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Ein Jahr voller emotionaler Höhepunkte

Robin, Bolivien, 2014, weltwärts

Ein Jahr voller emotionaler Höhepunkte

Robin hat in seinem Freiwilligendienst mit AFS und dem weltwärts-Programm ein Jahr in Bolivien gelebt und dabei in einem Heim für Straßenkinder gearbeitet. In seinem Bericht erfährst du mehr über seine Erlebnisse.

Meine Gastfamilie und die Sprache in Bolivien

Robin in Bolivien beim Freiwilligendienst

Nach 32 Stunden Reise kam unsere Truppe von 17 Leuten ausgelaugt und früh morgens im Flughafen von El Alto an. Dort wurden wir herzlich von Guido und Lilian von AFS La Paz empfangen. Spanisch sprach zwar fast niemand, aber Guido ist zum Glück des Englischen mächtig, was uns das Leben deutlich erleichtert hat. Nach zwei Tagen in einem Hotel in La Paz wurden wir nach und nach von unseren Gastfamilien abgeholt, ich war relativ früh an der Reihe und wurde von meiner zukünftigen Gastmutter Maria abgeholt. Sie fuhr mich zu meinem zukünftigen Haus in Achumani, einem wohlhabenden Viertel, das außerhalb liegt. Auf dem Weg dahin versuchten wir zu kommunizieren, mein Spanisch reichte aber noch nicht für viel. Trotzdem habe ich ein bisschen etwas lernen können.

 

Abends lernte ich dann meine beiden Gastbrüder kennen, Joaquin (zu dem Zeitpunkt 18 Jahre) und Ignacio (zu dem Zeitpunkt 16 Jahre), beide sprechen Englisch, worüber ich sehr glücklich war. Wir verstanden uns gut und es gab keine weiteren Komplikationen, die Kommunikation wurde von Tag zu Tag besser und ich fing nach wenigen Tagen an, meinen Sprachkurs zu besuchen, welchen ich mit den anderen AFS-Freiwilligen, die in La Paz waren, bewältigte. Etwa einen Monat nach meiner Ankunft lernte ich auch meinen Gastvater Miguel kennen, zu diesem Zeitpunkt verstanden wir uns sehr gut.

 

Er war das gesamte Jahr über immer nur ein Wochenende pro Monat in La Paz, ansonsten arbeitet er in einer Mine in der Nähe von Potosí. An diesem Wochenende nahm meine Gastfamilie mich mit nach Copacabana. Der erste Monat verlief insgesamt sehr harmonisch und entspannt, ich hatte, außer meinem Sprachkurs nicht wirklich etwas zu tun und konnte deshalb viel mit meiner Gastfamilie unternehmen, außerdem war ich absolut fasziniert von meiner neuen Umgebung.

 

Dies änderte sich im Laufe des Jahres noch ein wenig. Dadurch, dass ich nur noch an den Wochenenden in ihrem Haus war, kühlte sich das Verhältnis schlagartig um einige Grade ab. Als ich noch die ganze Woche in La Paz war, schaffte ich es wunderbar, Gastfamilie und eigene Interessen unter einen Hut zu bringen, als ich aber nur noch zwei Tage die Woche Freizeit hatte, wurde es immer komplizierter, sich zu arrangieren. Selbst jetzt nach dem Jahr muss ich sagen, dass es so gut wie unmöglich ist, Freunde und eine zeitfordernde (Gast-)Familie gleichermaßen richtig zu behandeln, wenn einem nur so wenig Zeit gegeben ist.

 

Zum anderen mag das auch daran gelegen haben, dass ich, wenn ich nach fünf anstrengenden Tagen im Projekt nach „Hause“ kam, auch meine Ruhe brauchte. Ich wollte vor allem mit Menschen kommunizieren, von denen ich wusste, dass sie mich verstehen würden. Da ich bei meiner Gastfamilie nicht unbedingt das Gefühl hatte, suchte ich mir andere Bezugspersonen. Hierdurch fühlte sich meine Gastfamilie vor den Kopf gestoßen, was die Distanz zwischen uns wiederum ein Stück vergrößert hat.

 

Würde ich erneut ins Ausland gehen, wüsste ich nun eher, wie ich in einer solchen Situation handeln soll. Im Nachhinein ist man halt immer schlauer.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Bolivien

Robin beim Freiwilligendienst in Bolivien

Etwa einen Monat nach Ankunft durfte ich dann endlich in mein Projekt. Man schien es für sicherer zu halten, mich bei der ersten Fahrt abzuholen und ganz ehrlich: Ich bin wahnsinnig froh, dass das gemacht wurde, ich hätte den Weg sonst nie im Leben gefunden. So fuhr ich also mit meinem gebrochenen Spanisch und meinem Rucksack mit Klamotten für eine Woche hoch von La Paz nach El Alto. Der Weg war ziemlich lang, aber zum Glück war ich inzwischen in der Lage, mich zu unterhalten. Zwar nur ein paar wenige Worte, aber es war schon nicht mehr ganz so peinlich, wie direkt nach der Ankunft.

