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Es gibt kein gut oder schlecht, nur ein anders

Dominic, Dominikanische Republik, 2013/14, weltwärts

Eigentlich war die Dominikanische Republik nie meine erste Wahl. Ich wollte nach Costa Rica, Panama oder Mexico. Als ich nun auf dem Auswahlbogen das vierte Präferenzland angeben sollte, fiel mir nichts mehr ein. Aber irgendwie fand ich den Gedanken lustig, dass „Dominic in die Dominikanische Republik“ geht. Es sollte wohl so kommen…

Mein Leben und die Arbeit im Projekt

Zusammen mit Torge, meinem (nord-)deutschen Kollegen habe ich bei El Limón, an der Autobahnausfahrt Yaguate, gewohnt und gearbeitet. El Limón ist ein kleines Dorf im Süden der Insel, etwa dreißig Kilometer von Santo Domingo entfernt, inmitten von Rohrzuckerfeldern und einer hügeligen, saftig grünen Landschaft. Unsere Unterkunft ist auf dem Grundstück der „Rancho el Campeche“, eine Art Campingplatz mit vielen Bungalows für Touristen und größere Gruppen - mit Versammlungsmöglichkeiten, einem Pool, Tieren, viel Natur und Bäumen. Wir wohnten in einem Backsteinhaus mit zwei Zimmern. Daran angrenzend sind eine Küche, ein kleiner Vorgarten und ein Wasch-Haus. 24-Stunden Strom, fließend Wasser. Alles was man zum Leben braucht und mehr, ein höherer Standard als es ihn im Dorf selbst gibt.

Mein Arbeitstag beginnt in etwa um 8:00 Uhr in der Früh. Warum schreibe ich „in etwa“? Die Uhren ticken in der Karibik einfach ein bisschen anders, ein paar Minuten hin oder her, was macht das schon?! Anfangs war es schwer für mich, mit dem anderen Verständnis von Pünktlichkeit klarzukommen. Gerade ich, der normalerweise 5 Minuten früher dran ist. Nach etwa 20 Minuten Fußmarsch, vorbei an Feldern und Farmen erreiche ich El Limón. Ein einfaches Dorf mit ungefähr 400 Einwohnern, entlang der Hauptstraße gebaut. Es gibt kein fließend Wasser - die Leitung soll gebaut werden, doch die Baustelle zeigte in diesem Jahr leider keine wirklichen Fortschritte. Es fehlt das Geld um den Bau voranzutreiben. Kinder laufen mit Kanistern teilweise bis zu 5-mal zum im Dorfinneren gelegenen Wasserdepot (einfache Strecke: etwa 1-2 km). Strom gibt es. Wenigstens einige Stunden pro Tag. Von der Hauptleitung wird illegal Strom abgezapft. Fährt ein Fahrzeug der Stromgesellschaft auf Kontrollfahrt durch das Dorf, verbreitet sich diese Nachricht schneller als ein Lauffeuer und die Kabel werden entfernt, um sie später wieder festzuklemmen. Die wenigsten bezahlen für Elektrizität, bzw. können sich den Strom leisten. Vorbei an einfachen Holzhütten, an Leuten die auf Plastikstühlen sitzen und vorbei an zahlreichen „Colmados“ (so heißen kleine Tante-Emma-Läden) laufe ich in Richtung Grundschule: Escuela Básica de El Limón.

Musik- und Gitarrenunterricht

Jeden Dienstag und Donnerstag findet in der Grundschule von Los Francos der Gitarrenkurs für Kinder der dritten und vierten Klasse statt. Ich habe vier Gruppen, jede Gruppe mit a drei Kindern, 10 bis 14 Jahre alt. Mein Projekt stellt der Schule vier Gitarren, einige Trommeln und weitere Rhythmusinstrumente bereit. Normalerweise beginne ich den Unterricht mit kleineren musikalischen Spielen und Übungen. Danach beschäftigen wir uns z.B. mit dem theoretischen Aufbau der Instrumente, mit Malen und Zeichnen und dem Gitarren- bzw. Trommelspielen.

Mein größtes Problem im Allgemeinen ist die Teilnahme am Unterricht und die Motivation der Schüler. Oft kommen einige gar nicht in die Schule, da sie zu Hause helfen müssen oder keine Lust haben. Ebenso haben sie keine Instrumente zu Hause und können somit auch nicht üben, was das erfolgreiche Erlernen eines Instrumentes quasi unmöglich macht. Was hinzukommt: bei Regen, am Zahltag oder bei Krankheit bleibt die Schule geschlossen. Teilweise habe ich das Gefühl, dass mindestens einmal pro Woche ein Tag ausfällt. Während der Freistunden spielen andere Kinder draußen im Hof und meine „Gitarrenkinder“ wollen dann auch nicht mehr so richtig mitmachen und würden auch lieber draußen toben. Rückblickend kann ich sagen, dass den Kindern der „Musikunterricht“ großen Spaß macht. Unser abschließendes kleines Konzert an der Zeugnisübergabe war der Höhepunkt unseres musikalischen Schuljahres.

