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Wenn aus Fremden Freunde werden

Julian, Belgien, 2015, IJFD

Wenn aus Fremden Freunde werden

Julian hat in seinem Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) ein Jahr lang im AFS-Büro in Brüssel gearbeitet und dabei Menschen aus vielen verschiedenen Teilen der Erde kennengelernt. Über seine zahlreichen Erlebnisse berichtet er hier.

Einen Freiwilligendienst mit AFS in Belgien, einem deutschen Nachbarland zu machen, klingt erst mal nicht so spektakulär und exotisch wie z. B. 11 Monate in der Dominikanischen Republik oder Peru zu verbringen. Trotzdem kann ich rückblickend sagen, dass es eine der besten Entscheidungen meines Lebens war.

 

Denn auch wenn es geografisch nah ist (Brüssel war für mich näher als Berlin), was könnte man denn über Belgien erzählen, wenn man spontan auf der Straße gefragt würde? Wahrscheinlich nicht all zu viel, dass nicht irgendwo mit Waffeln oder Fritten zusammenhängt. Zuerst einmal ein bisschen Grundwissen: Belgien ist bilingual, was bedeutet das Belgien nicht gleich Belgien ist. Es gibt die Region „Flandern“, wo man ein etwas akzentverbogenes Niederländisch spricht, mit Städten wie Antwerpen oder Brügge und es gibt die Wallonie, französischsprachig, mit Städten wie Lüttich oder Mons. Außerdem gibt es noch die Region Brüssel, die kleinste, aber ebenfalls zu ca. 90 % frankofon. Ich befand mich in letzterer Region, und man kann sagen, dass die Hauptstadt Europas so einiges zu bieten hat.

 

Aber fangen wir vorne an: Am 21. August 2015 stieg ich in ein Flugzeug und kam in Brüssel-Zaventem, dem internationalen Flughafen an. Auf dem Weg zum Ausgang stieß ich auch gleich auf meinen ersten internationalen Buddy: Benedek aus Ungarn. Neben ihm machte ich auch noch die Bekanntschaft einer Gruppe von 23 Italienern, alle AFS-Austauschschüler, aber ich hielt mich zunächst an Benedek, da ich kein Italienisch konnte und Benedek ebenfalls nicht. Es war also erst mal Englisch angesagt. Das Tolle an Belgien ist ja, das es im Gegensatz zu Deutschland so klein ist und alle Austauschschüler erst einmal in dasselbe AFS-Arrivalcamp gebracht werden. Konkret bedeutete das ein sehr gut gefüllter Bus, mit Leuten aus Kolumbien, Island, Italien, Spanien, Finnland, Lettland, Argentinien, Mexiko, Venezuela und jedem noch so entlegensten Winkel unserer Erde. Alle aufgeregt und munter lärmend fuhren wir zu unserem Arrival Camp in der belgischen Campagne. Ich will nicht spoilern, weswegen ich den Inhalt des Camps verschweige, ich war jedoch schon die ersten Tage meiner Ankunft bestens integriert und war mit (fast allen) meinen zukünftigen besten Freunden auf einem Zimmer.

Meine Gastfamilie

Nach dem Wochenende, auf dem man vielfältige Gelegenheiten zum Quatschen hatte, wurde ich von meiner belgischen Gastfamilie abgeholt. Sie wohnen in Brüssel, ich hatte aber schon so eine Ahnung, dass ich da landen würde, da ich im AFS-Büro in Brüssel arbeitete. Ich musste ja schließlich jeden Tag in angemessener Zeit den Weg zur Arbeit zurücklegen können. Mein Tipp ist also, wenn man sicher ein Jahr in Brüssel oder in unmittelbarer Nähe leben will, sich für das AFS-Büro zu entscheiden. Die können Praktikanten sowieso jederzeit gut gebrauchen.

 

Zurück zu meiner Gastfamilie: Schon bei der Begrüßung bemerkte ich den ersten kulturellen Unterschied: das „Küsschen“ auf die Wange. Aber nur einmal auf die rechte Seite, nicht wie in Spanien zweimal, und bei jedem, auch bei Männern, was ich anfangs etwas befremdlich fand. Auf der Fahrt zu meinem neuen Zuhause sprachen wir ein wenig über meine Reise, ich konnte schon (gebrochen) Französisch, ansonsten behalf man sich mit Englisch. Zu Hause angekommen lief alles gut, ich verstand mich gut mit meinen Gasteltern und sie sich mit mir. Die nächsten Tage luden sie einen italienischen Austauschschüler ein, der in der Nähe wohnte und später mein bester Kumpel sein würde. Da ich nicht zur Schule ging, hatte ich wenig Kontakt mit Belgiern. Meine besten Freunde waren andere Austauschschüler, das blieb auch so. Dadurch, dass alle fremd und neu sind, freundet man sich einfach schneller an.

