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Ein Jahr im längsten Land der Welt - meine perfekt unperfekte Erfahrung in Chile

Lynn, Chile, 2014, weltwärts

Ein Jahr im längsten Land der Welt - meine perfekt unperfekte Erfahrung in Chile

Lynn hat mit AFS und dem weltwärts-Programm einen Freiwilligendienst in Chile gemacht. Sie hat dabei sowohl im Kindergarten als auch in einer Tagesstätte für Seniorinnen und Senioren gearbeitet. So hat sie in ihrem Jahr Einblick in zwei verschiedene Generationen bekommen.

Freiwilligendienst mit AFS und weltwärts in Chile

Ich erinnere mich noch genau, wie ich da bitterlich weinend am Düsseldorfer Flughafen Abschied von meiner Familie nahm und für einen kurzen Augenblick sicher war: Das kann doch gar nichts Gutes geben! Wie sehr ich mich doch getäuscht haben sollte... Die Trauer war dann auch nach kurzer Zeit beiseitegeschoben und spätestens am Pariser Flughafen, wo ich die anderen weltwärts-Freiwilligen traf, vollständig der Vorfreude gewichen. Mein Jahr konnte endlich beginnen!

 

Der erste „chilenische Eindruck“ sollte dann schneller kommen, als wir alle wohl gedacht hatten. Nach dem langen Flug standen wir endlich in Santiago am Flughafen und konnten kaum erwarten, dass es weitergeht. Wir hatten allerdings die Rechnung ohne AFS-Chile gemacht und so mussten wir gleich zu Beginn unserer Erfahrung feststellen, dass man in Chile öfter mal etwas länger wartet: Nach zwei Stunden vergeblichen Wartens entschieden wir uns mutig zu einem ersten Telefongespräch in Chile und schafften es tatsächlich AFS-Chile zu kontaktieren und darüber hinaus mit 9-fach geballten, mehr oder weniger vorhandenen Spanisch-Sprachkenntnissen, unsere Situation zu erklären. Und dann endlich, eine weitere Stunde später, wurden wir abgeholt und gingen auf erste große Fahrt durch Santiago de Chile. Den Blick auf diese imposanten, schneebedeckten Berge werde ich wohl so schnell nicht vergessen.

 

Nach drei weiteren Tagen Vorbereitung in Santiago de Chile durch AFS hieß es dann erst mal Abschied nehmen, denn endlich ging es für jeden von uns an unsere Einsatzorte, in die Gastfamilien und Projekte. Während Andere wieder in den Flieger steigen mussten, bedeutete das für mich zum Glück nur eine rund vierstündige Busfahrt in das knapp dreihundert Kilometer entfernte Talca, Hauptstadt der siebten Region Maule.

Meine Gastfamilien in Chile

Lynn und ihre Gastfamilie in Chile beim Freiwilligendienst

Am Busbahnhof wurde ich da auch schon von meiner Gastmama und ihrer Hündin Flo erwartet. Ich glaube, ich bin in meinem Jahr nicht noch einmal so nervös gewesen, wie in diesem Moment! Aber auch hier war die Freude wieder riesig und ich war erstaunlich erleichtert endlich angekommen zu sein. Dass wir nur eine Zwei-Mann-Familie darstellten, daran musste ich mich zuerst noch gewöhnen, denn schließlich kannte ich das aus Deutschland anders. Aber es hatte den großen Vorteil, dass ich zu meiner Gastmama Vivi nicht nur ein Mutter-Tochter-Verhältnis entwickeln konnte, sondern wir auch sehr schnell dicke Freundinnen wurden. Und die kleine Flo brachte auch alleine schon sehr viel Leben und Chaos in die Bude.

 

Nach Weihnachten hatten meine Gastmama und ich aus verschiedenen Gründen dann allerdings beschlossen, dass ich die Gastfamilie wechsle. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich bis heute ein liebevolles Verhältnis zu meiner ersten Gastmami pflege und sie mich bei dem Wechsel und auch später immer unterstützt hat und mir zur Seite stand. Da in Talca leider erst zum Ende meines Aufenthaltes ein lokales AFS-Komitee gegründet wurde, dauerte es allerdings noch bis Mitte März, bis sich tatsächlich eine neue Familie gefunden hatte und ich umziehen konnte. Und plötzlich war ich wieder mitten im Familientrubel gelandet: Mama, Papa, zwei Schwestern und ein Bruder. Ich fühlte mich sofort pudelwohl! In unserem Haus auf dem Land genossen wir viele tolle Wochenenden draußen mit unseren fünf Hunden, kochten und lachten. Zwei Highlights waren auf jeden Fall die Bienen, die mein Gastvater im Garten hatte und die Weintrauben, aus denen wir dann an Ostern unseren eigenen Wein machten, und zwar mit den Füßen!

