• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Von platanos, pulperías und dem Anhalten meiner Zeit

Lena-Marie, Costa Rica, 2010/11, weltwärts

Von platanos, pulperías und dem Anhalten meiner Zeit

Von Ende Januar bis Ende November 2010 war ich mit weltwärts in Costa Rica und habe dort einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst geleistet. Warum 2010 damit schnell zu dem bedeutendsten und bereichernsten Jahr meines bisherigen Lebens wurde, werde ich im Folgenden beleuchten.

Nicoya

In Guanacaste, der heißesten Gegend Costa Ricas, berühmt für Stierkämpfe, traditionelle Musik, viel Staub und schöne Strände, nicht weit von Costa Ricas Westküste, liegt das kleine Städtchen Nicoya, mein Heimatort für ein Jahr. Sieht man dort Touristen, dann meist an der Busstation, auf ihrer Durchreise zu Stränden, die man in jedem Reiseführer findet. Ich finde es schade, dass die meisten anderen “extranjeros” (Fremden) somit niemals richtig den Charme der Kleinstadt einfangen werden. Das Zentrum Nicoyas ist angeordnet wie ein Schachbrett. Um sich nicht zu verlaufen, muss man sich an den Namen der vielen Gleichaussehenden Ramschläden orientieren, an dem Gemüseladen, dem Supermarkt oder dem sehr wichtigen Chicken- Fastfoodrestaurant. Weil es keine Fußgängerzone gibt, macht der Straßenverkehr die Atmosphäre im Zentrum laut und hektisch. Als Fahrradfahrer hat man es anfangs schwer, bevor man verstanden hat, welche Einbahnstraße in welche Richtung führt. Zufluchtsort ist der kleine Park mit der ersten Kolonialkirche Costa Ricas, auf die die Einwohner Nicoyas besonders stolz sind. Dort entspannen Gruppen Jugendlicher, Pärchen, Familien und Schüler in ihren meist blauen Uniformen.

Begibst du dich raus aus dem Zentrum, in die “Barrios” von Nicoya, triffst du auf eine andere Welt. Jedes Barrio (Viertel) hat seinen eigenen Namen und Ruf. Da sind das Ghetto, das Reichenviertel, das religiöse und das kreative. Das Viertel meiner Gastfamilie heißt “San Isidro”, ist den meisten Costaricanern jedoch unter dem Namen “Caimito” bekannt, benannt nach einem großen Baum am Eingang des Barrios. Eine Schotterstraße führt hinauf zu einem Hügel bis in den angrenzenden Wald. Das Viertel ist sehr grün. Es gibt viel Platz, viel Garten, viele Blumen, Palmen, Hühner und Straßenhunde. Immer hörst du einen Hund bellen oder einen Hahn krähen, auch in der Nacht. Angst vor Farben haben die Costaricaner nicht. Nicoyas Häuser sind bunt, einstöckig, klein, gemütlich und aus Angst vor Einbrechern von großen Gittern umgeben. In jedem Barrio gibt es einige Pulperias, kleine Läden, in denen man die wichtigsten Lebensmittel und viele Süßigkeiten findet. Auf den Straßen verkaufen Einwohner selbst gemachte Teigtaschen und Früchte mit Salz und Zitronensaft. Neben viel Zucker und Fett ist die Mahlzeit täglich dieselbe: Reis, Bohnen, Salat, Kochbananen (“Platanos”) und Hühnerfleisch.

