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Die Welt von morgen mitgestalten

Thilo, Chile, 2013, weltwärts

Die Welt von Morgen mitgestalten

Thilo hat seinen Freiwilligendienst mit AFS und dem weltwärts-Programm in Chile geleistet. Dabei ist er mit den ärmsten Bevölkerungsschichten des Landes in Berührung gekommen. Von seinen Eindrücken und Erfahrungen berichtet er hier.

Für mich stand schon immer fest, dass ich nach dem Abitur einen Freiwilligendienst im Ausland machen wollte. So informierte ich mich, lernte das "weltwärts" Programm kennen, bewarb mich bei AFS und wurde für Chile angenommen.

Land und Leute in Chile

Chile war meine erste Wahl und im Nachhinein bereue ich es kein bisschen. Auf das Land Chile bin ich schon in der Mittelstufe aufmerksam geworden. Ich bin sehr interessiert am historischen und politischen Geschehen und so stieß ich auf die Geschichte von Salvador Allende, dem ersten demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten der Welt und dem Militärputsch und der darauffolgenden Diktatur unter Augusto Pinochet. Ich wurde hellhörig und informierte mich immer wieder mit Beiträgen aus Nachrichten zu Chile, von heftigen Protesten der Studenten, von der Bergung der 33 Minenarbeiter, aber auch von seiner reichen Landschafts- und Kulturvielfalt. Nach meinem Schulabschluss stand also schon fest: "Ich will nach Chile".

 

Meine Entsendeorganisation AFS schickte mich nach Puerto Montt in der "Region de Los Lagos". Die Hafenstadt, auch bekannt als das Tor zu Patagonien, ist mit ca. 175.000 Einwohnern die südlichste Großstadt in Chile und ist stark geprägt von deutschen Einwanderern, die besonders Anfang des 19. Jahrhunderts als Flüchtlinge der Industrialisierung nach Chile emigrierten.

 

In dem Gebiet um Puerto Montt herum gibt es viele kleine deutsche Siedlungen. Besonders am See Llanquihue am Fuße der Vulkane Osorno und Calbuco sind viele touristische Dörfer, die noch immer eine deutsche Tradition aufrechterhalten. In Dörfern wie Puerto Varas, Llanquihue oder Frutillar gibt es viele Gaststätten und Hotels mit deutschen Namen, einige Bierbrauereien und das Wort "Kuchen" versteht dort jeder. Für mich war das alles aber eher befremdlich, als vertraut oder bekannt. Zunächst die Tatsache, dass ich um die halbe Welt gereist und überall auf Gegenstände meines Heimatlandes stieß. Außerdem ist die deutsche Kultur, die dort zelebriert wird, schon fast 200 Jahre alt und entspricht nicht mehr dem, was ich unter dem Deutschland von heute verstehe. Es gibt zum Beispiel sehr viele alte Häuser mit einem deutschen Baustil von vor über 150 Jahren. Die Nachfahren der deutschen Siedler tragen oft die altmodischen Trachten ihrer Vorväter. In den deutschen Schulen wird zu offiziellen Anlässen die deutsche Nationalhymne gesungen. All das scheint für mich eher Relikt einer vergangenen Zeit und nicht Teil der deutschen Kulturen. Oft fühlte ich mich in eine andere Zeit zurück versetzt. Eine Zeitreise, die, wie ich finde, sehr gewöhnungsbedürftig war.

 

