AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Ägypten
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Ich wollte sehen, wie das Leben hier ist

Annika, Ägypten, 2012, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendium

Ich bin nun seit genau 4 Monaten als Austauschschülerin in Ägyptens Hauptstadt Kairo. Bevor ich hierher kam, wusste ich gar nicht so recht, was mich erwartet. Natürlich wusste ich, dass die Leute hier nicht in der Wüste oder den Pyramiden leben und auch dass sie nicht auf Kamelen in die Schule reiten, aber auch trotz wenigen Kenntnissen der arabischen Kultur aus dem Unterricht in meiner deutschen Schule konnte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie das Leben hier ist.

 

Dies war dann auch einer der Gründe, weshalb ich mein Austauschjahr in Ägypten verbringen wollte. Ich wollte sehen, wie das Leben hier ist, ob die Vorurteile, die wir in Deutschland über Ägypten und Ägypter (oder allgemein Araber und arabische Länder) haben, stimmen. Zum Beispiel haben mir viele Leute, natürlich scherzhaft, gesagt, dass ich aufpassen soll, nicht an einen Scheich verkauft oder an einen Cousin verheiratet zu werden. Aber das Vorurteil hört man dabei deutlich heraus. Außerdem wollte ich wissen, wie der Umgang zwischen Jungen und Mädchen ist, da durch viele Filme das Bild verbreitet wird, dass Jungen und Mädchen keinen Kontakt haben dürfen.

 

Ein anderes großes Vorurteil, welches in Deutschland herrscht und worüber ich mehr erfahren wollte, ist die Unterdrückung der Frauen. Wir denken, dass die Frauen hier keine Rechte haben, die Männer über alles bestimmen und alle Frauen schlecht behandelt werden. Das habe ich bisher so nicht erlebt, aber dazu später mehr.

Erste Eindrücke in Kairo

Als ich in Kairo ankam, war das Erste, was mir auffiel, natürlich die Temperatur und danach der Verkehr. Es ist schon eine neue Erfahrung, wenn man aus Deutschland, wo es sehr viele Verkehrsregeln gibt, die auch meist eingehalten werden, nach Ägypten kommt, wo es im Verkehr scheinbar chaotisch zugeht. Zum Beispiel fährt man beim Überholen einfach Slalom um alle Autos, die im Weg sind. Eine andere Sache, die einem sofort auffällt, ist die Hilfsbereitschaft der meisten Leute. Wenn man nach dem Weg fragt, geben manche Leute lieber falsche Anweisungen, als nicht zu helfen. Außerdem sind die meisten Ägypter freundlich, reden viel, essen und schlafen gerne und sind sehr religiös.

 

Seit ich hier bin, hat sich mein Verhalten natürlich geändert. Am Anfang war ich eher schüchtern, habe wenig geredet und war zurückhaltend, aber nach einigen Tagen hatte ich mich an die neue Situation und Familie gewöhnt und wurde offener und selbstbewusster. Besonders nachdem ich gelernt hatte, Dinge mit denen ich Schwierigkeiten hatte, wie die Religiosität der Leute oder die Tatsache, dass ich nur mit langer Kleidung und Begleitung rausgehen kann, zu akzeptieren. Es fiel mir schwerer als erwartet, damit klarzukommen, dass die meisten Leute hier sehr strenggläubig sind und vor allem, dass auch Jugendliche regelmäßig in die Kirche gehen.

Die meisten Schüler haben ein hohes Englischlevel

Nach einer Woche Eingewöhnungszeit begann die Schule und ich hatte meinen ersten Schultag in einer ägyptischen Schule. (Ein kleiner Hinweis an alle zukünftigen Austauschschüler: Versucht unbedingt, auch trotz möglicher Aufregung, möglichst ausgeschlafen den ersten Schultag zu erleben. Es ist so schon schwierig genug konzentriert zu bleiben, wenn alles in einer fremden Sprache ist, aber wenn man dann noch müde ist, macht das nicht nur einen negativen Eindruck, sondern ist auch relativ unpraktisch).

 

Am Anfang sind mir kaum Unterschiede zu meiner deutschen Schule aufgefallen, aber es ist offensichtlich, dass hier viel mehr Schüler pro Klasse und Schule unterrichtet werden und mit der Zeit merkt man auch, wie sich die Lehrmethoden unterscheiden. So habe ich hier bisher beispielsweise nur Fontalunterricht erlebt und die Naturwissenschaften werden größtenteils in Englisch unterrichtet. Auch nehmen fast alle Schüler Nachhilfe in Anspruch.

 

Außerdem gibt es in meiner ägyptischen Schule viel mehr Regeln und Verbote, die zwar hauptsächlich nicht eingehalten werden, die Schüler aber trotzdem dafür bestraft werden. Beispielsweise sind hier nicht nur Handys und andere technische Geräte wie IPod und Kameras sondern auch alle Arten von Junkfood und Süßigkeiten verboten und auch die Kleidervorschrift ist extrem streng. Es gibt eine Schuluniform, was wirklich praktisch ist, weil man nicht entscheiden muss, was man anziehen soll. Glücklicherweise sieht sie auch gut aus und ist sehr bequem. Die Schuhe und auch Schals und Mützen müssen weiß oder schwarz sein. Ketten, Armbänder, Ohrringe, bunte Socken, Nagellack, Schminke und offene Haare sind verboten und Jungen brauchen kurze Haare.

