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Ein Jahr - Ein Abenteuer

Luisa, Bolivien, 2009, weltwärts

Ein Jahr - ein Abenteuer

Luisa hat ihren weltwärts-Freiwilligendienst in Bolivien gemacht. In ihrem Bericht erzählt sie von ihrer Arbeit mit Straßenkindern.

Im folgenden Text möchte ich euch gerne über meinen Freiwilligendienst im Rahmen des weltwärts-Programms, welchen ich mit AFS in Bolivien gemacht habe, berichten. Viel Spaß!

 

Nach fast 40 Stunden Flug bin ich in der Hauptstadt La Paz angekommen, wo ich einige Tage mit den anderen AFSern verbracht habe, was dem Zweck diente, sich gemeinsam an die neuen Umstände zu gewöhnen. Ich erinnere mich daran, wie ich und die anderen weltwärts-Bolivien-Teilnehmer vom Koordinator von AFS La Paz am Flughafen, welcher in El Alto liegt, abgeholt und dann nach La Paz in ein Hotel gebracht wurden.

Die Betreuung durch AFS in Bolivien

Julia beim Freiwilligendienst mit dem weltwärts-Programm in Bolivien

Die ersten Tage in La Paz haben mir gut gefallen, ich hatte die Möglichkeit mit einer weiteren Teilnehmerin die Stadt ein wenig zu erkunden. Mit AFS haben wir eine kurze Einführungsveranstaltung gehabt und außerdem hat die Organisation mir geholfen mein Visum bei der deutschen Botschaft zu verlängern. Mit der Betreuung durch AFS Bolivien war ich das ganze Jahr über zufrieden. Hier möchte ich auch ein ganz deutliches Lob an Jorge aus dem Komitee von AFS Santa Cruz aussprechen, dessen Büro immer offen war und dem wir AFSer nicht nur bei Problemen, sondern auch sonst immer gerne einen Besuch abgestattet haben. Mein Zwischenseminar fand in Potosí und Sucre statt, da wir jedoch nur vier weltwärts-Teilnehmerinnen in Bolivien waren, war es etwas schwierig, fünf Tage lang entwicklungspolitische Diskussionen zu führen oder über unsere persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Wir haben daher auch noch die Möglichkeit gehabt, die Hauptstadt ein wenig kennenzulernen und die Silberminen Potosís zu besichtigen. Hierbei war besonders Letzteres sehr lehrreich und sinnvoll, schließlich waren die Silber- und Goldminen der Grund, weswegen Potosí - heute eine der ärmsten Städte Südamerikas - einst so reich war und lange Zeit von Spanien besetzt und ausgebeutet wurde.

 

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ging es dann weiter zum eigentlichen Ziel: Santa Cruz de la Sierra.

Meine Gastfamilie

Als ich dort am Flughafen meiner Gastfamilie gegenüberstand, traf ich auf eine neue Welt. Nicht nur der Höhen- und Klimaunterschied von mehr als 3000 Metern, sondern auch der Fakt, dass jetzt Schluss mit Englisch und Deutsch war, machte mir deutlich, dass jetzt das eigentliche „Abenteuer“ anfing.

 

Von meiner Gastfamilie wurde ich von Anfang an wie eine Tochter des Hauses behandelt, was sich nicht nur darin widerspiegelte, dass ich von Anfang an mit „hija“ (Tochter) angesprochen wurde, sondern auch in etlichen anderen Gesten. Meine neuen Eltern haben ihre Rolle als Gastfamilie sehr ernst genommen, es hat etwas gedauert, bis sie sich auch für meine Lebensweise öffnen konnten. Auch bolivianische Freunde hab ich schnell gefunden, da ich das Glück hatte in einer Familie zu wohnen, die zwei eigene Töchter im Alter von 17 und 20 hat und zudem eine dänische Freiwillige dort wohnte. Da meine Gasteltern nur Spanisch sprachen und das Englisch meiner Gastschwestern auch eher bescheiden war, war ich von Anfang an gezwungen, fast immer die Landessprache zu sprechen. Das Gleiche galt auch in dem Projekt. Dieser Aspekt hat mir von Anfang an gut gefallen. Ich habe wohl so gut wie nichts verstanden und zurückblickend glaube ich, war dies auch einer der Gründe, warum mir der Anfang wirklich schwergefallen ist, aber dadurch habe ich die Sprache innerhalb eines Monats gelernt. Nach einem halben Jahr habe ich dann angefangen Sprachunterricht zu nehmen, um mich auf die DELE-Prüfung, ein spanisches Sprachzertifikat, vorzubereiten.

