• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Eine Zeit, die ich nie vergessen werde!

Merle, Bolivien, 2015, weltwärts

Eine Zeit, die ich nie vergessen werde!

Merle hat ihren Freiwilligendienst mit dem weltwärts-Programm im AFS-Büro in Bolivien geleistet. Dort hat sie sich unter anderem um Bewerbungen von bolivianischen Austauschschülern gekümmert. Was sie sonst noch so gemacht hat, erfährst du in ihrem Bericht.

Merle beim Freiwilligendienst in Bolivien

Mittlerweile bin ich zurück in Deutschland und es wird Zeit ein Résumé über meinen Internationalen Freiwilligendienst mit AFS und dem weltwärts-Programm in Bolivien zu ziehen. Ich lebte elf Monate in La Paz, dem Regierungssitz Boliviens, bei einer Gastfamilie und arbeitete im nationalen Büro von AFS. In dem folgenden Bericht möchte ich meine Erfahrungen teilen und somit andere dazu motivieren ebenfalls ein Jahr im Ausland zu verbringen, denn so viel kann ich vorwegnehmen: Mein Jahr in Bolivien war eine unvergessliche Zeit!

 

Warum ins Ausland? Warum Bolivien? - Ich verbrachte nach der zehnten Klasse bereits ein Schuljahr in den USA. Der Wunsch erneut eine längere Zeit im Ausland zu verbringen verdichtete sich in den zwei Jahren der Oberstufe immer mehr. Ich wollte unbedingt nach Südamerika: Die Sprache, die Kultur, die Mentalität und die Leute interessierten mich sehr. Allerdings war mir auch schnell klar, dass ich nicht in einem sozialen Projekt arbeiten möchte, sodass mir die Option der Arbeit im nationalen AFS-Büro sehr gelegen kam. Nur Costa Rica und Bolivien boten diese Stelle an und über das Losverfahren wurde mir Bolivien zugeteilt, worüber ich im Nachhinein sehr froh bin. Um ehrlich zu sein, wusste ich sehr wenig über das Binnenland im Herzen Südamerikas, aber gerade diese Tatsache verstärkte nur noch mehr mein Interesse dieses Land zu entdecken. Ich schaute mir viele Bilder von Bolivien an, las über das Land und deren Geschichte, begann ein wenig Spanisch zu lernen und plötzlich stand auch schon der Abreisetag vor der Tür. Anfang August 2015 startete ich in das bisher größte Abenteuer meines Lebens.

 

Nach einer sehr langen Flugreise kam ich in einer Gruppe mit anderen deutschen Freiwilligen endlich in El Alto an. Ich wurde sofort von meinen späteren Kollegen im AFS-Büro in den Arm genommen und begrüßt. Die doch sehr dünne Luft am 4.000 Meter über N. N. gelegenen Flughafen spürte ich durch leichte Kopfschmerzen und ein wenig Schwindel. Als wir aber mit einem alten klapprigen Bus Richtung La Paz fuhren, was in einem Tal gelegen ist, waren die Wehwehchen wie weggeblasen: Die höchste Großstadt der Welt lag mir zu Füßen und in der Ferne erblickte ich die Gipfel der Anden. Der schneebedeckte Illimani (6439m) mit seinen vier Spitzen wurde zu meinem „Lieblingsberg“, da ich ihn von fast überall sehen konnte.

 

Auf dem Weg zum Hotel kämpften wir uns durch den aus deutscher Sicht sehr chaotischen und gefährlichen Verkehr. Im Hotel angekommen wurden meine Spanischkenntnisse sofort auf den Prüfstand gestellt und ich musste schnell erkennen, dass es um diese nicht sehr gut bestellt war. Dazu aber später mehr. Am nächsten Morgen wurde ich von meiner Gastfamilie abgeholt. Ich wurde sofort mit der „hora boliviana“ konfrontiert. Anstatt um zehn Uhr kamen sie um elf Uhr am Hotel an. Ich machte mir in dieser Zeit die wildesten Gedanken: „Wollen sie mich doch nicht? Haben sie sich doch umentschieden? Wo soll ich heute Nacht schlafen?“ Als sie dann doch erschienen, war die Freude umso größer. Der Grund für ihre Verspätung war, dass sie extra noch einen Blumenstrauß für mich kaufen wollten - also alles halb so schlimm! Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern und meinen drei kleinen Gastschwestern, die bei meiner Ankunft 14, 9 und 2 Jahre alt waren.