 

Was ich besonders positiv finde ist, dass die meisten Schüler an meiner Schule hier ein sehr hohes Englischlevel haben, und selbst viele Grundschüler schon fließend Englisch sprechen können.

Feste und Feiertage

Auch wenn der Islam die Staatsreligion ist und nur wenige andere Religionen vertreten sind, werden neben den muslimischen Feiertagen auch die christlichen gefeiert, sodass die Christen auch an den muslimischen Festen und die Muslime auch an den christlichen Festen frei haben. Die Feiertage, die ich bisher hier erlebt habe sind Eid Al-Adha (das Opferfest), Weihnachten und Silvester. Da ich in einer christlichen Familie lebe, habe ich leider nicht erlebt, wie das Opferfest genau gefeiert wird, aber auch meine Familie hat sich getroffen, gemeinsam gegessen und gefeiert. Silvester verbrachte ich zusammen mit meinen Freunden in der Kirche und am Weihnachtsfest, welches hier am 6. und 7. Januar  gefeiert wird, besuchten wir erst die Familie meiner Gastmutter und dann die Familie meines Gastvaters. Die Adventszeit war hier natürlich anders als in Deutschland, aber dank eines kleinen Adventskalenders meiner Eltern, Plätzchen und Weihnachtsliedern für mich und meine Gastgeschwister, konnte ich den fehlenden Schnee verschmerzen. Und vielleicht kann ich sogar noch mit Freunden zum Sandboarden gehen. Ich stelle mir das wie im Schnee vor.

Freizeit und Freunde

Nachdem ich meine Freizeit in den ersten 2 bis 3 Monaten hauptsächlich mit meinem Gastbruder zu Hause verbracht habe, treffe ich mich jetzt auch öfter mit Freunden. Wir gehen ins Kino und shoppen, essen oder trinken etwas und manchmal machen wir auch zusammen Sport. Überraschenderweise lieben die Ägypter Fußball genauso sehr wie die Deutschen, und auch die Gesprächsthemen sind so ziemlich die gleichen außer, dass sich hier auch immer viel um Politik und Religion dreht. Für die meisten Ägypter, wie auch die Jugendlichen in meinem Alter, ist die Kirche und Gott nämlich sehr wichtig, und, obwohl es zuerst etwas komisch war, ist es inzwischen ganz normal für mich, freitags in die Kirche zu gehen, auch wenn ich es hauptsächlich mache, um meine Freunde zu sehen.

Mein Bild von Ägypten hat sich ziemlich geändert

Ich habe in meinen ersten 4 Monaten hier schon sehr viel gelernt. Beispielsweise bin ich viel vorsichtiger geworden und vertraue nicht jedem sofort. Und, auch wenn viele Menschen hier sehr freundlich und hilfsbereit sind, gibt es auch solche, denen man nicht vertrauen kann und die gefährlich sein können. Es ist besonders wichtig, vor allem für Mädchen und vielleicht erst recht als Ausländer, sich an ein paar Sicherheitsregeln zu halten: Man sollte sich entsprechend anziehen, eine gewisse Vorsicht Unbekannten gegenüber haben (am besten niemandem vertrauen, den man nicht kennt) und ab einer gewissen Uhrzeit gar nicht oder nur in Begleitung rausgehen.

 

Es hat sich aber auch mein anfängliches Bild von Ägypten ziemlich geändert, da ich den Hintergrund von vielen Dingen kennengelernt habe. Ich erlebe jetzt beispielsweise, dass die Frauen oder Mädchen nicht unterdrückt oder direkt schlechter behandelt werden als Männer oder Jungen, sondern dass es nur zu deren Schutz ist. Es ist einfach sicherer für Mädchen, nicht alleine rauszugehen, ganz besonders abends, und die Brüder, Cousins oder Freunde fühlen sich verantwortlich für ihre Schwestern, Cousinen oder Freundinnen und wollen sie natürlich beschützen.

 

Ich werde beispielsweise jeden Tag von einem meiner Freunde nach der Schule zu meinem Bus gebracht, der neben allen anderen auf dem Schulhof steht, sodass ich mich nur schwer verlaufen oder entführt werden könnte. Und, als ich das erste Mal alleine mit einem Taxi gefahren bin und meinen Freunden davon erzählt habe, sagten sie mir, dass ich das nicht machen sollte und sie mich lieber selbst irgendwohin bringen, als dass ich ein Taxi nehme. Diese Fürsorge war am Anfang zwar manchmal etwas nervig, weil ich es damals noch nicht nachvollziehen konnte, ist im Großen und Ganzen aber echt nett und wird mir in Deutschland auf jeden Fall fehlen.

 

Dass ich hier immer etwas Abstand zu Jungen halten muss, habe ich noch nicht verinnerlicht, aber die freundlichen Umarmungen und Wangenküsse der Jungen untereinander zur Begrüßung finde ich besser, als deren distanzierter Umgang in Deutschland.

Ich freue mich auf die kommenden Wochen und Monate mit meiner Familie und Freunden und hoffe, dass ich noch viele weitere interessante Erfahrungen machen kann und danke Ihnen nochmals für die Hilfsbereitschaft, mir das zu ermöglichen.

 

Viele Grüße oder wie man hier sagt "salam"!