• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Mit Ticos wird es nie langweilig

Sandra, Costa Rica, 2008/09,

Mit Ticos wird es nie langweilig

Als ich mich vor sechs Monaten in Frankfurt in das Flugzeug nach Madrid gesetzt habe, hatte ich größte Zweifel daran, ob es die richtige Entscheidung für mich war, für ein Jahr in eine mir bis dahin noch fast unbekannte Familie, in ein nie zuvor gesehenes Land am anderen Ende der Welt zu gehen! Weit weg von allem mir Bekannten, meiner sicheren Umgebung und vor allem von meiner Familie, die bis dahin noch so viel in mein Leben eingreifen konnte.

Heute, sechs Monate später, habe ich seit ich hier bin noch keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich damals die falsche Entscheidung getroffen habe, obwohl es natürlich schon schwere Momente gab, in denen ich mich wirklich schlecht gefühlt habe. Dennoch gab es bisher keinen Moment, in dem ich wirklich nach Hause wollte. Selbst als ich Heimweh hatte, hatte die Sehnsucht immer auch etwas Positives, denn das Vermissen von Familie und Freunden, aber eben auch von Sachen, von denen ich es vorher nie erwartet hätte, zeigen mir nur immer wieder, was mir scheinbar wirklich wichtig ist, wenn ich plötzlich Tausende Kilometer weit weg das Verlangen danach habe. In Costa Rica habe ich also gemerkt, was mich wirklich glücklich macht und dass viele Sachen in ein anderes Licht gerückt und viele meiner Ansichten verändert wurden. Ich habe Erfahrungen gemacht, die man als gutbehütetes Kind in einer mittelgroßen deutschen Stadt nie machen kann, wodurch ich viel reifer und selbstständiger geworden bin.

"Einfaches" Leben

AFS-Schüleraustausch in Chile: Sandra hilft beim Kaffeepflücken auf den Feldern

Ein weiterer Punkt, den ich persönlich für sehr bereichernd halte, ist die Tatsache, dass das Leben in Costa Rica viel „einfacher“ ist als in Deutschland. Besonders mein kleines Dorf, in dem ich hier seit sechs Monaten lebe, ist wesentlich ärmer als mein Heimatdorf in Deutschland. Hier kann keiner mit großen Autos, breiten Flachbildschirmen und neusten Computern protzen. Selbst die Häuser sind lang nicht so „luxuriös“ wie in Deutschland. Natürlich wusste ich, dass ich gut in Deutschland lebe, aber so richtig habe ich meinen „Lebensstandard“ erst hier schätzen gelernt, z.B. auch, als ich vor einigen Monaten mit meinen Freunden Kaffee pflücken gegangen bin und erfahren habe, dass sie sich damit in den Ferien ihr Geld verdienen, während die Jugendlichen in Deutschland ihr Feriengeld mit wesentlich leichteren und besser bezahlten Jobs aufbessern. Jetzt weiß ich, wie es ist, vom Morgengrauen an mit der „Canasta“ (Korb) die roten Kaffeefrüchte zu pflücken.

Insgesamt ist mein Anspruch auf einen „hohen Lebensstandard“ wirklich gesunken. Auch war ich am Anfang meiner Zeit hier besorgt, was man in meinem 2.000-Seelen Dorf hier überhaupt machen kann. Ich war ja nie ein „Großstadtkind“, aber trotzdem habe ich mich gefragt, ob ich ein Jahr in diesem kleinen Dorf, ohne Cafés, Kinos oder Ähnlichem und scheinbar abgeschnitten von der Außenwelt, glücklich leben könnte. Aber heute weiß ich, dass es das Beste war, was mir hätte passieren können! Hundertprozentig! Das Dorf ist so klein, dass alle Leute sich kennen und so gleich nach kurzer Zeit wussten, dass eine Deutsche im Dorf ist. Außerdem ziehe ich hier mit meinen blonden Haaren, fern von jeglichen Touristen, wirklich immer alle Blicke auf mich, was anfangs auch wieder eine neue Erfahrung für mich war. In größeren Städten oder Touristenzielen ist das natürlich eher nicht der Fall.

Tucurrique

Diese Orte sind aber auch viel gefährlicher. Hier in Tucurrique (meinem Dorf) kann ich zu jeder Tageszeit alleine auf die Straße und fühle mich immer sicher! Während der ganzen Zeit hier habe ich noch nicht einmal gehört, dass irgendetwas geklaut wurde. Es würde ja auch gleich das ganze Dorf wissen, was die Sicherheit hier wirklich groß macht. So kann ich immer raus gehen und weiß, wohin ich gehen kann, um jemanden zu treffen, da ich eigentlich schon alle Jungendlichen kenne und immer irgendwer draußen ist. So genieße ich das Dorfleben hier wirklich und habe im Gegensatz zu vielen, in den Städten wohnenden Freundinnen echte „Tico-Freunde“ (Ticos, so nennen sich die Costaricaner) gefunden. Und auch wenn ich mit ihnen noch nie etwas richtiges „unternommen“ habe, wie Disco, Kino oder Jugendzentrum, hatte ich immer Spaß und es wird wirklich nie langweilig mit ihnen. Und „gefeiert“ habe ich hier eigentlich auch schon viel, ohne mein Dorf verlassen zu haben. Die Leute sind hier nämlich einfach echte „Fiesteros“ (sie feiern gerne) und machen deshalb oft Feiern und laden dazu die ganze Verwandtschaft ein (sprich das halbe Dorf, denn hier ist jeder irgendwie mit dem anderen verwandt).

