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Unzählige schöne Erlebnisse

Annalena, Spanien, 2012/13, Schuljahr im Ausland mit Carl Zeiss AG-Stipendium

Unzählige schöne Erlebnisse

Jetzt ist es schon einige Wochen her, das ich auf Wiedersehen sagen musste. Zu meiner Familie, meinen Freunden, meinem Dorf, den Freiwilligen Mitarbeitern bei AFS, Barcelona, Spanien. Kurz gesagt, einem einfach unglaublichen Abenteuer. Dann kam das nächste Abenteuer. Das sich Wiedereingliedern, neu Anpassen an die eigene Kultur und den Alltag. Denn diese Erfahrung hat mich sehr verändert. Ich denke, sie hat mir geholfen, ein Stück mehr zu einer verantwortungsbewussten Weltbürgerin zu werden. Ich habe gelernt, Dinge und Situationen anders wahrzunehmen. Mit offenen Augen, einer unstillbaren Neugier ohne zu (vor)urteilen.

Denn am Anfang ergibt nicht immer alles einen Sinn. Beispielsweise fand ich es eher seltsam, dass die Lehrer von ihren Schülern mit Vornamen und mit „Du“ angesprochen wurden, irgendwie fand ich das respektlos. Bis meine Gastmama eines Tages stocksauer nach Hause kam. Jemand hatte sie „gesiezt“ und sie fühlte sich als „alte Schachtel“ abgestempelt. Ihre Schwiegermutter sprach sie aber immer mit „Sie“ an.

Ich liebe die Warmherzigkeit der Spanier

Manche „Vorurteile“ gegenüber den Spaniern kann ich sogar bestätigen, allerdings nur positive. Von mediterraner Faulheit und Bequemlichkeit kann nicht die Rede sein, im Gegenteil, durch die „Crisi“ ist jeder, der eine Arbeit hat, froh. Die berühmte Herzlichkeit und Warmherzigkeit aber ist eines der Dinge, die ich an diesen Menschen einfach liebe. Es gilt das Motto lieber eine Umarmung, ein Küsschen zu viel als zu wenig. Zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten wird man von irgendjemand umarmt oder mit den obligatorischen Wangenküsschen begrüßt. In der ersten Woche die ich wieder in Deutschland war empfand ich es als total unterkühlt, beinahe unhöflich den Leuten die Hand zu geben. Als würde ich diese Leute auf Distanz halten wollen. Meine Englischlehrerin meinte einmal, dass ich als Deutsche gekommen und als „Latina“ gegangen sei. Wahrscheinlich hat sie Recht. Ich bin auf jeden Fall spontaner geworden und habe meine Fähigkeiten im Improvisieren erstaunlich verbessert.

A propos Schule. Obwohl die Umgangsform zwischen Lehrern und Schülern eindeutig liberaler war, wie ich es aus Deutschland gewohnt war, den Rektor der Schule nannte niemand „Herr Cots“ er war nur als „Lluís“ bekannt, kam mir der spanische Unterricht sehr viel konservativer und eintöniger vor als Zuhause. Mir fehlte einfach der (kritische) Dialog zwischen Lehrern und Schülern. Oft bestanden die Unterrichtsstunden aus einem 60 Minuten langen Monolog des Lehrers und dann gab es eine 20-seitige Hausarbeit bis nächste Woche auf. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass das deutsche Schulsystem trotz all seiner Fehler etwas ist, worauf man stolz sein kann. Ich bin froh, dass mir beigebracht wurde, auch mal etwas zu hinterfragen.

Ich sehe Deutschland mit anderen Augen

Auch insgesamt bin ich viel stolzer auf meine Herkunft geworden. Während ich vor meinem Auslandsaufenthalt der Meinung war, das Deutschland superlangweilig und total spießig ist, hat sich dieses Selbstbild sehr gewandelt. Ich bin froh darüber, eine mehr oder weniger gesicherte Zukunft zu haben und nicht die Sorge haben zu müssen ob ich bald zu den 50 % gehöre, die arbeitslos sind. Froh darüber, dass meine Politiker für ihre Fehler büßen müssen und nicht einfach weiter regieren können. Froh darüber, dass das dunkelste Kapitel unserer Geschichte aufgearbeitet wurde und nicht totgeschwiegen wird wie es teilweise immer noch mit der Diktatur von General Franco passiert. Ich bin glücklich darüber in einem innovativen, zukunftsorientierten, sozialen Land leben zu dürfen und ein Teil dieser Gesellschaft zu sein.

Mindestens genauso dankbar bin ich aber auch Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, mir dieses einfach großartige Stipendium zu verleihen und damit eine extrem wichtige und große Investition in meine Bildung und auch in meine Person gemacht haben. Dieser Bericht kratzt nur die Oberfläche von dem an, was ich erlebt habe. Ich habe ungezählte schöne Erlebnisse gehabt, Freunde für’s Leben und eine zweite Familie gefunden. All das hat mich verändert. Selbst die nicht so schönen Erlebnisse möchte ich im Nachhinein nicht vermissen, auch sie haben mich geprägt.

Vielen Dank dafür!