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Eindrücke aus Cagayan de Oro

Hugo, Philippinen, 2011/12, weltwärts

AFS-Erfahrungsbericht Freiwilligendienste Philippinen

Ich habe Deutschland im kalten Februar ziemlich hektisch verlassen. Ich wusste nicht wirklich, was für Gedanken ich mir machen sollte und habe mir deswegen auch keine gemacht. Ich hatte auch genug Beschäftigung um mich abzulenken. Ich habe erst am Flughafen wirklich realisiert, dass ich weg gehe und habe auch dort zum ersten Mal den Abschiedsschmerz gefühlt. Dieser verschwand aber recht schnell, sobald man sich irgendwie ablenkte.

Die ersten Eindrücke aus Manila der philippinischen Hauptstadt

Aus dem Winter kommend habe mich natürlich sehr gefreut über das Klima, welches über das ganze Jahr nie wirklich unter 23° fällt auch wenn es so schwül und schweißtreibend ist. Mir fielen sehr viele kleine Unterschiede auf, mittlerweile sind diese aber schon schwer zu benennen, da sie so gewöhnlich wurden. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Temperatureinstellung im Taxi, die man nur auf blau - also kalt - stellen konnte. Diese Details verschwammen aber, je mehr Zeit ich auf den Philippinen verbrachte. Später habe ich dann rausgefunden, dass man auch auf den Philippinen sehr gut frieren kann, wenn man mit dem einzigen Zug des Landes, der Metro, in der Nacht fährt, weil sie anscheinend unregulierbar sehr stark runtergekühlt ist.

Die Gefühle in diesen ersten zwei Tagen waren chaotisch und nicht wirklich durchschaubar. Die Metropole Manila, von der ich auch vorher wenig positives gehört habe, gefiel mir nicht wirklich, weil sie die üblichen Probleme wie Smog, überfüllte Straßen, Gestank etc hat. Ich kann mich auch noch erinnern, dass ich in dieser Zeit die Philippinen sowie Manila mit Lima in Peru verglichen habe, denn ich habe 2 Monate zuvor dort meine Cousine besucht. Der Vergleich hat eigentlich auch recht gut funktioniert, die Leute sahen sich oberflächlich zumindest recht ähnlich. Sie haben schwarze Haare, braune Augen und sind kleiner als Europäer. Außerdem erfuhren beide Länder starken spanischen Einfluss, die philippinischen Sprachen haben viele spanische Wörter und auch viele Erscheinungen, die man wohl öfter in Entwicklungsländern finden kann, hatten sie gemeinsam wie z.B. die Religion, der Verkehr, das öffentliche Verkehrsystem mit seinen Bussen, die überall halten und den Trycicles. Mittlerweile denke ich, dass dieser Vergleich zwar oberflächlich stimmt aber ich nie einen tieferen Einblick in die peruanische Kultur jenseits vom Tourismus bekommen habe, und das deswegen nicht beurteilen kann, außer dass es natürlich große kulturelle Unterschiede zwischen Südamerika und Asien gibt.

Cagayan de Oro

Der Flug von Manila auf Luzon nach Cagayan de Oro auf Mindanao durch die Visayas Inselgruppe hat mich erfreut. Das Wetter war klasse und man konnte deswegen die Inseln sehr schön erkennen, auch der Landeanflug über meine zukünftige Heimatstadt war nett, die Stadt von oben war sehr grün mit einem orangebraunen Fluss mittendurch, hat gleich einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Am Flughafen wurde ich herzlichst mit einem „Welcome Home Hugo“-Banner von AFS und meinen Gastgeschwistern abgeholt und dann in ein Restaurant gefahren um die restliche Gruppe meiner Hilfsorganisation und meine Gastmutter zu treffen. Bei diesem Treffen war ich dann ein bisschen überfordert. Zu viele neue Gesichter, ich hatte Schwierigkeiten mir die Namen zu merken und war deswegen auch nicht sehr gesprächig. Mit meinen Gastbrüdern habe ich mich aber recht gut verstanden.

Die ersten Tage in Cagayan de Oro war ich dann hauptsächlich mit meinem Mentor namens Tope unterwegs und habe meine Hilfsorganisation namens Gawad Kalinga (GK) kennen gelernt. Gawad Kalinga, bedeutet so viel wie „sich kümmern“, und startete im Jahr 2000 als Behausungsprojekt für Arme aus der kirchlichen Organisation „Couples for Christ“.