Natürlich habe ich auch viele schöne Erfahrungen gemacht, besonders in dem Teil der Kultur, in dem kein oder kaum deutscher Einfluss war. Chile ist ein sehr gastfreundliches und soziales Land. Menschen, die dich kaum kennen, laden dich ein, unterhalten sich mit dir (wobei es oft nicht ums Thema geht, sondern schlicht und einfach darum zu reden) und umarmen dich. Im Sommer hab ich mit einigen Freunden die wunderschöne Insel Chiloé bereist. Im Bus trafen wir einen Mann und kamen ins Gespräch. Er erzählte uns, er habe ein Restaurant und eine Ferienwohnung auf einem Grundstück direkt am Wasser und wir sollten ihn anrufen, falls wir dort hinkämen. Gesagt, getan. Dort angekommen fanden wir uns auf einem Hügel mit dem Hang zur Küste und einer atemberaubenden Aussicht auf die umliegenden Inseln und Buchten. Als wir fragten, wo wir unser Zelt aufbauen könnten, bot er uns die unbesetzte Ferienhütte an. Später gab er uns eine Führung am Strand und erzählte uns viele Geschichten über die Chilote (Die Bewohner des Südens Chiles und besonders Chiloé), lud uns zu einer spirituellen Dusche unter einem Wasserfall ein, zeigte uns seinen Meditationsort auf dem Gipfel des Hügels und am Abend gab er uns die Reste von dem Asado (chilenisches Grillen), das davor stattgefunden hat. Als wir ihn am nächsten Tag bezahlen wollten, wollte er nicht mehr nehmen, als das, was er für den Zeltplatz genommen hätte. Das war eine der schönsten Erfahrungen, die ich gemacht habe und das beste Beispiel für Gastfreundschaft. Für ihn stand das Geschäft nie im Vordergrund, es ging ihm nur darum, sich auszutauschen, uns seine Heimat zu zeigen und uns seine Kultur näherzubringen.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Chile

Für mich war das Wichtigste an meinem Auslandsaufenthalt die Arbeit und mein Projekt. Ich arbeitete in einer Organisation namens TECHO - Chile. TECHO - Chile wurde 1994 unter dem Namen "Un Techo para Chile" gegründet und hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Armut zu überwinden. Zu Gründungszeiten ging es noch um materialistische Hilfe. Es wurden hauptsächlich kleine Holzhütten gebaut für Menschen, deren Häuser durch Zuwachs zu klein wurden, von Vermoderungsprozessen oder Ähnlichem zerstört wurden, aber auch durch Feuer oder Bergrutsche zerstört wurden und denen die Mittel fehlten, sich ein neues zu kaufen oder es selbst zu bauen.

 

Chile ist zwar in der Statistik vom BIP pro Kopf eines der reichsten Länder Lateinamerikas, hat aber im Gini-Koeffizient (zur Berechnung der Schere zwischen Arm und Reich) den schlechtesten Wert. Das heißt, Chile hat sehr viel Geld, es ist aber schlecht verteilt. Als Land mit einem neoliberalen System, in dem alles privatisiert ist, bestimmt das Geld alles. Der Kontostand der Eltern ist ausschlaggebend für die Zukunft ihrer Kinder. Es ist schwer, bis unmöglich zwischen den sozialen Klassen zu wechseln.

 

Zwischen 1994 und heute wurde in TECHO - Chile aber sehr viel reflektiert und es sind große Veränderungen eingetreten. Es geht nicht mehr darum Menschen Sachen zu geben, sondern es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Ein, wie ich finde, sehr gutes Konzept. Heute arbeitet TECHO mit den Campamentos und ihren Bewohnern zusammen. Campamentos sind die chilenischen Äquivalente zu Favelas in Brasilien, Townships in Südafrika oder Slums in Indien. Die offizielle Definition von TECHO lautet: Ein Campamento ist eine Siedlung von mind. 8 Familien, die keinen eigenen Grund und Boden haben.

 

In der Realität ist jedes Campamento verschieden. In den meisten Leben zwischen 40 und 70 Familien, es gibt aber auch einige mit 300 und mehr. Auch von den Charakteristiken ist jedes Campamento eigen und unterscheidet sich von den anderen. Manche liegen in der Stadt, die meisten aber außerhalb, in manchen leben fast nur alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, andere liegen an der Küste und das Einkommen wird aus Fischfang und Muscheln bezogen, in wieder anderen gibt es viel Drogenhandel. Dazu kommt, dass die Hütten oft in prekären Orten liegen. Da die Familien ja kein eigenes Grundstück besitzen oder pachten können, müssen sie ihre Häuser da bauen, wo sie niemanden stören und wo sie geduldet werden.

