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Stepping out of my comfort zone

Julia, Malaysia, 2015, IJFD

Stepping out of my comfort zone

Julia war für ihren Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) ein Jahr in Malaysia und hat in einem Kinderheim gearbeitet. Über ihre intensiven Erfahrungen mit den Kindern berichtet sie hier.

Land und Leute in Malaysia

Internationaler Jugendfreiwilligendienst (IJFD) in Malaysia

Mit einer Menge Zweifel im Gepäck, einerseits auf mich selbst – aber auch auf das Freiwilligenjahr mit AFS bezogen, bin ich in Malaysia angekommen und war zunächst einmal unendlich überfordert. Nicht wirklich zu wissen, was mich erwartet, wie ich wohnen werde, was für Menschen ich treffen werde und was genau meine Aufgaben sein werden, machten mir Angst. Überall ein bunter Mix von Menschen – ob Chinesen, Inder oder Malaien, die alle möglichen mir nicht verständlichen Sprachen zusammenwürfeln, und die ich auch im Englischen so gut wie gar nicht verstanden habe. Getränke in der Plastiktüte, die schwüle Hitze gepaart mit dem chaotischen Verkehr, die verschiedensten Gerüche von leckerem Curry und frischen Früchten bis hin zum Mief des Abwassers, die nassen Spot-Toiletten und vieles mehr.

 

Ja, es wurde uns vorher alles wirklich gut in den Vorbereitungsseminaren erklärt, nähergebracht und veranschaulicht. Überrumpelt hat es mich dennoch. Dass ich bis zum Ende meines Aufenthalts nicht zurück nach Deutschland wollte und der Abschied von meinen Liebsten dort mit das Schwerste überhaupt in meinem Leben war, dass ich all das, was mich zu Beginn so verängstigt hat, nun unendlich vermisse, hätte ich niemals gedacht.

 

Aber erstmal von vorne. Nach einem dreitägigen On-Arrival- Camp in der Hauptstadt Kuala Lumpur, für das ich wirklich sehr dankbar war, ging es für mich und drei meiner Mitfreiwilligen in den Bus auf die Insel Penang in den Nordwesten Malaysias, um dort in unsere Projekte gebracht zu werden.

Meine Unterkunft

Ich habe in einem hauptsächlich indischen Kinderheim gearbeitet, in dem ich auch gewohnt habe. Glücklicherweise hatte ich, entgegen meiner anfänglichen Sorgen, ein eigenes Zimmer und ein Bad, das ein paar Schritte entfernt lag. Es war zwar klein und spärlich eingerichtet, doch nach einer ausgiebigen Putzaktion und wohnlich machen jedoch mehr als in Ordnung.

Mein Arbeitsplatz beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Malaysia

Julia mit Schülerinnen und Schülern in Malaysia

Bereits am selben Tag wurde ich von meiner Chefin begrüßt und im Schnelldurchlauf durch meine Aufgabengebiete geführt. Aufgrund der Kommunikationsprobleme und meiner nachvollziehbaren Müdigkeit und Überforderung ist hierbei jedoch kaum etwas hängen geblieben. Es hieß, morgens den Boden zu fegen und zu wischen und sobald die Kinder von der Schule zurückkommen ihnen bei den Hausaufgaben helfen, Zeit mit ihnen zu verbringen, aufzupassen, dass sie so wenig wie möglich anstellen und Streitereien zu schlichten. Nun ja, die Kinder waren bzw. sind in dem Heim nicht ohne Grund und jedes hat seine eigene, mal mehr oder weniger tragische Geschichte. So war ihr Verhalten oft recht anstrengend und eben nicht höflich zurückhaltend wie Kinder, die in einem perfekten Umfeld aufgewachsen sind. Das war zu Beginn sehr überfordernd und anstrengend, mit der Zeit bekommt man jedoch ein Gefühl dafür. Nach und nach lernt man die Kinder, vor allem ihre Geschichte und die daraus resultierende Persönlichkeit kennen und kann somit ihr Verhalten besser nachvollziehen und verstehen.

 

Da das Heim zu wenig ausgebildetes Personal hatte, das zudem ständig rotiert und sich eher um Oberflächliches kümmert, suchten die Kinder dementsprechend Aufmerksamkeit. Bedeutete im Endeffekt für mich: viel Arbeit. Und auch sehr viel Verantwortung, worüber ich dennoch froh und dankbar bin, dass mir das Vertrauen in diesem Maße zugeteilt wurde. Ich will nicht lügen, es war nicht immer einfach, oft sehr stressig und es hat mich tagtäglich einige Nerven gekostet – aber dennoch bin ich froh um jeden Moment, um jegliche Tätigkeiten, die mir mehr und mehr anvertraut wurden. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass kein einziger Tag langweilig war und ich in einem Ort war, an dem meine Hilfe benötigt wurde und ich mich zu keinem Zeitpunkt meines Jahres nutzlos fühlte.

