• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Leben zwischen den Kulturen in einem beeindruckenden Land

Lars, Belgien, 2009, IJFD

Leben zwischen den Kulturen in einem beeindruckenden Land

Lars hat für seinen Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) ein Jahr lang in Belgien gelebt. Er hat dabei in einem Alters- und in einem Kinderheim gearbeitet. Deshalb lernte er nicht nur eine neue Kultur, sondern auch zwei neue Generationen kennen.

Ich bin sehr dankbar, dass ich mein soziales Jahr mit AFS in Belgien erleben durfte, und bereue nicht, es gemacht zu haben. Im folgenden Bericht möchte ich euch gerne von meinen Erfahrungen erzählen.

Land und Leute in Belgien

Belgien ist ein kleines Land westlich von Deutschland, mitten in Europa. Ein Fakt, der mir und meinem Mitbewohner das Einleben in der neuen Kultur sehr leicht gemacht hat. Man muss schon sehr genau hinschauen, um die kulturellen Unterschiede dieser beiden Nationen zu sehen und zu verstehen. Wobei es fast schon falsch ist, zu sagen “dieser beiden Nationen”. Vielmehr sollte man sagen “dieser beiden Nationen und seinen drei Völkern”. Drei? Ja. Die Deutschen, die Flamen und die Wallonen. Denn Belgien ist gespalten. In seiner Sprache, seiner Kultur, seinem Reichtum und überhaupt in den Köpfen der Menschen. Man merkte dies vor allem in den vielen ausgedehnten Diskussionen während der zahlreich vorhandenen Kaffeepausen im Kinderheim.

 

Ansonsten ist Belgien, vor allem der wallonische Teil, ein sehr interkulturelles Land, was sich an den zahlreichen Kulturen, Sprachen, Ethnien und Eigenheiten ablesen lässt. Am Anfang war diese Vielfalt noch etwas ungewohnt, da man sie aus Deutschland so nicht kannte, zum Ende hin allerdings das Normalste der Welt. Ich persönlich habe dies immer als eine sehr schöne Eigenschaft wahrgenommen und Zeit meines Aufenthaltes sehr genossen. Man kommt oft in die Gelegenheit, Menschen anderer Herkunft zu begegnen und sich mit Ihnen ausgiebig zu unterhalten und neue und interessante Dinge dabei zu lernen.

 

Mit gleichaltrigen Belgiern haben wir leider nicht sehr viel unternommen. Es ist zwar leicht, mit Belgiern ins Gespräch zu kommen, allerdings tun sie sich oft schwer, längerfristige Bindungen und Freundschaften einzugehen. Aber mit ein bisschen Engagement und Hartnäckigkeit klappte auch das irgendwann!

 

Leicht ist es, im Kinderheim Belgier unseres Alters kennenzulernen, da dort ständig Praktikanten arbeiten. Mit denen kommt man sofort leicht ins Gespräch und man verbringt durch Arbeit automatisch viel Zeit miteinander. Am meisten haben wir unsere Freizeit allerdings mit anderen Freiwilligen aus Deutschland und anderer Welt verbracht.

 

Insgesamt kann man sagen, dass Belgien ein Land gewesen ist, das auf den ersten Blick keine großen Unterschiede zu Deutschland aufweist, jedoch mit der Zeit seine kleinen, aber feinen Unterschiede immer mehr erkennbar macht. Es gibt viel zu entdecken, viele sehr schöne Städte (besonders im flämischen Teil des Landes) und eine beeindruckende, wenn auch sehr gespaltene Kultur. Es war von der Seite her ein wirklich schönes Jahr und ich kann mir jederzeit vorstellen, durch Studium und aus beruflichen Gründen dieses Land noch einmal für eine gewisse Zeit aufzusuchen!

Meine Projekte im Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Belgien

Unser Arbeitsplatz teilt sich auf in Kinderheim und Altersheim, wo wir jeweils abwechselnd eine Woche lang gearbeitet haben. Die Arbeitszeit betrug 38 Stunden pro Woche.

 

Kinderheim

Im Kinderheim haben wir im Regelfall immer gegen 10 Uhr mit der Arbeit angefangen und dann je nach Tag 6-11 Stunden gearbeitet. Gearbeitet haben wir von Sonntag bis Donnerstag, wobei der Sonntag mit seinen 11 Stunden Arbeitszeit der längste Tag der Woche war. Allerdings muss man sagen, dass wir im Kinderheim nur selten die 38 Stunden pro Woche eingehalten haben. Wir haben sehr oft Überstunden gemacht, was einfach oftmals spontanen Planänderungen geschuldet war. Aber ich muss sagen, dass mir persönlich die Überstunden überhaupt kein Problem bereitet haben. Die Arbeit im Kinderheim war vielfältig, macht Spaß und man konnte die Überstunden nach Absprache mit den für uns verantwortlichen Erziehern oder dem Chef jederzeit absetzen! Auch war es möglich, die gerade arbeitenden Erzieher jederzeit zu fragen, ob man mal ein paar Stunden eher aufhören darf. Im Regelfall war dies auch überhaupt kein Problem. Man musste sich also keine Sorgen machen, wenn man mal ein paar Stunden mehr arbeitet oder gar keinen ganzen Tag.