Die Sprache

Ich sprach mit meinen Freunden durchgehend Englisch und auf der Arbeit und mit meiner Gastfamilie Französisch mit dem Resultat, dass ich jetzt, nach diesen elf Monaten fast perfekt trilingual bin. Man hat sogar ein paar Brocken Spanisch aufgeschnappt, da 90 % der anderen Austauschschüler spanischsprachig sind. Aber fast alle können gut bis sehr gut Englisch, es gab also keine Kommunikationsschwierigkeiten. Am Anfang ist es generell so, dass das konstante Sprechen einer Fremdsprache anstrengend ist. Man ermüdet schneller und ist reizbarer. Das legte sich aber bei mir nach ca. einem Monat. Mein Tipp ist, sich nicht zu scheuen Fragen zu stellen, auch grammatikalische, da es Missverständnissen mit der Gastfamilie vorbeugt und es eine gute Art ist, Interesse an der Sprache und Kultur des Gastlandes zu zeigen. Außerdem lernt man so die Sprache schneller und muss sich nicht ständig fragen, ob das, was man sagt, so verstanden wird, wie man es sagen möchte.

Mein Arbeitsplatz beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Belgien

Zur Arbeit benötigte ich ca. 40 Minuten mit der Metro. Wie schon erwähnt, arbeitete ich im AFS-Büro mit Kollegen, die mindestens 7 Jahre älter waren, d. h. fertig mit dem Studium und schon ein bisschen Arbeitserfahrung. Ich hingegen hatte nur mein Abitur und die ersten Tage keine Ahnung, was eigentlich von mir verlangt wurde. Nach meinem ersten obligatorischen Gespräch mit meinem „Chef“ verstand ich das jedoch. Man muss Eigeninitiative zeigen, es ist nicht wie in der Schule der Lehrer, der dich beschäftigt, sondern du selbst.

 

Neben einigen Hilfstätigkeiten wie z. B. Infomaterial für Schulen in Säcke zu tüten oder ganz klassisch Dinge zu scannen oder zu kopieren, hatte ich auch einige ziemlich interessante Aufgaben. Ich habe die belgische AFS-Broschüre aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt und sie an die deutschsprachige Gemeinde in Belgien verteilt (ja es gibt eine, ca. 60000 Belgier lernen Deutsch als Muttersprache). Ich habe Kollegen in Schulen oder auf Messen begleitet, um den Schülern AFS zu erklären, unsere Programme zu promoten und dort aus erster Hand über das Austauschschüler-Leben zu berichten. Das trainiert den Wortschatz und die Flüssigkeit beim Sprechen ungemein. Ich habe an verschiedenen Meetings für unsere Hosting oder Sending-Kampagnen teilgenommen und selbst ein paar Ideen geäußert. Außerdem habe ich als Teamer bei der Vorbereitung von Belgiern für ihr Auslandsjahr assistiert, ich habe Teilnehmerprofile aus dem Französischen ins Englische übersetzt, ein bisschen was über Grafikprogramme/Bildbearbeitung mit adobe-indesign gelernt und Facebook-Post für die AFS-Belgien-Facebookseite gemacht. Ich habe lustige Stunden mit meinen Kollegen im Auto verbracht, als wir von Schule zu Schule gefahren sind, um unser Infomaterial bei der Direktion abzugeben.

 

In einer durchschnittlichen Woche habe ich moderate 30 Stunden gearbeitet, die Vorbereitungen für die Belgier fanden auch mal am Wochenende statt, dafür konnte ich mir aber an anderen Tagen unter der Woche freinehmen. Dabei waren meine Kollegen immer verständnisvoll und freundlich und die Atmosphäre im Team war sehr gut und freundschaftlich. Wir haben sogar Ausflüge unternommen und einige Abende zusammen verbracht. So gingen die Monate dahin, jedes Wochenende habe ich mich mit anderen Austauschschülern aus der Region Brüssel getroffen oder wir haben die belgischen Städte besucht.

