Erfahrungsbericht: Freiwilligendienst in Ghana - Carla hat in einem Projekt für Straßenkinder gearbeitet
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Carla hat in einem Projekt für Straßenkinder gearbeitet

Carla, Ghana, Republik, 2014, weltwärts

Carla hat ihren Freiwilligendienst in Ghana mit AFS und dem weltwärts-Programm gemacht. Sie hat in Accra in einer Gastfamilie gelebt und in einem sozialen Projekt Straßenkinder betreut. Hier erzählt sie vom Leben in Ghanas Hauptstadt, von der Arbeit mit den Kindern, von ihren Erlebnissen auf Reisen und von den Herausforderungen als Internationale Freiwillige.

Spät abends kam ich in Accra an. Zusammen mit den neun anderen Teilnehmern liefen wir durch die schwül warme Luft in die Eingangshalle des Kotoka International Airport. Somit startete mein weltwärts- Freiwilligendienst mit AFS in Ghana. Das waren meine ersten Momente in Ghana, die ich sicherlich genauso wenig vergessen werde, wie die letzten Momente.

 

Direkt nach unserer Ankunft folgte ein dreitägiges On-Arrival-Camp, dort hatte ich dann Zeit meine ersten Eindrücke richtig zu verarbeiten. Diese waren ganz unterschiedlich. Zuallererst fiel mir der Verkehr auf. Es gab zwar Ampeln und Straßenschilder, jeder fuhr jedoch nach seinen eigenen Regeln und machte sich lautstark durch (permanentes) Hupen bemerkbar. Außerdem liefen von allen Seiten Verkäufer heran, sobald der Verkehr stand. Man konnte dann alles, wirklich ALLES, kaufen: Wasser, Eis, Plantainchips, Nüsse, Kaugummis, aber auch ausgefallene Sachen wie Schuhcreme, Scheibenwischer, Stecker oder Kopfhörer und Ladegeräte. Nachdem dieses Camp zu Ende war, ging es endlich in unsere Gastfamilien.

Meine Gastfamilie in Ghana

Ich wurde in einer Gastfamilie in Dansoman, einem Stadtteil im Westen von Accra untergebracht. Mit meiner Gastfamilie lebte ich in einem sogenannten Compound House, das heißt, dass noch andere Familienmitglieder zum Teil mit ihren eigenen Familien auf dem Grundstück wohnten. In unserem Teil des Hauses habe ich mit meiner Gastmutter Aunty Nancy, ihrer Schwester Aunty Aba und zwei Mädchen Madua und Mansa, die aus dem Dorf meiner Gastfamilie kamen und im Haushalt halfen, aber auch ganz normal zur Schule gingen, gewohnt. Das waren die 4 Leute, die eigentlich immer in meinem Haus waren. Direkt gegenüber wohnte Auntie Efia mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Kofi und Kwame. Außerdem kam der Bruder meiner Gastmama, Uncle Kweku, oft mit seinen Söhnen zu Besuch.

 

Das Haus war also immer lebendig und voll. Ich hatte mein eigenes Zimmer, das ich mir die letzten fünf Monate mit meiner Cousine geteilt habe, die anfangs immer ab und zu mal da war und in Accra studierte. Das war wirklich Luxus und ich war sehr froh darüber. In meinem Haus gab es kein fließendes Wasser. Deshalb standen überall große Tonnen mit Wasser im Gang, das dann für alles verwendet wurde: Toilette, Geschirr spülen, Putzen, Waschen und Duschen. Geduscht wurde mit einem großen Eimer (kaltem) Wasser und einem kleinen Eimer, der dazu diente, sich abzuduschen. Auch meine Wäsche habe ich 11 Monate fast ausschließlich von Hand gewaschen. Ich habe mich aber erstaunlich schnell an all das gewöhnt und mir wurde bewusst, wie viel Wasser wir eigentlich verschwenden, nur weil wir es laufen lassen oder es achtlos wegschütten. Ein weiteres Thema, an das ich mich nach und nach gewöhnen musste, waren die ständigen Stromausfälle bzw. Stromkürzungen der Regierung Ghanas. Vor allem Accra, aber auch andere Städte sind davon sehr betroffen gewesen. Oft war der Strom für mehr als 12 Stunden weg, die Hitze wurde oft unerträglich ohne Ventilator. Aber auch daran habe ich mich gewöhnt.

