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An seinen Aufgaben wachsen

Friederike, Bolivien, 2013, weltwärts

An seinen Aufgaben wachsen

Friederike hat in ihrem Freiwilligendienst in Bolivien mit AFS und dem weltwärts-Programm in einem Kinderheim gearbeitet und dabei auch Aufgaben in dem dazugehörigen Bauernhof übernommen. Sie hat nicht nur Kinder behütet, sondern auch Kühe gemolken und sich um Schweine gekümmert.

Ein Jahr lang habe ich mit AFS in Bolivien gelebt und dort meinen weltwärts–Freiwilligendienst geleistet. Im folgenden Bericht möchte ich euch gerne von meinen Erlebnissen und meinem Alltag erzählen. Viel Spaß!

Land und Leute in Bolivien

Friederike beim Freiwilligendienst in Bolivien

Am Anfang meines Auslandsaufenthaltes waren noch viele Dinge neu und ungewohnt. So viele Situationen, die in Bolivien so anders geregelt und gesehen werden als in Deutschland. Dies fängt damit an, dass man gesagt bekommt, „aber wirf das Toilettenpapier nicht in die Toilette dafür steht der Mülleimer daneben“. Ich bin sehr froh, dass ich nicht erfahren habe, was denn passiert, wenn man das Toilettenpapier doch einmal hineinwirft. Ich habe allerdings so einige Geschichten gehört. Zu lernen sich selbstständig fortzubewegen ist auch nicht so einfach und übersichtlich wie in Deutschland. Es gibt „Micros“ (kleine Busse), „Trufis“ (Sammeltaxis) und natürlich unglaublich viele Taxis. Um einen Micro oder ein Trufi zu nehmen, muss man sich an eine der oft viel befahrenen Straßen stellen und darauf warten, dass der Richtige vorbeikommt. Dann streckt man seinen Arm aus und im Optimalfall hält der Micro oder das Trufi, man zahlt beim Einsteigen und sagt dem Fahrer Bescheid, wann man wieder aussteigen möchte. Mit Taxis funktioniert es ein bisschen anders, da man möglichst nur mit Radiotaxis fahren sollte, ruft man sie von zu Hause aus an und wartet, bis sie vor der Tür stehen, so wie in Deutschland auch.

 

Essen hat in der bolivianischen Kultur einen ähnlichen Stellenwert wie in Deutschland. Die Familien versammeln sich allerdings nicht nur zum gemeinsamen Abendessen, sie kommen auch in der sehr langen Mittagspause nach Hause, um zusammen zu essen. Außerdem wird verhältnismäßig eher mehr gegessen. Sowohl zu Hause als auch auf meiner Arbeit wurde mir stets eine riesige Portion serviert, da ich doch so dünn sei. Außerdem isst man verhältnismäßig mit mehr Fleisch und immer mit Kartoffeln und dazu Reis oder Nudeln. Kein Wunder, dass jeder, der dort einige Zeit lebt, mitunter leicht etwas zunehmen kann. Es schmeckt aber auch so gut.

 

In recht kurzer Zeit jedoch gewöhnte ich mich an all diese neuen Eindrücke, und dies alles fiel mir gar nicht mehr so sehr auf. Ich habe einige Freunde in Bolivien gefunden, anfangs mehr andere Freiwillige und Austauschschüler aber später auch Bolivianer. Mit ihnen habe ich vieles unternommen. Sie haben mir Santa Cruz aus einer anderen Perspektive gezeigt, ich bin aber auch mit ihnen gereist und habe neue Orte kennengelernt.

 

Große kulturelle Unterschiede zwischen den Deutschen und den Bolivianern gibt es bei der Kommunikation. Die Deutschen sprechen häufiger alles direkt an, wohingegen man bei den Bolivianern an mancher Stelle nicht weiß, ob sie jetzt wirklich zufrieden sind oder nur nicht unhöflich sein wollen. Außerdem haben die Bolivianer, zumindest in Santa Cruz, sehr laut gesprochen, auf einer Familienfeier musste dann schon mal geschrien werden, nur um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Jetzt sagt meine deutsche Familie mir, dass ich nicht so laut reden soll.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Bolivien

