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Meine Kollegen waren meine besten Freunde und Gastfamilie zugleich

Patrick, Frankreich, 2009, IJFD

Meine Kollegen waren meine besten Freunde und Gastfamilie zugleich

Patrick hat für seinen Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) ein Jahr lang im AFS-Büro in Paris gearbeitet. Dabei hat er sich unter anderem um die Betreuung der Austauschschülerinnen und Schüler gekümmert. Zudem war Patrick in der PR-Abteilung aktiv und hat AFS auf Messen vertreten.

Wie mein Internationaler Jugendfreiwilligendienst (IJFD) mit AFS in Frankreich zum bisher besten Jahr meines Lebens wurde, erfahrt ihr im nachfolgenden Bericht. Viel Spaß dabei!

 

Freiwilligendienst in Frankreich

Mein Projekt beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) in Frankreich

Internationaler Jugendfreiwilligendienst im Pariser Büro

AFS Vivre Sans Frontière ist einer der ältesten Partner im weltweiten AFS-Netzwerk. Der American Field Service begann in Frankreich 1915 seine Arbeit, versorgte die Verwundeten und Verletzten der großen Weltkriege und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1956 zum gemeinnützigen Verein AFS umgewandelt. Später kam der Zusatz Vivre Sans Frontière hinzu, der Leben ohne Grenze bedeutet.

 

Sechzehn dynamische hauptamtliche Mitarbeiter koordinieren im Hauptbüro der Pariser Vorstadt Arbeit und Fortbildungen von ungefähr 500 aktiven Freiwilligen, Logistik und Kommunikation mit dem Gastland der jährlich 400 an Austauschprogrammen teilnehmenden französischen Teilnehmer, sowie die Kommunikation der Gastländer mit den französischen Regionen der 450 ausländischen Schüler, die jedes Jahr von Gastfamilien aufgenommen werden. Damit ist AFS Frankreich ein mittelgroßer Partner im Netzwerk, vergleichbar mit AFS Österreich oder AFS Japan.

 

Meinen IJFD absolvierte ich im Büro von AFS Frankreich. Es befindet sich in der sehr schönen Vorstadt Fontenay-sous-Bois, im Südosten von Paris. Das Büro ist in einer alten Villa einquartiert, die über einen immensen Garten verfügt. Dieser ist das Herzstück des Büroalltags. Sobald es die Temperaturen zulassen, wird hier gemeinsam zu Mittag gegessen, kleine Pausen gemacht, Mitarbeiterbesprechungen abgehalten und Events für zukünftige Teilnehmer, derzeitige Gastschüler, wie auch Freiwillige veranstaltet. Das Team ist mehr als nur über die Arbeit verbunden, man lädt sich gegenseitig zu apéros (kleiner Drink am Ende der Arbeit) ein und unternimmt gerne etwas zusammen. In dieser einzigartigen Atmosphäre wurde ich willkommen geheißen.

 

Es arbeiteten insgesamt 16 hauptamtliche Mitarbeiter im AFS-Büro: drei in der PR und Kommunikation, drei im Hosting, vier (inkl. FSJler) im Sending, eine Person, die für das Netz der Ehrenamtlichen und dessen Entwicklung verantwortlich ist, eine Person in der Buchhaltung, eine im Marketing und Fundraising, eine Person, die für Personalfragen und die Verwaltung zuständig ist, sowie der Geschäftsleiter (National Director) des Büros. Außerdem werden das ganze Jahr über zahlreiche Praktikanten rekrutiert, die bei kleinen Recherchen, Gastschülerplatzierungen und Visaangelegenheiten punktuell aushelfen.

 

Der Arbeitstag fing von 9 bis 10 Uhr an und endete jeweils gegen 17 bis 18 Uhr. Die Mittagspause betrug eine Stunde. Ich arbeitete an fünf Tagen in der Woche. Die Urlaubstage, wie im Vertrag mit AFS Deutschland abgeschlossen, wurden auf jeden Fall eingehalten. Zudem wurden Überstunden notiert und durften ohne Probleme mit der normalen Arbeitszeit verrechnet werden. Hinzu kam, dass Arbeit, die am Wochenende (dies passierte ab und zu) verrichtet wurde, mit Zuschlägen vergütet wurde und zusätzliche Überstunden frei machte.