 

Das Leben in meiner Gastfamilie verlief von Anfang an harmonisch. Natürlich waren anfänglich vor allem die beiden kleinen Jungs und meine beiden Schwestern noch sehr schüchtern mir gegenüber, was aber bald durch große Neugier ersetzt wurde. Auch ich selbst habe meine Zeit gebraucht, den Tagesablauf und die Gewohnheiten meiner Familie zu verstehen. Zum Beispiel bekam ich mein Essen immer zubereitet und auf einem extra angerichteten „Tablett“ serviert, wobei ich mich total unwohl gefühlt hatte. Nach und nach habe ich aber bemerkt, dass nicht nur ich das bekomme, sondern alle „Gäste“ die bei uns gegessen haben, auch andere Familienmitglieder. Nach einiger Zeit war mir also bewusst, dass das Teil der Gastfreundschaft und auch der Regeln meiner Aunty war.

 

Generell habe ich nie etwas in Frage gestellt, was mir meine beiden Aunty’s oder mein Uncle gesagt oder geraten haben. Das war für mich eine Frage des Respekts. Im Gegenteil, oft waren die kleinen Ratschläge sehr hilfreich. Es waren auch immer alle für mich da, wenn ich irgendein Anliegen, Problem oder Wunsch hatte. Ich durfte gehen und kommen, wann ich mochte, war sehr frei und unabhängig, was für mich natürlich ein großer Vertrauensbeweis war. Ich fühlte mich von Tag zu Tag mehr zu Hause, und auch wenn ich „nichts“ helfen sollte im Haushalt, habe ich natürlich den Mädchen gerne dabei geholfen das Geschirr zu spülen und andere kleine Arbeiten einfach übernommen. Vor allem bei großen Familienfesten, wie beispielsweise der Beerdigung meines Großvaters, musste jeder mit anpacken.

Mein Projekt beim Freiwilligendienst in Ghana

Nun zu meinem Projekt, oder besser gesagt, meinen Projekten. Zu Beginn war ich mit zwei Freiwilligen im Projekt BASICS, in Chorkor platziert. Nachdem ich mich dort nach zwei Monaten immer noch nicht wohl gefühlt habe, habe ich AFS Ghana und Deutschland kontaktiert und nach einigem bürokratischen Hin und Her konnte ich dann glücklicherweise ohne große Hürden das Projekt innerhalb von Accra wechseln. Mein neues und endgültiges Projekt war also SCEF (Street Children Empowerment Foundation) in Jamestown. Zur Arbeit fuhr ich jeden Tag ca. 45 Minuten mit dem Tro-Tro (eine Art Minibus). Meine Arbeitszeiten waren normalerweise von 9 Uhr bis 16 Uhr. Gab es besondere Anlässe, wie zum Beispiel das Christmas Event, habe ich auch am Wochenende gearbeitet, meistens dann aber den darauffolgenden Arbeitstag freibekommen.

 

Das Projekt wurde von dem Ghanaer Paul Semeh gegründet und hat seinen Sitz mitten im Zentrum von Jamestown. Ziel ist es, möglichst vielen Straßen- und benachteiligten Kindern eine Schuldbildung und somit eine Zukunft fernab von Straßenverkäufern und dem Leben auf der Straße zu bieten. Meine Aufgaben im Projekt waren sehr vielfältig und jeder Tag sah ein wenig anders aus. Zum einen war ich während der Schulzeit Teil des Monitoring-Teams. Zusammen mit anderen Freiwilligen und/oder Mitarbeitern von SCEF gingen wir in die Schulen, um nachzuschauen, wie es unseren Schoolarship Recepients (so nennen wir die Kinder, um die wir uns bei SCEF kümmern) geht. Das heißt, wir haben Interviews mit ihnen geführt, sie gefragt, ob sie bestimmte Dinge benötigen und auch mit den Lehrern gesprochen. Oft war das allerdings nicht so einfach, sowohl die Kinder als auch die Lehrer in ein Gespräch zu verwickeln, dass länger als 5 Minuten dauerte.