 

Unser tägliches Aufgabenfeld war, wie bereits erwähnt, sehr vielfältig. Im Prinzip kann man sagen, dass wir von A bis Z alles gemacht haben, was in einem Kinderheim so anfällt… Kinder von der Schule abholen (hinbringen eher selten, da wir ja erst um 10 Uhr angefangen haben; in seltenen Fällen kam aber auch das mal vor), mit den Kindern zum Arzt bzw. Therapeuten gehen, Einkaufen, sauber machen, Zimmer aufräumen, Geschirr abwaschen, Wäsche waschen und bügeln, kochen, dem Hausmeister helfen, mit den Kindern spielen, Ausflüge mit den Kindern machen, bei großen Veranstaltungen mithelfen, gelegentlich bei Hausaufgaben helfen usw. Ich denke, man kann das Ganze quasi als eine “Großfamilie” bezeichnen, mit allen erdenklichen im Alltag anfallenden Aufgaben.

 

Jedoch wäre es falsch zu sagen, dass wir ununterbrochen bis zum Umfallen gearbeitet haben. Wir waren ja schließlich nicht alleine und hatten immer Erzieher und Praktikanten um uns herum, die uns geholfen bzw. mit uns zusammengearbeitet haben. Auch hatten wir sehr viele Pausen, die man sich im Kinderheim freinehmen konnte. Es gibt nichts Schöneres, als mit den Angestellten bei einer Tasse Kaffee am Tisch zu sitzen und gemütlich zu plaudern. Und von den Kaffeepausen gab es mehr als genug! Vor allem unsere Reinigungskraft war immer für eine Kaffeepause zu haben.

 

Das Arbeitsklima im Kinderheim war einfach wunderbar! Man konnte mit wirklich allen sehr gut reden, jeder hatte ein offenes Ohr für einen und wir haben dort eine wunderschöne Zeit gehabt. Natürlich gab es auch mal stressige und sehr ärgerliche Zeiten. Vor allem dann, wenn die lieben Kinder mal wieder nicht auf einen hören wollten, sich stritten, weinten oder was auch immer. Aber ich denke, auch das gehört zu einem Kinderheim dazu. Und man stand auch nie alleine da. Wenn man mal mit einer Situation überfordert war, standen die Erzieher immer zur Hilfe parat!

 

Altersheim

Zum Altersheim möchte ich aus persönlichen Gründen jetzt nicht sehr viel sagen, da es dort, besonders in den letzten 3 Monaten viele Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten gab, die nicht hätten sein müssen. Und überhaupt habe ich im Altersheim nie wirklich gerne gearbeitet, was vor allem an unserem Aufgabenfeld lag. Stundenlange Gesellschaftsspiele, Zeiten, wo man gar nichts zu tun hat oder auch Tage, wo man von früh bis spät beschäftigt war. Auch kennzeichnete sich das Altersheim meiner Meinung nach durch ein chronisches Kommunikationsproblem aus, was bereits an unserem ersten Tag zu einer unangenehmen Situation führte. Uns wurde nur gesagt, dass es gegen Mittag eine Begrüßungsrunde gibt. Dass unser eigentlicher Arbeitstag aber schon 9 Uhr anfing, das wussten wir nicht. Allerdings möchte ich auch ganz klar erwähnen, dass all das keine Pauschalisierung sein soll!

 

Es gab in der Vergangenheit viele Freiwillige, die sehr gerne da waren, sich mit allen super verstanden haben und eine wunderschöne Zeit im Altersheim verbracht haben. Im Prinzip sind auch alle sehr nett und freundlich dort und man kann mit vielen auch über persönliche Angelegenheiten reden. Man ist nur im Gegensatz zum Kinderheim stark darauf angewiesen sehr viel Eigeninitiative zu zeigen, alles zu erfragen und sich seinen Arbeitstag in gewisser Weise selber zu gestalten. Zwar bekam man am Anfang einen Wochenplan, aber dieser konnte und sollte mit Rücksprache der verantwortlichen Person zu gegebener Zeit ergänzt und verändert werden.

 

Ansonsten ist das Arbeitsfeld im Altersheim eher übersichtlich. Gesellschaftsspiele, sauber machen, im Restaurant beim Service helfen, gelegentlich dem Hausmeister helfen und gelegentlich Ausflüge, die durch die zwei Ergotherapeutinnen organisiert wurden. Diese Ausflüge haben mir immer am besten gefallen, da man hier, neben der Arbeit mit dem Hausmeister das Gefühl hatte, wirklich gebraucht zu werden.

