Erfahrungsbericht Auslandsjahr

"Der erste Eindruck war erstmal nur 'Wow' "

Hannah, Ecuador, 2016, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendium

Wenn das Wort “Ecuador” fiel, war die übliche Reaktion so etwas wie: “Liegt das nicht irgendwo in Südamerika? Oder doch nicht?” Genau so ging es auch mir, bevor ich mich über die möglichen Länder für meinen Schüleraustausch informierte. Der erste Eindruck, vermittelt durch das Internet, war dann ein unglaublich facettenreiches Land. Es gibt die Anden, den Regenwald und die Küste. All das schien sehr interessant und so entschied ich mich, ein Schuljahr in Ecuador zu verbringen.

Die ersten Eindrücke

Erkunden des Geländes beim „Arrival Camp“ in Quito

Fünf Monate später fand ich mich dann auch schon mit zehn anderen deutschen Austauschschülerinnen am Frankfurter Flughafen wieder, wo unser Flug über Madrid nach Quito ging. In Quito angekommen war der erste Eindruck erstmal nur “Wow”. Da Quito direkt in den Anden liegt, bot sich schon beim Landeanflug eine unglaubliche Aussicht auf Ecuador. Der erste “Kulturschock” ließ dann auch nicht lange auf sich warten: Mit einem kleinen Bus vom Flughafen zu unserer Unterkunft fahren. Der Fahrstil der Ecuadorianer ist deutlich schneller, ungeordneter und der Sitzgurt wird auch nicht so ernst genommen. Mittlerweile ist das ganz normal für mich geworden. Eine weitere Umstellung war das Essen. Es wird viel Fleisch gegessen, viele Kohlenhydrate und eher nicht so viel Gemüse. Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass man Reis zu seiner Pasta Bolognese bekommt oder sogar Reis, Kartoffeln und Nudeln in einer Mahlzeit isst. Es wird zu ziemlich jeder warmen Mahlzeit Reis gereicht, was für uns alle zu Beginn eine große Umstellung war, aber mittlerweile Normalität geworden ist.

 

Im Großen und Ganzen war es schon eine große Umstellung zu meinem Leben in Deutschland. Zuhause konnte ich mich mit Freunden nach der Schule treffen, oder einfach den Bus oder Zug nehmen, um von A nach B zu kommen, das ist hier alles etwas komplizierter. Ich lebe in Guayaquil, einer Großstadt an der Küste Ecuadors. Das bedeutet, dass es immer warm ist. Wir haben jeden Tag zwischen 26 und 34 Grad. Auch scheint das Leben hier etwas gefährlicher zu sein als zuhause in Deutschland, dadurch wird man viel vorsichtiger und weiß es mehr zu schätzen, wie sicher man Zuhause lebt. Die Schule beispielsweise ist von einem großen Zaun mit Sicherheitskräften an den Ein- und Ausgängen umgeben und Besucher kommen nicht einfach in die Schule. Jeden morgen nehme ich den Schulbus, der mich direkt vor der Haustür abholt und zur Schule bringt. Der Schulbus ist eher ein kleiner Bus, der zwischen 10 und 15 Schüler transportiert, was für mich zu Beginn sehr fremd erschien.

Die Mentalität der Ecuadorianer

Blick auf Guayaquil von einem Aussichtspunkt

Besonders schwer ist es für mich, mit Konflikten hier umzugehen, da diese doch anders ausgetragen werden, als ich es gewohnt bin. Es ist beispielsweise nicht sehr gut angesehen, wenn ein Jugendlicher die Regeln oder die Aussagen seiner Autoritätspersonen hinterfragt, in Deutschland hingegen wird es als Selbstständigkeit angesehen, wenn ein Jugendlicher Dinge selber hinterfragt und nicht immer alles so hinnimmt, wie es vorgegeben ist. Desweiteren ist es komplizierter sich mit Freunden zu treffen oder etwas zu unternehmen. Viele meiner Freunde lernen viel für die Schule oder verbringen Zeit mit ihrer Familie, haben aber wenige Möglichkeiten Dinge mit Freunden zu unternehmen. Meistens trifft man sich dann in einer Mall, oder im Haus eines Freundes.

 

Besonders positiv ist jedoch die Lebenseinstellung und die Mentalität vieler Ecuadorianer. Alles ist lockerer, freundlicher und offener. Das Leben wird einfach ungezwungener gelebt, was dann zu der Zeitplanung führt: Jeder kommt zu spät. Nur zur Schule, Arbeit oder zu wichtigen Terminen wie Arztbesuchen erscheint man immer pünktlich.

 

Zu meinen wichtigsten Erlebnissen zählt mein Gastfamilienwechsel nach eineinhalb Wochen in Ecuador. Ich musste meine Gastfamilie sehr spontan wechseln, da diese mich aus persönlichen Gründen nicht mehr beherbergen konnte. Das war gerade durch die Sprachschwierigkeiten und dadurch, dass wir bis dahin noch niemanden außer unserer Gastfamilie kannten sehr schwer. Besonders positiv war dafür aber, wie herzlich meine neue Gastfamilie mich aufnahm. Sie wussten selber erst wenige Stunden vorher, dass ich für einige Wochen bei ihnen leben werde.

Die atemberaubenden Landschaften Ecuadors

Aufnahme von mir im Nationalpark Cajas

Das Erste, was ich erzählen werde, wenn ich wieder nach Hause komme, ist wie wunderschön die Natur ist. Das Meerwasser ist klar, mit einem Sandstrand und es werden Waren von Straßenverkäufern angeboten. Von Lebensmitteln wie Kokosnuss, Eiscreme oder ganzen Mittagessen bis zu Schmuck und Kleidung. In der Nähe des Strandes gibt es meist viele kleine Restaurants, die traditionell Gerichte mit Meeresfrüchten und Fisch anbieten. Wenn man hingegen in die Anden fährt, hat man das Gefühl in einem komplett anderen Land zu sein, man kann weit ins Tal der Berge schauen, an den Straßenrändern stehen Tiere, die grasen, und alles ist anders. In den Bergen gibt es viele schöne Seen und Punkte, von denen man eine atemberaubende Aussicht auf die Natur Ecuadors hat.

Der Tagesablauf

Der Alltag vieler Jugendlicher in Ecuador, ist im Vergleich zu dem in Deutschland eher ruhig. Man geht von circa sieben Uhr morgens bis zwei Uhr am Nachmittag in die Schule. Dann isst man Zuhause zu Mittag und widmet sich dann seinen Hausaufgaben oder schaut Serien. Am Nachmittag während der Woche etwas zu unternehmen ist eher die Ausnahme. Am Wochenende trifft man sich in der Mall oder ruht sich einfach aus. Genau wie in Deutschland sind Parties hier ein großes Thema unter den Jugendlichen. Tanzen, Unterhaltungen führen und laute Musik sind genauso beliebt wie in Deutschland. Allerdings ist man oft sehr beschäftigt mit Hausaufgaben, mit Projekten für die Schule und Lernen für Klausuren, viel Freizeit für Hobbies und Interessen bleibt nicht mehr.

Mein Rat an zukünftige AFSer

Gruppenfoto des Arrival Camps in Quito

Zukünftigen AFS-Schülern würde ich mit auf dem Weg geben, offen zu sein, möglichst viel in der Landessprache zu sprechen und niemals zu schüchtern zu sein, sondern immer wieder nachzufragen. Zu guter Letzt möchte ich mich noch bei meinem Stipendiengeber, dem AFS-Stipendienfonds bedanken, dass sie mir meinen Aufenthalt in Ecuador ermöglicht haben.