 

Ich war zu Anfang dem Hosting zugeteilt. In dieser Zeit wurde ich mit dem Lesen der Bewerbungsbögen und deren Auswertung beauftragt. Zudem bereitete ich mit der Hosting-Verantwortlichen das anstehende nationale Ankunftscamp vor, wo ich auch als Teamer teilnehmen durfte und eine Menge Ehrenamtliche und Gastschüler kennenlernen konnte. Dies stellte sich später während meiner Arbeit als sehr hilfreich heraus. Einige von den dort kennengelernten Gastschülern und Ehrenamtlichen sah ich mehrmals, während meines Einsatzes, wieder. Auch der französische Bildungsherbst, die Superformation, stand ganz zu Anfang meines Aufenthaltes auf dem Programm. Hier lernte ich AFS Frankreich und die sehr aktiven Ehrenamtlichen in wichtigen Positionen zum ersten Mal richtig kennen. Danach arbeitete ich bis zum Ende meines IJFD bei AFS für das Sending.

 

Zu Anfang wurde ich hier mit mehreren kleineren Aufgaben beauftragt. Dies waren zum Beispiel Recherchen zu Internetpräsenzen und Präsentationen der von AFS angebotenen Programmen, die Betreuung von Teilnehmern während ihrer Austausche sowie der Kontakt zu deren Eltern durch Erstellen von Einverständniserklärungen (waiver). Weiter war eine wichtige Aufgabe Transits zum Flughafen zu machen, um Teilnehmer der Austauschprogramme willkommen zu heißen.

 

Ganz zu Anfang durfte ich ein wenig in der PR und Kommunikation mitmischen. Ich habe für die Mobilisierungskampagne „Bouge-toi pour ta mobilité“ mehrere Hundert T-Shirts gekauft und bedrucken lassen und nebenbei eine Druckerei mit sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis gefunden, die bis heute für solche Aktionen von AFS Frankreich große Aufträge ausführt. Außerdem durfte ich AFS auf einer Austauschmesse vertreten, die speziell auf Austausche mit und nach Deutschland ausgerichtet war.

 

Zurück im Sending folgten zwei große Projekte: die Verbesserung der Logistik und der Ticketkauf für alle Schüler der Winter- und Sommerabreise. AFS hatte zu meiner Ankunft kein klares Konzept von der Logistik des Sendings. Das kleine, familiäre Reisebüro, das in den letzten 5 Jahren Flugtickets für AFS kaufte, hatte Anfang 2009 geschlossen. Das System, das daraufhin aus der Not entstand, war teilweise ineffizient und mangels Personal und Zeit nicht überarbeitet worden. Der Flugticketkauf musste beschleunigt, die Preise gesenkt werden. Ich sprach diese Probleme an und schlug vor, die einst begonnen Direktverhandlungen mit Fluglinien wieder aufzunehmen, um Tickets zu besseren Konditionen kaufen zu können. Dies klappte sehr gut und AFS hat heute zwei starke Partnerreisebüros, die sehr gute Arbeit leisten und dem Büro gleichzeitig enorm viel Arbeit abnehmen. Während des IJFD habe ich diese Reisebüros mit dem Sending-Verantwortlichen besucht, neue kontaktiert und mich mit Vertretern getroffen, um die Arbeit von AFS- und dem jeweiligen Reisebüro abzustimmen.

 

Als dieses System ausgereift war, habe ich mit dem Ticketkauf begonnen. Dies hat, trotz der Verbesserungen, sehr viel Zeit in Anspruch genommen, sodass ich praktisch nur noch für die Logistik und damit verbundene Fragen verantwortlich war. Dies soll aber nicht heißen, dass es keine Zeit für andere aktivere Dinge außer die Schreibtischarbeit gab.

 

Dazwischen gab es noch Zeit ein weiteres kleines Ankunftscamp (30 Gastschüler) für das Hosting sowie eine kleine Nachbereitung (25 Teilnehmer) für das Sending zu organisieren. Mit dem verbunden waren eine inhaltliche und logistische Vorbereitung, wie auch das Erstellen eines Programms für die Camps mit den ehrenamtlichen Teamern.

 

Alles in allem, war ich das ganze Jahr über sehr gut ausgelastet und kaum unterfordert. Es gab selbstverständlich kleine Stoßzeiten, während denen man länger arbeiten musste. Genauso gab es aber hin und wieder Zeit, etwas Luft zu holen.