Die Einwohner Nicoyas

Von der Lage und der Architektur Nicoyas also zum Verhalten Nicoyas Einwohner. Wer länger in Nicoya lebt und arbeitet, besitzt irgendwann einen großen unbekannten Bekanntenkreis. Es ist schwierig, sich an alle Personen zu erinnern, denen man vorgestellt wird. Das macht es unmöglich, unbeobachtet durch die Stadt zu gehen. Hinzu kommt das, was die Leute dort “Chismoso” nennen. Diese selbsternannte Eigenschaft der Costaricaner bedeutet, dass die Leute dort gerne reden. Im Vorbau der kleinen Wellblechhäuser werden Geschichten über den Nachbarn, die Lehrerin, den Zahnarzt oder die Frau aus dem Supermarkt “mit dem großen Po und der altmodischen Haarfrisur” ausgetauscht und mit eigenen Erzählungen aufgewertet. So kann es vorkommen, dass du in die Apotheke gehst, um Halswehtabletten zu kaufen und dir am nächsten Tag zu deiner Schwangerschaft gratuliert wird.

Dinge werden meist nicht direkt angesprochen oder ausdiskutiert, was zu komplizierten Situationen führt. Anfangs hat dieser Kulturunterschied bei mir zu großem Heimweh geführt und ich hab mich sehr nach unserer direkten deutschen Art gesehnt, alles bis ins kleinste Detail auszudiskutieren. Nach einiger Zeit jedoch konnte ich mitunter dieses Verhalten akzeptieren. Mehr noch. Ich hab mein eigenes Verhalten und Schwarzweißsehen in Frage gestellt. Was gibt mir das Recht, über richtig und falsch zu entscheiden? Woher weiß ich, welche Kultur und ihre Eigenschaften die bessere ist? Diese Fragen haben mich verwirrt und erschüttert. Aber sie haben mein Denken erneuert und meinen Horizont erweitert. Als ich das erkannt hatte, konnte ich Dinge viel besser unvoreingenommen betrachten und mich an die fremde Kultur anpassen.

Kulturunterschiede

In vielen Situationen also, in denen ich Verhaltensweisen nicht ganz nachvollziehen konnte, wurden die Kulturunterschiede zu Beginn meines Auslandsaufenthaltes deutlich und ich wurde an meine Herkunft erinnert. Meine unabsichtlichen Gefühle und Reaktionen: Ab und zu ein Schmunzeln, lautes Lachen, Heimweh, bis hin zum vorher nie empfundenen Nationalstolz.

Ein Beispiel ist die Sache mit der Kirche. In allen möglichen Situationen wird sich bekreuzigt: beim Vorbeifahren an der Kirche, beim Beginn der Arbeit, vor dem Essen, nach dem Aufstehen und vor dem Einschlafen. Ebenso häufig findet man Jesus an allen erdenklichen Orten: kitschige Aufkleber an Autos, Laternen oder Straßenschildern, Jesus am Busfenster, Jesus an Schulranzen, Jesus auf Parkbänken, Jesus im Fernsehen, Jesus in Liedern und Jesus in jedem zweiten Satz der Costaricaner. Nach einigen Monaten in Nicoya hatte ich das Gefühl, das dort selbst der radikalste Atheist seine Spiritualität findet. Nach der anfänglichen Befremdlichkeit gegen viele Dinge, mitunter gegen diese Frömmigkeit, hab ich jedoch gemerkt, wie viel Halt der Glauben den Menschen dort gibt. Die Glaubensgemeinschaft gibt dort jeder Familie die Möglichkeit, sich sozial einzubinden, egal wie arm oder verrufen sie auch sein mag. Der starke Zusammenhalt in den Familien und der religiöse Zusammenhalt wurden dann nach einigen Monaten von mir als etwas empfunden, das uns in Deutschland immer mehr verloren geht und uns oft fehlt.

Gastfreundlich und sympathisch

Neben vielen Dingen, die ich besonders zu Beginn als anstrengend und seltsam empfand, sind die Costaricaner ein sehr sympathisches, gastfreundliches und warmherziges Volk. Abgesehen von einigen, wenigen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die Verallgemeinerungen über Costa Rica aussprechen lassen, ist es hier nicht anders als in Deutschland oder überall auf der Welt. Es gibt faule Menschen und fleißige, offene und verschlossene, empathische und unfreundliche, intelligente und dumme. Es gibt Menschen, die viel nachdenken und einige, die aus dem Bauch heraus leben. Neben viel Gastfreundlichkeit trifft man dort auch vereinzelt auf Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. In Nicoya wird viel, laut und feurig gesungen und auf den dörflichen Tanzfesten (“Baile”) Salsa und Merengue getanzt. Das Wichtigste ist die Familie. Auch wenn es Probleme gibt, wird zusammengehalten. Mit Ausnahme von einigen undankbaren Menschen sind die meisten hier sehr dankbar. Gibst du etwas, kommt auch das Verlangen auf, dir etwas zurückzugeben und du wirst schnell in viele Familien aufgenommen.