Die Sprache

Schnell stellte sich heraus, dass mein Gastpapa gar kein Englisch spricht, meine Gastmama und die beiden älteren Gastschwestern nur ganz wenig Englisch sprechen und es mit meinem Spanisch auch nicht so weit her ist. Dennoch konnten wir uns irgendwie verständigen. Ich kann es wirklich nicht erklären, wie wir das geschafft haben; vermutlich mit sehr viel Zeichensprache. Aber genau dadurch, dass ich nicht auf die englische Sprache ausweichen konnte, um mich zu verständigen, verbesserte sich mein Spanisch umso schneller. Der dreiwöchige Spanischkurs hat wohl auch ein bisschen geholfen, aber wirklich nur ein bisschen. Da das Sprachniveau der Teilnehmer so unterschiedlich war, konnte nicht auf jeden einzeln eingegangen werden und so konnte ich nach drei Wochen zwar viele Verben in jeglichen Zeitformen, von „Pasado“ bis „Subjuntivo“, konjugieren, aber nicht nach dem Weg fragen. Der Sprachkurs half mir erst viel später, als ich mich dann verständigen und mich auf die Zeitformen etc. konzentrieren konnte.

 

Vor allem meine kleinste Gastschwester half mir sehr, da ich ihr Kinderbücher auf Spanisch vorlas und sie dabei immer sehr geduldig mit mir war. Auch erzählte sie mir immer viele Dinge auf ihrem „Kinderspanisch“, die für mich einfach zu verstehen waren. Auch meine anderen Gastschwestern brachten mir viele Wörter bei und so lernte ich „poco a poco“ die spanische Sprache. Bei meiner Arbeit im Büro sprach ich zu Beginn fast nur Englisch, damit es zu keinen Missverständnissen kommen konnte. Nach circa anderthalb Monaten aber beschlossen wir nur noch auf Spanisch zu sprechen, was überraschend gut klappte. Ich würde sagen, dass ich mich nach drei Monaten verständigen konnte und von da an wurde mein Spanisch immer besser, sodass ich mich jetzt sehr flüssig unterhalten kann. Ich hoffe nur, dass ich dieses Sprachniveau nun auch halten kann…

Meine Gastfamilie in Bolivien

Gastfamilie von Merle beim weltwärts-Freiwilligendienst in Bolivien

Zurück zu meiner Gastfamilie. Von Anfang an wurde ich sehr herzlich in der Familie aufgenommen und als eigene Tochter angesehen. Schnell lernte ich die riesige Familie kennen: Mein Gastopa lebte mit im Haus und Tanten und Onkels sowie Cousins wohnten um die Ecke. Die anderen Großeltern lebten in Santa Cruz, wo wir alle zusammen über Weihnachten und Silvester hingeflogen sind. Dort lernte ich dann noch weitere Mitglieder der Familie kennen. Meine Gastfamilie nahm mich wirklich überall mit hin: ob ins Kino, zum Mittagessen im Restaurant, zu Aufführungen meiner Gastschwestern im Kindergarten oder in der Schule, zum Einkaufen, zu Geburtstagen, zu einer Hochzeit und sogar auf Reisen. Auch übertrugen sie mir einiges an Verantwortung, wenn ich zum Beispiel meine älteren Gastschwestern von der Schule abholte und sie woanders hinbrachte oder meine kleine Gastschwester vom Kindergarten abholte.

 

Dort ereignete sich einmal eine witzige Geschichte, die sich lohnt zu erzählen: ich klingelte gegen Ende meines Auslandsjahres am Tor des Kindergartens und eine Erzieherin, die mich nicht kannte, öffnete mir die Tür. Ich sagte, dass ich „mi hermana" (meine Schwester) abholen möchte. Sie bat mich verdutzt herein. Die andere Erzieherin erkannte mich und nickte nur, dass das in Ordnung sei. Mayita fiel mir voller Freude um den Hals. Ich fragte sie: „Du bist doch meine Schwester, oder?“ Mayita antworte mit einem freudigen „Siiiiiii“ - die Erzieherin war jetzt noch verwirrter! Da merkte ich, dass ich wirklich angekommen war. Meine bolivianischen Schwestern vertrauten mir und sahen mich als Vorbild an. Vor allem die Älteste war froh, mal nicht die Älteste zu sein! Dementsprechend schwer fiel dann auch der Abschied nach elf Monaten. Meine Gastfamilie begleitete mich mitten in der Nacht zum Flughafen und sie ließen mich nur schwer gehen. Auch mir fiel der Abschied nicht leicht, da ich mich wie ein Teil der Familie gefühlt habe und ich wusste, dass ich meine bolivianische Familie so schnell nicht wiedersehen würde.