 

Trotz des großen Schwärmen für mein Projekt musste ich entsprechende Opfer bringen, die mich insbesondere zu Beginn des Jahres etwas runtergezogen haben. Nun ja, man ist eben hauptsächlich zum Arbeiten da und durch die nötige Anpassung an die Gegebenheiten musste ich zunächst viele Freiheiten aufgeben, die ich zuvor in Deutschland genossen habe. So machten es mir meine Arbeitszeiten zunächst fast nicht möglich, unter der Woche das Projekt zu verlassen. Ich musste täglich um spätestens 22 Uhr zurück sein. An Feiertagen, an denen meine Freunde frei hatten, musste ich arbeiten – die Kinder leben ja schließlich bei uns und brauchen trotzdem meine Aufmerksamkeit und Fürsorge. Mit Blick auf Mitfreiwillige, die keine bzw. kaum Regeln dergleichen haben, war das zunächst ein kleiner Dämpfer für mich. Aber ich habe mir im Verlauf des Jahres ein Vertrauen aufgebaut und mich bewiesen, sodass mir mehr und mehr Raum für mich selbst gegeben wurde. Je mehr ich mich an die Umstände, wie beispielsweise den Verkehr, gewöhnt hatte, bin ich auch immer selbstständiger und demnach auch glücklicher geworden.

 

Im Nachhinein bin ich froh darum und kann über meine anfänglichen Vergleiche zu anderen Freiwilligen nur den Kopf schütteln, die mehr Freiheit hatten als ich (vergleichen ist zwar etwas Menschliches, zieht einen aber unnötigerweise runter – man ist eben, wo man ist und man muss das Beste daraus machen.) Letztendlich bin ich davon überzeugt, dass alles eine Sache der Einstellung ist. Egal welche Platzierung und Bedingungen, es kommt darauf an, was man persönlich daraus macht. Bei mir war dies einiges - mein Alltag bestand darin, die Kinder nach der Schule zu duschen, sie zum Essen zu motivieren, einige bei den Hausaufgaben zu unterstützen, Spiele zu organisieren, ihnen zuzuhören und ihre Freundin und Vertrauensperson zu sein. Ein genauso großer Teil war es, Streitereien zu schlichten - der Lautstärkepegel war meist unfassbar hoch.

Die Sprache

Dass oft in Tamil kommuniziert wurde, hat die Sache natürlich erschwert, den nötigen Überblick über die Situation zu bekommen. Überraschenderweise habe ich nach ca. einem halben Jahr schon relativ viel verstanden, ohne wirklich Unterricht genommen zu haben. Sprechen konnte ich die Sprache bis auf einige Wörter und kleine auswendig gelernte Sätze leider nie. Einen entsprechenden Sprachkurs zu besuchen hätte auch einige organisatorische Schwierigkeiten nach sich gezogen, sodass es der Einfachheit halber letztendlich nicht stattgefunden hat. Hinzu kommt, dass Malaysia ein multikultureller Staat ist und ich in einer großen Stadt gewohnt habe, sodass die Kommunikation auf Englisch nie ein wirkliches Problem dargestellt hat. Um Teil der Kultur zu werden, ist es meiner Meinung nach jedoch essentiell, die Sprache zu beherrschen - zumindest auf einem Basic- Niveau.

Die Betreuung durch AFS

Malaysia

Ansonsten hatte ich außerhalb der Camps kaum Kontakt mit AFS Malaysia, was mich anfangs sehr überrascht hatte. So hatte ich die Erwartung, einen „AFS- Buddy“ an meine Seite zu bekommen, mit dem ich über Probleme vertraulich reden kann. Dass meine Chapter Präsidentin nach einem halben Jahr einmal für 3 Minuten bei mir vorbeigeschaut und sich oberflächlich nach mir erkundigt hat, war enttäuschend. Da hatte ich schon mehr erwartet – aber man muss sich dessen bewusst sein, dass es in anderen Kulturen beispielsweise lockerer mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit umgegangen wird. Letztendlich war es doch halb so wild, da ich keinerlei Probleme und Konflikte im Gastland hatte, die in das Aufgabengebiet von AFS Malaysia fallen würden. Ich habe mich alles in allem doch recht aufgehoben gefühlt, in den Seminaren viel gelernt und für meinen weiteren Aufenthalt mitgenommen und auch Freunde innerhalb AFS Malaysias gefunden.