Die wichtigste dieser Familien war natürlich meine Gastfamilie. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten mit der fehlenden Privatsphäre. Wenn ich meine Zimmertüre geschlossen hab, dachten alle sofort ich sei traurig. Es gab anfangs Probleme, Dinge direkt anzusprechen und wenn ich das getan hab, wurde schnell das Gesprächstthema gewechselt. Jedoch war auch anfangs wegen der ungewohnten Situation alles angespannt. Ich fand es anstrengend, so sehr auf mein Verhalten zu achten. Als ich dann aber gut Spanisch sprechen konnte und wir uns besser kannten, gab es keine Probleme mehr. Ich hab es nicht mehr als negativ empfunden, so sehr in die Familie eingebunden zu. sein. Ich wusste es zu schätzen, wie viel ich dadurch gelernt habe. Seit meiner Rückkehr nach Deutschland hab ich regelmäßig Telefon- und Emailkontakt zu meinen Gasteltern. Ich halte meine Gastmutter für eine der weisesten Personen, denen ich je begegnet bin und ich bin froh, dass durch den Aufenthalt in ihrer Familie eine beständige Freundschaft geschaffen wurde.

San Ambrosio

Am Rand von Nicoya, 5 Minuten entfernt von meiner Gastfamilie, liegt San Ambrosio, eine von drei mexikanischen Nonnen geleitete, katholische Schule... mein Arbeitsplatz während des Freiwilligendienstes. Von Februar an habe ich zwei junge Englischlehrerinnen in ihrem Unterricht der 1.-5.Klasse begleitet. Es kam jedoch öfter mal vor, dass eine der beiden wegen Erkältung oder ihrer Tochter nicht anwesend war. Das bedeutete dann für mich meist 2 Minuten vor Unterrichtsbeginn: improvisieren! Eine Unterrichtseinheit dauert 1 Stunde und 30 Minuten. Was in Deutschland heiß diskutiert wird, hab ich mir dort ab und zu gewünscht: getrennte Schulen. Unter den ca 25 Schülern in jeder Klasse ist von verhaltensgestörten bis zu hochintelligenten Kindern alles dabei. Das hat es mir zu Anfang besonders schwierig gemacht, alle unter ein Dach zu bringen und alleine zu unterrichten. Nach ein paar Wochen hatte ich mich an das Improvisieren gewöhnt. Mir fiel immer was ein, um die Kinder zu unterhalten und ihnen gleichzeitig Englisch beizubringen. Ich kannte nach den ersten zwei Monaten alle Namen, wusste, wer auf meine Fragen antwortet, wer kein Wort versteht, wer ständig versucht, meine Aufmerksamkeit zu erkämpfen, wer trotz Unterrichtsbeginn noch an meinem Bein hängt, wer gerne malt, wer lieber schreibt, wer am lautesten singt, wer über alles meckert, wer am sensibelsten ist und wer am frechsten.

Meine Arbeit in der Schule

Das ist der Punkt, den ich an meiner Arbeit in der Schule am meisten geliebt hab. Jeder der 130 Schüler, die ich wöchentlich unterrichtete, hatte sein eigenes Gesicht, einen eigenen starken Charakter. Jeden Tag brachte mich irgendein Schüler zum Lachen, hat mir eine Zeichnung geschenkt, eine Blume oder eine Mango, hat mich gedrückt und mir gesagt, dass er mich lieb hat. Auch wenn ich schnell das Gefühl hatte, dass ich nicht mehr nur “Teacherassistent” und oft überfordert war, wurde mir doch stets unglaublich viel zurückgegeben.