Englischkurs

Durch meine Musikstunden hatte ich ziemlich viel mit der Lehrerin der vierten Klasse von Los Francos zu tun, die mich fragte, ob ich ihr nicht bei Ihrem Englisch Unterricht helfen könnte. Ihr großes Problem war, dass sie leider gar kein Englisch kann, es aber unterrichten soll. Die Rahmenbedingen des Unterrichts waren nicht gerade ideal: Donnerstagnachmittag, letzte Stunde. Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, kann ich es keinem Schüler wirklich übel nehmen zu dieser Uhrzeit keine Lust mehr auf Unterricht zu haben. Doch das weitaus größere Problem für mich ist die Motivation der Schüler und die unterschiedlichen Leistungsniveaus. Etwa 15 der 20 Schülerinnen und Schüler können sehr schlecht oder überhaupt nicht lesen bzw. schreiben, noch nicht einmal ihren eigenen Namen. Frontalunterricht wie ihn bei uns wohl die meisten kennen (Lehrer sagt etwas, schreibt es auf die Tafel, Schüler schreiben ab, lernen daheim etc., kommen zurück, Test, haben gelernt, oder auch nicht…. Etc.) der war eher nicht möglich. Improvisieren. Wir lernten nun also die Farben, Nummern und eine einfache Vorstellung durch hören. Doch am Ende des Jahres gab es auch einige Erfolge zu verbuchen, da durch häufige Wiederholung wohl doch etwas hängenblieb. Zwei Schüler beeindruckten mich in dieser Zeit besonders. Einer konnte wirklich schlecht lesen, doch merkte sich alle Worte mit einer solchen Leichtigkeit. Und der andere war fleißig, schrieb mit und lernte zu Hause alles, was er in der Schule aufgeschrieben hatte. Solch eine Arbeitsweise habe ich in diesem Jahr nur bei ihm gesehen. Francisco lebt in einfachsten Bedingungen, in einem Haus mit Lehmboden, alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Doch was er hat, was viele seiner Mitschüler von zu Hause nicht erfahren, ist Unterstützung. Er möchte studieren und Arzt werden.

Hausaufgaben Betreuung

In der unterrichtsfreien Zeit hatten die Kinder die Möglichkeit an der Hausaufgabenbetreuung teilzunehmen. Zu diesem Zweck besitzt die Stiftung „Fundacion – Iniciativas de Cultura y Desarollo“ ein Grundstück neben der Schule in El Limón. Ein überdachter Bereich, eine Art Gartenlaube, ein Sanitär-Häuschen und ein Basketball Platz. Die Umsetzung der Hausaufgabenbetreuung gestaltete sich leider teilweise als ziemlich schwer. Der Grund: Anfangs waren Torges und meine Sprachfähigkeiten ziemlich begrenzt. Dadurch verbüßten wir einiges an Autorität. Bedeutet so viel wie: Die meiste Zeit hatten wir damit zu tun, die Kinder im Zaum zu halten. Was dazu kam: der große Altersunterschied. 4 – 16 Jahre. Und: die Kinder konnten freiwillig kommen und gehen wann sie wollten, dadurch war es schwer, klare feste Strukturen einzuführen und zu erhalten. Doch trotzdem hatten wir einen festen Kern an Kindern, welcher regelmäßig anwesend war. Unsere Beschäftigungsmöglichkeiten waren vor allem: Ballspiele, Seile, Bingo, Brettspiele, Stifte zum Malen, Bücher. Besonders vom Basketballspielen waren die Kinder begeistert.

Probleme und Organisation

Die Rancho El Campeche ist das „Kernstück“ der „Fundacion – Iniciativas de Cultura y Desarollo“. Die Idee: Die Ranch bietet Platz für etwa zweihundert Gäste. Es werden Grundätze des Umweltschutzes vermittelt wie z.B. Recycling, Wiederverwertung etc. Die Mauern sind größtenteils kunstvoll aus gebrauchten Bierflaschen gemauert, der Müll wird getrennt und viel wird selbst erzeugt (Bananen, Yuka, Mais sowie Tierhaltung). Es kann entweder in liebevoll gestalteten Gasthäusern, in großen Schlafsälen oder in Zelten geschlafen werden. Die Ranch schafft Arbeitsplätze in El Limón. Durch die Einkünfte werden (wenigstens teilweise) die Freiwilligen finanziert, die im Dorf arbeiten. In meinem Fall waren das Torge und ich.