 

Was auch interessant zu erleben war, war Weihnachten. Ich habe die Feiertage in Potosí, einer kleinen, armen und aufgrund seiner Höhe von geschätzt 4500 Metern sehr kalten Stadt, gemeinsam mit meiner Gastfamilie verbracht. Insgesamt waren wir schätzungsweise 25 Personen - Onkel, Tanten, Nichten usw. - alle gemeinsam in einem Haus. Wir haben für meine Auffassung sehr spät, um 23 Uhr angefangen zu tanzen, um circa 1 Uhr wurde dann das Abendessen serviert und danach die Bescherung. Santa Cruz hat im Gegensatz zum Rest Boliviens ein subtropisch feuchtes, schwüles Klima, der Sommer geht von August bis Juni, ich habe in dem Jahr nur wenige kalte Tage erlebt. Ich hätte vorher nie gedacht, dass das Klima die Menschen so beeinflussen kann. Am Ende des Jahres war ich immer noch nicht an die Hitze gewöhnt, sie hat mich immer noch unheimlich müde und schwach gemacht, ich war eigentlich fast durchgehend erschöpft.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Bolivien

Projekt in Bolivien kümmert sich um Kinder auf den Straßen

Nach einer Woche Eingewöhnung habe ich im Projekt Alalay angefangen, wobei die erste Woche daraus bestand, dass ich mir die drei verschiedenen Kinderheime bzw. -dörfer anschauen durfte, mir die Struktur, Idee und Aufgaben Alalays erklärt wurden und ich dann, als erste Freiwillige dieses Sommers mit weltwärts sogar aussuchen konnte, wo ich arbeiten möchte.

 

Zur Auswahl standen ein großes Kinderdorf ca. 1.5 Stunden außerhalb der Stadt, wunderschön hergerichtet - viel grün, Hunde, Hühner usw. – in dem sehr viele Erzieher, Koordinatoren und auch Freiwillige arbeiten; ein Heim für Jungs im Zentrum Stadt und eins für Mädchen in einem Stadtteil. In dem Kinderdorf ist es so vorgesehen, dass die Freiwilligen montags bis freitags in dem Projekt leben. Mir haben alle Orte gut gefallen, die Kinder waren von Anfang an total interessiert an der neuen „hermana“ (Schwester), sie waren überhaupt nicht schüchtern, haben angefangen zu reden (wovon ich die ersten Tage fast gar nichts verstanden habe), mich zu umarmen usw. Man hat sich sowohl von Kollegen als auch von den Kleinen sehr herzlich aufgenommen gefühlt.

 

Letztendlich habe ich mich für das Heim der Mädchen entschieden und es nie bereut. Es waren von meiner ersten Wohnung wohl jeden Tag zwei Mal 50 Minuten im Bus, was hier bedeutet jeden Tag 100 Minuten durchgeschüttelt zu werden, aber abgesehen von dem Weg hat mir die Stelle am besten gefallen. Das ganze Jahr über habe ich mich sehr wohl gefühlt, was auch besonders daran lag, dass meine Mitarbeiterinnen und meine Vorgesetzten sich sehr freundlich, zuvorkommend und dankbar gezeigt haben.

 

Mit den Kleinen machte ich meist Hausaufgaben, wir malten viel, redeten, ich schlichtete Streit, tröstete, brachte sie zum Arzt… Was immer so anstand. Die Älteren waren da schon eher selbstständiger. Da bestand die Aufgabe eher darin, eine Vertrauensperson zu sein (bei den anderen natürlich auch), zu ihnen war es auch schwieriger ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Und natürlich, wann immer es Fragen bei Englischhausaufgaben gab. Aber egal ob mit den Kleinen oder Großen, sobald es ums Lernen ging, musste man eine wirklich hohe Frustrationsgrenze beweisen. Das Niveau war für meine Erkenntnisse sehr gering, was nicht verwunderlich ist, da viele auch für Jahre auf der Straße gelebt hatten und nicht zur Schule gegangen waren. Außerdem konnte sich keines der Kinder richtig konzentrieren. Daher fiel es mir oft sehr schwierig dort etwas beizubringen.

 

Jedoch ging es ja nicht nur um die schulische Unterstützung bei meiner Arbeit. Zum Ende des Jahres, im Dezember und Januar, hatten die Mädchen zum Beispiel dreimonatige Weihnachtsferien, wofür ich vorher eine Art Adventskalender gebastelt hatte, wo nicht nur für jeden der Tage vor Weihnachten Süßigkeiten enthalten waren, sondern auch eine Aktivität – sei es ins Schwimmbad, in den Park gehen, Brownies backen oder DVDs schauen.