Die Schüler gaben mir sehr viel Kraft. Aber auch die Gewissheit um die Erfahrung. Schnell hatte ich mich daran gewöhnt, im Unterricht auf 10 Dinge gleichzeitig zu achten. Ich konnte die Kinder unterhalten und mir gleichzeitig den nächsten Schritt überlegen, streng sein und doch die Kinder zum Lachen bringen. Trotz anfänglichen Schwierigkeiten und Überforderung hatte ich das Gefühl, dass es kaum noch Dinge gab, die ich mich nicht traute. Ich hatte keine Angst, vor den Kindern laut zu singen oder Theater zu spielen und hab gelernt was Geduld bedeutet.

Jeden Mittwoch hatte ich meinen eigenen Englischworkshop mit Schülern aus der 5. und 6. Klasse. In diesem Alter fangen die Jugendlichen langsam an, zu rebellieren und wollen sich gegenseitig gefallen. Ich musste mich in deren Verhalten und Gedanken reinversetzen, um zu wissen, was ihnen Spaß macht. Wir haben englische Lieder gelernt, gesungen und getanzt und zusammen Musikvideos erstellt. Jeden Tag wurde ich an meine Kindheit erinnert. Mir fielen Dinge ein, die ich schon vergessen hatte, fühlte mich oft selbst wie ein Kind und im nächsten Moment als Autoritätsperson sehr erwachsen. Jede Klasse hat einen Tag des Schuljahres außerhalb der Schule verbracht, um besinnlich Dinge zu reflektieren und zu erarbeiten. Meist ging es um ein friedvolles Miteinander, um sinnvolle Regeln und darum, welchen Einfluss Jesus Lehren auf unser Leben haben können. Sobald ich gut genug Spanisch sprechen konnte, durfte ich diese Tage mit vorbereiten und durchführen.

Das Weihnachtsprojekt

Meine Arbeit als Freiwilligendienstleistende bestand in den ersten acht Monaten also hauptsächlich darin, an einer katholischen Schule Englisch zu unterrichten. Dadurch hatte ich viel gelernt über die Kultur, die Sprache und die Menschen in Costa Rica. Und ich wusste, dass es Orte und Menschen gibt, die mehr Hilfe benötigen als die Schüler an der dieser Schule. Ich wollte helfen, doch anfangs wusste ich nicht wie.

...bis mir Digna von ihrer Idee erzählt hat. Digna war zu dem Zeitpunkt Kindergärtnerin an derselben Institution und lebt in “los Hondores de Casitas”. Hondores ist ein kleines, armes Dorf mit ca 200 Einwohnern in der Nähe von Nicoya. 90% der Familien leben ohne sicheres Einkommen und ein Großteil der Berufstätigen ist in der Landwirtschaft tätig. Weil es weder Busanbindung noch eine dorfeigene Schule gibt, müssen die Kinder jeden Tag 3 Kilometer bis zum nächsten Ort laufen.

Weil jede Familie viele Kinder hat, wusste ich, dass das Weihnachtsfest in Hondores Häusern anders abläuft als bei uns in Deutschland. Vielleicht mit einem kleinen Weihnachtsbaum , aber ohne Geschenke. Das wollte Digna ändern und ich hab ihr 2010 dabei geholfen. Ein Jahr zuvor hatte sie das erste Weihnachtsfest in ihrem Garten für Hondores Kinder veranstaltet. Sie hat vorher Geld gesammelt, um einen Clown, Essen und Dekoration zu bezahlen und sie hat in Nicoya Paten gesucht. Stolz und mit Tränen in den Augen hat mir Digna an einem Schultag vom letzten Weihnachtsfest erzählt. Davon, wie die Kinder glücklich die Weihnachtsgeschenke ihrer Paten auspacken durften.