Meine Unterkunft

Gewohnt haben wir in einer im Heim integrierten Wohnung. Wir, das waren ich und mein Mitbewohner, der zusammen mit mir das Jahr dort als Freiwilliger verbracht hatte. Wir haben uns immer abgewechselt. Während der eine im Kinderheim arbeitete, war der andere im Altersheim tätig. Die Wohnung hatte einen sehr schönen Ausblick auf dem direkt vor dem Heim gelegenen Fluss und man war sehr ungestört. Auch angenehm war dies natürlich für unseren Arbeitsweg. Aus der Wohnung raus, Treppe runter und man war da! Die Wohnung an sich hatte alles, was man braucht. Eine eigene Küche, ein eigenes Bad, unsere beiden Zimmer und ein großes Gemeinschaftszimmer.

 

Insgesamt hat mir das WG-Leben sehr großen Spaß gemacht. Auch hatte man durch die eigene Wohnung natürlich sehr viele Freiheiten, die man sonst wahrscheinlich in einer Gastfamilie nicht gehabt hätte. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte, jederzeit Freunde zu sich einladen usw. Allerdings gibt es auch einen negativen Fakt zu erwähnen: die Sprache. Wir haben es zwar anfangs mal versucht, aber letztendlich spricht man eben doch immer Deutsch untereinander, was eigentlich ein bisschen schade war. In der Beziehung hätte eine Gastfamilie sicherlich einen großen Vorteil.

Die Betreuung durch AFS

Die Betreuung durch AFS Belgien war minimalistisch, aber ausreichend. Wir hatten insgesamt drei Seminare: Ein “Orientation Camp” am Anfang, ein “Midstay Camp” nach ca. 3 Monaten und ein “End of Stay Camp” nach ca. 6 Monaten.

 

Bei Problemen haben wir einen persönlichen Betreuer an die Seite bekommen, mit dem ich allerdings während des gesamten Jahres keinen Kontakt hatte, da ich alle Probleme direkt mit dem Heim gelöst habe.

 

Meine Erwartungen an AFS Deutschland waren, dass ich während des Jahres bei allen Fragen und Problemen den Kontakt zum Hamburger Büro suchen kann und mir jederzeit unverzüglich geholfen wird. Diese Erwartungen haben sich bestens erfüllt. Auf AFS Deutschland ist Verlass!

Die Sprache

Verständigt haben wir uns die ganze Zeit auf Französisch, abgesehen von der Freizeit, die ich zusammen mit meinem Mitbewohner verbracht habe. Da haben wir leider immer Deutsch gesprochen. Auf der Arbeit kam ich von Anfang an mit meinen 4 Jahren Schulfranzösisch zurecht. Natürlich habe ich oft nichts verstanden und konnte mich am Anfang nur schwer verständigen, aber ich habe es dennoch vom ersten Tag an mit Französisch geschafft. Englisch und Deutsch habe ich nicht gebraucht, zumal man damit sowieso nicht sehr weit kommt. Außerdem hat es im Heim niemand übel genommen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Wir waren die 11. Generation an Deutschen, die dort ihren Dienst absolviert haben. Sie haben dort viel Erfahrung mit uns und vor allem viel Verständnis. Und man nimmt sich gerne die Zeit, Dinge langsam und verständlich zu erklären.

 

Die Entwicklung meiner Sprachfähigkeit schätze ich als gut ein, wenn auch nicht als sehr gut. Man merkt eben doch, dass man außerhalb der Arbeitszeit nicht sehr viel Französisch gesprochen hat. Aber das liegt wohl auch viel an einem selber. Wenn man sich stark um belgische Kontakte bemüht, kann man dem auch Abhilfe schaffen.

 

In den ersten 6 Monaten haben wir einen Sprachkurs an einer Abendschule besucht. Da kam uns auch das Heim sehr entgegen, da dieser mit unseren Arbeitszeiten zu Beginn nicht vereinbar war. Ich persönlich finde, dass der Kurs gerade am Anfang eine gute Starthilfe für uns war. Allerdings empfanden wir den Kurs ab einer bestimmten Zeit nicht mehr als notwendig, da unsere persönliche Sprachentwicklung schneller voranging als der Kurs.

Mein Fazit

Natürlich gab es hin und wieder schwere Zeiten und nicht alles war perfekt, aber ich denke, dass das völlig normal ist. Überall warten Herausforderungen auf einen, die bewältigt werden müssen. Ich habe viel gelernt, besonders in dem Umgang mit älteren Menschen und Kindern. Zwei Generationsgruppen, mit denen ich mir vor Beginn des Jahres eine Zusammenarbeit gar nicht vorstellen konnte. Jetzt fühle ich mich in der Arbeit sicher und bin froh über diese Erfahrung. Auch hat mir das Jahr einen ersten richtigen Einblick in die Arbeitswelt gegeben. Zusammen mit der Auslandserfahrung und der erlernten Sprache ein gelungenes Jahr! Auch finde ich, dass ich eine starke persönliche Entwicklung durchgemacht habe. Ich bin mir meiner Charaktereigenschaften, meiner Stärken und meiner Schwächen viel bewusster geworden.

 

Ich kann nur jedem empfehlen, es zu machen. Man kann in seinem Leben nur dazulernen!