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Ein Land, ein Paradies, ein Traum

Helena, Ecuador, 2012/13, Schuljahr im Ausland mit dem Allgemeinen AFS-Stipendienfond-Stipendium

Ein Land, ein Paradies, ein Traum

Wow!

Zehn aufregende Monate war ich nun in Ecuador. Es ist unvorstellbar. Ich wollte am Ende nicht mehr zurück. Einmal, neun Tage vor meinem Abflug, habe ich die Tage gezählt, ich hatte es nicht glauben wollen und musste oft nachzählen. Die Zeit raste an mir vorbei. Ich wollte noch viele unbekannte Orte kennen lernen, viel mit meinen Freunden unternehmen, um alles zu genießen, dass ich hier bin, hier in Ecuador. Doch der Alltag war auch sehr schön. Dieses Jahr hat mich verändert, doch ich bin trotzdem noch ich geblieben. Ich sehe einige Sachen mit anderen Augen, habe kleine Dinge schätzen gelernt, habe meinen Horizont erweitert, bin auf jeden Fall selbstbewusster geworden und kann jetzt noch besser tanzen :). Wenn ich nur an mein Auslandsjahr denke, fange ich sofort an zu lächeln. Wenn ich gefragt werde, wie es denn war, leuchten meine Augen.

Ich vermisse Ecuador sehr. Es ist für immer ein Teil von mir geworden. Ecuador, mein zweites Heimatland. Ich höre die Musik, die ich dort kennen lernte, die ganze Zeit noch, und habe sofort das Bedürfnis mit meinen Freunden von dort zu lachen, zu singen, zu tanzen und erinnere mich an besondere Erlebnisse. Auch wenn ich wieder in Deutschland bin, so war es für mich schwieriger wieder hier anzukommen, als mich in Ecuador neu einzuleben. Den „Kulturschock“ erlitt ich also in Deutschland. Anfangs konnte ich mich nicht mal richtig ausdrücken, und stotterte ein falsches Deutsch. Noch jetzt fallen mir einige Wörter nicht ein oder deren Aussprache ist schwerer für mich geworden. Die spanische Betonung übernehme ich auch häufiger ins Deutsche oder nehme übersetzte Redewendungen aus dem Spanischen. Auch ein irgendwie lustiges und zu gleich seltsames Gefühl, seine eigene Muttersprache nicht mehr wie vorher zu beherrschen. Die Sprache, habe ich vorher auch überbewertet. Ich konnte nicht ein Wort Spanisch, doch mit Händen und Füßen, wie man so schön sagt, funktionierte es auch super. Man hat sich irgendwie verständigen können und lernte die Fremdsprache sehr schnell. Ein freundliches Gesicht machen, sich anlächeln, ein kleine Geste, sich helfen lassen, fragen, so habe ich anfangs Freundschaften geschlossen. Wobei ich glaube, dass es hier in Deutschland, trotz der vielen Kulturen, schwierig ist, so einfach Freundschaften zu schließen, wenn du die Sprache nicht beherrscht.

In Deutschland herrscht eine andere Mentalität

Es herrscht hier in Deutschland eine vollkommen andere Mentalität, auch wenn es Ausnahmen gibt. Z.B. werden Fremde nicht so schnell aufgenommen, erst wird Abstand gehalten, der Umgang untereinander ist gezwungen und viele können mit dem Selbstbewusstsein anderer schlecht umgehen. Das finde ich sehr schade, denn in Ecuador ist es anders. Die Menschen waren froh und interessiert, wenn man sie ansprach und oder sie kamen auf dich zu. Was mir auch aufgefallen ist, dass man im Umgang dort immer freundlich ist, und man auch gerne übertriebene Reden schwingt, wie lieb sie einen doch haben oder, dass man sie sehr vermisst hat usw., auch wenn sie nicht die besten Freunde sind. Doch das ist besser, als einen zu ignorieren oder unfreundlich zu sein und ein Drei-Tage-Regen-Gesicht zu machen; wie das hier bei den meisten so üblich ist.

Ich merke, dass ich seit ich länger da war und wieder hier bin, schlecht über Deutschland rede. Anfangs habe ich versucht die schlechte Einstellung zu Deutschland von den Ecuadorianern zu ändern, die grausamen Geschichten richtig zu erzählen, doch zu sagen und zu meinen, dass das heutzutage ganze anders ist. Es war mir wichtig, dass sie wissen, dass fast alle von uns keine Nazis mehr sind und ihnen die heutige Einstellung der meisten Deutschen, dazu, was in der Vergangenheit passiert ist, nahe zu bringen. Doch wenn es später in Gesprächen mit meinen Freunden um Deutschland ging, haben wir viele Vorurteile erzählt, uns etwas lustig drüber gemacht, zwar auch Positives gesagt, wie unser Alltag ist, dass wir viele Freiräume haben und die vielen Möglichkeiten (in Bildung, Freizeit, Reisen, etc.).