 

Zum Monitoring gehörte auch, die Kinder z.T. in ihren Familien zu besuchen bzw. dort wo sie lebten. Das war für mich persönlich der interessanteste Teil, mit den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien und Verwandten direkt in Kontakt zu stehen. SCEF bot außerdem ein Programm an, dass sich Read Right nennt. Hierzu sind wir Freiwilligen mit den ghanaischen Volunteers zusammen in eine Schule gegangen, um Dienstag und Donnerstag nachmittags den Grundschülern Basis-Kenntnisse im Lesen und Schreiben beizubringen. Im Learning Hub, sozusagen der Zentrale von SCEF gab es eine Bibliothek, ein Klassenzimmer, ein IT-Raum (Computerraum) und einen Raum, in dem die Kinder sich kreativ austoben konnten.

 

Auf dem großen Hof vor dem Gebäude war immer viel los. Nachmittags, nach Unterrichtsschluss, kamen nämlich viele Kinder und Jugendliche von allen umliegenden Schulen in den Learning Hub zum Spielen, um in der Bibliothek zu Lesen oder die Computer dort zu nutzen, zum Malen, zum Basteln oder um Hilfe bei den Hausaufgaben zu bekommen. Außerdem gab es bei SCEF immer frisches Trinkwasser und „richtige“ Toiletten, beides wurde sehr dankend von den Kindern angenommen. Nachmittags bestand meine Aufgabe hauptsächlich darin mich um das Craft Lab (den Kreativ-Raum) zu kümmern. Dort habe ich dann mit den Kindern gemalt und gebastelt, da das Equipment sehr gut war, konnte man sehr vielseitig arbeiten. Ein Highlight war immer, dass die entstandenen Kunstwerke mit nach Hause genommen werden durften. Außerdem gab es noch außerschulische Aktivitäten wie z.B. Sports Club oder Arts Club.

 

Ich habe eine Weile lang den Arts Club mit betreut, da durften sich die Kinder ebenfalls kreativ austoben. Es gab aber auch beispielsweise Tage, an denen die Bibliothek so voll war, dass ich meinen Nachmittag dort verbracht habe. SCEF kümmert sich auch besonders um medizinische Problemfälle, für die jedes Jahr durch verschiedene Events und Aktionen Geld gesammelt wird, um Behandlungen aller Art zu ermöglichen. Im Zuge dessen durfte ich ein Video drehen und schneiden, was eine tolle Abwechslung und super für das anschließende Fundraising war. Meine letzte Aufgabe war es, bei Events und Projekten mitzuwirken. Das hieß konkret, bei der Vorbereitung und an den Tagen selbst aktiv dabei zu sein. Da gab es zum Beispiel eine riesige Christmas-Party für fast 2000 Kinder aus Jamestown oder das Sharing Is Caring Event. All diese Events waren super planungsintensiv, haben aber am Tag selbst umso mehr Spaß gemacht.

 

Bei SCEF habe ich mich eigentlich rundum wohlgefühlt, ich durfte aktiv Vorschläge einbringen und es wurde sehr verständnisvoll mit krankheitsbedingten Ausfällen umgegangen. Anfangs war es teilweise schwierig mit den ganz kleinen Kindern zu kommunizieren, da in Jamestown Ga gesprochen wird und die Kleinen oft noch kein Englisch verstanden haben. Gelöst wurde dieses Problem jedoch ganz einfach, meistens war jemand zum Übersetzen in der Nähe oder die Kids selbst haben versucht mir ein paar Wörter Ga beizubringen. Manchmal gab es Tage, an denen ich weniger zu tun hatte bzw. wir wegen der Stromausfälle nichts an den technischen Geräten machen konnten. Ich denke aber, das es normal ist, dass es ab und zu mal solche Zeiten gibt. Generell habe ich mich nie unter oder über-fordert gefühlt, wobei ich manchmal gerne etwas mehr, an manchen Tagen etwas weniger Aufgaben gehabt hätte. Letztendlich fand ich mein Projekt super, da mich jeden Tag etwas anderes erwartet hat und ich eine feste Beziehung zu vielen der Kids aufbauen konnte.