Geschenke

2010 wollten mehr Kinder in Hondores am Weihnachtsfest teilnehmen. Digna zeigte mir eine lange Liste aller Kinder mit deren Namen und Alter. Sie hatte zu dem Zeitpunkt noch kaum Leute gefunden, die einem unbekannten Kind ein Weihnachtsgeschenk zukommenlassen würden. Ihre Geschichte, ihre Idee war dann meine Möglichkeit, etwas zu bewegen, ein Projekt aufzubauen zwischen Deutschland und Costa Rica. Es sollte ein persönliches Projekt sein. Dafür hab ich dann in Deutschland 50 Freiwillige gefunden, die bereit waren, eine Patenschaft zu übernehmen. Jeder Pate hat ein Geschenk und eine Weihnachtskarte für sein Patenkind an meine Adresse in Costa Rica geschickt. Ich hab die Geschenke verpackt und die Weihnachtskarte ins Spanische übersetzt. Das bedeutete für meine letzten vier Monate in Costa Rica viel Arbeit. Die Arbeit in der Schule war meist gegen 14 Uhr beendet. Bis abends hab ich dann meist im Internetcafé an dem Projekt gearbeitet.

Am 26. Dezember konnte ich dann sehen, was ich mit meiner Arbeit erreicht hab. Mit den Spenden aus Deutschland, die ich für das Projekt gesammelt hatte, hat Digna einen Clown ein großes Weihnachtsessen und Süßigkeiten für alle Kinder organisiert. Am Abend gab es Geschenke für alle 100 anwesenden Kinder. Danach hab ich mit den Kindern der deutschen Paten Dankeskarten gebastelt, diese übersetzt und in Deutschland ihren Paten zukommen lassen. Fotos vom Weihnachtsfest und ein kleiner Projektbericht befindet sich auf der Blogseite hondores.blogspot.com Ohne dieses Projekt, auf das ich sehr stolz bin, hätte ich in Costa Rica wahrscheinlich das Gefühl gehabt, nicht genug erreicht zu haben. Um dieses Projekt umsetzten zu können, musste ich jedoch erst die Kultur und die Sprache kennen. Im Nachhinein kann ich eine Sache klarer betrachten als während meines Aufenthaltes in Costa Rica:

Meine Rolle als Freiwilligendienstleistende

Vor der Einreise nach Costa Rica wurde uns zum Beispiel auf den Vorbereitungstreffen gesagt, dass wir nicht zu viel erwarten dürften. Wir würden nicht viel ändern oder große Dinge vollbringen, weil uns dazu die notwendigen Fähigkeiten und die Ausbildung fehlen. Das, was meine Rolle als Freiwillige in Costa Rica ausmachte, waren kleine Dinge. Zunächst war es wichtig, einfach dort zu sein. Dank der Arbeit in der Schule mit vielen Schülern und deren Familien kannten mich viele Leute in meiner Kommune. Sie wussten: da ist die Deutsche, die von sehr weit her kommt, um uns zu helfen und bei uns zu sein. Sie tut das alles, ohne etwas dabei zu verdienen. Sie lässt ihre Familie und Freunde in Deutschland zurück, um unsere Kultur kennen zu lernen. Sie kennt unsere Nationalhymne, kann unsere Gerichte kochen und lernt viel, um unsere Sprache sprechen zu können. Sie interessiert sich für uns. Ich war eine der wenigen Deutschen, die die Einwohner Nicoyas in ihrem Leben kennen lernen. Folglich hab ich mit meinem Verhalten und meinen Erzählungen ein Bild von Deutschland in den Köpfen der Menschen vor Ort konstruiert. Und so ist eine internationale Beziehung entstanden, die die Politik oder die Medien niemals in der Form erreichen können.