Die Familie kommt an erster Stelle

Das sind auch die Dinge, die ich gelernt habe zu schätzen, die für mich vorher selbstverständlich waren und dort auf einmal nicht mehr. Das einzige, was mir wirklich sehr gefehlt hat, waren die Freiräume. Es gehört zwar auch zur Kultur und habe es überwiegend akzeptiert und habe mich angepasst, dass man auf keinen Fall häufiger als drei Mal in der Woche sich mit Freunden treffen sollte und Mädchen schon gar nicht. Die Familie kommt an erster Stelle, vor allem anderen. Es wird als seltsam empfunden, wenn sich Mädchen häufig „auf der Straße rumtreiben“, es wird genau geschaut, mit wem und wenn man häufig weg ist, dann hat man einen schlechten Ruf und die Familie ebenso.

Sie kontrollieren sehr und nur die Nachfrage, ob man aus dem Haus gehen dürfe, war schon so was wie eine Beleidigung gegenüber der Eltern. An diesem Punkt bin ich bei meiner Familie angeeckt, es war ein deutlicher Konfliktpunkt zwischen uns. Ich habe wenige Male mit meiner Gastmutter darüber geredet, doch sprach sie mich nie alleine darauf an, um zu sagen, was sie störe oder was ich ändern solle. Ich musste auf sie zugehen und sie fragen, wieso sie etwas seltsam mit mir umginge oder wieso sie es jetzt nicht gerne hätte, das ich mich verabrede. Sie sind nie sehr direkt und wie gesagt, verhalten sich eher freundlich, doch als sie dann mit mir sprach, teilte sie mir alles, aber auch alles mit, was sie nur im geringsten störte und alles doppelt und dreifach. Ich kam dabei gar nicht zu Wort. Ich muss leider sagen, Glück mit meinen Gastfamilien hatte ich nicht. In der zweiten Familie fühlte ich mich zwar anfangs sehr wohl, doch am Ende war es dann wie schon erwähnt auch wieder schwierig. Es gab dafür viele Gründe. Trotzdem habe ich mein Jahr genießen können. Meine Freunde waren dann meine Familie, bei ihnen habe ich mich zu Hause gefühlt. Ich habe sie jeden Tag bei meinem Tanzkurs gesehen und mich auch, im Gegensatz bei meiner Gastfamilie, willkommen gefühlt.

Klar, dass es nicht alles perfekt war, dass es auch Probleme gab, schwierige Zeiten und unbekannte, neue Erfahrungen, mit denen man sich auseinander setzen musste, sie überwinden musste, doch all das, das habe ich alleine geschafft und alleine lösen können. Und darauf bin ich auch stolz und das gibt mir mehr Kraft.

Rollenverteilung und Erziehung

In der Rollenverteilung von Mann und Frau hatte der Mann im Haus (es konnte also auch z.B. der schon erwachsene Bruder sein) immer das letzte Wort, und die Kinder widersprachen diesem auch nicht. Die Frau war für die Kindererziehung und den Haushalt verantwortlich. Wenn der Vater dann ein Machtwort sprach, wie: „Wir sind eine Familie und wir helfen alle mit im Haushalt, zusammen bekommen wir das hin…“, dann war das eine gute Rede und alle hielten sich dran, er aber ging zum Fußball und kam zurück, wenn alles fertig war. Die Kinder haben großen Respekt vor ihren Eltern, sie tun alles um sie zu beeindrucken, sie verzichten auf Dinge, damit die Eltern noch genug haben, wie z.B. beim Essen. Bei mir Zuhause, ist es immer so, dass meine Eltern für ihre Kinder gerne verzichten. Doch habe ich das jetzt auch etwas übernommen und achte darauf sehr, wenn beispielsweise meine Geschwister etwas Respektloses gegenüber Erwachsenen machen oder sagen. Auch außerhalb meiner Familie fällt mir Respektlosigkeit besonders auf. Früher habe ich das kaum bemerkt.

