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Tanzen, Klatschen, Trommeln...

Linda, Ägypten, 2008/09,

Tanzen, Klatschen, Trommeln...

Ägypten. Dreimal so groß wie Deutschland, 78 Millionen Einwohner auf nur 4 % der Fläche des Landes. Hier lebe ich gerade. Ich bin 17 Jahre alt und besuche hier im Rahmen meines Auslandsjahres die Schule. Ich kann mich noch ziemlich genau an meinen Abreisetag erinnern. Ich war zwar etwas traurig, dass ich meine Freunde und Familie nun verlassen musste, aber ich war auch erleichtert nach fast einem Jahr Vorbereitungszeit endlich weg zu sein.

Meine Gastfamilie

Die erste Orientierung in Kairo war gut, man konnte sich erst einmal auf die neuen Lebensbedingungen (Hitze) einstellen und etwas Kraft tanken. Zwei Tage nach der Ankunft kam ich dann in meine Gastfamilie. Ich lebe nun in Ismailia, einer kleinen Stadt mit 300 000 Einwohnern, am Suezkanal gelegen. Meine Gastfamilie besteht aus meinem Gastvater, Apotheker, meiner Gastmutter, Besitzerin dreier Kleidungsgeschäfte, zwei Gastgeschwistern und einem Gastbruder in den USA. Meine Gastschwester ist 19, mein Gastbruder ist 21. Beide gehen auf die Universität. Sie sind alle Muslime.

Ramadan

Während der ersten drei Wochen war der Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. In dieser Zeit essen sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts. Dann jedoch wird zusammen zu Abend gegessen. Nach dem Essen wurde sich zuerst ausgeruht und abends ging man weg. Da ich am Anfang noch Ferien hatte, bin ich jeden Abend mit meiner Gastschwester weggegangen und habe die Stadt gezeigt bekommen. Nach Ende des Ramadans war Eid (Feiertag). Dafür kaufte man sich neue Kleidung und gab den Kindern Geld. Außerdem wurde ganz viel gegessen. Während des Ramadans geht das Leben in Ägypten wesentlich langsamer.

Nach den Feiertagen hat die Schule dann richtig angefangen. Ich bin in der 1. Secondary (10. Klasse), einer privaten Schule für Sprachen. In meiner Klasse sind 24 Schüler, die eine Hälfte Mädels, die andere Hälfte Jungen. Da es eine Schule für Sprachen ist, haben wir Mathe und die Naturwissenschaften (Physik, Chemie und Biologie) auf Englisch. Dazu noch Englisch- und Französischunterricht. Obwohl es eine Sprachschule ist, heißt es nicht, dass die Lehrer der englischen Fächer auch Englisch sprechen oder unterrichten. Die Bücher sind aber ausschließlich auf Englisch und somit kann ich dort manches nachlesen.

Unterricht an einer ägyptischen Schule

Der Unterricht verläuft etwas anders als in Deutschland. Der Morgen beginnt mit dem Singen der Nationalhymne und einigen Zeilen aus dem Koran. Die meisten Lehrer schreiben alles an die Tafel und der Schüler schreibt ab, anschließend erklärt der Lehrer vielleicht noch etwas dazu und dann sollte der Schüler das auswendig lernen. Problemlösendes Denken ist nicht sehr gefragt. In den englischen Fächern arbeitet der Lehrer meist als Übersetzer, damit die Schüler zumindest irgendetwas verstehen. Etwa in der letzten Woche des Monats werden täglich eine oder zwei Arbeiten geschrieben, wie z.B. in Englisch, Französisch und Mathe. Während den Arbeiten wird viel "Gruppenarbeit" gemacht. Für die Arbeiten gibt es eine bestimmte maximale Punktzahl, die von Fach zu Fach variiert. Im monatlichen Schulbericht werden die erreichten Punkte dann ersichtlich, wobei manche Lehrer auch die Heftführung und die Leistung im Unterricht einbeziehen.

