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Die Ticos sind sehr gemütliche und wohlwollende Menschen!

Verena, Costa Rica, 2012/13,

Jetzt nachdem ich wieder zurück in Deutschland bin, kommt mir mein Austauschjahr in Costa Rica manchmal einfach nur wie ein Traum vor: Zu schön um wahr zu sein.

Die Unterschiede zwischen Costa Rica und Deutschland

Es vergeht jedenfalls nicht ein Tag, an dem ich nicht an meine Erlebnisse im Ausland und was ich dort alles lernen konnte, zurück denke. Das erste, was mir sofort aufgefallen ist, als ich wieder in Deutschland gelandet bin, war die unglaubliche Ordnung, die in diesem Land herrscht. Die Straßen mit den vielen Schildern, die exakt geregelten Öffnungszeiten überall, die genau einzuhaltenden Vorschriften und Regeln und die schon im vorhinein genaue Tagesplanung der Menschen hier, sind nach einem Jahr Spontaneität wieder sehr gewöhnungsbedürftig.

Auch das Familienleben läuft hier anders ab. Während ich in Costa Rica so gut wie nie alleine zu Hause war und immer ein reges Kommen und Gehen der ganzen Großfamilie herrschte, ich ein Zimmer mit meiner Gastschwester geteilt habe (wobei oft auch noch mehr Verwandtschaft bei uns geschlafen hat) und ich immer jemanden zum Reden und Spaß haben hatte, bin ich hier in Deutschland wieder oft alleine. Da in meiner Familie hier jeder einen sehr durchgeplanten Tagesablauf hat, ist das gemeinsame Beisammensein eher selten und auch längst nicht so wichtig wie in meinem Gastland.

Dafür genieße ich es sehr, dass meine deutschen Eltern mich wie einen jungen Erwachsenen behandeln, also mich Entscheidungen selber treffen lassen, mich auch ohne großes Nachfragen abends weggehen lassen und es mir selbst überlassen, mit wem ich befreundet seien will. Denn das war in Costa Rica etwas anders. Nicht nur ich, sondern fast alle Mädchen in meinem Alter werden dort sehr viel behüteter und unselbstständiger erzogen. Meine Gastschwester ist beispielsweise noch nie alleine Bus gefahren (und sie war 15!). Sie durfte fast keine männlichen Freunde haben, da ihre Eltern nicht wollten, dass sie bevor sie 18 ist, einen Freund hat. Das war für mich eher anstrengend, denn ich bin es gewohnt selbst über mein Leben zu entscheiden und nicht für alles die Erlaubnis meines Vaters einzuholen, so wie es in meinem Gastland üblich war.

Die Schule

Ein wichtiger Bestandteil meines Lebens in Costa Rica war natürlich auch die Schule. Ich bin dort in die 10. Klasse gegangen. Meine Klassenkameraden waren so gut wie alle in meinem Alter, vielleicht aber in gewisser Hinsicht ein bisschen unreifer als meine Klassenkameraden in Deutschland, aufgrund ihrer unselbstständigen Erziehung. Dafür waren sie aber um so lustiger, lebensfroher und entspannter, als es deutsche Jungendliche oft sind, die ja sogar in ihrer Feizeit noch Stress haben, weil sie vom Sportunterricht schnell zur Musikschule müssen usw.

Die Schule in Costa Rica hat mir sehr viel mehr Spaß gemacht als in Deutschland, was vor allem an dem positiven Lehrer-Schüler-Verhältnis liegt. Denn dort ist es normal, mit seinen Lehrern auf Facebook befreundet zu sein, sie morgens mit einem Küsschen zu begrüßen, nach ihrem Tag zu fragen und sich oft auch einfach so über dies und das zu unterhalten. Vor allem mit meiner ehemaligen Spanischlehrerin habe ich noch viel Kontakt und sie schickt mir gelegentlich immer noch Übungen, damit ich mein Spanisch nicht wieder vergesse. Besonders beeindruckend fand ich auch den Respekt, den viele Schüler ihren Lehrern entgegen gebracht haben. So haben sich z.B. viele meiner Klassenkameraden nach dem Unterricht bei ihrem Lehrer dafür bedankt, dass er ihnen etwas beigebracht hat. In Deutschland wird Bildung ja oft als selbstverständlich angesehen und von vielen Schülern auch als lästig, in Costa Rica hingegen nicht. Dort gibt es keine „Streber“, sondern stattdessen werden gute Schüler eher bewundert und auch oft um Hilfe gebeten.