Am Schönsten sind aber auf jeden Fall die „Quinze-cumpleaños-fiestas“, große Feste, die die Eltern von Mädchen zu deren 15. Geburtstag machen. Das Mädchen, welches Geburtstag hat, trägt immer ein wunderschönes Festkleid, die besten Freunde kommen, alle fast gleich angezogen, fast das ganze Dorf wird eingeladen und natürlich wird (so typisch wie es eben für Costa Rica ist) viel gegessen und getanzt! Und hier tanzt wirklich jeder! Hier gibt es wirklich fast keinen, der sagt „Nee...ich tanz nicht gerne. Kann ich nicht...Nee...“ Den Leuten ist es auch nicht unangenehm, falls sie mal nicht so toll tanzen, das Wichtigste ist der Spaß dabei! So sehen zum Beispiel auch Frauen, die wirklich zu viel Gewicht an sich haben, einfach fantastisch dabei aus, wenn sie sich bewegen! In Deutschland sieht man so was doch wirklich nicht. Es können vielleicht nicht alle perfekt Salsa tanzen, aber Taktgefühl, das haben sie alle! Ich bin wirklich jedes Mal immer wieder aufs Neue unglaublich begeistert davon und auch überhaupt von den schönen Festen. Echt, unglaublich!

Der Nationalfeiertag

Noch eine neue Erfahrung für mich war der Nationalfeiertag! Die Leute sind hier noch richtig stolz auf ihr Land! Schon zwei Wochen vorm Nationalfeiertag wurde alles geschmückt, in der Schule wurde jeden Tag die Nationalhymne gesungen (eigentlich waren es immer vier Hymnen, die Nationalhymne, Hymne der Unabhängigkeit, Hymne des Dorfes und die Hymne der Schule) und das ganze Land war in einer ganz besondern Stimmung. Und dann am 14. September gab es abends sogar in meinem Dorf einen „großen“ Umzug, mit Laternen, Trommeln und Gesang und am 15. September gab es eine große Ansprache, typische Tänze und noch mal einen großen Umzug. In Deutschland können viele noch nicht mal die Nationalhymne und auch ich kann von mir nicht wirklich behaupten, dass ich richtig stolz auf Deutschland bin. Ich bin froh, dass ich in Deutschland lebe, weil es eine ziemlich gute Wirtschaft und Politik hat, aber patriotisch... Nein, eigentlich nicht, was ich aber auch irgendwo schade finde. Die Leute hier haben einen viel größeren Zusammenhalt und selbst ich, als Ausländerin, habe es genossen, dabei zu sein, als das ganze Dorf erst einige Sekunden totenstill war und dann zusammen die Nationalhymnen gesungen hat, die selbst von den Kindergartenkindern schon beherrscht wird. Ich hoffe, dass die Deutschen irgendwann wieder etwas stolzer auf ihr Land sein werden.

Zusammenfassend kann ich nur noch mal sagen, dass die Entscheidung für ein Jahr ins Ausland zu gehen, die beste war, die ich hätte treffen können. Einerseits habe ich Costa Ricas Kultur kennen gelernt, die sich auf jeden Fall stark von der Deutschen unterscheidet und außerdem viele neue Menschen, was mich glaube ich am Meisten geprägt hat. Wie die Menschen hier miteinander, mit mir umgehen...Und ich habe hier viele Menschen getroffen, die ich wahrscheinlich nie vergessen werde! Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen einfach bemerkbar gemacht haben, die mir jetzt schon unglaublich wichtig sind und von denen ich bis heute schon viel, auch über mich, gelernt habe. Dafür bin ich wirklich dankbar!

Dieses Jahr werde ich nie vergessen

Costa Rica ist ein wundervolles Land! Die Menschen, das Essen und besonders auch die Natur! Dieses Jahr werde ich wirklich nie vergessen. Nie. Dafür muss ich auch Ihnen danken! Ohne Ihre finanzielle Unterstützung hätten meine Eltern die Programmkosten nicht bezahlen können und ich hätte zu Hause bleiben müssen. Also noch mal vielen, vielen Dank für Ihre Hilfe! Das Austauschjahr war bis jetzt so toll! Ich weiß jetzt, wann ich mich wirklich gut fühle, mit welchen Menschen ich gerne Umgang habe und was mich unglücklich macht! Und wenn ich jetzt daran denke, dass ich nur noch fünf Monate hier bleiben darf, läuft es mir schon kalt den Rücken runter. Anderseits denke ich mir, dass auch diese Zeit noch unglaublich aufregend sein wird und ich wahrscheinlich bis zum letzten Tag noch dazulernen werde. Da ich nie wieder hierher werde kommen können um das Leben zu leben, das ich hier heute habe, möchte ich meine Zeit hier wirklich noch richtig genießen und das Beste aus jedem Tag machen!

Vielen Dank noch mal für Ihre Unterstützung! Ohne Sie hätte ich diese wahnsinnig schöne Zeit wahrscheinlich nicht erlebt... Danke!