 

Gastfamilie Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

Mein Arbeitsplatz beim Freiwilligendienst in Bolivien

Ich arbeitete während meines Aufenthaltes in Bolivien im nationalen AFS-Büro. Vom Wohnort meiner Gastfamilie dauerte es eine Dreiviertelstunde, um ins Büro im Zentrum La Paz’ zu kommen - egal, ob ich im Bus oder in der Stadtseilbahn gefahren bin. Meine Arbeitszeit war montags bis freitags von 9 Uhr bis 13 Uhr und von 15 Uhr bis 19 Uhr – also eine 40-Stunden-Woche. Die zweistündige Mittagspause ist dafür gedacht nach Hause zufahren und mit der ganzen Familie Mittag zu essen, was die meisten im Büro auch taten. Für mich lohnte sich das wegen des langen Arbeitsweges allerdings nicht und so aß ich mittags oft mit meinem Kollegen Guido im Büro, fuhr in die Stadt, um Besorgungen zu machen oder nutzte die Zeit, um mit Freunden oder der Familie in Deutschland zu skypen.

 

Ich unterstützte Guido und Pamela bei ihrer Arbeit. Guido ist für das Hosting der Austauschschüler zuständig und Pamela für das Sending der Bolivianer. Mein Hauptaufgabenbereich lag eher im Sending, wo ich täglichen Kontakt mit den Partnerländern hatte. Dabei ging es um das Besprechen von Problemen einzelner Schüler, Travel- und Activity Waiver, Academic Commitments oder auch Gastfamilienwechsel. Dies läuft alles über ein Portal namens Global Link, in das ich auch die Daten der Schüler sowie deren Flugrouten eintragen musste. Dies hört sich nach einer Menge an Aufgaben an, allerdings war dem nicht ganz so. Es gab Phasen, da gab es viel zu tun und Phasen, wo es wirklich gar nichts zu tun gab. Sehr arbeitsintensiv war es, als die Bewerbungen der bolivianischen Schüler digitalisiert, an die Partnerländer versandt, und dann archiviert werden mussten. Oft fehlten bei den Bewerbungen einzelne Dokumente, sodass man immer wieder den Kontakt mit dem Bewerber suchen musste, bis man das gewünschte Dokument hatte.

 

Zu meinem eigenen kleinen Projekt habe ich es mir gemacht, die doch sehr veraltete Internetpräsenz AFS Boliviens zu überarbeiten. Ich aktualisierte alle Daten und Texte, gestaltete die Seite um, sodass sie jetzt deutlich ansprechender und up to date ist. Am Wochenende musste ich nur ein einziges Mal arbeiten, und zwar als Gastschüler am Flughafen angekommen sind. Ich begleitete sie vom Flughafen zum Hotel. Insgesamt empfand ich meine Arbeit dort auf keinen Fall als langweilig. Das Arbeitsklima war immer toll und ich verstand mich sehr gut mit meinen Kollegen! Das Einzige, was mich echt gestört hat, waren die Arbeitszeiten. Da ich immer bis 19 Uhr arbeiten musste, war es schwierig sich mit Freunden zu treffen, an sportlichen oder anderen Aktivitäten teilzunehmen und so bolivianische Leute kennenzulernen.

Betreuung durch AFS

Da ich im AFS-Büro arbeitete, wurde ich eher als Mitarbeiterin anstatt als Teilnehmerin eines Programms angesehen. In meinem Fall war dies nicht weiter schlimm, da ich weder Probleme mit meiner Gastfamilie noch meinem Projekt hatte. Wäre das anders gewesen, hätte es problematisch werden können. Außerdem hatten alle deutschen Freiwilligen in La Paz dieselbe Ansprechpartnerin. Während meines Aufenthaltes hatte ich drei verschiedene Camps: eines direkt bei Ankunft, wo uns kulturelle Gepflogenheiten erklärt wurden und wir aus erster Hand Informationen über unser Jahr in Bolivien erhalten haben. Im Januar fand das fünftägige Midstay-Camp mit allen deutschen Freiwilligen für zwei Tage in La Paz und drei Tage in Coroico, einem Dorf in den Yungas, statt.