 

Nach knapp weniger als zwei Stunden Fahrt erreichten wir das Projekt „Luz de Esperanza“, wie ich später erfuhr, war Daniel, der mich abgeholt hatte, der Co-Gründer des Heims für Straßenkinder. Ich lernte die ersten Jungs kennen und bekam mein Zimmer gezeigt. Ab hier war ich auf mich alleine gestellt, hier sprach niemand mehr Englisch. Zum Glück hatte ich mein kleines Wörterbuch dabei, um lebensnotwendige Vokabeln nachzugucken. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst verhungert? Das Projekt ist ein riesengroßes Gelände, obwohl in der gesamten Zeit, in der ich da war, immer nur maximal 20 Jugendliche anwesend waren. Das liegt daran, dass es deutlich einfacher ist, einmalige Spender für Infrastruktur zu finden, als jemanden, der jeden Monat konstant Geld bezahlt. Dadurch konnte eine absolut geniale Infrastruktur errichtet werden, aber mehr Geld für Essen konnte nicht ausgegeben werden.

 

Es gab wirklich immer etwas zu tun, langweilig wurde mir nicht. Trotzdem konnte ich mich eigentlich immer mal in mein Zimmer verziehen, wenn ich mal meine Ruhe brauchte. Meine Aufgaben teilten sich mehr oder weniger in der gesamten Infrastruktur auf. Die Aufgaben, die aber am meisten Zeit in Anspruch genommen haben, waren Kochen, die Kinder zur Schule zu bringen und bei den Hausaufgaben zu helfen.

 

Mein Tagesablauf war zu der Zeit im Projekt so strukturiert, wie wohl noch nie zuvor in meinem Leben. Von morgens um 7:00 (teilweise früher) bis 21:45 (teilweise später) war ich ziemlich durchgeplant. Ich merkte, wie sich mein Spanisch schnell verbesserte, da aber auch wirklich niemand Englisch sprach, war diese Tatsache nicht sehr überraschend. Zu meinem Projekt hatte ich fast die gesamte Zeit ein sehr gutes Verhältnis, klar gab es ein paar nervige Dinge und ich hatte wirklich viel Arbeit, aber ich würde die Erfahrung für Nichts eintauschen. Dadurch, dass ich von montags bis freitags komplett in den Alltag der Jugendlichen integriert war, konnte ich sehr intensive Beziehungen aufbauen, was die Arbeit erst wirklich interessant gemacht hat. Ich war ein Teil des Projektes, wurde von den Jungs als ein Teil von ihnen akzeptiert, verbrachte mit ihnen Weihnachten, sehr schwierige, aber auch sehr schöne Momente.

 

Ich glaube, mein emotionaler Höhepunkt war, als Chris (8 Jahre zu dem Zeitpunkt) mir zum Vatertag eine Karte schenkte, die die Jungs in der Schule eigentlich für ihre Väter gebastelt hatten. Meine schwierigsten Augenblicke waren definitiv solche des Abschieds, als immer wieder welche von den Jungs, teilweise nach Monaten/Jahren im Projekt, wieder zurück auf die Straße gegangen sind und einen großen Teil dessen, was sie sich aufgebaut hatten, einfach wegwarfen. Klar steckte dort deutlich mehr hinter, als ich je verstehen kann, trotzdem habe ich immer wieder versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Diese Bemühungen dann fruchtlos zu sehen, war nicht leicht.

 

Zum Projekt kann ich nur sagen, dass es der mit Abstand wichtigste Bestandteil meines gesamten Jahres darstellte. Da passte es auch, dass ich den größten Teil meiner Zeit dort verbracht habe. Der allergrößte Teil des von mir wahrgenommenen kulturellen Austausches fand im Projekt statt. Ich verbrachte hier einfach mehr Zeit und konnte mehr verschiedene Gewohnheiten sowie Denk– und Handlungsweisen beobachten, als in meiner Gastfamilie. Dies führe ich vor allem darauf zurück, dass ich zu keinem Zeitpunkt meines Aufenthaltes ein intensives emotionales Verhältnis zu meiner Gastfamilie aufgebaut habe bzw. aufbauen konnte. Ich habe mich im Rahmen des Projektes mit den Straßenkindern auch deutlich wohler gefühlt, als in einer extrem reichen Gastfamilie.