 

In Puerto Montt zum Beispiel gibt es „Laderas de Angelmó“, das in Hängen liegt und wo es bei jedem größeren Regen (es regnet sehr viel in Puerto Montt) oder Gewitter Bergrutsche gibt; „Pelluhuin“ und „Piedra Azul“, die direkt an der Küste liegen und bei einer stärkeren Flut sofort unter Wasser stehen. Außerdem herrscht oft Brandgefahr, da die Häuser aus Platzmangel sehr dicht aneinander gebaut wurden. Weil die Campamentos meistens außerhalb liegen und oft schwer zugänglich sind, fällt es der Feuerwehr (die im ganzen Land von Ehrenamtlichen organisiert ist) schwer die Brände rechtzeitig zu löschen. So sind im April 2014 auf den berühmten Hügeln Valparaísos mehr als 2000 Häuser von einer Feuerbrunst zerstört worden.

 

TECHO ist eine Freiwilligenorganisation. In fast jeder Region gibt es ein Büro mit 1-14 Festangestellten, die den Betrieb organisieren und koordinieren, und eine Mannschaft von meistens mehreren Hundert Freiwilligen. Die wirkliche Intervention geht von den Freiwilligen aus, meistens Schüler und Studenten aus den jeweiligen Regionen. Das Aufgabenfeld ist sehr breit. Die Idee ist es, die Gemeinschaften in den Campamentos zu stärken, damit diese zusammenhalten, sich gegenseitig helfen und etwas Besseres aus ihrer Situation machen können. Eine Gruppe von mehreren Dutzend Personen, die geschlossen vor den Behörden steht, hat einfach mehr Stärke und Reichweite als einzelne Personen.

 

Verschiedene Möglichkeiten in einem Programm mitzuwirken

Als Freiwilliger hat man ein sehr breites Spektrum an Möglichkeiten sich zu engagieren. Man kann sich in einem der beiden Bereiche „Área de Educación“ (=Bereich der Bildung) und „Área de Trabajo“ (=Bereich der Arbeit) engagieren und an den zugehörigen Programmen mitwirken:

 

„Nuestra Sala“(=Unser Saal): Ein Freiwilliger gibt einem Kind eines Campamentos eine Stunde in der Woche Unterricht. Der Schwerpunkt liegt aber nicht darin dem Kind den Schulstoff zu vermitteln, sondern ihm ein Freund und eine psychische Stütze zu sein und ihn/sie zum Lernen zu motivieren.


„Talleres de Aprendizaje Popular“ (=allgemeines Erlernen eines (Hand-) Werks): Ein Bewohner eines Campamentos, der ein (Hand-) Werk erlernt hat, bring seinen Nachbarn/Mitmenschen dieses bei. Die Freiwilligen haben hierbei die Aufgabe zu planen, zu koordinieren und Materialien zu besorgen (mit Geldern von TECHO).

 

„Emprendimiento“ (=Gründung eines Unternehmens): TECHO gibt einen Startkredit (Bewohner der Campamentos haben bei Banken keine Möglichkeiten einen Kredit zu beantragen) um ein Unternehmen zu gründen. Die Freiwilligen helfen dem Unternehmer, das Konzept auszuarbeiten und den Geschäftsstand einmal im Monat vor einem Expertenrat zu präsentieren.

 

„Inserción Laboral“ (=Einstieg in die Arbeitswelt): Ein Freiwilliger/eine Gruppe Freiwilliger halten Vorträge darüber, wie man einen Job finden kann, wie man eine Bewerbung schreibt, wie man sich präsentiert, etc.

 

„Becas de Capacitaciónes“ (=Stipendien für Ausbildungen): Die Freiwilligen suchen kostenfreie Ausbildungen von Firmen und vom Staat und vermitteln diese in den Campamentos.

 

Weiterhin kann man sich als „Coordinador“ (=Koordinator) eines Campamentos oder eines der vorher genannten Programme einsetzen. Ein paar Mal im Jahr können sich Freiwillige für ein Projekt in einem Campamento bewerben. In der Gestaltung des Projekts sind die Freiwilligen völlig frei, die einzigen Voraussetzungen sind nur, dass das Projekt die Gemeinschaft stärkt und nachhaltig ist. Das Projekt wird von Geldern von TECHO bezahlt (maximal ca. 150 Euro), muss aber zu 10% von dem Campamento zurückgezahlt werden.

