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Eine sehr wichtige Zeit in meinem Leben

Joris, Spanien, 2012/13, Schuljahr im Ausland mit Stipendium

Als ich letzten September voller Vorfreude in Frankfurt in das Flugzeug nach Madrid stieg, war mir bei weitem nicht bewusst, was auf mich zukommen würde. Bis auf eine unterschiedliche Vegetation und die fremde Sprache schien vieles dem Deutschen zu gleichen. In Eile liefen Menschen bei rot über Straßen und wirkten trotz der sommerlichen Hitze eher angespannt als fröhlich. Selbstverständlich ließ ich mich durch diese Überraschung nicht beeinflussen und konnte den darauffolgenden Monat in Llinars del Valles bei meiner ersten Gastfamilie mit viel Spaß erleben. Auch meine großen Probleme bei dem Verstehen des Katalanischen zum einen und dem ständigen für mich unverständlichem Wechsel zwischen katalanisch und spanisch zum anderen schienen mir überwindbar, da ich sehr schnell ersten Anschluss an Mitschüler und meine Familie fand.

Als dann Mitte Oktober die ersten Schwierigkeiten mit meiner Gastfamilie aufkamen, war mir zunächst gar nicht bewusst, warum. Es wurde dann schon schnell von einem Wechsel in eine andere Familie gesprochen und nur zögerlich empfand auch ich die Situation als gereizt. Da aber laut des AFS Spanien ein Familienwechsel vor Dezember praktisch unmöglich war, wunderte ich mich, als ich schließlich überraschenderweise Anfang November von einer neuen Gastmutter abgeholt wurde. Da ich jetzt bei meinem zweiten Neuanfang die spanische Sprache schon besser beherrschte, fiel mir vieles leichter und ich begann durch gezieltere Beobachtungen langsam die ersten Unterschiede zwischen der deutschen und spanischen Kultur zu erblicken.

Während ich es in Deutschland gewohnt war, meine Zeit wochentagsunabhängig neben den Familienaktivitäten auch mit meinen Freunden zu verbringen, musste ich mich in Spanien umgewöhnen und konnte nur selten unter der Woche meine Freunde treffen, da diese schulbedingt wenig Zeit hatten. Auch am Wochenende schienen Verabredungen nur schwer vereinbar, da zumindest der Sonntag für große und lange Mittagsessen im familiären Kreis reserviert ist. Nicht nur für mich, sondern auch für die anderen Austauschschüler aus den anderen Ländern, zu denen ich durchgängig viel Kontakt hatte, ergab sich so viel freie Zeit und nicht zu selten kam vor allem in der ersten Hälfte des Auslandsaufenthaltes ab und zu auch mal Langeweile auf.

Weihnachten

Das Ende jeden Jahres versetzt mich normalerweise von ganz alleine in Weihnachtsstimmung. In Spanien halten sich hingegen die Vorbereitungen auf das winterliche Fest sehr dezent und bis auf vereinzelte Schriftzüge mit guten Wünschen und den Lichterketten, die überall die Straßen zierten, ist die anstehende Feierlichkeit nicht spürbar gewesen. Auch die Menschen schienen wenig in Weihnachtsstimmung und während viele Austauschschüler die Besonderheiten von zuhause vermissten, war ich trotz der ernüchternden Dekoration sehr offen und gespannt, wie denn das spanische Fest aussehen würde.

Nur durch ein Päckchen meiner Mutter wurde in meiner Gastfamilie dann der Nikolaustag gefeiert. Auch wenn ich natürlich schon etwas älter bin, in Deutschland sitzen wir immer noch jedes Jahr am sechsten Dezember am Nachmittag gemeinsam vor dem Feuer und singen zu Christstollen Weihnachtslieder. Erst einen Tag vor Weihnachten begann auch in meinem spanischen zuhause langsam die Aufregung, die ich aus Deutschland gewohnt war. Bis zum Mittag wurden die letzten Geschenke besorgt und eingepackt und am Nachmittag hat sich die gesamte Familie bei meinen Großeltern versammelt, um den für die Region typischen 'Tió', welcher durch eine kleine Holzfigur symbolisiert wird, zu schlagen, da dieser einer Geschichte nach Süßigkeiten an die Kinder verschenkt.