Das Büro mit vier Festangestellten, welches unseren Einsatz und den Betrieb auf der Ranch koordiniert, ist in Santo Domingo. Oft hatten wir das Problem, lange auf konkrete Antworten warten zu müssen. Niemand hatte genau eine Ahnung und man wurde stets weitergeleitet. Auf diesem Wege konnten wir leider einiges nicht verwirklichen und unsere Anfragen nach Materialien oder finanziellen Mitteln verliefen sich im Nichts. Andersherum, bei Aufträgen wie von dem von Torge und mir geplantem abschließenden Zeltlager wollte jeder etwas zu sagen haben und wie man so schön sagt „zu viele Köche verderben den Brei“. Zudem hatten wir das Problem, dass unser einheimischer Mentor in Santo Domingo studiert und meist gar nicht bei Aktivitäten anwesend war bzw. daran interessiert richtig mit uns zu arbeiten. Doch das ermöglichte es uns, im Großen und Ganzen sehr frei zu arbeiten und Projekte zu verwirklichen. Was gefragt war: Eigeninitiative sowie eigenverantwortliches, selbstständiges Handeln.

Projekt Fazit

Ich habe einen großen Respekt vor meinen Ex-Chefinnen und dem Auf-die-Beine-stellen der Stiftung und des Projekts. Ohne unsere Arbeit, die wir im vergangenen Jahr vollrichtet haben, hätten die Kinder oftmals keine andere Beschäftigung gehabt, als zu Hause zu sein oder auf der Straße zu spielen. Die Idee, Kinder von der Straße zu holen und ihnen durch Bildung eine bessere Zukunft zu ermöglichen, sowie Arbeitsplätze zu schaffen, hat mich überzeugt. Das Projekt in El Limon hat sehr viele Möglichkeiten aktiv zu werden und mitzuarbeiten. Vielleicht war es nicht immer leicht, vielleicht wäre ein „Fachmann“ an Ort und Stelle sinnreicher gewesen, hätte mehr erreichen können, doch wir haben uns so gut eingebracht wie wir konnten. Leider scheiterte vieles an fehlender Kommunikation und Chaos. Das lag vielleicht auch daran, dass im Umfeld meiner Chefinnen, ein zu bewältigendes Problem und eine Umstrukturierung im Freiwilligenprojekt der Auslöser des Durcheinanders war.

Ein Fazit zu „weltwärts“

Ich habe mich dieses Jahr häufig kritisch mit dem weltwärts-Gedanken auseinander gesetzt, weil ich ehrlich gesagt auch den Nutzen meiner Arbeit hinterfragt habe. Doch für mich, bin ich 1. der Meinung, dass es eine super Möglichkeit ist, ins Ausland zu gehen und dort etwas zu leisten. Jedoch liegt es 2. an jedem Freiwilligen selbst, wie sinnvoll das Jahr letzten Endes wird. Ich bin sehr dankbar dafür, die Möglichkeit bekommen zu haben, diesen Freiwilligendienst machen zu dürfen und werde mich deswegen auch in Zukunft weiterhin engagieren. Ich habe gelernt, aus meiner eigenen Perspektive auszubrechen und Probleme oder Schwierigkeiten von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Wir Freiwillige sind nicht da, um die Welt zu verbessern und den „westlichen Segen“ zu bringen, sondern über unseren Tellerrand hinauszublicken und von den Anderen zu lernen. Denn es gibt kein Gut und kein Schlecht sondern nur ein Anders.

Manchmal musste ich schon ziemlich schlucken. Wenn man sich darüber klar wird, was man selbst für eine Möglichkeit hat. Mit 19 Jahren ein Jahr in einem anderen Land verbringen zu können. Gleichaltrige in meinem Dorf waren teilweise noch nicht einmal in ihrer eigenen Hauptstadt – die ungleiche Verteilung von Vermögen. Im weltweiten Sinne, aber auch direkt im Gastland. Ich habe noch nie so viel Armut gesehen. Andererseits habe ich vor diesem Jahr auch noch nie solche Häuser, Penthäuser und Prachtvillen betreten. Gegensätze liegen manchmal sehr nah beieinander. Arm und Reich liegen manchmal nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Ich denke, man sollte sich immer dessen bewusst sein, dass es noch andere Menschen gibt auf der Welt denen es – finanziell gesehen - nicht so gut geht.

 

Doch Glück, (Lebens)Freude, Liebe, Freundschaft … das kann man nicht kaufen...