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Das Austauschjahr mit einem Leben vergleichen...

Kamila, Polen, 2009/10,

Das Austauschjahr mit einem Leben vergleichen...

Ich gucke auf die Zeit, die schon vorbei ist. Etwa neun Monate. Ich habe den Eindruck, als ob ich hier vor ein Paar Woche gekommen wäre. […].Ich erinnere mich an so viele Sachen gleichzeitig, an so viele verschiedene Ereignisse, Leute, meine Gefühle. Das ist nicht zu beschreiben. Es ist so viel passiert in so einer kurzen Zeit.

Man könnte das Austauschjahr mit einem Leben vergleichen. Jemand wird geboren, dann stellt er erste Schritte, lernt erste Worte, kennt die Umgebung und Leute lernen, wird immer schlauer, sicherer, erwachsener. Dann plötzlich ist er schon selbstständig, hat seine Freunde, Interesse, Passionen, Prioritäten – sein Leben. Ja. In Deutschland habe ich ein neues Leben begonnen. Mein zweites Leben.

Neue Interessen gefunden und neues Essen probiert

[…] Ich denke, die ersten vier Monaten waren eine Zeit alles kennen zu lernen , sich einzuleben. Es war interessant, spannend, jeder Tag brachte etwas Neues mit. Für mich war das eine Zeit, wo ich am meisten lernte – sowohl Sprache, Kultur als auch mich selbst, meine Eigenschaften aber auch Talente und Fähigkeiten. Ich habe meine Hobbys gemacht (Basketball trainieren), ich habe neue Interesse gefunden (Theater), neue Essen probiert (Spätzle) und viele, andere, interessante Sache gemacht. Und eigentlich hat das alles meine ganze Zeit erfüllt. Und natürlich – die Familie. Für alles, was ich habe bin ich vor allem ihnen dankbar. Sie haben mir alles gezeigt, gelehrt, alle meine Sprachfehler korrigiert. Sie haben am meisten gesehen, wenn es mir schlecht ginge, sie haben mich getröstet und ihnen konnte ich ruhig sagen, wenn es in der Schule mal nicht so lief. Sie haben sich um mich gekümmert, wenn ich krank war, ihnen habe ich jeden Abend '' Gute Nacht '' gesagt. […] Meine Familie hat mich erzogen – auf deutsch erzogen und es ist mein echtes Zuhause geworden, wo ich Eltern und Geschwister habe, wo ich mich sicher fühle und wohin ich immer zurückkommen darf. Dieses Jahr war aber auch keine einfache Zeit. Bevor ich ehrlich sagen konnte, meineFamilie meine Familie ist, bevor ich das richtig gefühlt habe...na ja...Es ist noch viel passiert. […] Es war schwer sich in der Familie und der Schule richtig einleben, Freunde zu finden, Heimweh zu überwinden, Kultur und Mentalität zu verstehen.

Im Januar hatte ich so ein Tief! Ich wollte nach Hause fahren. Ich hatte den Eindruck, dass die zehn Monate nie vorbei sein werden. Ich war hoffnungslos, verzweifelt und ich wollte nur, dass die Zeit schneller vorbei geht. Ich wollte nicht, dass meine polnische Familie sich um mich sorgt – deswegen sagte ich ihnen nichts und darum hatte ich auch keine Unterstützung von ihrer Seite. Die wichtigste Person, der ich vertraut habe (meine Gastschwester) war nicht da. Ja. Ich konnte doch meinen Freuden aus der Klasse etwas sagen, aber damals dachte ich, dass sie mich nicht verstehen können und außerdem hatte ich echt eines Tief – dachte ich also, dass ich keine Freunde habe und keine mehr finde. Na ja...In solchen Momenten muss man halt wissen, dass das nur eine schwierigere Zeit ist, die man durchziehen muss und – wie meine deutsche Mutter immer wiederholt hat – sich nicht hängen lassen. Und obwohl es das schwer zu sein scheint, bringt es am Ende gute Früchte. Solche Erfahrungen stärken einen.

Ich habe vergessen, dass Deutschland nicht meine Heimat ist

Manchmal, um wieder aufzustehen, braucht man eine weile Zeit, manchmal andere Personen […] Aber irgendwann kommt man davon raus und da beginnt es das richtige Leben. Ich habe sogar nicht bemerkt als die Zeit vorbei war und alles wieder normal geworden ist – normal in dem Sinn, dass es kein Tief mehr gab. Jedoch in meinem Leben war alles irgendwie anders. Langsam ist alles Alltag geworden. Ich weiß, dieses Wort kling so langweilig, aber ich habe darin etwas Wichtiges bemerkt. Ich habe nicht mehr das Leben gelernt, beobachtet usw. Ich habe begonnen mit diesem Leben zu leben. Ich bin ein echter Teilnehmer des deutschen Lebens geworden. Ich habe einfach vergessen, dass Deutschland nicht meine Heimat ist, dass meine Familie – Gastfamilie ist, dass ich nicht meine Sprache spreche. Ich habe vergessen, dass ich im Austausch bin, welcher Monat gerade vorbei geht und, dass ich eine polnische Handykarte in meiner Schublade habe.