Viel zu sehen

In dieser ersten Woche habe ich mich wohl gefühlt, es gab zwar nicht viel zu tun für mich aber sehr viel zu sehen. Ich habe Tope zu seinen verschiedenen Projekten begleitet und so andere philippinische Freiwillige kennengelernt. Zum Beispiel bin ich zusammen mit zwei von diesen, in ein 50 Kilometer entferntes Dorf gereist, um dort in einer Highschool Workshops zu den Themen „Leadership“ und „Giving Speeches“ anzubieten. Hier fiel mir zum ersten Mal auf, dass die Schüler eine ganz andere Motivation zur Schule haben. Alle waren sehr interessiert an diesen Workshops und haben sich auch leidenschaftlich daran beteiligt. In Deutschland würde so ein Event wahrscheinlich auf Desinteresse stoßen.

So begleitete ich meinen Mentor, ziemlich unregelmäßig, zu verschiedenen Orten, konnte aber oftmals nur zusehen und nicht direkt mithelfen. Mein Mentor half in 2 verschiedenen Schulen den Schülern dabei, ihren vorgeschriebenen Gemeindedienst abzuleisten, indem er zusammen mit ihnen Events organisierte, welche mehr Leute zur Freiwilligenarbeit in Gawad Kalinga motivieren sollen. Es war schwierig hier Aufgaben zu finden, bei denen ich aktiv mitwirken konnte, denn ich habe die Sprache nicht gesprochen und war auch noch nicht vertraut mit der philippinischen Kultur. Dennoch habe ich viel über meine Hilfsorganisation erfahren und war fasziniert von der Hingabe der philippinischen Freiwilligen. So habe ich dann auch von der ungefähr 60-jährigen Nanay erfahren, die an Brustkrebs erkrankt ist. Mein Mentor hat von ihren Umständen erfahren, weil er in ihrer Nähe gewohnt hat. Nanay wohnte in einer windig zusammengezimmerten Hütte, die man angeblich in 4 Schritten ablaufen konnte Sie hatte starke Schmerzen und ihr Brustkrebs war bereits im Endstadium.

Tears of Joy

Tope hat daraufhin eine Spendensammelaktion gestartet, um ihr ein GK-Haus zu kaufen, damit Nanay ihren Lebensabend würdevoll verbringen kann. Ich durfte Nanay dann auch persönlich in ihrem neuen Haus kennen lernen. Sie war bereits sehr schwach und weinte „tears of joy“, weil wir gekommen waren, um ihr noch ein paar Haushaltsgegenstände zu organisieren. Leider verstarb sie eine Woche später, kurz vor der offiziellen Einweihung/Segnung ihres Hauses. Diese Geschichte hat mich schon stark berührt, hat aber auch gezeigt, dass ich während meines Aufenthaltes auf den Philippinen ein bisschen Distanz zu allem aufgebaut habe, welche mich dann in schwierigen Situationen bewahrt. Das ist mir auch bei einer befreundeten Austauschschülerin aufgefallen, die den Taifun in CdO auf schlimmste Weise miterlebt hat. Während ihre Familie in Panik geriet, geschrien und geweint hat, konnte sie Ruhe bewahren und hat es alles nicht als so nahe empfunden. Ich denke, dass macht unser Gehirn als Reaktion auf die starken Höhen und Tiefen des Auslandsjahres, um uns emotional stabil zu halten und um uns zu beschützen.

Für AFS habe ich dann nach einer Weile als Lehrerassistent in einer der GK-Vorschulen gearbeitet. Dort habe ich verschiedenen Lehrerinnen geholfen Kids im Alter von 3-7 Jahren zu betreuen und zu unterrichten. Englisch ist zweite Hauptsprache auf den Philippinen und auch die Sprache in der hauptsächlich unterrichtet wird. Das hat den Einstieg in den Unterricht sehr erleichtert, auf der anderen Seite mussten die Lehrerinnen auch oft was in dem lokal üblichen Dialekt „Bisaya“ wiederhohlen, was optimal war um die Sprache ein bisschen zu lernen. Ich half jeden Tag 4 Klassen zu unterrichten, 2 mal 3-4 Jährige und 2 mal 4-5 jährige Kinder. Meine Aufgaben bestanden darin, den Kindern in kleinen Gruppen oder einzeln die Aufgaben zu erklären, mit den Kids zu singen und zu klatschen, für kürzere Zeit den Unterricht zu übernehmen und tägliche Routinen zu leiten, wie z.B. die Nationalhymne, die in jeder Klasse gesungen wird oder auch die vier Gebete, die in jeder Klasse gesprochen werden. Die sehr starke Religiösität war am Anfang vor allem als Bekenntnisloser gewöhnungsbedürftig und hat mir auch nicht wirklich gefallen - aber auch daran gewöhnt man sich irgendwann und lernt sie auch ein bisschen zu schätzen. Mein Arbeitstag ging von 8 bis 16 Uhr und ich hatte eine einstündige Pause, in der ich mir vom Gawad Kalinga Kiosk essen gekauft habe, für umgerechnet 50 Eurocent. In meiner Freizeit unternahm ich etwas mit meinen Gawad Kalinga „Kollegen“, den Ausstauschülern aus Cdo, ging Klettern, fuhr Fahrrad oder ging auf den Markt.