Land und Leute in Belgien

Das ganze Jahr über gab es immer mal wieder AFS-Wochenenden oder Veranstaltungen (z. B. Citytrips, Grillfeste.) und ich war nie einsam. Die belgische Kultur (in der Wallonie) ist der französischen sehr ähnlich, es wird alles ein bisschen lockerer genommen (z. B. in puncto Pünktlichkeit, jedoch nicht so extrem wie in einigen anderen Ländern), die Belgier lieben es zu leben und sind leichtherzig. Ansonsten ähnelt es Deutschland auf angenehme Weise. Weiterhin sind auch die kulinarischen Spezialitäten sehr interessant: Neben den wirklich ausgezeichneten Waffeln gibt es eine riesengroße Biervielfalt (vielfältiger als in Deutschland) sowie einige ausgezeichnete Schokoladen. Des Weiteren ist in Belgien die Comic-Kultur sehr verbreitet, es gibt sehr viele Comics für Erwachsene, auch zu sozialkritischen Themen und wer hätte gedacht, dass Figuren wie „die Schlümpfe“ oder „Tim und Struppi“ belgisch sind? Eine Spezifität muss noch erwähnt werden in Liège (Deutsch: Lüttich) gibt es ein Viertel namens Carré. Dort treffen sich jeden Mittwoch eine große Menge Austauschschüler, um zu feiern. Warum? Keine Ahnung, aber es waren immer super Partys. Belgien ist nicht groß, so hat man die Möglichkeit, leicht Freunde in anderen Regionen zu treffen. Besonders da eine Zugfahrt, egal wohin und wieweit, durch das Spezialticket, den „Gopass“, nur 5 Euro kostet.

 

Und auch wenn ich mal zuhause blieb: Brüssel als Stadt ist unglaublich interessant, sowohl kulturell (es gibt tolle Museen), als auch die Menschen dort betreffend. Jeder ist irgendwie international und man kann tolle Kontakte knüpfen. Ich war im EU-Parlament und in der EU-Kommission und beides ist beeindruckend. Ich hatte ein Jahres Metro, Tram und Busticket und kenne Brüssel wie meine Westentasche, auch durch einige Ausflüge mit meinen Gasteltern. Durch meine direkte Implikation im Büro habe ich einiges über verschiedene Kulturen gelernt und unglaublich interessante und nette Leute getroffen, Belgier sowie Leute anderer Nationalitäten und verstanden, dass Deutschland nicht der Mittelpunkt der Welt ist und es durchaus auch andere Wege gibt, gut und glücklich zu leben.

 

Anders gesagt: Was nützen dir gut gepflegte Nachbarschaftsgärten und empirische Mülltrennung, wenn die Menschen in Deutschland unfreundlich zu dir sind? Oder wusstet ihr zum Beispiel, dass Lateinamerikaner es als schockierend empfinden, sich die Nase mitten in der Öffentlichkeit (oder sogar beim Essen am Tisch!) zu schnäuzen? Eigentlich verständlich. Oder in Belgien ist es z. B. Sitte, bei einer Essenseinladung oder einer Feier 15 Minuten zu spät zu kommen, alles andere wäre unfreundlich und mal ganz ehrlich, wie oft hat man noch nicht alles fertig und ist im Stress, wenn in Deutschland schon der erste Gast an der Tür klingelt? Das bedeutet nicht, dass die Belgier bei der Arbeit unzuverlässig oder unpünktlich sind, man trennt einfach nur Berufliches und Privates.

Mein Fazit

Ganz allgemein kann man aber sagen, dass wir alle (Menschen aus verschiedenen Kulturen) gar nicht so verschieden sind: Wir haben oft den gleichen Humor, gleiche Vorlieben und gleiche Interessen. Weder sind alle Latinos „Gauchos“, noch sind alle Deutschen überpünktlich (z. B. ich bin es nicht). Auch schlechte Charaktereigenschaften sind davon nicht ausgeschlossen: Auch Kolumbianerinnen posten ihr Mittagessen oder ihren Starbuckscoffee auf Instagram, davor ist man in keinem Winkel der Welt sicher. Aber sich unsere Gemeinsamkeiten bewusst zu machen ist wichtig und notwendig und macht aus Fremden Menschen wie wir. Und am Ende vielleicht sogar Freunde. Davon habe ich während meines Auslandsjahres einige der besten meines Lebens gefunden. Auch deshalb habe ich vor, mich jetzt nach meinem Jahr in Belgien als AFS-Freiwilliger zu engagieren. Das nennt man den AFS-Effekt.