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Eine Tochter und 25 Söhne

Gastfamilie Witzig, Vereinigte Staaten von Amerika, 2008/09,

Eine Tochter und 25 Söhne

Wenn wir uns an Ereignisse, wie zum Beispiel Taufen, Kommunionen oder Firmungen, Hochzeiten, Beerdigungen und Sonstiges erinnern, dann heißt es stets: „Das war als...da war.“

Die „...“ stehen zum einen für Christopher aus den USA. Er kam als unser Jüngster gerade sechs Wochen alt war und wurde Wanderheuschrecke genannt. Bei schönem Wetter war Christoph besonders gern auf dem Fahrrad unterwegs, liebte klassische Musik und Gedichte, spielte Bratsche und interessierte sich für das deutsche Gesundheitssystem, Wilhelm Reich und die Produkte der deutschen Küche. 17 Jahre später entschloss er sich sein Fahrrad gegen ein Studium einzutauschen.

Weitere Gastschüler

Dann kam Benson, auch aus den USA, aber mit asiatischer Abstammung. Er kostete uns viele Nerven, aber dank der guten AFS-Betreuung, bewältigten wir das Jahr gemeinsam und wuchsen an den Herausforderungen. Seinem Leben hat dieses Jahr eine andere Perspektive und Richtung gegeben. Seitdem hat Benson uns zweimal besucht und wir stehen in regelmäßigem Kontakt.

Marcial aus Costa Rica hatte noch nicht einmal seine Koffer ins Zimmer gebracht, da war er schon mit unseren Söhnen und der Nachbarin unterwegs zum Minigolf. Und so ging es das ganze Jahr über weiter. Er war immer mittendrin, sehr aktiv und weitläufig integriert sowie beliebt. Im Gegensatz zu Benson fiel es ihm leicht Kontakte zu schließen. Er und unser Ältester haben viele gemeinsame Interessen und sogar ein ähnliches Studium absolviert.

Renzo aus Argentinien wunderte sich darüber, dass man deutsche Pferde mit Äpfeln füttert und für sie den Tierarzt herbeiruft ? in seiner Heimat werden sie geschlachtet und verzehrt, wenn sie verletzt oder schwach sind. Er zeigte uns ein Video vom argentinischen Weihnachtsfest und zu unserer Verblüffung hörte man im Hintergrund sogar „Oh Tannenbaum“.

Für Andre aus Brasilien waren wir bereits die vierte Familie und nicht die letzte. Dies lag daran, dass er scheinbar unerfüllbare Ansprüche an sein Auslandsjahr stellte und nicht gewillt war, sich ein wenig an unser Leben anzupassen.

Marcello aus Brasilien hatte sehr große Probleme sich die „typisch deutsche“ Pünktlichkeit anzueignen, um morgens den Schulbus zu erreichen. Ansonsten ist er aber sehr aufgeblüht in seinem Austauschjahr. Nur eine Woche nach seiner Abreise bekam er einen Job bei einer deutschen Firma und besuchte uns mit seiner Freundin.

Dann traf Edgar aus Panama bei uns ein, genannt der „Panamann“. Vom AFS-Camp am Muttertag brachte er mir ein rotes Schokoladenherz mit, was mich sehr rührte. Dank ausgiebiger Studien des deutschen Nachtlebens eröffnete er nach seiner Rückkehr einen Club in bayrischem Stil, der sehr gut lief.

Roberto: Gefallen an Volkstanz und Landjugend

Roberto aus Costa Rica hatte am Stichtag noch keine Gastfamilie, sodass wir uns kurzfristig entschlossen, ihn bei uns aufzunehmen. Mit ihm hatten wir eine tolle Zeit und haben sehr viel gelacht. Er stammt aus einer Nachbarstadt von Marcial und aktivierte so den Kontakt zu ihm wieder. Roberto fand Gefallen am Volkstanz in der Landjugend. Für eine Aufführung wurde ihm eine Lederhose zur Verfügung gestellt und ich bat ihn am Abend vorher die Sachen anzuprobieren, für den Fall, dass man noch was ändern müsste. Als Roberto aus seinem Zimmer kam, trug er das Hemd über der Hose und diese verkehrt herum, sodass das Hosentürl hinten war. Wir haben noch sehr lange über diesen Anblick gelacht. Als unser jüngster Sohn letztes Jahr für fünf Monate in Costa Rica war, gab es ein lang ersehntes Wiedersehen.

Durch einen Todesfall in der Willkommensfamilie kamen wir zu Dorde aus Bosnien, der schließlich bei uns blieb. Er war sehr klug und ehrgeizig, sodass er einen Notenschnitt von 2,1 in der 11. Klasse erreichte. In unsere gemeinsame Zeit fiel die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, die ihn und uns sehr beschäftigte. Dorde hat mir die Augen für die Greuel in der Welt geöffnet.