 

Die Jungs waren auf eine schwer zu beschreibende Art einfach extrem ehrlich und offen. Natürlich nicht, wenn es darum ging, ob sie die Hausaufgaben schon erledigt hatten. Sobald es aber um ein wichtigeres Thema wie ihre Familiensituation, oder Probleme in der Schule, oder Streit im Projekt ging, konnte man sich komplett auf sie verlassen und ihnen glauben.

 

Dementsprechend wirkte es auf mich auch überzeugend, wenn sie mir erklärten, wie man gewisse Dinge bei ihnen in Bolivien handhabt. Dies reichte von Kleinigkeiten, wie dem Braten eines Spiegeleis, bis zum Verhalten in der Schule. Man merkte den Jungs auch an, wie sehr sie sich freuten, wenn sie „dem großen Weißen“ etwas erklärt hatten, was er vorher nicht wusste. Ich freute mich ebenso, etwas erklärt zu kriegen, ich musste ja meine bolivianische Identität erschaffen, um mich so gut wie möglich anzupassen.

 

Des Weiteren wurde im Projekt auch einfach ein sehr hoher Wert darauf gelegt, dass gesellschaftliche Regeln beachtet wurden, was ansonsten nicht immer der Fall war. So lernte ich z. B. im Projekt erst zu 100 %, wie man sich denn in Bolivien bei Tisch zu benehmen hat.

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

Land und Leute

Absolut begeistert war/bin ich von den zwei Städten, in denen ich mein Auslandsjahr verbringen durfte. La Paz besticht zwar bis auf an einer Hand zählbare Ausnahmen nicht durch architektonische Schönheit, ist nicht besonders sauber, hat auch kein tolles Klima, trotzdem ist sie zu Recht zu eine der sieben „Ciudad Maravillosa“ gewählt worden. Der Gesamtanblick der Stadt ist absolut einmalig. Selbst nach elf Monaten vor Ort genoss ich es immer wieder, über La Paz zu blicken und dieses Häusermeer in einem Talkessel auf über 3500 Metern Höhe zu sehen.

 

El Alto ist keine schöne Stadt. Das kann wirklich niemand behaupten. Was mich in dieser Hochburg der Aymara-Kultur einfach fasziniert, ist der eigene Mikrokosmos, den diese Stadt in sich darstellt. Die Altenños lassen sich von außerhalb einfach nichts sagen. Ein großer Teil der Wirtschaft besteht aus Klein– und Kleinstbetrieben, die alle abhängig voneinander sind.

 

Wirklich spannend finde ich aber vor allem die Attitüde der Bewohner. Ihre Kultur verbindet die konservativen, beibehaltenen Werte der Aymara-Kultur mit der notwendig gewordenen Liberalität und der Rebellionsfreudigkeit gegenüber der Regierung. Wenn den Alteños etwas nicht passt, dann wird einfach die gesamte Stadt lahmgelegt. Es interessiert sie nicht, wer gerade was zu tun hätte, es beschwert sich auch so gut wie niemand über die regelmäßigen Proteste, hier herrscht ein unbeschreiblicher Zusammenhalt.

 

Im Vergleich zu anderen bin ich zwar relativ selten gereist, trotzdem habe ich dabei absolut geniale Erfahrungen gemacht. Ich habe viele kleine Wochenendtouren gemacht, da mein Projekt sehr unflexibel war, was Ferientag angeht. Ich bin des Öfteren nach Cochabamba oder Coroico gereist. Bis auf Santa Cruz habe ich jede große Stadt Boliviens besichtigen können, auch wenn ich oftmals direkt aus dem Reisebus wieder zur Arbeit musste. Dies schränkte natürlich noch zusätzlich die Zeit ein, die ich mit meiner Gastfamilie verbringen konnte, aber ich wollte es mir nicht entgehen lassen, das Land in dem ich ein Jahr verbracht habe, kennenzulernen.

 

Größere Reisen waren:
- Eine 5 Tages-Tour mit AFS zum Salar de Uyuni
- Eine zwei Wochen Reise mit Konrad und Tilman durch Argentinien und Paraguay
- Eine Woche mit meinem Vater nach Peru zum Machu Picchu
- Eine Woche in Rurrenabaque

 

Diese vier Reisen waren absolut genial und ich bin sehr froh, dass ich die Chance hatte, sie zu machen! Hier noch ein meiner Meinung nach sehr schickes Bild von mir und zwei Kindern aus dem Projekt zum Abschluss.

 

Freiwilligendienst  weltwärts Bolivien