 

Eigentlich kann man gar nicht sagen, dass ich in Chile „nur“ zwei Gastfamilien hatte. Die Familie meiner wunderbaren Chefin Judith, mit der ich sogar zwei Tage im Urlaub war, und auch die Familie meiner besten Freundin haben mir immer gezeigt, dass auch ich ein Teil ihrer Familie geworden bin.

 

Freiwilligendienst weltwärts Chile Gastfamilie

Meine Projekte beim Freiwilligendienst in Chile

Lynn mit Kindern bei ihrem Freiwilligendienst in Chile

Gearbeitet habe ich im Projekt „Hogar de Cristo – Fruto de la Esperanza“. Das „Hogar de Cristo“ wurde von einem Pater gegründet und existiert in ganz Chile in Form von verschiedenen Projekten, die sich allesamt der sozial schwächeren Schicht verschrieben haben und mit Menschen arbeiten, denen es an gesellschaftlicher Integration und Akzeptanz fehlt. In meinem Fall waren das ein Kindergarten und eine Seniorentagesstätte. Meine offizielle Arbeitszeit begann morgens um 8:30 Uhr und endete abends um 18:00 Uhr. Montags, mittwochs und freitags arbeitete ich vormittags bei den Kleinen im Kindergarten und nachmittags sowie donnerstags und dienstags mit den Senioren.

 

Was meine Arbeit betrifft, kann ich wirklich nur immer wieder sagen: Aller Anfang ist schwer. Während ich mich anfangs noch dabei erwischte, wie ich im Kindergarten während der „Raubtierfütterung“ darüber nachdachte, ob es wohl auffallen würde, wenn ich die Kinder am Stuhl festbinden oder wahlweise auch mal Essen zurückschmeißen würde, war ich spätestens nach zwei Monaten die Super-Mama und fütterte genauso routiniert wie die Tias. Und man konnte auch nicht mehr an hochroten Gesichtern oder völlig mit Essen beschmierter Kleidung erkennen, welche Kinder von mir gefüttert worden waren. Leider begann die Essensschlacht ein halbes Jahr später von Neuem, als die Kinder anfangen sollten, alleine zu essen...

 

Auch meine Senioren lernte ich mit der Zeit immer besser kennen. Ich wusste, wer wobei Hilfe braucht und mit welchen Aktivitäten man ihnen am meisten Freude bereiten kann. Das führte am Ende dazu, dass ich fast wöchentlich Kuchen für sie backte, das haben sie nämlich am liebsten.

 

Generell war ich in der Seniorentagesstätte für das Frühstück, Abendessen und diverse Aktivitäten verantwortlich. Morgens um neun Uhr kommen die Ersten und für jeden gibt es wahlweise eine Tasse Tee, Kaffee oder Milch und ein belegtes Brötchen. Zwischen den Mahlzeiten war ich dann für die Planung und Organisation von verschiedenen Aktivitäten verantwortlich, die in erster Linie die motorischen Fähigkeiten der allesamt über 60-Jährigen stärken und auch ihr Gedächtnis beanspruchen sollen. Wir bastelten, was das Zeug hielt, malten und machten kleinere Rechen- und Denkspiele. Leider besteht die große Mehrheit der Senioren aus Analphabeten. Das fiel mir tatsächlich zum ersten Mal auf, als ich erfolglos versuchte ein Kreuzworträtsel mit Ihnen zu lösen. Später übernahm ich dann noch die Verantwortung für die pastorale Begleitung des gesamten Teams samt „Abuelitos“. Da es sich um ein katholisches Projekt handelt, beteten wir regelmäßig und veranstalteten zu Weihnachten und Ostern auch Messen.

 

Ein großes Highlight war die jährliche Olympiade. Dabei kommen Teams der Mitarbeiter vom „Hogar de Cristo“ aus ganz Chile zusammen und treten in verschiedenen sportlichen Disziplinen für ihre Region gegeneinander an. Auch ich war mit dabei und wie sollte es anders sein: Wir konnten den Pokal nach Maule holen!

 

In der zweiten Hälfte meines Jahres in Chile kam dann noch mal eine größere Änderung auf mich zu. Da meine Chefin für längere Zeit erkrankte, konnte ich leider mehrere Monate nicht zu meinen Kids in den Kindergarten, da meine Hilfe bei den Senioren dringender gebraucht wurde.