Eric: Schwarze Bekleidung und viel Metall

Eric aus Sao Paulo brauchte dringend eine Familie, um sein Visum zu bekommen und so sagten wir „Wenn es klappt, klappt es und wenn nicht, dann muss man für ihn eine andere Lösung finden.“ Als er aus dem Zug stieg, schwarze Bekleidung und viel Metall trug, zweifelte ich noch an unserer Entscheidung, aber Eric eroberte mit seiner Musikalität und seiner liebenswerten Art nicht nur unsere Herzen, sondern auch die des halben Landkreises. Er brachte Turnhallen mit seiner Musik zum kochen und war auch in der Schule sehr beliebt. Meine Bedenken, diesem jungen Mann aus einer Millionenstadt in unserem 2000-Einwohner-Dorf nicht viel bieten zu können, wies er zurück und bekräftigte, dass es wie Urlaub für ihn sei. Obwohl er durch seine Musik viel unterwegs war, hatte er für jeden in der Familie Zeit und wir Erwachsenen erinnern uns gern an viele gemeinsame nächtliche Unterhaltungen am Küchentisch über das Leben in Brasilien und das in Deutschland. Im Sommer wird unser jüngster Sohn ihn und seine Familie treffen.

Gleb aus Lettland benötigte auch dringend ein Visum. Da seine Familie zweimal gehostet hatte, wollten wir ihm eine Chance geben. Leider war er nicht in der Lage seinen Austausch zu bewältigen und flog nach zwei Monaten wieder heim.

Guili „the willi“

Als nächstes wollte unser Sohn einen Gleichaltrigen mit ähnlichen Hobbies, weshalb wir uns für Guili „the willi“ aus Brasilien entschieden. Guilherme nahm in den ersten drei Monaten 13 Kilogramm zu, weil ihm die deutsche Küche so gut schmeckte - man sah es ihm aber nicht an. Er und auch Nico aus Paraguay brachten den Fußballverein zu nie gekannten Torverhältnissen. Guili machte mir sogar ein Jobangebot: ich solle ein Restaurant in seiner Heimatstadt aufmachen und er komme jeden Tag zum Essen. Mittlerweile ist er jedoch nach New York umgezogen. Ein Jahr nach seiner Abreise besuchte er uns mit seiner Familie und es fühlte sich an, als ob er nie fort gewesen wäre.

Dann war da noch Nico aus Paraguay, der bereits am dritten Tag in Deutschland auf dem Weg zum Deutschkurs verloren ging. Ich schwitzte Blut und Wasser auf der Suche nach ihm. Als ich mich entschloss die Polizei an der Suche zu beteiligen, kam der erlösende Anruf, dass er wieder zu Hause eingetroffen sei. Seine große Leidenschaft war der Fußball. Heute schreibt er uns ab und zu über Facebook eine Nachricht, worüber ich mich immer sehr freue.

Lulu aus China

Da alle meine Söhne samt Nico am Ende des Jahres ausgeflogen waren, wollte ich eigentlich ein Sabbatjahr einlegen. Die Verwandten und Freunde fragten sich, ob ich es schaffen würde, ohne Kinder zu leben. Zehn Tage, die ich mit auf- und ausräumen gut beschäftigt war, hielt ich es durch. Dann bekam mein Mann endlich eine Tochter: Lulu aus China. Sie lebte teils unverschuldet innerhalb von vier Monaten in vier verschiedenen Gastfamilien und benötigte dringend eine neue Bleibe. Sie war für uns alle etwas besonderes - sowohl kulturell als auch weil sie unsere erste und einzige Tochter war. Ich war überrascht, wie anhänglich sie auf der einen Seite und aktiv in den dörflichen Vereinen auf der anderen war. Bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte, hat sie uns das Versprechen abgenommen, in Deutschland heiraten zu dürfen. Wir werden sehen, wie das Leben spielt. Bis heute hat sie keinen Geburtstag und keinen Muttertag vergessen.

Das Ende setzte Duojie aus Tibet. Obwohl ihm das deutsche Leben viel besser gefiel, gelang es ihm nicht, sich auf die Herausforderung einzulassen und so flog er drei Monate vor Ende zurück nach Tibet, aus Angst in der Schule zu viel zu verpassen.

Dank all unserer Gastkinder ist unser Leben sehr viel bunter und reicher geworden, wenn auch manchmal hart erkämpft, und nun warten wir mit großer Vorfreude auf Hochzeiten und Enkelkinder überall auf der Welt!