 

Fernab davon sind den Freiwilligen keine Grenzen gestellt eigene Projekte zu konzipieren und umzusetzen, sofern es die Organisation nichts kostet. In den Büros findet man viele Sachen zum Basteln, Nähen oder Ähnlichem, womit man diverse Projekte ausführen kann (z. B. Sockenpuppentheater). Natürlich muss man diese aber vorher mit den drei „Coordinadores“ absprechen.

 

Als ich ankam, konnte ich die Sprache kaum sprechen und es fiel mir schwer, eine Aufgabe zu finden. Ohne die nötigen Sprachkenntnisse ist es fast unmöglich, sich sinnvoll in eines der oben genannten Projekte einzubringen. In den ersten Wochen habe ich hauptsächlich Texte gelesen, die die Methoden von TECHO erklären, um die Organisation kennenzulernen und zu verstehen und vor allem um Spanisch zu lernen. Dazu habe ich immer, wenn ich konnte, andere Freiwillige oder meine Chefs begleitet und habe erste Einblicke und Eindrücke in den Campamentos gesammelt. Außerdem habe ich, so oft es ging, versucht mich mit den anderen Freiwilligen, meinen Chefs oder meiner Gastfamilie zu unterhalten. Auch wenn ich zuerst nur sehr wenig verstanden habe, konnte ich so mein Spanisch von Tag zu Tag verbessern.

 

Nach einem Monat lesen, Wörterbuch blättern und den kläglichen Versuchen zu sprechen, gab mir mein Chef die Aufgabe ein kleines eigenes Projekt zu erstellen und durchzuführen. Zusammen mit einer anderen Freiwilligen, die auch aus Deutschland kam, hatten wir die Idee ein Puppentheater aufzubauen. Wir entwickelten ein Konzept, in dem wir mit den Kindern der Campamentos zuerst Puppen bastelten und dann ein Märchen einstudierten. Das Gute an diesem Projekt war, dass man nicht viele Spanischkenntnisse braucht, um mit Kindern zu spielen oder zu basteln. Das Projekt war auch ein voller Erfolg und unser Konzept ging, nach ein paar Schwierigkeiten bei dem Pilotprojekt, gut auf. Insgesamt führten wir es mit den Kindern von 3 Campamentos durch, wobei wir schon an den Kindern feststellten, wie verschieden jedes Campamento ist.

 

Danach kamen die "Trabajos de Verano" (=Arbeiten des Sommers), die materialistischen Überbleibsel der Organisation. Die Büros der verschiedenen Regionen schlossen sich zusammen und entsandten mehrere Hundert Freiwillige in eine Region, wo sie für 10 Tage an Bauprojekten arbeiteten. Die Nacht über schliefen diese dann in Internaten und am nächsten Tag gingen sie zu den Baustellen um Häuser, Gemeinschaftssitze, Fußballfelder, Toiletten, etc. zu bauen. Zwar gingen sie erst Ende Januar los, doch fing schon im November die Planung an. Es mussten Projekte gefunden werden, es mussten Teamleiter gefunden und ausgebildet werden, die einzelne Grüppchen von ungefähr 10 Leuten anwiesen und die Baustellen leiteten. Es mussten Freiwillige gesucht werden. Es mussten Spenden gesammelt werden, um die Projekte zu finanzieren. Und es gab noch einige andere Dinge zu organisieren und vorzubereiten.

 

Die "Trabajos de Verano" waren aber die ganze Mühe wert. Da speziell Schüler und Studenten angeworben wurden, die nicht aktiv in TECHO organisiert waren, kamen sehr viele Leute dazu, die von der Armut in ihrem Land noch nicht viel mitbekommen hatten. Besonders für sie waren diese 10 Tage ein sehr erfahrungsreiches Erlebnis. Sie merkten, dass es nicht nur das reiche Chile gibt, indem jeder der will und sich anstrengt, einen hohen Lebensstandard erreichen kann. Sie lernten das andere Chile kennen, die andere Realität, wo viele Menschen den ganzen Tag hart arbeiteten und trotzdem am Rande des Existenzminimums lebten. In der viele Menschen nicht aus Faulheit wenig verdienten, sondern weil sie ungerecht behandelt wurden und nicht die gleichen Möglichkeiten wie viele Andere hatten.