 

Freiwilligendienst weltwärts Chile

Die Betreuung durch AFS

AFS-Freiwillige in Chile beim Mid Stay Camp

Zu den anderen Freiwilligen hatte ich vor allem während der zwei Mid Stay-Camps und dem End of Stay-Camp von AFS Kontakt. Diese jeweils 4 Tage langen Camps waren immer wie ein kleiner Urlaub. Es war gut, sich mit den Anderen auszutauschen, über die guten und die schwierigen Zeiten. Vor allem aber war es toll zu sehen, wie sich jeder von uns persönlich weiterentwickelt hatte. Jeder, mit seinen ganz eigenen, unvergleichlichen Erfahrungen. Dort erhielten wir auch sehr viel Unterstützung von AFS, konnten unsere Erfahrungen, aber auch unsere Probleme mitteilen.

 

Meine beste Freundin Bárbara lernte ich im „Hogar de Cristo“ kennen. Sie war dort Praktikantin und eine der wenigen Jugendlichen, mit denen ich generell in Chile Kontakt hatte. Das hat mich allerdings nicht gestört, denn ich kann wirklich sagen: Ich habe das Jahr für mich genutzt, konnte mich mit mir auseinandersetzen und mich selbst besser kennenlernen, vor allem meine Stärken und Schwächen.

Die Sprache

Sprachlich war das anfangs gar nicht so leicht. Wo ich in den heimischen vier Wänden mit Vivi mithilfe von vier Jahren Schulspanisch immerhin schon kurze, einfache Gespräche führen und mich zur Not mit Händen und Füßen verständigen konnte, hatte ich mit meinen kleinen Schreihälsen oder wahlweise mit meinen größtenteils zahnlosen Omis und Opis schon wesentlich größere Probleme. Im Kindergarten flüchtete ich mich deshalb recht schnell in den „Sala Cuna“ zu den drei Monate alten bis einjährigen Kindern, wo zum Glück keine großen Spanischkenntnisse benötigt waren, und bei den Senioren in die Küche, wo ich unserer Köchin Favi zur Hand ging. Aber frei nach dem Prinzip „learning by doing“ ging es mit meinem Spanisch schnell bergauf und nach drei Monaten war mein „Chilenisch“ perfekt. Mit den Tias, den Kindergärtnerinnen, trällerte ich fleißig Kinderlieder rauf und runter und meine „Abuelitos“ verstand ich schon besser, als die Schüler der chilenischen Schulklassen, die manchmal zu Besuch zu kamen. Insgesamt hatte ich meine anfängliche Skepsis der Arbeit gegenüber schnell überwunden und meinen ganz eigenen täglichen Arbeitsrhythmus gefunden. Der wunderbaren chilenischen Offenheit und Herzlichkeit haben meine anfänglichen Sprachprobleme übrigens keinen Abbruch getan. Überall hat man sich über meine ersten spanischen Gehversuche ehrlich gefreut, ich wurde fleißig unterstützt und bis zum Ende liebevoll mit meinen immer weniger gewordenen Fehlern aufgezogen. Und an so manche Wort-Verwechslungen, die für ordentliche Lacher sorgten, kann ich mich sogar heute noch erinnern. Zum Beispiel als ich meiner Chefin sagte, sie könne die Würstchen in dem BH anbraten (statt Pfanne) oder als ich stolz erzählte, dass meine zweite Gastfamilie Erbsen im Garten fliegen hat (statt Bienen).

Mein Fazit

Lynn in Chile

Ich habe während meines Aufenthaltes in Chile so viele schöne Dinge erlebt und tolle Menschen kennengelernt, die mein Jahr dort perfekt gemacht haben. Es war nicht perfekt, weil ich keine Probleme oder schwierige Zeiten hatte, im Gegenteil. Es war perfekt, weil ich unglaublich viel gelernt habe, über mich, aber auch über Andere. Ich möchte mich bei jedem bedanken, der mir dieses Jahr ermöglicht hat und außerdem allen Mut und Kraft wünschen, denen diese Zeit noch bevorsteht. Genießt sie, esst alles, was euch an „typischem Essen“ in die Finger kommt und nehmt alles an Erfahrungen mit, was geht. Die Guten und die Schlechten. Ihr werdet für beide unglaublich dankbar sein. Abschließend möchte ich meinen speziellen Dank an AFS richten, für die tolle Vor- und Nachbereitung und dafür, dass auch ich jetzt ein Teil der großen AFS-Familie sein darf!