Die Menschen

Die Ticos sind sehr gemütliche und wohlwollende Menschen und vermeiden daher Konfrontationen aller Art. Das fängt schon damit an, dass man ihnen so gut wie nie ein klares und deutliches „Nein“ entlocken kann, sondern stattdessen eher Antworten wie „vielleicht ein anderes Mal“, „ich weiß nicht so genau“, „eher nicht“, etc. bekommt. Das war vor allem für mich, als sehr direkte Deutsche oft schwierig. Doch jetzt im Nachhinein – wieder zurück in Deutschland – erscheinen mir meine Mitbürger manchmal sehr unhöflich und fast sogar streitsüchtig, wenn sie jeden Vorschlag erstmal genau unter die Lupe nehmen und alles schon im Voraus kritisieren. Dafür ist es leichter, mit einem Deutschen ein ernsthaftes Gespräch zu führen und am Ende ein konkretes Ergebnis zu haben. Denn wie schon erwähnt, sind die Leute hier sehr direkt und bringen Dinge gerne auf den Punkt, während die Costa Ricaner lieber um den heißen Brei herum reden und Entscheidungen bis zum letzten Moment aufschieben.

Unterschiede zwischen Costa Rica und Deutschland

Beide Länder haben für mich viele Vor- und Nachteile und ich kann beim besten Willen nicht sagen welches der beiden mir besser gefällt. Allerdings habe ich viele Dinge in dem jeweiligen Land zu schätzen gelernt. Das fängt bei materiellen Sachen, wie z.B. einer schönen heißen Dusche in Deutschland an und geht bis zu den kulturellen Eigenschaften der beiden Länder, wo ich unter anderem die costa-ricanische Gelassenheit sehr mag.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Costa Rica und Deutschland ist, denke ich, dass die Deutschen immer einen Plan für alles brauchen (Einkäufe, Terminkalender, Ferienplanung etc.). Wenn Plan A nicht klappt, dann stellen sie zur Sicherheit auch gleich schon mal einen Plan B und C auf. Die Ticos hingegen haben eigentlich nie einen Plan und entscheiden alles spontan und den Gegebenheiten entsprechend. Beides funktioniert gut, aber eben auch nur, solange man dem Land entsprechend handelt. Ein Costa Ricaner würde sich nie im Leben Termine schon eine Woche im Voraus merken. Ein Deutscher fände es dagegen wahrscheinlich nicht so lustig, wenn er am ersten Ferientag immer noch nicht weiß, wo es denn hingehen soll. Wobei das natürlich nicht auf alle Deutschen bzw. Ticos zu trifft.

Auch über den sehr zurück gehaltenen Nationalstolz der Deutschen bin ich mir während meines Austauschjahres noch viel bewusster geworden. Während in Costa Rica bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Nationalhymne angestimmt wird, überall die Costa Rica Fahne hängt, der Nationalfeiertag ausgiebig gefeiert wird und alle Ticos der Meinung sind, dass sie im schönsten Land der Welt wohnen, werden in Deutschland nur zur Weltmeisterschaft Fahnen herausgeholt. Auch ansonsten reagiert man in Deutschland sehr zurückhaltend, wenn es darum geht sich stolz zu seinem Vaterland zu bekennen. Das hängt natürlich mit der geschichtlichen Vergangenheit zusammen, aber trotzdem denke ich nicht, dass es schlecht ist, Deutscher zu sein, denn es gibt dafür ja auch viele andere positive Dinge, die Deutschland geleistet hat und ich fühle mich meinem Heimatland genauso sehr verbunden, wie meinem Gastland.

Einfach glücklich sein

Ich habe in diesem Austauschjahr sehr viel gelernt, in allerlei Hinsicht. Die wichtigste Lektion der Costa Ricaner für mich war die Fähigkeit, einfach glücklich zu sein, ohne sich von der Außenwelt stressen zu lassen und die Zufriedenheit mit ihrem eigenem Leben und dem bisschen was sie haben (auch, wenn das oft nicht viel ist). Denn ich habe den Eindruck, dass in der deutschen Kultur viele Leute wohlhabend sind, oder jedenfalls ausreichende Voraussetzungen haben, um glücklich zu sein, aber trotzdem immer noch mehr wollen, immer besser werden wollen und nie einfach mit dem zufrieden sind was sie haben. Auch diese Gelassenheit der Ticos, sich von nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, egal was auch passiert und ihre Liebe zum Frieden und dem harmonischen Miteinander, bewundere ich sehr und versuche all das in meinem durchaus stressigen Alltag hier beizubehalten.

Ein Austauschjahr ist eine hervorragende Gelegenheit etwas über ein neues Land, eine neue Kultur, über sich selbst und auch sein eigenes Heimatland zu lernen. Dabei neue Freundschaften auf der ganzen Welt zu knüpfen und auch noch viele Jahre danach, von den Erfahrungen zu profitieren. Deshalb möchte ich mich bei AFS und den ganzen Helfern ganz herzlich bedanken, dass sie mir dieses Abendteuer möglich gemacht haben. Ihr habt mir nicht nur in finanzieller Hinsicht geholfen, sondern mich auch bei der Vorbereitung auf meinen Auslandaufenthalt, Problemen im Gastland, der Verarbeitung meiner Eindrücke und der Heimkehr nach Deutschland unterstützt. Vielen Dank AFS!