Torte zum Geburtstag

Eine Tradition, auch wenn es eine kleine ist, die mir besonders gefallen hat, war, den Kopf in die Torte gesteckt zu bekommen, wenn man Geburtstag hat. Es ist egal, wie alt man ist, oder wie teuer die Torte war, eine muss man mindestens ins Gesicht bekommen. Meistens ist nur eine Hälfte zerstört, kommt darauf an, wie doll und schadenfreudig deine Familie oder Freunde sind, und dann wird der Rest gegessen. Ich wusste zwar, dass das üblich war, wurde aber doch ganz schön überrascht, als plötzlich meine Urgroßoma, Schwestern und Cousin mein ganzes Gesicht in die Torte drückten und ich vor lauter Sahne nichts mehr sah. Eine witziger Brauch, denn ich in meine zukünftige Familie vielleicht auch gerne ein- / oder weiterführen möchte :).

Einer der schönsten Reisen, ging auf die Galapagos Inseln. Es ist ein Paradies, so viele seltene Tierarten in der freien Natur, und überhaupt, dass die Tiere dir so nahe sind, die superschöne Landschaft, alte Geschichten, ein türkisfarbener Ozean, Vulkan- Lavalandschaften, die schönsten Strände, usw. Es war unglaublich! Der Dschungel war auch fantastisch. Ich habe Ameisen gegessen, Raupen verspeist, das Hühnerfleisch in Blättern serviert bekommen, ausbrechende Vulkane in der Nacht glühend gesehen, bin bei Regen und beißender Hitze stundenlang gewandert, große Wasserfälle besichtigt, an Lianen durch den Regenwald geschwungen, bin in einer der Nebenflüsse des Amazonas geschwommen, habe Affen auf Bäumen beobachtet und Einheimische getroffen, die mit nur Palmenblättern bekleidet uns ihr Essen und Getränke anboten und ihre besonderen, hübschen Stammestänze vorführten. Gemeinsam mit der AFS- Gruppe haben wir auch den Cotopaxi bestiegen, soweit, dass es angefangen hat zu hageln und zu schneien. Viele von uns, ich eingeschlossen, wurden höhenkrank und mussten Cocablätter oder Cocabonbons nehmen, die man sich unten am Fuße des Vulkans kaufen konnte. So viele tolle, aufregende, wunderschöne und unglaubliche Abenteuer, die ich erleben durfte und noch mehr, sie sind unvergesslich.

Ecuador ist ein wunderschönes Land

Ich schreibe an diesem Bericht, und immer wieder fällt mir etwas Neues ein, dass ich gerne erzählen würde, ob es große Erlebnisse waren oder nur kleine Momente. Jetzt zurück hier teile ich meinem Gegenüber bei vielen Gelegenheiten mit, wie es wohl gerade in Ecuador wäre, wie man auf dieses und jenes in Ecuador reagieren würde, wie man das auf Spanisch sagen würde, was ich jetzt mit meinen Freunden in Ecuador gemacht hätte, und überhaupt, wie toll und besser es war. Klar, dass das die anderen etwas nervt, aber was solls… Für mich ist das ein Einblick in etwas ganz Besonderes gewesen, eine Kultur richtig miterleben zu können, ein fremdes Land kennen lernen zu dürfen. Dafür bedanke ich mich natürlich bei meiner Familie und Freunden und selbstverständlich bei meinem Stipendiumsgeber, die das alles möglich gemacht haben.

Ecuador, ein wunderschönes Land. Das Land, indem ich meine größten Abenteuer erlebt habe. Das Land, wo ich zehn Monate mein eigenes Leben gelebt habe, ohne meine liebsten Freunde und Familie, die ich vermisste habe. Auf einmal war ich weg, mit keinem Wort Spanisch, keinem, den ich kannte, die Kultur, die mir so fremd war. Und nun wurde man da wieder rausgerissen, man hatte ein zweite Familie, die man lieb gewonnen hat, Freunde, an die man sich gewendet hat und die Sprache, die man jetzt fließend sprach und die Kultur, die man jeden Tag lebte. Man muss seine neuen Freunde und lieb gewonnen Menschen verlassen, um zu denen, die man vor einem Jahr zurückgelassen hatte, zurück zu kehren. Es ist verwirrend und schon gar nicht leicht… Ein paar Tage nach meiner Rückkehr, habe ich sofort mit meiner besten Freundin, die nächste Reise im kommenden Jahr nach Ecuador geplant. Nicht nur Ecuadorianer hat man dort getroffen, auch habe ich viele Austauschschüler aus aller Welt kennen gelernt und mich sehr gut mit ihnen angefreundet und auch ihre Kultur mitbekommen.

Ich bin dankbar für dieses atemberaubende Jahr!