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Kein Abschied für immer

Leonard, Frankreich, 2012/13,

Es gehört viel zu viel zu einem solchen Erlebnis, als dass man es als ein Ganzes betrachten könnte, wie zum Beispiel einen Urlaub. Von diesem könnte man an einem Abend Bekannten erzählen und ihnen Fotos zeigen, sodass sie sich ein komplettes Bild machen können und mit dem Gedanken nach Hause gehen, dort doch auch einmal hinfahren zu können. Meine Reise war eine andere. Ich konnte am Tag meiner Rückkehr nicht einfach nur meiner Familie berichten, wie schön die Landschaft der Provence doch ist oder welche sehenswerten Dinge es dort gibt. Mein Bericht ist viel tiefgehender und immer nach Fragen gerichtet. Ich kann mich nicht hinsetzen und darauf loserzählen; im September anfangen und im Juli aufhören. Schon zeittechnisch wäre das unmöglich. Deswegen, und so geht es anderen AFSern wohl auch, muss ich mich beim Erzählen immer an einem Stichpunkt orientieren, den man mir vorgibt oder auf den ich selber zu sprechen komme.

Auf einer Wellenlänge mit der Gastfamilie

Fangen wir mit dem Wichtigsten an: dem Verhältnis zu Personen, die mich im Alltag umgeben haben. Das wären einerseits meine Gastfamilie und andererseits die Schulklasse. Schnittmenge: mein Gastbruder Bastien. Mit ihm habe ich mich, sowohl zu Hause als auch in der Schule, blendend verstanden. Und ich kann von Glück reden, denn es ist nicht offensichtlich, dass dieses „sich-ständig-auf-der-Pelle-Sitzen“ gut ausgeht. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir in der Schule nicht immer zusammen waren. Vor allem nicht, nachdem ich ihm nicht mehr hinterherlaufen musste, als ich mich noch nicht so gut auskannte und er mir Schutz bot. Aber diese „Trennung“ hat nichts mit unserem persönlichen Verhältnis zu tun und ist auch keinesfalls auf einen Streit oder Ähnliches zurückzuführen. Vielmehr verhält es sich so, dass jeder von uns beiden in der Schule seine eigenen Freunde hatte, die nicht unbedingt die gleichen waren. Unser Verhältnis war dann umso intensiver, als wir an Wochenenden oder nachmittags etwas zusammen unternehmen konnten.

Mit meiner Gastfamilie habe ich mich sehr gut verstanden. Ich frage mich, ob es nur reines Glück war, dass ich ausgerechnet bei ihr gelandet bin, oder ob sich Persönlichkeiten so gut erkennen lassen in den Gastschülerprofilen, die die zukünftige Gastfamilie zur Auswahl bekommt. Vielleicht war es ja eine Mischung aus beidem. Auf jeden Fall lagen wir auf einer Wellenlänge, was uns Entscheidungen im Alltag oder bei der Wochenendplanung erheblich erleichtert hat. Allerdings hat nicht jeder in der Familie bei bestimmten Entscheidungen ein Wörtchen mitzureden. Dies zeigte mir, dass in Frankreich (zumindest so wie ich es erlebt habe) das traditionelle Autoritätensystem noch etwas erhalten geblieben ist.

Gleichzeitig jedoch möchte ich erwähnen, dass die ursprünglich weit verbreitete Rolle der Frau, sich ausschließlich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, hier längst veraltet ist. Ein Großteil der Frauen hat einen Halbtagesjob oder auch eine Ganztagesbeschäftigung, sofern es das Alter der Kinder erlaubt oder sofern deren Betreuung in Kinderkrippe, Kindergarten oder eben auch Ganztagesschule sichergestellt ist. In Frankreich sind solche Strukturen besser ausgebildet als in Deutschland, sodass die Frau sich weniger oder gar nicht vor die Frage „Kinder oder Arbeit?“ stellen muss. Genau so konnte meine Gastmutter ihrer Beschäftigung als Sprachtherapeutin nachgehen, ohne dass dies Schwierigkeiten mit meinem oder Bastiens Zeitplan gegeben hätte. Außerdem war ihr Metier äußerst nützlich, um meine französische Aussprache zu verbessern…

Die Schule

Auch mit meiner Schulklasse ist das Schuljahr sehr harmonisch zur Neige gegangen. Weitere Ausflüge und Aktionen, die ich wohl dem Status als Privatschule und der Schulleitung zu verdanken habe, haben uns noch mehr zusammengeschweißt. So zum Beispiel eine Videoreportage, die wir drehten oder ein Ausflug in eine benachbarte, sehr bekannte Zisterzienserabtei, über die wir im Anschluss ein Dossier anfertigen mussten, haben unsere Arbeitsgemeinschaft gestärkt. Der Umgang zwischen Lehrern und Schülern war zwar strenger und formeller als in den deutschen Schulen, aber auch das kann wieder daran liegen, dass mein lycée eine Privatschule ist.

Wieder zurück in Deutschland

Als ich schließlich die Heimreise antreten musste, fiel mir der Abschied von meiner Gastfamilie nicht so schwer, wie ich es erwartet hätte. Wir verabschiedeten uns mit einem Lächeln auf den Lippen und der Gewissheit, dass wir uns in einer nicht so fernen Zeit wiedersehen würden. In Paris traf ich noch einmal alle Gastschüler, die mit AFS nach Frankreich gekommen waren und diesem schönen Land jetzt auch vorerst den Rücken kehren mussten.

Mit dem Flugzeug ging’s dann schnell nach Frankfurt. Erst dort fing ich an, mich ernsthaft zu fragen, ob sich meine Familie während meiner Abwesenheit sehr verändert hätte. Doch diese Sorgen waren unbegründet. Übrigens habe ich erst bei meiner Rückkehr gemerkt, wie sehr mir das alles doch gefehlt hatte. Ich habe in Frankreich gelernt, mein Land wertzuschätzen, da ich mehrere Male gemerkt hatte, wie gut doch vieles hier in Politik, Wirtschaft usw. funktioniert. Außerdem stehe ich nach wie vor zu dem deutschen Schulsystem, auch wenn alles Nach- und Vorteile hat. Ich bin also kein „Revoluzzer“ geworden, der um jeden Preis wieder nach Frankreich zurück möchte. Es lässt sich in beiden Ländern sehr gut leben; bei beiden weiß ich, was mir an ihnen liegt.

Abschließend möchte ich meinen Dank an die Firma Carl Zeiss, meinen Stipendiengeber, und an die Organisation AFS für die Vor-, Nachbereitung und ständige Betreuung richten. Ohne sie wäre mein Auslandsjahr nicht möglich gewesen. Deshalb herzlichen Dank!