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Ein Jahr in Bolivien - das intensivste meines Lebens

Konrad, Bolivien, 2014, weltwärts

Ein Jahr in Bolivien - das intensivste meines Lebens

Konrad hat seinen Freiwilligendienst mit AFS und dem weltwärts-Programm in Bolivien verbracht. Dabei hat er in einem Zentrum für benachteiligte Kinder gearbeitet und unter anderem Trommeln gebaut. Hier berichtet er von seinen vielfältigen Erfahrungen.

Über das weltwärts-Programm und AFS landete ich in Cochabamba, einer Stadt, dessen Namen ich selbst wenige Monate vor der Ausreise noch nie gehört hatte. Ich verbrachte dort elf Monate, um meinen Freiwilligendienst zu leisten.

 

Die Stadt liegt im Herzen Boliviens, das wiederum im Herzen Südamerikas liegt, und ist durch seine Einzigartigkeit und Leute schnell auch zu einem Teil meines Herzens geworden. Ich arbeitete dort im Centro de Educación especial „Arnoldo Schwimmer“, einer Einrichtung für Kinder mit speziellen Bedürfnissen, die durch Behinderungen, Diskriminierung, schwierige familiäre Verhältnisse oder einem Zusammenspiel aller drei bedingt dort sind. Die gesamte Erfahrung in Bolivien, sei es die Arbeit im Projekt, meine Reisen durch das Land, das Leben in meiner Gastfamilie oder der Kontakt zu Menschen, von denen nicht wenige meine Freunde geworden sind, zähle ich heute zu einer der intensivsten und schönsten meines Lebens. Im folgenden Bericht will ich versuchen, zumindest ein Stück davon zu teilen.

Land und Leute in Bolivien

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

An Lateinamerika erschien mir besonders attraktiv, dass für mich die Möglichkeit bestand, eine für mich komplett neue, international verwendete Sprache zu lernen. Ähnlich wie bei der grundsätzlichen Entscheidung für einen Freiwilligendienst, fiel die Entscheidung zu einem großen Teil auch gesteuert durch mein Bauchgefühl. Mich hat an dem Land Bolivien, bevor ich mich mehr eingelesen habe, eigentlich hauptsächlich die extremen Landschaften in der Andenregion interessiert.

 

Wie sich während des Fluges nach Bolivien lustigerweise herausstellte, hatte ich, wie die meisten der frischgebackenen Freiwilligen, eine fast unglaubliche Sammlung an Reiseführern geschenkt bekommen. Diese machten mir sehr große Lust, das Land und seine Nachbarländer zu bereisen. Ich bezog daraus aber auch einen großen Teil meines Wissens über die Menschen in Bolivien und deren Kultur. Meiner Meinung nach vermitteln einige Reiseführer ein absurdes Bild einer urtümlichen, indigenen Kultur, die das Leben in Peru und Bolivien bestimme. Eine Vorstellung, die ich nicht komplett teilte, die ich dennoch teilweise hatte. Und eine Vorstellung, die sich in meinem heutigen Bild des Landes überhaupt nicht mehr erkennen lässt. Was ich damit aber eigentlich sagen will: Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass man ein Land, sei es auf den ersten Blick noch so exotisch, mit komplett anderen Augen sieht, wenn man erst einmal längere Zeit dort verbracht hat, die Menschen und Bräuche kennengelernt und verstanden hat.

 

Freiwilligendienst weltwärts

Meine Gastfamilie

An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass ich zum größten Teil dadurch so schnell in Bolivien Fuß fassen konnte, da ich das Glück hatte in der denkbar besten Gastfamilie zu leben. Durch meinen Gastbruder konnte ich sehr schnell Kontakte knüpfen und auch er selbst wurde zu der wichtigsten Person während des ganzen Jahres in Bolivien. Auch die Gasteltern haben mir so viel über Bolivien und Lateinamerika beigebracht, wie man es von niemandem erwarten würde. Bis heute stehe ich in engem Kontakt zu ihnen und hoffe, dass ich nicht zu lange warten muss, sie wieder zu sehen.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Bolivien

Gruppe mit Kindern beim Freiwilligendienst in Bolivien

Einer der wichtigsten Bestandteile meiner Erfahrung in Bolivien war selbstverständlich die Arbeit im Projekt, bei dem ich während meines Freiwilligendienstes aushalf.