Das zweite halbes Jahr ist viel schneller als vorherige gegangen. […] Mit der Zeit ist mein Zuhause wie echtes Zuhause geworden. […] Das ist unmöglich, wie das alles sich verändert hat. Ich habe meine Familie so gut kennen gelernt. Ich kenne ihre Persönlichkeiten, ihre Eigenschaften, Vorteile, Nachteile. Und sie haben mich eben so kennen gelernt. Meine Schwester - die beste ältere Schwester, die ich mir überhaupt vorstellen könnte! Ich habe dieses Leben so geliebt. Einfach geliebt. Ich liebe mein Haus, […] mein Zimmer, den Weg von der Bushaltestelle nach Hause, die Landschaft, die ich um mich herum bewundern kann, mit meiner Familie zusammen essen, Witze machen und die Leute, die mir so nah geworden sind.

In Deutschland gute Freunde gefunden

In meinem zweitem halbes Jahr habe ich mich hauptsächlich auf die Menschen konzentriert, auf die Zeit, die ich mit ihnen verbringe, auf meine Freunde. Genau – Freunde. Noch vor ein Paar Monate dachte ich, dass das unmöglich zu erobern ist. Um richtige Freundschaft zu knüpfen und um jemandem wirklich zu vertrauen braucht man immer ein bisschen Zeit. Ich konnte lange Zeit nicht ehrlich sagen, dass jemand mein Freund oder Freundin ist. Ich war einfach sehr unsicher, wenn es darum geht. Und ich habe sogar nicht bemerkt, wenn meine Freunde aufgetaucht sind. […] Ich habe in Deutschland sehr gute Freunde gefunden und viele neue Bekannte kennen gelernt. Freunde, mit denen ich viel Spaß haben kann, die ich immer anrufen kann, mit denen ich etwas unternehmen kann. AFS-Freunde, Freunde aus der Klasse und andere. […] Mein Basketballteam, wo ich so viel gelernt habe und einfach besser geworden bin. […] Nein! Das kann man doch alles nicht beschreiben! Ich habe alles in Deutschland bekommen, was ich mir nur wünschen könnte! Meine Familie, Freunde, meine Erfahrungen, Erlebnisse... Ich liebe dieses Leben. Ich liebe es.

Jedoch es kommt langsam der Tag, an dem ich wegfahren muss. Und obwohl ich daran überhaupt nicht denken will, ich sehe das Datum im Kalender, am Computer, ständig höre ich Fragen, die meines Abfahren betreffen. Ich weiß, dass ich bald fahren muss, aber ich glaube das einfach nicht! Es scheint mir unrealistisch – Deutschland zu verlassen und wieder nach Polen zukommen. […] Ich weiß nicht, was ich mache, wenn die Zeit echt kommt. Ich kann mir nicht vorstellen in den Zug einzusteigen, sich mit meinen Eltern, meiner Schwester, meinen Freunden zu verabschieden! Dass ich nach Polen komme und polnische Sprache hören werde, keine deutsche Nachrichten im Radio mehr, […] keine Spätzle, kein schwäbischer Dialekt, keine Austauschschülern...Ich kann mir das wirklich nicht vorstellen. […] Während dieses Jahres habe ich sehr meine Familie und Freunde in Polen vermisst. Jetzt weiß ich, welche meiner Freunde richtige Freunde gewesen sind, die trotz vieler Kilometern bei mir gewesen sind und auf mich gewartet haben. Vor allem, weiß ich jetzt zu schätzen, was ich in Polen verlassen habe, nämlich meine Familie. Durch die Trennung mit ihnen und durch das Leben mit anderen ist es mir so klar geworden, wie sie wichtig für mich sind! Ich freue mich schon auf den Tag, wenn ich meine Eltern und Geschwister in die Arme nehmen kann.

Der Abschied von Deutschland

Ich denke, dass jeder Austauschschüler eine innere Zerreißung hat. Einer Seite wartet man schon um eigene Familie zu sehen, anderer Seite. […] Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich aus Polen weggefahren bin. Ich weinte, weil ich wusste, dass ich alle sehr vermissen werde. Ich war aber auch gespannt, neugierig und für das große Abenteuer bereit. Ich saß in dem Bus und ich hatte verschiedene Vorstellungen, Erwartungen aber eigentlich hatte ich keine Ahnung, was auf mich wartet. […] In einem Monat sitze ich mich wieder in dem Bus. Und ich werde mit dem gleichen Weg fahren. Und eigentlich komme ich als die gleiche Kamila wie vorher zurück. Nur anstatt zwanzig Kilos Bagage werde ich vierzig Kilos haben. Ich werde kein ein Koffer tragen müssen, sonder zwei oder noch mehr. Mit viel mehr Erfahrungen, mehr erwachsen, mit wunderschönen Erinnerungen an Familie und Freunde und dass ich nach Deutschland immer zurückkommen werde – mit einem Reichtum, das für immer in meinem Herz bleibt.

Kamila aus Polen, 2009/10