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Die Welt ist riesig und doch so klein

Flemming, China, Volksrepublik, 2014, IJFD

Die Welt ist riesig und doch so klein

Flemming hat seinen Internationalen Jugendfreiwilligendienst in China verbracht. Dabei hat er ein Jahr lang als Lehrer gearbeitet und viel erlebt.

Mein Name ist Flemming und ich habe mit der Amity Foundation, der Partnerorganisation von AFS, meinen Freiwilligendienst in Nanjing in China verbracht. Da ich chinesischen Ursprungs bin und China bereits mehrmals bereist habe, hatte ich bereits einen Eindruck von dem Leben in China gehabt. Deswegen fielen mir der Anfang und die Integration nicht so schwer. Nichtsdestotrotz habe ich auch während des Jahres viele neue kulturelle Dinge gelernt und Unterschiede entdeckt, die mir während meiner vorherigen Reisen noch nicht aufgefallen waren.

Die Sprache

Flemming mit Freunden in Shanghai beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst in China

Wirklich neu für mich war am Anfang die eigene Verwendung der Landessprache, da ich zuvor immer mit meiner Mutter unterwegs war und sie dann das Sprechen und Übersetzen übernommen hatte. Nun war ich gezwungen, selbstständig Essen zu bestellen und mit Leuten zu reden. Da hat mir der anfängliche, von Amity organisierte, Sprachkurs über etwa 3 Wochen geholfen. So habe ich dann noch viele, für den Alltag gebräuchliche, Wörter und Sätze gelernt, was mir später sehr geholfen hat. Über die Monate hinweg habe ich dann einen guten Wortschatz aufgebaut, um Alltagskonversationen und Small-Talk zu führen.

 

Bei beiden Arbeitsorten habe ich mich abwechselnd mit Englisch und Chinesisch verständigt. Meistens haben meine Kollegen eher zu Chinesisch gegriffen, was ich später dann auch ganz gut verstanden habe. Vor meiner Ankunft hatte ich bereits Chinesisch gelernt, auch wie man liest und schreibt, deswegen fiel mir das Lernen nicht schwer. Meine Kenntnisse haben sich auf jeden Fall verbessert, da ich jetzt viel mehr verstehe, auch aus Musik und Filmen. Ich hatte während meiner Zeit 2–3 mal die Woche Sprachunterricht mit einem meiner Englischkollegen, das hat gut geholfen. Konnten mich meine Kollegen mal nicht verstehen, konnte ich auch zu Englisch oder zum Wörterbuch greifen, da hatten sie großes Verständnis für.

 

Eine andere ungewohnte Sache für mich war die Organisation und Orientierung im Alltag. Ich war das erste Mal auf mich alleine gestellt, da ich keine Gastfamilie und meine eigene Wohnung hatte. Also hieß es, dass ich selbst einkaufen und mich zurechtfinden musste. Ich finde dadurch, dass ich auf mich alleine gestellt war, bin ich nun viel selbstständiger und organisierter geworden. Das merke ich jetzt schon in der Universität. Auch hier müssen der Haushalt und die Versorgung organisiert werden. Das bekomme ich im Vergleich schon ganz gut hin. Auch in China musste ich meine eigene Wäsche waschen.

 

Zu meinem Freundeskreis: Ich hatte eher mehr mit Älteren zu tun als mit Gleichaltrigen. Meine besten Freunde aus China waren andere Foreign Teachers und Studenten, die ich durch Couchsurfing und Language Exchange Corners kennengelernt habe. Alle waren mehrere Jahre älter als ich, aber trotzdem habe ich mich sehr gut mit ihnen verstanden und viel mit ihnen unternommen. Das war wahrscheinlich nicht sehr produktiv für meine Sprachentwicklung, da wir meistens Englisch gesprochen haben, aber ich bereue nicht sie kennengelernt zu haben, weil ich auch von ihnen viel über die Welt und China gelernt habe. Sie waren ja in der gleichen Situation wie ich und man konnte sich gut über Unterschiede und Erlebnisse austauschen. So was Ähnliches habe ich auch während meines Auslandsjahrs in den USA beobachtet. Am besten verstand ich mich mit den anderen Austauschschülern. Aber auch in China habe ich viele Chinesen kennengelernt, mit denen ich auch jetzt noch im Kontakt bin. Die Beziehung ist aufgrund der Sprachkenntnisse/-barriere nicht so tief geworden, aber trotzdem haben wir uns gut verstanden.