 

Aber auch auf der anderen Seite merkte man einen starken Wandel und Einfluss. In den Campamentos bildete sich auf einmal eine Gemeinschaft, wo vorher alle zerstritten waren. Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiteten, waren oft sehr gerührt davon, dass Jugendliche aus anderen sozialen Schichten Zeit mit ihnen verbringen wollten, ihre Geschichten hören und sie unterstützen wollten. Viele von ihnen fassten daraus Motivation und Kraft, um weiterzukämpfen für ein besseres Leben.

 

Nach den "Trabajos de Verano" gab es Urlaub, da in den Schulen und Universitäten Ferien waren und viele Freiwillige selbst Urlaub machten. Zurück im Büro im März wurde mir eine neue Aufgabe zugeteilt. Mein Spanisch war inzwischen viel besser und ich konnte mich gut mit anderen verständigen und unterhalten. Ich wurde zum „Coordinador – TECHO en Educación y Trabajo“ in dem Campamento „Vertedero Lagunitas“. „Vertedero Lagunitas“ ist ein schwieriges Campamento. TECHO intervenierte erst seit einem halben Jahr dort und die Bewohner taten sich schwer damit, Vertrauen zu der Organisation zu fassen. Das Campamento lag am Rande einer Mülldeponie, wo die Leute tagsüber arbeiteten und im Müll Verwertbares suchten und verkauften.

 

Auf den ersten Blick war es eines der krassesten Campamentos in Puerto Montt und so kamen oft Politiker oder Unternehmen dorthin und versprachen Hilfen oder machten einmalige Hilfsaktionen und kamen nie wieder. Die Folge davon war, dass die Bewohner sehr wenig Vertrauen zu Leuten von außen aufbauten. Das machte es für uns sehr schwer zu intervenieren und zum Beispiel unsere Programme durchzuführen. Außer dem Präsidenten des Campamentos war uns niemand wirklich positiv gesinnt, wir waren den Meisten egal. Als wir aber mit der Zeit immer öfter wiederkamen, merkten wir jedoch, wie sich die Gemeinschaft uns gegenüber öffnete und sich für uns interessierte. Wir merkten, wie wir Schritt für Schritt kleine Erfolge erzielten. Das alles war sehr erfüllend für uns. Natürlich war das zeitlich ein langsamer und langer Prozess, doch eine Entwicklung war doch schon deutlich zu erkennen. Am Ende vertrauten uns die Leute und unterhielten sich gerne mit uns.

 

Die Arbeit, die ich gemacht habe, hat mir sehr Spaß gemacht und mir das Gefühl gegeben, etwas bewirken zu können. Allerdings gab es auch viel tote Zeit. Viele Tage saß ich im Büro und tat nichts. Einige Male stellte ich mir die Frage, wieso ich denn hier sei, wenn es nichts zu tun gibt und warum ich nicht einfach nach Hause fahre. Ich bin froh, dass ich diese Momente überstanden habe und immer wieder aus diesen seelischen Tiefpunkten herausfinden konnte, denn in meinen Gedanken bleiben doch nur die schönen und erlebnisreichen Momente, die mich auch geprägt haben. Das gleiche habe ich von vielen anderen deutschen Freiwilligen in anderen Städten gehört. Ich glaube es gehört einfach zu TECHO dazu, dass es Tage gibt, an denen wirklich nichts zu tun ist und andere Tage, an denen man von Ort zu Ort hetzt.