Außerdem trage ich hier eine Schuluniform, bestehend aus einer dunkelblauen Hose und einem türkisgrünen T-Shirt mit Logo meiner Schule. In der Schule ist kein Make-up erlaubt. Ein weiterer Unterschied ist, dass zwar jede Stunde 45 Minuten hat, es aber danach keine Fünf-Minuten-Pause gibt. Dadurch sind die meisten Stunden kürzer als 45 Minuten. Viele Schüler haben am Abend private Unterrichtsstunden bei Lehrern der meist anderen Schulen. Die zweite und dritte Secondary kommt nur selten zur Schule (hauptsächlich zu den Arbeiten) und haben die anderen Fächer, die sie später brauchen werden, als Privatunterricht.

Das Leben der Jugendlichen

Die Jugendlichen machen neben den Privatstunden teilweise noch Sport. Hier ist es nicht gewöhnlich, dass man ein Musikinstrument spielt. Am Wochenende geht man mit Freunden in Clubs oder in Cafés, die Mädchen müssen jedoch meistens vor zwölf Uhr zuhause sein, während die Jungen wesentlich mehr Freiheiten haben. Die meisten Jugendlichen interessieren sich für Musik der hauptsächlich ägyptischen oder arabischsprachigen Sängern und Sängerinnen.

Der Umgang der beiden Geschlechter miteinander ist ein ziemlicher Unterschied zu Deutschland. In Deutschland können Mädchen und Jungen zusammen weggehen, hier ist das unmöglich. Gerade an diesen Umgang musste ich mich erst gewöhnen. Frauen wie Männer begrüßen sich mit Wangenküssen. Zwischen Männern und Frauen gibt es meist ein Händeschütteln.

Als ich am Anfang kam, war der fünfmal tägliche Aufruf zum Gebet etwas ungewohnt, inzwischen ist er zur Normalität geworden. Eine besondere Schwierigkeit war für mich auch, dass es mir nicht erlaubt ist mit Fremden auf der Strasse zu reden (AFS und meine Gastfamilie möchten das nicht). Das ist sehr schwierig, da die Ägypter sehr freundlich sind und großes Interesse an Ausländern zeigen. Somit kommt man schnell in Kontakt und hat nach zehn Minuten normalerweise die Handynummern ausgetauscht.

Das Opferfest "Eid al Adha"

Anfang Dezember war Eid al Adha, das Opferfest, das zweite große Fest im Islam. Am ersten Tag wird eine Kuh oder ein Schaf geschlachtet und unter der Familie aufgeteilt. Einige Tage davon habe ich in Alexandria verbracht. Ich habe mich sehr gefreut nach drei Monaten Leben in der "Kleinstadt" etwas mehr Menschen zu sehen. Ich bin aber trotzdem froh in Ismailia zu leben, da ich in Alexandria nur als Tourist angesehen wurde, doch mich nicht als solcher fühlte.

Ich möchte euch noch von einem Erlebnis zu Beginn meines Aufenthaltes erzählen, als ich mir zusammen mit einem anderen Austauschschüler aus Belgien und einigen AFS-Volunteers eine traditionelle ägyptische Tanzshow angesehen habe. Ein Volunteer wollte, dass wir auf die Bühne gehen und mittanzen. Obwohl ich mich zuerst geweigert habe, habe ich mich dann doch überwunden auf die Bühne zu gehen und habe mitgetanzt, was ich in Deutschland nie gemacht hätte.

Weihnachten in Ägypten

Weihnachten in einem Land, in dem traditionell kein Weihnachten gefeiert wird, war auch ganz schön. Meine Gastfamilie hat mir einen kleinen Weihnachtsbaum gekauft und ein paar kleine Geschenke. Am ersten Weihnachtsfeiertag haben wir eine Weihnachtsparty mit AFS gemacht. Was mich immer wieder überrascht, ist, dass die Ägypter bei freudigen Anlässen sehr schnell anfangen Party zu machen... Tanzen, Klatschen, Trommel, und auf einmal ist die ganze Straße auf dem Balkon und die Männer und Kinder gehen raus auf die Strasse.

Nun bin ich schon mehr als vier Monate hier und viele Dinge, die mir zu Beginn total neu waren, sind nun Normalität. Ich bin froh, dass ich eine so tolle Gastfamilie habe und bin auch froh, hier tolle Freunde zu haben, die mir gerade bei Heimweh geholfen haben. Morgen gehe ich wieder nach Kairo und habe schon meine Mid-Year-Orientierung. In fünf Monaten geht es zurück nach Deutschland...