 

Apropos Freunde: Da ich keine Gastfamilie hatte, war die Sache mit den gleichaltrigen Freunden etwas schwerer. Schließlich bin ich mit der Erwartung nach Malaysia gereist, mir dort einen komplett neuen Freundeskreis aufzubauen. Wie bereits erwähnt, habe ich die meiste Zeit meines Jahres in meinem Projekt verbracht – so haben sich auch meine Freundschaften und Kontakte hauptsächlich dort abgespielt. Ich hätte zu Beginn nie gedacht, welch intensive Freundschaften ich mit den Mitarbeitern, den „Aunties“, trotz des großen Altersunterschieds möglich wären. Denke ich heute noch an die Nächte zurück, an denen wir stundenlang geredet und dabei die Zeit vergessen haben, könnte ich weinen vor Fernweh. Die Geschichten aus ihrem Leben, aus einer für mich anderen Welt und „fremden“ Kultur haben mich oftmals geschockt und dennoch fasziniert. Auch mit den älteren Kindern, die um die 18 Jahre alt waren, bauten sich tolle Freundschaften auf.

 

Nebenbei habe ich die Wochenenden mit meinen Mitfreiwilligen, die ebenfalls in Penang und dementsprechend nicht weit entfernt gewohnt haben, verbracht. Es war schön, mit ihnen gemeinsam die Gegend zu erkunden, sich über die lustigen aber auch traurigen Momente unseres Jahres auszutauschen und die kulinarische Vielfalt zu entdecken – mit mal mehr oder weniger Begeisterung. So nahe bei anderen deutschen Freiwilligen zu wohnen hätte ich zu Beginn echt nicht erwartet und hat seine Vor- aber auch Nachteile. An den Wochentagen war ich komplett im Projekt eingespannt, die Wochenenden waren vollgeplant mit meinen Mitfreiwilligen.

 

Freiwilligendienst Malaysia

Mein Fazit

Internationaler Jugendfreiwilligendienst Malaysia

Trotz alledem würde ich das, was und wie ich in diesem Jahr gemacht habe, nicht mehr ändern oder anders machen. Es ist schön, rückblickend zu betrachten, wie sich mein Leben in dem neuen Umfeld entwickelt hat: zu Beginn zurückhaltend und ängstlich, etwas falsch zu machen. Das Vertrauen erarbeitet, aus meinen Komfortzonen getreten und mich mehr und mehr eingelebt. Mein Projekt, so auch die räumliche Umgebung wie die Menschen, die damit im Zusammenhang stehen, zu meinem Zuhause gemacht. Ich bin nach und nach selbstständiger geworden, habe mir ein Fahrrad zugelegt, neue Routinen entwickelt.

 

Ich habe gelernt, dass es kein richtig oder falsch gibt. Das man nicht alles so ernst nehmen sollte und zweimal hinschauen, bevor man eine Situation beurteilt. Dies und vieles mehr, das sich nicht beschreiben lässt und mir nun keiner mehr nehmen kann. Ich bin stolz auf mich, was ich bewirkt und geleistet habe. Dass es leider nicht in meiner Macht steht, egal wie sehr ich mich anstrenge, manche Probleme zu lösen, Konflikte, Leid und tragische Geschichten zu ändern, muss ich noch lernen zu akzeptieren. Man kann eben die Welt nicht verändern, auch nicht durch ein solches Jahr. Das kann und darf niemand von sich und dem Freiwilligendienst erwarten.

 

Letztendlich ist der Ort, der mir zu Beginn so fremd war, mein zweites Zuhause geworden, zu dem ich sicherlich zurückkehren werde. Es sind nicht nur irgendwelche Kinder, es sind „meine“, die immer zu mir und meinem Leben gehören werden. Auch, wenn es übertrieben klingt: ich habe so viel intensive Zeit mit ihnen verbracht, so viel Verantwortung für sie übernommen, sie erzogen und geformt. Sie nannten mich Amma (=Mutter) und das werde ich im Herzen auch immer sein.

 

Alles in allem kann ich sagen, dass der Freiwilligendienst in Malaysia eine lebenslange Erfahrung ist, die mein Leben geprägt und meine Persönlichkeit unfassbar gestärkt hat. Ich kann es jedem nur dringend weiterempfehlen und nicht auf die Menschen zu hören, die meinen, es wäre verschwendete Zeit - denn das ist es definitiv nicht.