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Arbeiten im Kulturzentrum in Kairo

Wiebke, Ägypten, 2010/11, CSP

Arbeiten im Kulturzentrum in Kairo

Meinen CSP-Aufenthalt in Ägypten habe ich in Kairo bzw. in Gizeh verbracht. Da diese beiden Städte zu einer riesigen Metropole verschmolzen sind, werde ich in dem Bericht von Kairo sprechen, auch wenn ich eigentlich in Gizeh gewohnt habe. Das Leben in dieser großen und chaotischen Stadt und mit einer anderen Kultur war eine besondere Erfahrung, die mich offener und selbstbewusster gemacht hat und mich sicher noch lange prägen wird.

Gastfamilie

Meine Gastfamilie war eine Großfamilie, in der drei erwachsene Geschwister mit ihren Familien in jeweils eigenen Wohnungen im Haus der Mutter wohnten. Zwei weitere Geschwister leben mit ihren Kindern ebenfalls in Kairo und kamen häufig zu Besuch. Mein Gastvater Hesham war ein Witwer mit einem zwölfjahrigen Sohn, Saleh, und einer fünfzehnjährigen Tochter, Nouran, die sich gerade auf einem Auslandsjahr mit AFS in den USA befand und in deren Zimmer ich gewohnt habe.

An den Wochenenden habe ich häufig Ausflüge oder kurze Reisen mit Hesham und Saleh unternommen, beispielsweise an den Suez-Kanal und das Rote Meer. In meiner übrigen Freizeit habe ich viel Zeit mit meinen Gastcousins und -cousinen verbracht, von denen die meisten ungefähr in meinem Alter waren, oft sind wir in Cafés oder ins Kino gegangen. Ich glaube, dass meine Gastfamilie in vielerlei Hinsicht eine typische moderne ägyptische Familie war: In allen Familien waren beide Elternteile berufstätig, und es wurde großer Wert auf Bildung und Karriere gelegt, die Kleidung und die Fernsehprogramme waren klar westlich beeinflusst; andererseits war der familiäre Kontakt sehr eng, und die Religion spielte nach wie vor eine erhebliche Rolle.

CSP-Projekt

Mein Projektplatz befand sich im El Sawy Culturewheel, einer privaten Kultureinrichtung, deren Ziel es ist, Kulturangebote für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich und bezahlbar zu machen und zugleich jungen Künstlern ein Forum für Auftritte, Konzerte usw. zu bieten. Zugleich begreift sich das Zentrum als Bildungseinrichtung und es finden dort zahlreiche Seminare und Vorträge, beispielsweise zu Gesundheit, Umweltschutz und religiösen Themen statt. Meine Aufgabe bestand darin, unterschiedliche Veranstaltungen, meist mit ausländischen, englischsprechenden Gästen, zu organisieren. Dadurch bin ich in Kontakt mit unterschiedlichen Menschen innerhalb und außerhalb des Projekts gekommen und habe viele interessante Einblicke gewonnen.

Besonders gut gefallen hat mir, dass die meisten meisten meiner Kollegen, auch die Leiterin, sehr jung waren, so dass ich über das Projekt auch einige Freundschaften schließen konnte. Sehr ungewohnt, aber auch beson­ders schön, ist die ganz andere Arbeitsatmosphäre in Ägypten und speziell im Culturewheel. Da kam es schon häufiger vor, dass meine Kollegen plötzlich alles stehen und liegen ließen, um singend und klatschend eine spontane „Büro-Party“ zu feiern. Das Ganze dauerte zwar immer nur wenige Minuten, brachte jedoch sehr viel Spaß in den Arbeitsalltag. Als positiv an meiner Einsatzstelle empfand ich auch, dass mir (nach dem ersten Monat, in dem ich nicht besonders viel zu tun hatte), viel Eigenverantwortung übertragen wurde. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ich in meinem Projekt sowohl menschlich als auch beruflich viel gelernt habe.

Kairo

Die meisten AFS-Freiwilligen in Ägypten werden in Kairo untergebracht, da dort das AFS-Hauptbüro liegt und die meisten Kontakte zu Organisationen bestehen, in denen die Teilnehmer plaziert werden können. Zu Beginn hat in Kairo sicher jeder mit dem Kulturschock zu kämpfen, aber die Stadt ist auch aufregend und faszinierend! Erschlagen fühlt man sich zunächst von den schieren Menschenmassen und dem Verkehr, insbesondere in der abendlichen Rush Hour. Es gibt zwei gut ausgebaute, moderne Metrolinien, wo diese nicht hinreichen, ist man jedoch auf Bus oder Taxi angewiesen und kann das qualvolle, mitunter über eine Stunde dauernde Steckenbleiben im Stau nicht vermeiden.

Belohnt wird man für die Geduld und Resistenz, die man mit der Zeit entwickelt, mit einer Stadt, in der es alles zu geben scheint: Moderne Hotel-und Bankengebäude am Nilufer, den Basar im mittelalterlichen Khan-El-Khalili, die wunderschönen Viertel im Kolonialstil, in denen sich hauptsächlich die europäischen und amerikanischen „Expats“ niedergelassen haben, Buntes und Billiges in den Schaufenstern der Innenstadt, und überall mittendrin Eselskarren und Männer in langen traditionellen blauen Gallabiyas, die auf den Plastikstühlen eines kleinen Straßencafés sitzen und Wasserpfeife rauchen. Ich habe diesen Ort wirklich sehr lieb und möchte dringend noch einmal dortin zurück!