 

In der ca. 15 km vom Zentrum Cochabambas gelegenen Nachbarstadt Quillacollo gibt es seit nun schon fast 20 Jahren ein Zentrum für Kinder mit geistiger Behinderung, das Centro de Educación Especial „Arnoldo Schwimmer“ (ASQ) . Das Bildungszentrum versorgt zum großen Teil Kinder, die von schweren Lernbehinderungen bis hin zu geistigen und körperlichen Handicaps betroffen sind und aus armen Familien stammen. Das ASQ hat sich dem Ziel gewidmet, diese Kinder so gut wie möglich auf einen selbstständigen Alltag vorzubereiten und sie und auch ihre Familien besser auf ein Leben mit Einschränkungen einzustellen. Wichtig ist auch die enge Zusammenarbeit mit den Waisenhäusern, in denen viele der Kinder leben, die im ASQ zur Schule gehen. Denn viele dieser Kinder wurden auf regulären Schulen so stark diskriminiert, dass sie zur Vorbereitung auf die Rückführung in reguläre Schulen auf das ASQ gehen.

 

Jeden Morgen fuhr ich eine knappe Stunde in zwei Sammelbussen von Cochabamba nach Quillacollo, dem größten Vorort Cochabambas. Die lange Fahrt ist eigentlich das Einzige, was mich an meiner Arbeit gestört hat, da die Busse morgens meistens überfüllt und eng sind. Am Anfang störte mich noch, dass ich eigentlich nur jeden zweiten Morgen pünktlich zur Arbeit antreten konnte, da fast jeden Tag ein Stau, eine Demonstration oder irgendetwas anderes dazwischen kam. Mit der Zeit verstand ich aber, dass die meisten im Projekt dafür Verständnis hatten, da sowieso kein anderer so einen weiten Arbeitsweg hatte wie ich.

 

Mein Arbeitsbereich im Projekt war eigentlich keine Woche konstant an einem einzigen Ort, da ich oft als Aushilfe gerufen wurde, wenn zur Zeit des normalen Schulbetriebes ein Lehrer fehlte, oder ich z. B. einem Lehrer mit einem Computer helfen sollte oder Dinge getragen werden mussten. So hatte ich das Glück, die verschiedensten Altersgruppen von Schülern und fast alle Lehrer aus den vielen unterschiedlichen Arbeitsbereichen kennenzulernen. Im Bereich Physiotherapie konnte ich dank zweier sehr, sehr netter Kolleginnen viel über die einzelnen Schüler und deren verschiedene Bedürfnisse lernen. Am Anfang war die Arbeit in diesem Bereich für mich sehr herausfordernd und auch jetzt bewundere ich diese Kolleginnen immer noch dafür, was sie jeden Tag bei ihrer Arbeit leisten. Es gab jedoch eine Konstante, die sich durch meinen Arbeitsalltag zog. Das war die Gruppe der Carpintería, mit der ich am Anfang die meiste Zeit während der Arbeit verbrachte und deren Schüler so jeder für sich mir ans Herz gewachsen sind.

 

Freiwilligendienst weltwärts  Bolivien

 

Leider wurde die im ASQ vorhandene Technik für mich schnell zu einem Frustfaktor. Die Computer waren eigentlich alle sehr alt (höchstens Windows 98 mit Floppy Disks) und von den 5 Computern konnte ich, wenn überhaupt, 3 starten. Von den anfangs vielen angemeldeten und sichtbar motivierten Schülern konnte ich die meisten deshalb nur einmal die Woche unterrichten und einige verloren auch ihr Interesse an den Kursen, was ich auch gut verstehen konnte.

 

Ich hatte außerdem einen Briefwechsel mit einer Computer–AG der Diakonie in Stetten im Remstal über eine Freundin meiner Familie organisiert. Der Briefwechsel kam in der ganzen Zeit nur drei Mal zustande, da wir durch die technischen Probleme leider nicht schnell genug hinterher kamen. Trotzdem war es schön zu sehen, wie einige Schüler Spaß dabei hatten, ihre Briefe mit Bildern (die ein Computer sogar verarbeiten konnte) zu gestalten und die Briefe von der deutschen Computer AG zu sehen.

