dass man sich mindestens wöchentlich sah. Meine Gastfamilie nahm mich auch mit in den Urlaub zur Playa Hermosa mit der gesamten Familie Castillo und in die USA. Außerdem gab es gemeinsame Filmeabende, Ausflüge, Besuche etc. Der Abschied fiel mir nicht leicht, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, dass es ein Abschied für immer war, da meine Gastfamilie selbst auch sehr gerne reist.

Sprache und Kommunikation

In meiner Gastfamilie haben wir grundsätzlich Spanisch geredet und nur in den ersten Monaten ab und zu englische Wörter benutzt. Bei der Ankunft hatte ich grundlegende Sprachkenntnisse aus dem Spanisch Unterricht wie Grammatik und einen Grundwortschatz. Auf der Finca im Sprachcamp wurde alles noch einmal wiederholt und man gewöhnte sich langsam an die Art wie die Leute dort Spanisch sprechen, da ich vorher kaum mit Muttersprachlern auf Spanisch kommuniziert hatte. Dennoch fiel es mir die ersten Monate schwer Leute sofort zu verstehen und bis zum Ende kam es ab und zu vor, dass ich nachfragen musste, was gesagt wurde. Auf der Arbeit wurde immer Spanisch geredet. Gegen Ende des Aufenthalts konnte ich fließend Spanisch sprechen und verstehen.

Entwicklungspolitik

Über Entwicklungszusammenarbeit habe ich in dem Jahr erfahren, dass die Zusammenarbeit ein zentraler Punkt ist. Jemand, der das Land nicht kennt, die Zusammenhänge nicht versteht, wird in dem Land niemals langfristig und nachhaltig etwas verändern können. In meinem Projekt habe ich gesehen, dass man durchaus etwas verändern kann, aber nur in Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort. Durch den gegenseitigen Austausch von Ideen, Wissen und Fertigkeiten können Projekte gemeinsam realisiert werden. Für mich bedeutet globales Lernen sich komplett auf eine andere Sichtweise einzulassen und seine eigene Lebensart, seine eigenen Ansichten kritisch in Frage zu stellen.