Friederike bei ihrem Projekt in Bolivien

Ich habe in einem Kinderheim bei Cotoca, etwas außerhalb von Santa Cruz, gearbeitet. Das Gelände des Heims war riesig und wurde landwirtschaftlich genutzt. Die Kinder sollen dort lernen, Verantwortung zu übernehmen und haben alle Aufgaben, die ihrem Alter entsprechen. Dem Heim ist eine Schule angeschlossen, in die auch Kinder aus der Umgebung gehen. Der Unterricht findet morgens von 8:30 Uhr bis 12:00 Uhr statt. Ich war dort relativ frei, ich hatte keinerlei Vorgaben oder Aufgaben, die ich übernehmen musste, sondern durfte mir alles selbst aussuchen. Am Anfang, als ich den Ablauf im Projekt nicht kannte, war dies schwierig für mich, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und bin nun sehr froh, so wenig eingeschränkt worden zu sein. Morgens, während die Kinder in der Schule waren, habe ich geholfen zu kochen, die Zimmer herzurichten oder geputzt. Irgendetwas gab es immer zu tun. Nachmittags haben wir dann erst zu Mittag gegessen und danach hatten die jüngeren Kinder eine oder anderthalb Stunden Pause, bis sie dann Hausaufgaben machen mussten, wobei ich oft die Kleineren unterstützte, die noch Probleme beim Lesen und Schreiben hatten. Danach mussten sie „servicio comunitario“ leisten, also auf dem riesigen Gelände, das sie haben, Unkraut jäten, neue Felder anlegen, Gemüse pflanzen oder sich um die Kühe und Schweine kümmern. Dabei habe ich auch geholfen. Abends habe ich dann entweder mit den Jungs Fußball gespielt, Armbänder gemacht oder geholfen zu kochen. Vor dem Schlafen haben wir oft noch ein bisschen ferngesehen und ich habe noch etwas vorgelesen. Am Morgen bin ich meist um 5:30 Uhr aufgestanden und mit zwei der Jungs und dem Kuhhirten zu den Kühen gegangen, um zu melken.

 

Es gab aber auch viele „besondere“ Tage auf der Arbeit. Tage wie der Geburtstag des Pfarrers, der das Projekt gründete, das Gründungsdatum, der Gründungstag von Santa Cruz und, und, und. An solchen Tagen gab es dann besonderes Essen, für manche Tage haben wir sogar eines unserer Schweine geschlachtet. Es gab dann auch Musik und Tanz, die Jungen hatten schulfrei und es gab Süßigkeiten. Auch war mein Arbeitstag anders in den zweimonatigen Ferien. Da es außer dem projekteigenen Auto keine Möglichkeit gab, in das Heim zu kommen, bin ich montags mit dem ersten Auto hingefahren und mittwochs wieder zurück gefahren. Außer montags und mittwochs fuhr das Auto in den Ferien nur noch samstags, deswegen hatte ich auch viel frei. Es gab zu dieser Zeit allerdings auch nicht viel zu tun, da etwa die Hälfte der Kinder bei ihren Familien war und wir immer nur zu zweit arbeiteten. Im Normalfall war ich 80 Stunden die Woche im Projekt und habe etwa 54 Stunden aktiv gearbeitet. Die letzten zwei Monate habe ich jeweils von Montag bis Dienstag und von Donnerstag bis Samstag gearbeitet und hatte mittwochs und sonntags frei.

 

Während meiner Arbeitszeit gab es immer wieder unterschiedliche Situationen, die mich überforderten, da die Jungs oft schwierig im Umgang sind und ich besonders am Anfang oft nicht verstand, was sie sagten. Allerdings hatte ich genauso oft Situationen, in denen ich unterfordert war, wenn die Kinder in der Schule waren und es fast nichts zu tun gab. Deswegen war ich im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit meiner Arbeit und ich kann sagen, dass ich selbst gemerkt habe, wie ich an meinen Aufgaben gewachsen bin.

 

Zweimal ich mit unseren Sozialarbeiterinnen mitgefahren bin, um Familienbesuche zu machen. Beim ersten Mal sind wir zu Familien aus dem Präventionsbereich gefahren, die mein Projekt unterstützt, damit ihre Kinder nicht in Heime müssen und damit sie es schaffen, selbst aus der Armut zu kommen. Ihnen werden Mikro-Kredite ohne Zinsen vergeben, damit sie sich etwa einen Ofen kaufen können, mit dem sie dann ihre Einnahmen steigern. Beim zweiten Mal bin ich mit zu einigen Familien der Jungs gefahren. Diese betreut die Psychologin, um eventuell zu ermöglichen, dass die Jungs wieder dort leben können. Das ist allerdings ein sehr schwieriger Prozess und es funktioniert nicht oft.