Land und Leute in Ghana

Neben der Arbeit im Projekt gab es natürlich auch noch einen anderen Teil meines Freiwilligenjahres: das Reisen und Entdecken Ghanas. Neben mehreren Kurzausflügen, hauptsächlich entlang der Westküste, habe ich eine dreiwöchige „Abschlussreise“ mit einer Mitfreiwilligen und ihrem Bruder gemacht. Trotz Regenzeit haben wir uns im Juni auf eine Rundreise durch Ghana gemacht. Los ging es an die Küste in das wunderschöne Ada Foah. Weiter ging es 30 Stunden mit der Fähre über den Volta River in den Norden Ghanas. Über Kintampo und Busua wieder zurück nach Accra. Auf dieser dreiwöchigen Reise, die abenteuerlicher kaum hätte sein können, habe ich (fast) alle Seiten Ghana’s und der Bevölkerung erlebt.

 

Es ist unglaublich, wie unterschiedlich die Vegetationen von Süden nach Norden sind. Von sehr grün und Regenwald zu sehr trocken und Savanne. Besonders begeistert haben mich aber die Menschen, denen wir begegnet sind. In Accra wurde man dauernd angesprochen „Obroni, Obroni“, was so viel wie Weiße/r heißt, man wurde sogar manchmal angefasst. Ständig wurde man nach seiner Handynummer gefragt und ob man denn nicht heiraten möchte. Anfangs war mir das sehr unangenehm, aber bald hatte ich den Dreh raus und es hat mich kaum noch gestört.

 

Als wir dann aber außerhalb Accra’s unterwegs waren, fiel mir erst auf, wie wenig Aufmerksamkeit wir bekamen, was erstaunlich gut tat. Normalerweise kamen wir in Hostels unter, aber im Norden hat uns beispielsweise ein Mann beherbergt, der früher mal ein Gästehaus hatte, da es jetzt aber mit dem Tourismus schlecht läuft, dieses kaum noch besucht wurde. Bei ihm haben wir uns wie Teil der Familie gefühlt, seine Frau hat für uns gekocht und er erzählte uns Abende lang etwas über die Geschichte seines Dorfes. Generell kamen wir auf der Reise sehr oft mit jungen und alten Menschen ins Gespräch und oft wurden daraus stundenlange, interessante Konversationen und Diskussionen. Dadurch habe ich sehr viel über Land, Leben & Kultur außerhalb Accra’s gelernt.

 

Nach dieser dreiwöchigen Reise ging mein Jahr auch schon dem Ende zu. Vor allem an meinem letzten Arbeitstag wurde mir bewusst, wie viel Zeit ich dort verbracht hatte und wie sehr mir alle ans Herz gewachsen waren. Der Abschied dort fiel mir sehr schwer, gleichzeitig hatte ich noch mehr Angst vor dem „großen“ Abschied - den von meiner Gastfamilie und meinen Freunden. Dann kam er doch, der Tag an dem ich zum letzen Mal morgens mich mit zwei Eimern duschte, zum letzten Mal durch das Haus und durch mein Zimmer lief. Nach einer langen Verabschiedungs- und Umarmungsrunde meiner ganzen Familie, fuhr ich schließlich mit meinem Onkel vom Hof. Es flossen keine Tränen, denn uns war allen klar, es ist nur ein Abschied auf Zeit und wir werden uns so bald es geht wieder sehen.

 

Ich stieg in der Nacht in den Flieger nach Frankfurt. Mir wurde bewusst, was ich für eine unvergessliche Zeit voller Hochs und Tiefs hinter mir hatte. Aber noch viel mehr, was ich alles vermissen werde. Die Geräusche, die mich jeden Morgen aufgeweckt haben, das laute Hupen auf den Straßen, das Rufen der Mates aus den Trotro’s, der Geruch nach Essen (aber auch nach Müll, Kanalisation und verbranntem Plastik), die Mittagspausen in unserem Lieblingsspot, meine Reis-Frau, meine Kenkey-Frau. Die Straßen, Höfe und Häuser, die nur spärlich beleuchtet waren, wenn mal wieder „light off“ war. Aber vor allem die Menschen. Meine Freunde und meine zweite Familie. Mit diesen Eindrücken und Gedanken stieg ich in den Flieger und war mir sicher, dass das sicher nicht mein letztes Mal in Ghana war.