 

Dort reflektierten wir unsere Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle und konnten uns mit den anderen austauschen. Einen Tag vor dem Abflug fand das letzte Camp statt, wo wir unser gesamtes Jahr reflektierten und uns auf unsere Rückkehr nach Deutschland vorbereiteten. Darüber hinaus organisierten AFS Bolivien und einzelne Komitees Reisen für alle Austauschschüler. Direkt am Anfang fuhren wir ein Wochenende an den Titicacasee. Dort konnte ich neben der wunderschönen Landschaft andere Austauschschüler aus der ganzen Welt kennenlernen, von denen eine nun meine beste Freundin ist. Weitere Reisen führten uns in den Dschungel in der Nähe von Cochabamba und an den Salar de Uyuni, den größten Salzsee der Welt.

Land und Leute

Merle beim Freiwilligendienst in Bolivien vor dem Titicacasee

Um das einmal ganz pauschal zu sagen: Die deutsche Kultur unterscheidet sich ganz stark von der bolivianischen. Dennoch schätze ich beide Kulturen sehr. Als ich in Bolivien war, vermisste ich einige Aspekte der deutschen Kultur und jetzt, wo ich wieder in Deutschland bin, vermisse ich Teile der bolivianischen Kultur. Alle Unterschiede hier aufzulisten würde den Rahmen sprengen, deshalb nenne ich nur ein paar wenige Sachen, die für mich am Anfang schwierig waren. Die bereits angesprochene „hora boliviana“ war für mich, als sehr pünktlichen Menschen, eine ziemliche Herausforderung. Wenn man eine Uhrzeit vereinbart, kann es sein, dass die Person erst eine halbe Stunde später aufkreuzt. Bis zuletzt gewöhnte ich mich nicht komplett daran, aber mein Verständnis von Pünktlichkeit hat sich dadurch ein wenig verändert. Auch war das Essen für mich zu Beginn sehr ungewöhnlich. Es gibt eigentlich immer Fleisch, dazu eine Auswahl an Beilagen - ob nun Nudeln und Kartoffeln, Kartoffeln und Reis oder Reis und Kartoffeln. Essen ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur. Man trifft sich und meistens gibt es auch etwas zu essen. Dabei gilt es als höflich aufzuessen und die Portionen sind meistens sehr riesig. Zudem kam ich in den Genuss einige exotische Dinge zu probieren, wie jahrelang getrocknete Kartoffeln, Kaimanschwanz, exotische Früchte und Lama-Steak. Das viele Essen ging natürlich auch nicht ganz spurlos an mir vorbei…

 

Vor allem zu Beginn meines Jahres machte mir die sichtbare Spanne zwischen Arm und Reich zu schaffen. Wenn ich in der Seilbahn über die Stadt schwebte, konnte ich sowohl riesige Luxusvillen als auch winzige Bretterbuden mit Wellblechdach erkennen. Auf der Straße gab es ganz viele Bettler, Straßenverkäufer und Schuhputzer, oft noch im Kindesalter. Ein Wochenende half ich der Organisation TECHO dabei, Notunterkünfte für bedürftige Familien nicht unweit meines Wohnortes zu errichten. Allerdings ist dies auch nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein, um diesen krassen Gegensatz zu bekämpfen.

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

Mein Fazit

Merle mit ihrer Gastschwester beim Freiwilligendienst in Bolivien

Meine Zeit in Bolivien werde ich niemals vergessen. Ich habe dort eine zweite Familie gefunden, ein zweites Zuhause, lernte eine neue Sprache, konnte so viele tolle Orte bereisen und lernte ganz neue Seiten an mir kennen. Rückblickend gab es kaum Tiefen, die ich an dieser Stelle unerwähnt lassen möchte, da sie im Blick auf das gesamte Jahr wirklich nicht der Rede wert sind. Für mich war es eine unglaubliche Zeit und ich lege es jedem ans Herz über einen Freiwilligendienst in einem anderen Land nachzudenken – es lohnt sich in jeder Hinsicht.