 

Ich glaube, der Vorteil von TECHO ist zugleich sein Nachteil. Man ist sehr frei in dem, was man tut. Man kann so gut wie alles machen, was man für nötig hält, muss sich aber seine Aufgaben oft selber suchen. Natürlich muss man auch andere Freiwillige für seine Idee gewinnen, da es alleine sehr schwer ist, wenn nicht sogar unmöglich eine Idee durchzusetzen. Es ist wichtig zu analysieren und zu überlegen, was fehlt und dann eine Antwort darauf zu suchen, wie man das verbessern könnte. Oft sind es kleine Sachen, die eine große Wirkung erzielen. Wenn man viele Aktivitäten mit den Kindern macht, fassen die Eltern von Tag zu Tag mehr vertrauen zu einem. Ich glaube, das Wichtigste bei der Arbeit in den Campamentos ist nicht unbedingt, dass was man macht, sondern einfach nur, dass man etwas macht und das man vor Ort ist. Wenn die Leute merken, dass du gerne Zeit mit ihnen verbringst und mit Herz und Leidenschaft dabei bist, dann fassen sie Vertrauen zu einem. So lernt man ganz große Persönlichkeiten kennen und hört unglaubliche Geschichten, zugleich aber schafft man eine optimale Basis, um mit den Leuten zusammenzuarbeiten und sie zu motivieren weiterzumachen und nicht aufzuhören, für ein besseres und würdiges Leben zu kämpfen.

Meine Gastfamilie

Während all der Zeit, die ich in Chile war, habe ich in einer Gastfamilie gelebt. Ich bin sehr froh darüber diese Personen kennengelernt zu haben, und dass ich für ein Jahr ihr Gastsohn/-bruder sein durfte. Aber es war auch nicht immer einfach. Wir sind sehr unterschiedlich: Wenn meine Gastfamilie frei hatte, schauten sie immer zusammen Filme oder Fernsehen. Ich aber war neu in diesem Land und wollte es und wollte ihre Kultur kennenlernen und erleben. Chile hat unglaublich viel zu bieten an Natur. Es gibt die Anden, es gibt Vulkane, es gibt viele schöne kleine und große Seen und Flüsse sowie Inseln. Patagonien liegt direkt vor der Tür, doch meine Gastfamilie suchte das Abenteuer und die Natur lieber im TV. Außerdem gibt es eine unglaublich reiche Kultur. Es gibt die Chiloté auf Chiloé mit ihren Sagen und Mythen, es gibt die Mapuche im Süden Chiles, das größte indigene Volk in Chile, und es gibt die alten deutschen Siedlungen, die mittlerweile ihre eigene Kultur geschaffen haben. Dazu kam, dass meine Gastfamilie zu den Menschen gehörte, die von der Diktatur von Augusto Pinochet profitiert haben und ihm deshalb unterstützten und zustimmten, während ich Diktatoren und Menschenrechtsverletzungen scharf verurteile.

 

In der Diktatur wurden politische Gegner verfolgt und gefoltert, viele Menschen verschwanden von einem Tag auf den anderen und bis heute ist nicht geklärt, wo sie sind. Ob sie tot sind oder ob sie vielleicht noch leben, unter einer anderen Identität in einem anderen Land. Auf der anderen Seite hat Pinochet das Land wirtschaftlich geöffnet und Investoren reingelassen, was der Grund für den guten wirtschaftlichen Stand Chiles ist, aber auch gleichzeitig für die hohe Disparität zwischen Arm und Reich verantwortlich ist. In Chile betrachten viele nur die eine, die wirtschaftliche Seite, wenn sie von der Diktatur Pinochets reden, aber ich denke, es ist wichtig immer das ganze Konstrukt zu betrachten (auch dass es wegen Handelsembargos der Wirtschaft unter der Regierung von Salvador Allende am Ende sehr schlecht ging) und Verfolgung von politischen Gruppen ist in keiner Regierung gerechtfertigt.

 

Mit der Zeit lernte ich aber mit den Unterschieden zu leben. Ich suchte mir meinen eigenen Freiraum und erkundete das Land mit Freunden, die ich kennenlernte. Auch lernte ich mit ihrer politische Einstellung umzugehen, da sie mich nicht wegen einer anderen Meinung verurteilten oder Ähnliches. Ich merkte auch, dass sie sich für die Campamentos und meine Projekte interessierten und Armut auch nicht einfach ignorierten. Auch sie wollten irgendwie dabei helfen vielleicht ein gerechteres Chile zu konstruieren, sie wussten aber nicht unbedingt wie oder halfen auf eine andere Art und Weise (z. B. da sie mich Aufnahmen; meine Gastschwester arbeitete mit ihrer Kirchengruppe in Altersheimen, etc.; meine andere Gastschwester studiert nun Medizin um Menschen helfen zu können). So konnten wir uns immer besser kennenlernen und es entstand eine sehr gesunde und schöne Beziehung zwischen uns, die ich um keinen Preis der Welt missen möchte. Auch lernte ich viele neue Freunde kennen und bin unglaublich froh, diese Personen getroffen zu haben. Es ist zwar schwer den Kontakt zu halten und vieles verliert sich durch die Entfernung, doch es war unglaublich schön in diesem Kreis gelebt zu haben und ein Teil dessen zu sein. Ich bin mir sicher, wenn ich wiederkomme, werde ich mit offenen Armen empfangen, auch wenn wir vielleicht nicht mehr täglich miteinander reden und das macht Freundschaft meines Erachtens aus.

Mein Fazit

Seit ich wieder zurück bin, wünsche ich mich oft zurück nach Chile, in das Leben, dass ich einmal gelebt habe. Doch ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich der Wunsch ist, zurückzukehren oder ob ich einfach glaube, an anderen Orten glücklicher zu sein. Denn auch in Chile gab es einige Momente, an denen ich mich zurückwünschte. Vielleicht ist einfach die Tatsache, dass man sich nur an die schönen Momente erinnert und die Schlechten gerne vergisst. So sind die Orte in der Vergangenheit immer schöner, weil man in der Gegenwart auch die hässlichen Momente und Situationen miterlebt. Ich weiß, dass ich meine Gastfamilie und meine Freunde in Chile vermisse und sie gerne sobald wie möglich wiedersehen möchte, doch ich weiß auch, dass es mir in Chile nicht anders gehen würde mit meinen Freunden in Deutschland. Man wird immer das vermissen, was man nicht hat und auf der anderen Seite das geringer wertschätzen, was man hat.

 

Auch wenn ich nun letztendlich zwischen zwei Ländern stehe und mir unsicher bin, welches von beidem mir eher zusagt und ob ich mich überhaupt für eines entscheiden muss, hat mich mein Auslandsaufenthalt sehr viel weiter gebracht. Ich habe gelernt Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten und dass eine objektive Wahrnehmung sowieso nicht möglich ist. Ich denke, es ist wichtig lösungsorientiert zu arbeiten und nicht auf seinen Standpunkten zu verharren. Es ist wichtig, nie den Respekt vor anderen Personen zu verlieren. Gewiss kann man das Tun eines Menschen nicht gutheißen und ihm respektlos gegenüberstehen, aber man muss ihm immer auf gleicher Ebene gegenüberstehen und mit ihm als Mensch reden, nicht mit jemandem, der etwas falsch macht. Man darf sich nicht von ihm absetzen, nur weil er eine andere Denkweise besitzt als man selbst.

 

Ich habe für mich festgestellt, dass die Welt ungerecht ist. Man kann sich aber dafür einsetzen, dass sie besser wird und das geht schon von einem selbst aus, wie man andere Menschen behandelt oder bezeichnet und wie man sich selbst in verschiedenen Situationen verhält. Ob man seinen Mitmenschen hilft oder sich auf sein eigenes Bestehen und Fortschreiten konzentriert. Ich glaube vielmehr, man kann die Welt nicht gerechter gestalten, man muss sie gerechter gestalten. Denn wir sind eine neue Generation und wir müssen unsere Zukunft selbst gestalten. Wir müssen die Gesellschaft von morgen so konstruieren, dass wir darin gerne leben wollen und der erste Schritt in diese Richtung liegt in einem selbst. Allein durch das Vorleben seiner eigenen Lebensart zeigt man seinen Mitmenschen andere Perspektiven auf.