Luisa beim weltwärts-Freiwilligendienst mit den Mädchen

Leider stehen Alalay in Santa Cruz sehr wenig Mittel zur Verfügung und daher jede Aktivität, für die man Geld benötigt, sei es nur mit den Kindern in den Zoo oder ins Schwimmbad zu gehen, erst in La Paz, wo sich das Büro des Projektes befindet, beantragt werden muss. Daher sind solche Sachen unheimlich schwer zu realisieren, sodass Eigeninitiative gefragt ist und man mit wenigen Mitteln für viele Kinder Beschäftigungen gestalten muss. Die Arbeit mit Kindern hat mich auch viel über meine eigene Kindheit nachdenken lassen. Ich habe verglichen, wie unbeschwert und glücklich ich selber aufgewachsen bin und es machte mich auch immer wieder traurig, wenn ich sah, wie gering die Chancen vieler Kinder waren oder wenn mir von ihren Vorgeschichten in der Straße oder ihren Familien erzählt wurde.

 

Von einem der Mädchen war ich zusätzlich die „Ersatzmutter“, das heißt, ich habe besonders engen Kontakt mit ihr gehabt, sie auch am Wochenende ab und an abgeholt, war mit ihr im Kino, im Zoo, in der Stadt oder habe kleine Geschenke mitgebracht. Sie war eine der Wenigen, deren Eltern sie nie besucht haben und die auch gar keinen Kontakt zu ihnen hatte, daher hatte mich die Koordinatorin Alalays gefragt, ob ich mich nicht intensiver mit ihr beschäftigen könne.

Kinder in den Kanälen von Santa Cruz

Neben der Arbeit im Kinderheim habe ich auch noch auf der Straße gearbeitet. Zwei Mal pro Woche habe ich mich morgens früh, zwischen sieben und acht Uhr, mit einer Gruppe Freiwilliger getroffen und wir sind in die Kanäle von Santa Cruz gegangen und haben den Jugendlichen Frühstück mitgebracht, gebetet, medizinische Notversorgung geleistet und sie versucht zu motivieren, zur Schule zu gehen. Falls Letzteres gelang, haben wir sie dort oft besucht und ihnen das Gefühl gegeben, dass es andere Menschen gibt, denen sie etwas bedeuten, die sich um sie kümmern und unterstützen.

Mein Fazit über den weltwärts-Freiwilligendienst in Bolivien

Julia beim Freiwilligendienst mit Kindern während des weltwärts-Programm in Bolivien

Noch heute bin ich durch die Münsteraner Altstadt gelaufen, meine Heimatstadt in der ich zuvor 19 Jahre ohne je irgendetwas groß zu hinterfragen, aufgewachsen bin, und habe darüber nachgedacht, wie gut es den Menschen hier geht und mich einmal wieder gefragt, wieso wir uns trotzdem so viel mehr beschweren als in jedem Land, was ich in Südamerika bereist habe (typisch Deutsch würden viele nun sagen, für schlechte Laune und Ernsthaftigkeit sind wir sogar bis nach Bolivien bekannt!). Ich denke, dass der Schlüssel für viele Menschen zum Glück wäre, sich einmal ein wenig Zeit zu nehmen und sich über die Lebensumstände in anderen Ländern zu informieren, um sich das Glück vor Augen zu rufen, dass zumindest meine Generation und die meiner Eltern noch nie hungern mussten, dass Deutschland eines der fortschrittlichsten Gesundheits- und Sozialsysteme der Welt besitzt, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat und dass wir hier ein ausgezeichnetes Sicherheitssystem haben. Und ich könnte hier noch etliche andere Aspekte anführen, die es in Deutschland gibt, die wir alle als selbstverständlich verstehen, aber wo wir uns trotzdem im Klaren darüber sein sollten, dass es viele Menschen gibt, die diese Vorzüge und diesen Luxus nicht genießen können und dass, wenn es so wäre, wir zunächst einmal unseren eigenen Lebensstandard mäßigen müssten, da die Ressourcen der Welt nicht ausreichen, um 6,9 Milliarden Menschen unseren Lebensstandard zu ermöglichen.

 

Ich hoffe, dass ich dieses Jahr und meine Gedanken, die ich eben versucht habe, in Worte zu fassen, nie vergessen werde und dass ich mich weiterhin entwicklungspolitisch einsetzen kann und werde.