Die Sprache

Die Sprachenkenntnisse kommen mit der Zeit, die Kollegen helfen gerne und lesen einem die E-Mails Korrektur. Französisch ist auf keinen Fall eine leichte Sprache, sie wird von den Franzosen sehr gepflegt und für ein gutes Sprachniveau kriegt man sehr schnell Sympathie und Anerkennung. Es kann hilfreich sein, einen Sprachkurs zu besuchen, ich glaube aber nicht, dass das Sprachniveau danach in Relation zu der investierten Arbeit und Geld steht.

Meine Unterkunft in Frankreich

Unterkunft Internationaler Jugendfreiwilligendienst in Frankreich

Die AFS-Villa verfügt nicht nur über einen großen Garten, sie hat auch direkt am Eingang ein altes Bediensteten- beziehungsweise Gästehaus. Dort habe ich die gesamten 11 Monate gewohnt und vom kürzesten Arbeitsweg der Welt profitiert. Das Häuschen ist komplett ausgestattet und hat alles, was man braucht. Sogar einen Kamin und, wie ich von meinen vielen Besuchern während des Jahres erfahren habe, „typisch französische“ hohe Decken und Fenster.

 

Der einzige Haken an der Wohnsituation war vielleicht die Tatsache, dass das Haus, wie gesagt, alt ist. Im Winter hielt es die Wärme nicht besonders, im Sommer wurde es oft sehr heiß. Dennoch muss ich sagen, dass mir diese 25 m² ans Herz gewachsen sind. Dies haben sie sogar umso mehr getan, als ich gesehen habe, wie der Pariser Immobilienmarkt aussieht – unerbittlich! Hohe Mieten, marode Bauten und sehr kleine Zimmer sind für Studenten (IJFDler zu sein, ist ungefähr das Gleiche) Alltag.

 

Meine „petite maison“ wurde mir komplett von AFS gestellt. Ich musste mich wirklich nicht um das Haus kümmern (Reparaturen, Rechnungen, etc.) außer um meine Einkäufe, die ich selbst erledigte. Dies war immer wieder ein kleiner Aufwand, weil Fontenay keinen richtigen Supermarkt hat und die Fahrt in die nächste Vorstadt 20 Minuten in Anspruch nahm. Im Supermarkt konnte ich mit den, von AFS gegeben, Essensmarken (ticket service/ ticket restaurant) und, wenn nötig, der kleinen Geldprämie vom Büro, meine Einkäufe bezahlen.

Land und Leute

Fontenay bei Paris

Paris hat eine sehr ausgeprägte Scheckkultur. Viele Mitarbeiter bekommen "restaurant tickets", wenn es in ihrem Betrieb keine Kantine gibt. Der Arbeitgeber ist verpflichtet einen bestimmten Teil dieser Essenmarke zu bezahlen, den Anderen zahlt der Arbeitnehmer. Diese werden in Supermärkten und Restaurants angenommen. Das heißt, während der einstündigen Mittagspause geht man gerne ins Restaurant zum Mittagstisch. In Fontenay gibt es japanische, chinesische, libanesische, maghrebinische, italienische und die lokale Küche.

 

Ansonsten gibt es auch traiteurs, die frisches Essen zum Aufwärmen in der Mikrowelle anbieten. Es gibt also keinen Grund hungrig ins Bett zu gehen, auch wenn in Paris Lebensmittel wesentlich teurer sind als in manch einer Stadt in Deutschland. In allen Fällen dauert die Mittagspause mindestens eine Stunde, sehr gerne auch länger …

 

Fontenay-sous-Bois liegt vor den Toren von Paris. In etwa 15 Minuten ist man mit der RER (S-Bahn) in der Pariser Innenstadt und kriegt dort allerhand geboten. Das kulturelle Programm ist unerschöpflich. Ob Theatervorstellungen, Cabarets, namhafte Ausstellungen in den Pariser Museen oder Vernissagen: Jeder findet hier etwas nach seinem Geschmack. Den Touristen sollte man von Anfang an spielen, später mit der Routine, die sich natürlich schleichend einstellt, wird man weniger unternehmungslustig.

 

Pariser gehen sehr gerne in Bars, ob nach der Arbeit oder am Wochenende zum Ausgehen. Die Bar ist so wichtig, weil sich kaum jemand in Paris eine große Wohnung leisten kann. Die Bars werden zum Wohnzimmer des vor allem jungen, modischen Publikums.