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

 

Eine meiner weiteren Aufgaben war es, mehrmals die Woche mit den Jungs-Kursen auf den Fußballplatz oder Schulhof zum Sportunterricht zu gehen. Dort assistierte ich einem Sportlehrer und wir machten Fitnessübungen und spielten natürlich auch sehr viel Fußball. Getrennt davon wurden auch zwei Schüler speziell für die Paralympics in verschiedenen Disziplinen trainiert.

 

Auch wenn es oft sehr anstrengend war, bei der Mittagshitze alle Schüler im Auge zu behalten und dabei zu motivieren, war das eine der Aufgaben, die mir am meisten gefielen. Als eines Tages gegen Ende meiner Zeit als Freiwilliger im ASQ ziemlich viele Lehrer auf einmal ausfielen, wurde mir das erste Mal von der Schulleiterin erlaubt, mit einer relativ großen Gruppe von 13 Jungs alleine zum Sportplatz zu gehen. Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, dass ich es alleine zu verantworten hätte, wäre einer der Schüler weggelaufen oder hätte sich verletzt. Ich sagte der Schulleiterin, dass sich die Jungs der Tischlergruppe langweilten und auf den Lehrer warteten und sie gab mir mit einem strengen Blick und trotz Zögerns ihre Erlaubnis. Der Ausflug verlief ganz normal und ruhig und ich hatte das Gefühl, dass sich jeder der Schüler verantwortungsbewusst verhielt, obwohl ich das davor schon sehr oft anders erlebt hatte. Als ich mit allen Schülern wieder im Zentrum ankam, war ich sehr erleichtert und stolz, dass mich die Gruppe endlich akzeptiert hatte. Das hat sich auch bis zum Ende nicht mehr geändert.

 

Gegen Ende der Zeit als Freiwilliger im ASQ bekam ich über AFS Wind davon, dass man bei der deutschen Botschaft in La Paz Fördergelder für Kleinstprojekte, sog. „Microproyectos“ beantragen könne. Mir war schon viel früher aufgefallen, dass der Tischlerkurs in meiner Arbeitsstelle oft keine Möbel bauen kann, da die Materialien nicht im Budget der Schule, noch dem der Eltern enthalten sind. So gab es Zeiten, in denen die Maschinen einstaubten und sich die Schüler auf das Reparieren von Stühlen beschränken mussten und diese Aufgabe immer und immer wieder machen mussten. Gleichzeitig fehlte es dem Zentrum deutlich an Instrumenten, auf denen mehrere Schüler gleichzeitig hätten spielen können. Also beantragte ich bei der Botschaft eine Fördersumme von 200 Euro, um in der Werkstatt der Schule mit den Schülern Trommeln für den Musikunterricht zu bauen. Zuerst war die Enttäuschung groß, als sich herausstellte, dass die Botschaft erst Projekte ab einem Förderumfang von mehreren Tausend Euro fördere. Doch dann: der persönliche Anruf von einem der Botschafter. Seine Frau und er wollten mein Projekt privat fördern.

 

Also druckte ich einen einfachen Bauplan für peruanische Cajón – Trommeln aus dem Internet aus und fing an, bei Schreinereien nach dem besten Preis für die Rohmaterialien zu suchen. Als ich mit den Brettern unter dem Arm ankam und erzählte, ich wolle Trommeln bauen, erntete ich so manchen verdutzten Blick. Es erforderte einige Überzeugungsarbeit und Experimentierfreudigkeit, da ich die Trommeln vorher auch noch nie selbst gebaut hatte, doch zum Glück fand ich die Unterstützung einer der Lehrer, der sich für die Idee begeistern ließ.

 

Als die erste Trommel fertig war und auch noch annehmbar klang, kam das Projekt mehr ins Rollen und die restlichen sechs Trommeln wurden schnell fertig. Mit dem Musiklehrer und Dorina übten wir zu unserem Abschied noch eine halb improvisierte Choreografie zu Capoeira Rhythmen ein, bei denen einige der Schülerinnen und Schüler spielten und andere tanzten.

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolovien