• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Verantwortung übernehmen

Melinda, Bolivien, 2011, weltwärts

Verantwortung übernehmen

Melinda hat in ihrem weltwärts-Freiwilligendienst mit Straßenkindern gearbeitet. Von ihren Erfahrungen beim Freiwilligendienst in Bolivien berichtet sie hier.

Freiwilligendienst in Bolivien

Für mich ging es Mitte 2011 für ein Jahr nach Bolivien, um dort meinen Freiwilligendienst mit AFS zu leisten. Meine Sprachkenntnisse beschränkten sich auf ca. 3 Wörter, weshalb ich ziemlich Angst davor hatte, auf meine Gastfamilie zu treffen. Ansonsten hatte ich von Familie und Freunden Reiseführer, Zeitungsartikel und so weiter geschenkt bekommen, sodass ich mich eigentlich recht gut informiert fühlte. Die bolivianische „Pünktlichkeit“ wurde mir und den anderen Freiwilligen gleich noch auf dem Hinweg bewusst, als unser Flug von Santa Cruz nach La Paz ungefähr 8 Stunden Verspätung hatte. Mitten in der Nacht landeten wir dann auf dem Flughafen in El Alto, wo meine Familie mich auch gleich mit einem Küsschen auf die Wange und auf Spanisch begrüßte, woraufhin ich einfach nur lächelte und auf dem Weg in die Stadt nur noch fasziniert schweigen konnte.

 

Während man anfangs noch alles ganz bewusst aufnahm, wird vieles schnell normal. Die indigenen Frauen in ihren Trachten, die Straßenhunde, der chaotische Verkehr, den ich sehr lieb gewonnen habe, die Getränke in Plastiktütchen, das Essen.

 

Das ganze Jahr über habe ich immer recht viel mit den anderen Deutschen Freiwilligen gemacht, da es für mich nicht so einfach war, Kontakt zu Einheimischen aufzubauen. Dabei haben mir dann vor allem meine vier Gastgeschwister geholfen, die alle ungefähr mein Alter hatten und die mich immer auf Partys, Grillabende oder ins Kino mitgenommen haben.

Meine Gastfamilie in Bolivien

Schöne Aussichten beim Freiwilligendienst in Bolivien

Mit meiner Gastfamilie habe ich mich insgesamt ziemlich gut verstanden, in dem Sinne, dass wir nie schwerwiegende Probleme hatten. Einiges ist mir jedoch schwergefallen zu akzeptieren und dazu gehört definitiv Selbstständigkeit. Meine beiden Gasteltern waren den ganzen Tag arbeiten, weshalb meine Mutter morgens das Essen gekocht und auch schon auf die jeweiligen Teller verteilt hatte. Meine Anregung, dass ich mir gerne selbst auftun würde, da ich nicht jeden Tag gleich viel Hunger habe, stieß allerdings auf Unverständnis und da es sehr verpönt ist Essen wegzuwerfen, oder am nächsten Tag zu essen, habe ich immer brav meinen Teller leer gegessen, ob ich Hunger hatte, oder nicht. Wenn meine Mutter vergessen hatte das Essen zu verteilen, ist sie sogar extra von der Arbeit noch mal nach Hause gefahren, da sie meinen Geschwistern nicht zugetraut hat, das alleine zu regeln.

 

Auch mit dem „wann nach Hause kommen“ war es natürlich nicht immer leicht, da ich aus Deutschland gewohnt war, beispielsweise abends zurückzukommen, wann ich möchte und wenn ich nachmittags spontan beschließe, ins Kino zu gehen, dann musste ich in Deutschland meine Eltern auch nie fragen, ob ich darf, sondern habe einfach nur mitgeteilt, dass ich jetzt gehe. Aber das Problem war nach einer Weile nicht mehr so stark, da meine Gastfamilie erkannt hat, dass ich solche Freiheiten gewohnt bin und auch damit umzugehen weiß. Wenn man zeigte, dass man verantwortungsbewusst war, wurde das auch auf jeden Fall berücksichtigt.

 

Sonntags war in Bolivien eine Art Familientag, der zumindest bei meiner Familie meistens darin bestand, zusammen Mittagessen zu gehen. Ab und zu haben wir auch Ausflüge in die Umgebung unternommen. Das Familienbewusstsein in Bolivien war ein ganz anderes. Alle waren total herzlich und man war so gut wie überall willkommen und schon nach dem ersten Gespräch bei zum Beispiel der Gasttante gleich die „Hijita“, also das „Töchterchen“. Die Familien waren viel größer und es bestand viel mehr Kontakt. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt in meiner Familie und Abschied zu nehmen ist mir auch wirklich nicht leicht gefallen.

Die Sprache in Bolivien

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

Durch meine Familie habe ich auch schnell Spanisch gelernt und vor allem am Anfang einige wichtige Tipps erhalten, denn im Gegensatz zu Deutschland drückte man beispielsweise nicht einfach auf einen Knopf, wenn man aus dem Bus aussteigen wollte, sondern brüllte lautstark „Voy a bajar, por favor!“.

 

Natürlich half mir auch die Arbeit extrem, die Landessprache schnell zu erlernen. Nach ungefähr 3 Monaten konnte ich mich eigentlich schon ganz normal auf Spanisch unterhalten. Am Ende des Jahres verstand ich so gut wie alles und konnte auch alles sagen, was ich möchte, manche Dinge fallen mir nicht mal mehr auf Deutsch ein, weshalb ich auch nach meiner Rückkehr noch einige der typischen „Paceño-Ausdrücke“ verwendet habe. Auch durch Lesen und Filme gucken lernte ich schnell viel dazu.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Bolivien

Melinda beim Projekt in Bolivien

Gearbeitet habe ich mit Straßenkindern im Projekt Alalay. Anfangs war ich nur in einem Heim für Mädchen, was ich ziemlich langweilig fand, was aber größtenteils daran lag, dass ich kaum Spanisch gesprochen habe und wenn meine Chefin oder die Mädels mich irgendwas gefragt oder erzählt haben, habe ich es schlicht und einfach nicht verstanden.

 

Parallel zu der Verbesserung meiner Sprachkenntnisse hat sich auch die Arbeit verbessert. Ich habe dann auch angefangen, auf der Straße zu arbeiten. Generell kann ich sagen, je mehr Einsatz man zeigte, desto mehr hatte man selbst davon, allerdings war es auch umso stressiger. Mir hat das Arbeiten wahnsinnig viel Spaß gemacht und ich bin auch in meiner Freizeit und am Wochenende sehr oft mit den Straßenkindern zusammen gewesen, denn wenn man nur zu den regulären Straßenarbeitsterminen, also einmal pro Woche pro Gruppe, ging, hatte man eigentlich keine Gelegenheit die Kinder gut kennenzulernen. Am Anfang kostete es ein bisschen Überwindung einfach in die Innenstadt zu fahren, „Hallo“ zu sagen und sich danebenzusetzen, denn am Anfang erkannten sie mich natürlich noch nicht. Allerdings gab es nichts Schöneres, als den Zeitpunkt, ab dem man freudig begrüßt wurde, sie dich anriefen, wenn sie deine Hilfe benötigten oder ihnen ein Stück Hühnchen auszugeben.

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

 

Je besser sie mich kannten, desto mehr Verantwortung musste ich aber auch übernehmen. Statt der vormals geregelten Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr hatte ich dann mehr oder weniger flexible Arbeitszeiten, denn wenn ich zum Beispiel jemanden zum Arzt begleiten musste, war es sinnvoll schon um 7 Uhr morgens dort vor der Tür zu stehen. Auch erhielt man des Öfteren erst um 21 Uhr einen Anruf, dass jemand sich verletzt hatte oder verletzt wurde. Im Krankenhaus hieß es dann meistens noch eine gute Weile warten, sich mit den dortigen Sozialarbeitern streiten und so weiter. Dazu kam natürlich dann noch, dass auch die Mädchen im Heim gerne was von einem haben wollten und es ein nahezu unmöglicher Spagat war, Straßen- und Heimarbeit so aufzuteilen, dass alle zufrieden waren, denn man selbst mochte natürlich auch nicht jeden Tag 12 Stunden Schichten einlegen.

 

Auch wenn ich teilweise viel zu wenig Schlaf hatte, total gestresst war, oder mir selbst einfach zu viel Arbeit gemacht habe, möchte ich keine Sekunde dieser Zeit missen, denn es ist das Unglaublichste und Wundervollste, was man erleben kann und ich kann jedem nur empfehlen, die Zeit dort voll zu nutzen, denn so eine Chance wird man nie wieder bekommen.

Land und Leute in Bolivien

Unterwegs in Bolivien mit AFS und weltwärts

Natürlich bestand mein Jahr nicht nur aus Arbeiten. Ich bin viel herumgereist, mit anderen Deutschen, aber auch mit Bolivianern. Bolivien ist ein unglaublich spannendes und faszinierendes Land. Von tropischem Klima bis zu Schnee in den Anden – es gibt einfach alle Klimazonen. Meistens sind wir in Bussen gereist, die, jedenfalls, wenn man im Bus „cama“ reiste, um einiges bequemer waren als in Deutschland. Während ich am Anfang die drei Stunden Fahrtzeit von La Paz bis nach Coroico noch als lang empfand, war das gegen Ende nicht mehr als eine Kurzstrecke. Aber selbst die 18 Stunden lange Busfahrt von La Paz nach Santa Cruz konnten mich nicht mehr erschrecken, denn die meiste Zeit habe ich geschlafen, und wenn ich mal wach war, habe ich einfach die Landschaft angeschaut. Der Regenwald ist wunderschön: frei lebende Affen, Flussdelfine, Tukane, Krokodile. Anfangs konnte ich es kaum glauben, dass ich nicht in einem Safari-Park war. Aber auch das Altiplano ist einfach nur bezaubernd. Weit und breit sah man keine Häuser, das Land war eben und in der Ferne sah man überall die Anden. Auf dem Boden wuchs eine Art hartes Gras und es gab zahlreiche Lamas, Alpakas, und wenn man Glück hatte, hat man auch Vicuñas oder Guanakos gesehen.

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien

 

Landschaft ist nicht das Einzige, was Bolivien zu bieten hat, sondern auch die Kultur ist wirklich beeindruckend. Vor allem in La Paz war vieles noch recht traditionell, so arbeiteten an den Straßenständen meist Cholitas mit dem typischen Bowlerhut und in Stoffe aus Aguayo gekleidet. Am Anfang war der Anblick von Menschen in Trachten noch recht ungewohnt, aber schon nach einigen Wochen nahm ich das überhaupt nicht mehr wahr.

 

Auch im alltäglichen Leben gab es viel Kultur. Sehr viele Dinge waren geprägt vom Glauben an die Pachamama, auch wenn solche Sachen bei den ärmeren Schichten viel mehr zu sehen waren, als bei den Reichen. Da wurde dann auch öfter die Hälfte des Bieres auf den Boden gekippt, „für die Pachamama“… Es gab wahnsinnig viele Feste: an Allerheiligen haben alle kleine Figuren gebacken, an Weihnachten aßen alle die typische Suppe, im Januar gab es die AlaSitas, wo man kleine Figürchen kaufte und segnen ließ und dann natürlich auch den Carnaval de Oruro. Die meisten dieser Traditionen fand ich total schön, weil die ganze Stadt feierte, oder sozusagen an einem Strang zog. Stand ein Fest an, zum Beispiel Gran Poder, war es keine Frage, ob man hingeht oder nicht, denn es gingen einfach alle hin.

Mein Fazit

Am Ende kann ich nur sagen, dass es trotz kleinerer Probleme und Schwierigkeiten das schönste Jahr meines Lebens war und ich auf jeden Fall dorthin zurück will!

 

Freiwilligendienst weltwärts Bolivien