 

Ich bin morgens mit einem Trufi, also einem Sammeltaxi, etwa 10 Minuten bis zu einem Treffpunkt gefahren, dort hat mich dann der projekteigene Micro eingesammelt und so bin ich dann bis nach Paorito gefahren. Mein Arbeitsweg war etwa 2 Stunden lang. Die erste Stunde ging es über asphaltierte Straßen, in der zweiten dann über Sandwege die besonders während der Regenzeit fast unmöglich zu befahren waren.

Meine Gastfamilie

Anfangs fiel mir das Einleben in meiner Gastfamilie nicht so leicht. Durch die Sprachbarriere vielleicht, aber auch dadurch, dass meine 13-jährige Gastschwester sehr eifersüchtig war und nicht mit mir sprechen wollte. Alle anderen waren allerdings von Anfang an sehr nett zu mir, halfen mir und unterstützten mich trotz Verständigungsschwierigkeiten. Meine Gastmutter hatte eine sehr enge Beziehung zu ihren Eltern, weswegen ich tagsüber eigentlich immer dort war und wir auch dort zu Mittag aßen. Mein Gastgroßvater hat selber einmal ein Jahr im Ausland verbracht und konnte mich deswegen am besten verstehen. Oft habe ich meiner Gastmutter nachmittags geholfen auf meine kleine, zweijährige Gastschwester aufzupassen. Und wir haben auch einige Dinge zusammen unternommen.

Betreuung durch AFS

Ich hatte einen Betreuer von AFS in meiner Stadt, der ehrenamtlich bei AFS arbeitet. Er war sehr nett und hat mir immer geholfen, wenn ich ein Problem hatte, was zum Glück nur ganz am Anfang vorkam. Ich habe in Bolivien am Midstay Camp von AFS teilgenommen und habe bei zwei Weiterbildungen, die meine bolivianische Chefin angeboten hat, mitgemacht.

 

Von AFS Deutschland habe ich erwartet, dass sie mir in Notfällen helfen, die nicht vor Ort geklärt werden konnten, und dass sie rechtzeitig die Termine aus Deutschland schickten, die ich brauchte, um zu planen. Glücklicherweise hatte ich keinen größeren Notfall und alle Termine wurden mir rechtzeitig zugeschickt. Deswegen war ich mit AFS Deutschland sehr zufrieden.

 

Ich habe ganz am Anfang gedacht, ich will das Projekt wechseln, weil mein Spanisch noch nicht gut war, und die Direktorin der Schule wollte, dass ich Englischunterricht gebe, die Kinder allerdings natürlich nicht geduldig genug waren, darauf zu warten, dass ich mal einen Satz fertigbrachte, sondern lieber direkt aus der Klasse liefen. In der Situation habe ich gedacht, dass ich das Jahr nicht überstehe, dass ich mit der gesamten Situation niemals klarkomme, und wollte das Projekt wechseln. Zum Glück hat das nicht geklappt. Ich bin jetzt sehr froh, dass mein Gastvater mit mir zu meiner Chefin fuhr und wir nur meinen Aufgabenbereich tauschten. Denn mit den anderen Aufgaben im Projekt fühlte ich mich sehr wohl.

Sprache und Kommunikation

Friederikes Eindrücke aus Bolivien

Ich habe mich mit den Leuten im Projekt nur auf Spanisch verständigt, weil sie auch keine andere Sprache konnten, und beim Sprechen mit den Jungs habe ich die Sprache auch am schnellsten gelernt. Auch in meiner Gastfamilie habe ich fast nur Spanisch geredet, weil nur mein Gastopa Englisch konnte und auch er wollte, dass ich schnell Spanisch lerne. Ich konnte bei meiner Ankunft nur sehr wenig Spanisch, aber dadurch, dass wirklich alle konsequent nur Spanisch mit mir redeten, habe ich sehr schnell dazu gelernt und konnte mich nach kurzer Zeit verständigen. Zwar noch mit einigen Fehlern, aber so, dass die anderen mich verstehen konnten. Am Ende des Auslandsaufenthaltes hatte ich keinerlei Probleme mehr mich zu unterhalten. Ich habe am Anfang den Sprachkurs besucht, der von AFS angeboten wurde, und danach habe ich viele Kinderprogramme mit meiner kleinen Gastschwester gesehen, was mir auch sehr geholfen hat. Meine Kollegen haben mir meist ganz einfach die Sachen mit Händen und Füßen erklärt und hatten viel Geduld mit mir. Meine Gasteltern haben oft einfach gesagt: „Nicht so wichtig siehst du ja gleich.“