Fiesta in Talisayan

Durch AFS konnte ich auch verschiedene Trips machen. Zum Beispiel habe ich eine Woche in einem dieser Gawad Kalinga -Dörfer in Talisayan gelebt, um ein bisschen beim Bau zu helfen. Die Leute waren unglaublich nett zu mir, habe ich noch nie zuvor so erlebt. Ich hatte mich eigentlich drauf eingestellt, auf dem Boden oder so zu schlafen,weil das bei früheren Events schon häufiger so war. Aber die 60-Jährige bei der ich gewohnt habe, hat ihr großes Bett für mich geopfert, außerdem für mich gekocht und meine Wäsche gewaschen. Die Krönung war, dass ich dann sogar eine Massage bekommen hab. Fließendes Wasser gab es keines, man hat sich mit dem Eimer geduscht, war daran aber auch schon von zuhause gewohnt. War eine wirklich gute Woche, hab ein wenig beim Hausbau geholfen, mich mit den so freundlichen Bewohnern unterhalten, bin auf eine Fiesta (Dorffest) von nem kleinen Städtchen und war mit den Bewohnern beim Fischen.

Ein anderes Mal bin ich zu einem von Gawad Kalinga organisiertem sogenannnten „Bayani Challenge“ mitgefahren. Bei diesem verbessern die Bayani (=Helden: Freiwillige aus verschiedenen Städten und Ländern) die Lebenssituation eines Ortes oder einer Insel für eine Woche. Zum Beispiel werden Häuser gebaut, Schulen renoviert, Katastrophengebiete aufgeräumt und die Umgebung verschönert. Ich hatte besonderes Glück, denn der damalige Bayani Challenge wurde auf einer Insel mit traumhaften Ständen veranstaltet. Teilnehmen kann bei diesen Events übrigens jeder und ich kann es nur empfehlen dort einmal mitzumachen, falls man sich in der Gegend aufhält.

Leben in der Gastfamilie

Das Leben in einer Gastfamilie war auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Denn auf den Philippinen hat man in den meisten Familien als Sohn oder Tochter nicht die Rechte und Freiheiten, die man bei uns schon als Teenager bekommt, wie zum Beispiel länger wegbleiben oder auch das Haus zu verlassen, ohne es vorher abzuklären. Ein weiteres Problem liegt darin, dass Philippinos auch nicht direkt sagen würden, dass sie etwas stört oder sie begründen ihre Entscheidungen mit Gründen, die sie eigentlich nicht vorrangig meinen. Diese indirekte Kommunikation sind wir natürlich nicht gewohnt und neigen dazu, sie nicht zu akzeptieren, weil wir nicht verstehen können, warum man etwas nicht direkt aussprechen kann. Diese Denkweise hilft aber nicht weiter. Es ist besser mit etwas Feingefühl zu erraten, wo das Problem ist und dieses entweder anzusprechen oder zu ändern. So hatte ich mit meiner Familie am Anfang ein paar Missverständnisse, über die aber geschwiegen wurde, und war deswegen auch nicht wirklich integriert. Mit meinen Gastbrüdern habe ich mich die meiste Zeit aber gut verstanden und nach der Frage, was ich den besser machen könnte, die mit „nicht lange ausgehen“ beantwortet wurde, lief es auch besser.

Dinge die ich zukünftigen Freiwilligen auf den Weg geben kann: Das was die Einheimischen machen, kann man mit wenigen Ausnahmen auch tun. Das was sie nicht machen, sollte man sein lassen. Stur sein, sich aufregen und in Dinge zu sehr hereinsteigern lohnt sich nicht, besser ist es die Dinge mit Humor zu sehen oder sie zu akzeptieren. Man kann in Sportvereinen leicht Anschluss finden.