Der Horizont der Menschen, die Teil dieser Beziehung waren, hat sich erweitert. Die Angst vor dem Anderen wurde kleiner und es entstand gegenseitiges Interesse und Freundschaft. Oft hab ich zu meinen Schülern gesagt: „In so kurzer Zeit hab ich Spanisch gelernt. Und was ich kann, das könnt ihr auch.“ Mit meiner Anwesenheit hab ich folglich das Interesse am Anderen gefördert, das Interesse andere Sprachen zu lernen und die Neugier nach anderen Ländern und Kulturen. Ich weiß jetzt, dass ich damit eine große Verantwortung getragen hab. Denn eine Denkweise können wir nicht ändern: „So wie die so sind alle Deutschen!“ Ich war also eine Vertretung meines Landes und musste diesbezüglich stets auf mein Verhalten achten.

AFS Costa Rica

Wie mit vielen Dingen in Costa Rica hatte ich auch Glück mit meiner Kontaktperson in Nicoya. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin von AFS und, wie ich öfter zu ihr gesagt habe, „die Mama“ aller Austauschschüler und Freiwilligen in Nicoya. Sie hat mir bei allen Problemen geholfen und war stets darum bemüht, das ich nicht ausgenutzt wurde. Wir hatten drei Treffen mit AFS in San José. Die Treffen waren gut, um Organisatorisches zu klären und die bisherige Arbeit, sowie darauf folgende Projekte zu reflektieren. Besonders hilfreich in Bezug auf den Freiwilligendienst war ein 10-tägiges Sprachcamp zu Beginn. Ohne das Sprachcamp hätte ich mit Sicherheit spanisch nicht so schnell beherrscht und hätte wesentlich mehr Probleme mit dem Zurechtfinden in der costaricanischen Kultur gehabt.

Wie es weitergeht

Entwicklungszusammenarbeit fördert ein friedliches Miteinander der Länder auf unserer Erde. Wie bereits erwähnt muss dafür das „Andere“ akzeptiert werden. Dazu ist es erforderlich, dass Ängste und Misstrauen beseitigt werden. Ich bin mir sicher, dass wir diese Ziele nur durch Interesse an anderen Kulturen und Weltoffenheit erreichen können. Durch den Aufenthalt in Costa Rica bin ich nicht mehr nur „deutsch“. Ich empfinde mich vielmehr als Europäerin und als Weltbürgerin. Ich weiß, dass unsere Mitmenschen in Costa Rica genauso sind wie wir, einfach nur in anderen Verhältnissen und mit anderen Umständen aufgewachsen. Ich will, dass die Länder friedlich und respektvoll miteinander umgehen, bin jedoch dagegen, dass der Kapitalismus und die Globalisierung die natürlichen Grenzen unterschiedlicher Kulturen einreißen. Das ist ein großes Anliegen und ich weiß noch nicht, wie ich persönlich meinen Teil dazu beitragen kann. Ich hoffe jedoch, mich in meinem zukünftigen Studium weiter damit beschäftigen zu können. Außerdem werde ich mich darüber informieren, welche Organisation mir am meisten zusagt und versuchen, für diese zu arbeiten. Besonders interessant finde ich das Thema der Immigration, mit dem ich mich schon vor meinem Freiwilligendienst beschäftigt habe.

Wichtig ist mir aber vor allem, dass ich niemals meine Erfahrung und das daraus gelernte vergessen und mich immer dementsprechend verhalten werde. Denn während ich hier so sitze und über alles nachdenke, weiß ich, dass das weltwärts-Jahr in Costa Rica genau die richtige Entscheidung war. Was man in Deutschland oft zu hören kriegt: “Die Zeit vergeht immer schneller!” Und es ist wirklich so. Man sehnt sich nach Gewohnheit und Sicherheit, geht zur Schule, zur Uni und danach arbeiten, gründet eine Familie und wird alt. Ich hab das Gefühl, ich hätte meine Zeit angehalten. Ich war in Costa Rica und weit weg von alledem. Dort hatte ich die Gelegenheit, Gegensätze kennen zu lernen und eine andere Kultur. Ich konnte mich besser kennen lernen und meine eigene Geschichte neu schreiben.