Land und Leute in China

Traditionelle Tänze beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst in China

Kulturelle Unterschiede oder Gemeinsamkeiten kann ich mehrere benennen. Eine der Sachen, die mir aufgefallen sind, ist, das Chinesen gerne einen einladen wollen, wenn man zusammen essen geht. In Deutschland ist das ja mit Freunden nicht so üblich, da bezahlt jeder für sich. In China kämpft man gewissermaßen darum, wer die Rechnung bezahlt. Am Anfang war das natürlich ungewohnt, aber ich habe gelernt damit umzugehen und versucht auch mal für alles zu bezahlen. Ein anderer Unterschied, der mir jetzt einfällt, ist das Grüßen in z. B. Supermärkten und Shops. Man sagt dort irgendwie nicht so häufig „Hallo“ und das hab ich gemerkt, als ich wieder in Deutschland war und zum Bowlen gegangen bin. Ich wollte mir Schuhe holen, bin direkt zur Theke gegangen und habe aus Gewohnheit direkt gesagt, was ich wollte, ohne Hallo zu sagen. Die Frau hat erst mal natürlich „Hallo erst mal“ gesagt und da habe ich gemerkt, was für Angewohnheiten ich mir im Anpassungsprozess in China angewöhnt habe. Ich wollte schließlich nicht auffallen. Für mich ging das besonders gut, da ich auch Chinesisch aussehe. So habe ich genauer drauf geachtet, was andere Chinesen machen, um halt nicht als „Fremder“ entlarvt zu werden.

Mein Arbeitsplatz beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst in China

Eingang zur Schule, Arbeitsplatz im Internationalen Freiwilligendienst in China

Während meines Jahres hatte ich mehrere Aufgaben. Zu einem war ich hauptsächlich Englischlehrer in der 10. Klasse einer Schule (jeweils 8 und 7 Stunden die Woche). Dort habe ich mit den Schülern geübt, deren mündliche Fähigkeiten in Englisch zu verbessern. Wie ich das machen sollte, wurde mir freigestellt. Zu Anfang hatte ich in den ersten 3 Wochen eine Einführung ins Unterrichten zusammen mit den anderen Chinafreiwilligen. Dort wurden mir Inspirationen und Vorschläge für die Vorbereitung gegeben. So hatte ich eine Idee für meine Unterrichtsgestaltung bekommen. Diese verwendete ich dann, um mit den Schülern verschiedene Themen wie z. B. die Kultur in Deutschland, Essen, Reisen usw. zu besprechen. Insgesamt hat mir diese Tätigkeit Spaß gemacht, da kein Unterricht dem anderen glich und die Schüler sehr interessiert waren.

 

Die Größe der Klassen (insgesamt über 50 Schüler pro Klasse) war zu Anfang erst mal überfordernd, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt und fand es nicht schlimm vor so vielen Leuten zu sprechen. Zum Anderen hatte ich die Bürotätigkeit bei Amity gehabt. Die fand jeden Freitag von 10 bis 17:30 statt. Meine Tätigkeiten rangierten von einfachen Bürotätigkeiten wie Übersetzungen und Tabellenorganisation zu Präsentationen über ein Auslandsjahr in Deutschland. Das war meine größte Aufgabe. Zusammen mit einer Kollegin bin ich zu anderen Teilen in China gereist und habe meine Präsentation gehalten. Das hat mir viel Spaß gemacht und ich fand diese Tätigkeit abwechslungsreich. Generell war aber besonders zum Ende nicht so viel im Büro zu tun, deswegen war ich teils unterfordert. Ab und zu hatte ich aber auch noch andere freiwillige Tätigkeiten wie Präsentationen über Umweltschutz in Deutschland zu halten oder Grundschulkinder oder Projektteilnehmer aus Australien oder den USA von Amity in Nanjing zu begleiten.

 

Eine andere Tätigkeit war auch sozial benachteiligten Kindern mit ihrem Englisch zu helfen und Spiele zu spielen. Ich musste ein paar Mal am Wochenende arbeiten, aber das wurde mir dann angerechnet und ich hatte an anderen Tagen frei. Zu meiner Arbeit bei Amity musste ich morgens etwa 2 Stunden einplanen, da ich mit dem Langstreckenbus nach Nanjing fahren musste. Ich wohnte nämlich außerhalb von Nanjing in einem Vorort. Dort war dann auch meine Schule und diese hatte mir ein Lehrerapartment zur Verfügung gestellt. Zum Unterricht brauchte ich nur 5 Minuten zu Fuß.