Am 24. Dezember geschah bis auf ein gemeinsames Essen mit der Familie weiter nichts und erst am folgenden Tag wurden gemeinsam Geschenke im Wohnzimmer geöffnet. Auch dies war sehr unterschiedlich zu dem, was ich bis dahin kannte. Ohne Lieder oder feierliches Beisammensein wurden die Verpackungen der Geschenke zerrissen und ungeduldig geöffnet. Zu meiner Überraschung schenkte mir auch meine Gastfamilie ein paar Kleinigkeiten und da das Paket aus Deutschland erst mit einer Woche Verzögerung an Silvester eintraf, fiel das Fest in diesem Jahr vor allem durch die lieblosen Gewohnheiten sehr einfach aus. Im Gegensatz zu den anderen Austauschschülern war das allerdings kein Problem für mich, da auch meine Erwartungen gleich Null waren. Ich sehe dieses Erlebnis als neue Erfahrung und großen Unterschied zu meiner deutschen Familie.

Gastfamilienwechsel

Mitte Februar musste ich aus finanziellen Gründen meiner Gastfamilie die Familie wechseln und auch von einem Nachmittag auf den folgenden Mittag meine Freunde und Schule zurücklassen, denn ich hatte von nun an in Barcelona ein neues Zuhause. Meine neuen Gasteltern hatten keine Kinder und lebten zu zweit in einer schönen Wohnung mit Blick auf die Sagrada Familia, das Meer und den Parc Güell. Gelegen in einem lebendigen Stadtteil nahe des Zentrums. Ich war über die neuen sehr jungen Eltern froh, mit denen ich viele sportliche Aktivitäten unternehmen konnte. Meine neue Schule, welche von einem weiteren Austauschschüler besucht wurde, nahm mich im Gegensatz zu der Schule in Llinars sehr freundlich auf und auch meine Klasse war sehr an mir interessiert. Schon nach einigen Wochen hatte ich mich gut eingelebt und meine Spanischkenntnisse verbesserten sich täglich.

Jakobsweg

Ende März flog ich mit einem Großteil der Austauschschüler, die in und bei Barcelona lebten nach Santiago de Compostela, um gemeinsam mit den anderen im Rest von Spanien gehosteten Schülern auf dem Jakobsweg zu wandern. Fünf Tage liefen wir gemeinsam 100 Kilometer bei ununterbrochenem Regen. Trotz der Kälte, dem schmerzenden Rücken und den Blasen an den Füßen, welche mir zum Glück als einziger erspart blieben, war die Stimmung in der Gruppe stets gut und es war ein tolles Erlebnis mit verschiedensten Jugendlichen aus verschiedensten Teilen der Welt zu reden, zu diskutieren und zu wandern. Als wir am Ende unserer Reise in Santiago ankamen, hatte jeder viele neue Freunde gefunden und auch ich war sehr traurig, die für mich neuen Menschen verlassen zu müssen.

Abschied

Der Abschied von liebgewonnenen Menschen, der spanischen Kultur und dem Kulinarischen fiel mir sehr schwer, und trotz der nur kleinen Entfernung zwischen meinem Gastland und Deutschland ging eine für mich sehr wichtige Zeit meines Lebens zu Ende. Ich habe neben der spanischen Sprache unglaublich viel gelernt und mich sehr verändert. Viele Erfahrungen durfte ich sammeln, die meine Freunde in Deutschland nicht sammelten und sie auch niemals sammeln werden. Für mich ist in diesem Jahr die Welt ein Stück näher gekommen, während zuhause alles seinen normalen Gang ging. Es war sicher, vor allem im schulischen Sinne, eine Auszeit aber genauso sicher das Jahr, in dem ich von Menschen, der Wichtigkeit und Bedeutung internationaler Kommunikation und Verständigung am meisten lernte.

Abschließend möchte ich meinem Stipendiengeber für all die Erfahrungen und schönen Momente, für die Möglichkeit nicht nur die spanische, sondern auch viele andere Kulturen kennen gelernt zu haben, für die vielen neuen Freundschaften und für das Erlernen mit kulturellen, kommunikativen und persönlichen Problemen umgehen zu können, ganz herzlich danken. Ohne ihre großzügige Unterstützung wäre dies alles für mich nicht möglich gewesen.