 

Darüber hinaus sind das pique-nique oder auch der apéro Aktivitäten, die ich sehr schätzen gelernt habe. Sich einfach abends auf einen Wein raus zu setzen, eine Kleinigkeit zu essen und sich zu unterhalten mitten in der Stadt, ist eine sehr angenehme Art zusammen Zeit zu verbringen.

 

Paris ist aber vor allem eine Touristenstadt, nur dass die Touristenfallen teilweise weniger zu erkennen sind als in anderen Touristenorten. Mit der Zeit entdeckt man aber sehr gute Orte zum Ausgehen mit interessanten Menschen, wo die Preise nicht so horrend sind, wie in den Touristengebieten und wo man schnell Bekanntschaften schließen kann.

 

Neue Leute lernt man sehr schnell kennen, denn die Hauptstadt Frankreichs zieht jedes Jahr neue junge Menschen von überallher an. Von Studenten über Praktikanten bis hin zu Au-pairs. Man ist in vergleichbaren Situationen und kommt schnell ins Gespräch. Diese Anziehungskraft macht Paris zu einem Schmelztiegel der Kulturen, in dieser Art und Weise habe ich eine vergleichbare Atmosphäre nie zuvor erlebt. Pariser lernt man trotz allem fast gar nicht kennen, die sind sehr selten, scheu und bleiben unter sich.

 

Da Frankreich nicht nur aus Paris besteht, lohnt es sich auch, weiter ins Land zu fahren, um Leute und Gebräuche zu erkunden. Ich war während der FSJ-Zeit in Poitiers, Ardèche, la Baule und Lyon und ärgere mich sehr, nicht noch mehr gesehen zu haben. Das Zugsystem ist ausgezeichnet und vor allem sehr schnell. AFS bot außerdem an, zu Wochenenden in verschiedenen Chapter zu reisen. Die Reisekosten wurden voll gedeckt, dort kam man bei Ehrenamtlichen unter und musste selbstverständlich an den Seminaren teilnehmen.

Mein Fazit

Das Jahr bei AFS Vivre Sans Frontière war eine sehr gute und lohnende Erfahrung. Die Eindrücke, die ich dort in sehr großer Vielfalt gesammelt habe, sind endlos.

 

AFS als Verein hat starke familiäre Strukturen, die teils hierarchisch, teils freundschaftlich sind. Die Größe der Gemeinschaft ist recht überschaubar, es gibt sehr viele ältere aktive Freiwillige. Man kennt sich und löst manchmal Probleme auf nicht ganz geschickte Weise, um die Gefühle des Anderen nicht zu verletzen. Diese Struktur zieht sich bis ins Nationalbüro, wo man genauso eng miteinander arbeitet und das Leben ein Stück weit teilt.

 

Die équipe, das Team der Mitarbeiter, wurde zu meiner Gastfamilie. Hier habe ich zahlreiche Vertraute gefunden und durfte Geburten, Trennungen, Geburtstage, einen Junggesellenabschied, eine Hochzeit, Feste und Feiern miterleben. Die apéros mit meinen Kollegen, die Diskussionen, die mir merklich meinen Horizont erweitert haben, werde ich vermissen. Auch auf arbeitstechnischer Ebene wurde mir sehr viel Vertrauen ausgesprochen. Ich durfte einen wichtigen Posten, mit viel finanzieller Verantwortung, ausführen. Über kleinere und größere Fehler wurde hinweggesehen. Zu guter Letzt wurde ich als Betreuer für einen Flug nach Dubai mit 30 Teilnehmern ausgewählt.

 

In Paris lernt man schnell sehr viele Leute kennen, es ist aber nicht immer selbstverständlich, dass diese Bekanntschaften sehr langlebig sind. Ich hatte meine Kollegen und einen kleinen Freundeskreis außerhalb der Arbeit, mit denen ich meine Freizeit verbrachte. Außerdem wird man sehr oft besucht, wenn man in Paris wohnt. Platz genug bietet die Wohnung ja. Man sollte aber aufpassen, in welchem Ausmaß man Besuch von Bekannten akzeptiert, es ist wahr, das während dieser Zeit eine intensivere Integration ins im Ausland kennengelernte Umfeld, nicht möglich ist.

 

Dieses Jahr war wohl das Beste, was mir bisher passiert ist. Ich kann es ohne Einschränkungen weiterempfehlen! Meinem Nachfolger wünsche bon courage und profites-en bien!

 

Freiwilligendienst in Frankreich