 

Das Einleben habe ich als relativ einfach empfunden, da ich mich gut auf China einstellen konnte. Ich war erst mal zusammen mit anderen Deutschen unterwegs, mit denen ich die ersten Wochen erleben konnte. Danach war ich erst mal auf mich alleine gestellt, aber ich habe versucht schnell Anschluss zu finden und habe schnell Leute kennengelernt. Der Abschied dagegen fiel mir schon schwieriger, da ich mir eine Basis aufgebaut und sehr gute Freunde gefunden habe. Der Alltagsrhythmus hat sich eingependelt und im Flugzeug hat sich das dann schon echt komisch angefühlt, als man abhob und wusste, dass die Zeit in China vorbei ist und man voraussichtlich so schnell nicht zurückkommt.

 

Ich habe das Leben dort echt zu schätzen gelernt. Das war mir zu Anfang noch gar nicht bewusst. Das Jahr dort habe ich echt genossen und die Zeit verging viel zu schnell. Auch meine Identität wurde durch mein Jahr im Land meiner Vorfahren maßgeblich geprägt. Ich bin durch und durch in meiner Art und Weise Deutscher, aber ich entdecke auch Elemente meiner anderen Herkunft in mir. Mittlerweile identifiziere ich mich mehr als Chinese und habe die Kultur, Sprache und das Essen viel mehr zu schätzen gelernt. Zu Hause rede ich nun auch mehr Chinesisch mit meiner Mutter und koche öfters Landesspeisen.

 

Dadurch, dass ich direkt für Amity gearbeitet habe, hatte ich immer einen Ansprechpartner für meine Probleme und konnte mich immer an jemanden wenden. Meine Kollegen bei Amity und in der Schule waren sehr freundlich und ich habe mich nie fremd gefühlt. Bei Sorgen und Problemen konnte ich mich immer an sie wenden. Ich hatte zu Anfang ein etwa 3-wöchiges Seminar zur Orientierung für den weiteren Aufenthalt. Das hat mir sehr geholfen. Etwa zu Mitte des Jahres hat uns Amity nach Kunming im Süden von China zum Mid-Stay Camp eingeladen. Dort haben wir unsere bisherigen Erfahrungen reflektiert und einen Ausblick auf die restliche Zeit gemacht. Zudem haben wir auch mehrere Projekte von Amity besucht, die sehr spannend waren.

 

Ich hatte an sich wenig Erwartungen an AFS Deutschland, nur das sie ihre Rahmenbedingungen erfüllen. Dadurch, dass ich so gut wie keine Probleme hatte, musste ich mich nie an AFS wenden, und wenn ich mal eine Frage hatte, wurde diese schnell beantwortet.

Mein Fazit

Flemming mit zwei seiner Mitschülerinnen bei seinem Internationalen Jugendfreiwilligendienst China

Für mich bedeutet globales Lernen, dass man sich über Länder-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg mit anderen Menschen austauscht und von jedem etwas über sich, die Welt und das Leben lernt und mit jeder neu gewonnenen Erfahrungen verständnisvoller und offener gegenüber Fremden und Unbekannten steht. Die Welt ist riesig und doch so klein. Überall findet man Unterschiede und überraschenderweise Ähnlichkeiten zwischen sich und Menschen von der anderen Seite der Welt. Alle haben Träume und Wünsche von Liebe, Geborgenheit und Freiheit und man kann diese nie kennenlernen, wenn man sich nicht in die Welt hinaus begibt.

 

Meine vielen Erfahrungen in China versuche ich vor allem durch mein weiteres Engagement bei AFS weiterzugeben. Ich habe bisher schon eine Länderberatung gemacht und werde auch in Zukunft Auswahlen und Vor- und Nachbereitungen machen wollen. In Deutschland möchte ich mich auf mehreren Wegen für die globale Entwicklung einsetzen. Zum einen mit meinem weiteren Engagement bei AFS und zum anderem durch Engagement bei anderen Projekten. In der Uni gibt es viele Initiativen und ich werde mir etwas suchen, mit dem ich mich verbinden kann, um meinen Beitrag für globale Entwicklung zu machen.