Erfahrungsbericht: Freiwilligendienst in Frankreich - Philip hat im AFS-Büro in Paris gearbeitet
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Philip hat im AFS-Büro in Paris gearbeitet

Philip, Frankreich, 2017, IJFD

Philip hat seinen Freiwilligendienst in Frankreich im Rahmen eines Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) gemacht. Er hat das AFS-Büro in Paris als Programmassistent unterstützt.

In diesem Abschlussbericht blicke ich auf elf ereignisreiche Monate zurück, die ich Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes in Frankreich verbracht habe.

Arbeitsplatz

„AFS Vivre sans Frontière“ ist die französische Organisation im internationalen AFS Netzwerk. Sie setzt sich aus 28 lokalen „Chaptern“ mit über 1000 aktiven Freiwilligen zusammen. Der Hauptsitzt befindet sich in Fontenay-sous-Bois, einem Pariser Vorort, mit ca. 50.000 Einwohnern. Hier arbeitet ein Team aus 18 Hauptamtlichen Mitarbeitern, das ich während meines Freiwilligendienstes als Programmassistent unterstützen durfte.
 
Das Büro von AFS Frankreich befindet sich in einer großen, alten Villa auf einem beeindruckenden Grundstück in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs und diverser Supermärkte bzw. Einkaufsmöglichkeiten. Es erstreckt sich über drei Etagen, auf denen unterschiedliche Teams zusammenarbeiten. Beeindruckend ist vor allem der große Garten des Hauses, der natürlich besonders in den warmen Monaten ausgiebig für längere Mittagspausen, Besprechungen oder einen abendlichen „Apéro“ genutzt wird.
 
Ich arbeitete 5 Tage in der Woche, von Montag bis Freitag. Der Arbeitstag beginnt zwischen 9 und 10 Uhr und endet dementsprechend zwischen 17 und 18 Uhr, unterbrochen von einer einstündigen Mittagspause, die meistens gemeinsam verbracht wird. Hierfür kann man sich in der naheliegenden Bäckerei, den Supermärkten oder den vielen Restaurants versorgen. AFS verteilt zudem Essensmarken an die Mitarbeiter, eine finanzielle Unterstützung, um die Einkäufe zu bezahlen. Überstunden oder die gelegentliche Arbeit am Wochenende können problemlos aufgeschrieben und dann mit der Arbeitszeit verrechnet werden.
 
Während meiner Zeit im Büro habe ich hauptsächlich die Mitarbeiter im Bereich Sending und Hosting unterstützt. Nach einem ersten Kennenlernprozess und einer gewissen Eingewöhnungsphase mit kleineren Aufgaben durfte ich relativ schnell eigenverantwortliche Arbeiten übernehmen. Dazu gehörte der Kontakt zu den Eltern für verschiedene Einverständniserklärungen oder diverse Übersetzungsarbeiten an Texten in Bewerbungen oder Broschüren. Hinzu kamen Transits an Flughäfen und Bahnhöfen, um ankommende oder abreisende Gastschüler zu begleiten oder auch administrative Aufgaben hinsichtlich der Krankenversicherung für die Programmteilnehmer.
Insgesamt war ich während meiner Arbeitszeit sehr gut ausgelastet, aber natürlich gab es auch Phasen, in denen ich weniger zu tun hatte. Diese Zeit konnte ich aber dazu nutzen, um in anderen Bereichen einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Die Kollegen freuen sich jederzeit über eine helfende Hand. Mit etwas Eigeninitiative konnte ich mich immer gut mit einbringen.
 
Die Arbeitsatmosphäre ist sehr angenehm, fast schon familiär. Unter den Kollegen herrscht ein enger und lebendiger Austausch, auch über die Arbeit hinaus, sodass man hin und wieder gemeinsam etwas Essen geht oder kleinere Feiern im Garten organisiert. Auf diesem Wege habe ich mich schnell integriert gefühlt. Dadurch, dass das Team das ganze Jahr über von Studenten und jungen Praktikanten unterstützt wird, herrscht immer eine lebendige Atmosphäre.
Immer wieder gibt es auch die Möglichkeit an Ankunftscamps für die Austauschschüler teilzunehmen und bei der Organisation mitzuhelfen. Aus logistischer Sicht ist das jedes Mal beeindruckend. Bei diesen Gelegenheiten lernt man auch viele andere Freiwillige und Austauschschüler kennen. Ein weiterer Höhepunkt war das im Frühjahr ausgerichtete Forum unter dem Titel „Vivre, apprendre et innover ensemble“. Ein Tag voller Vorträge und Seminare über soziales Engagement, Integration, gemeinsames Lernen und kulturelle Diversität im Pariser Museum für Immigration. Hier konnte ich als Mitglied des „Support Teams“ Teil dieses wunderbaren Projektes sein.
 
Die Teilnahme an einem Ankunfts- bzw. Abschlussseminar war für mich leider nicht vorgesehen. Dafür gab es aber wie schon beschrieben die Möglichkeit an diesen Veranstaltungen als Teamer teilzunehmen. Eine feste Ansprechperson hatte ich nicht. Durch die Arbeit im Büro und den direkten Kontakt zu den Mitarbeitern war das aber auch nicht notwendig. Mit der Zeit kristallisieren sich ein oder zwei Vertrauenspersonen heraus.

Sprache

Mit Blick auf die Integration vor Ort, konnte ich am eigenen Leibe die Erfahrung machen, welche zentrale Rolle die Sprache dabei einnimmt. In meiner Schulzeit habe ich lange Französischunterricht gehabt, sodass ich bereits ein solides Grundwissen hatte, mit dem ich anfangs auch sehr gut zurechtkam. Allerdings wird einem schnell bewusst, dass man an tiefergehenden Gesprächen und Diskussionen weniger teilhaben kann. Das war zunächst eine sehr frustrierende Erfahrung, in der Kommunikation eingeschränkt zu sein. Dieses Gefühl begleitete mich die ersten zwei Monate, bis ich selber gemerkt habe, wie sich diese Verunsicherung durch Erfolgserlebnisse und eine immer größer werdende Sicherheit in ein positives Gefühl verwandelte.
 
Durch die Arbeit im Büro und das Leben in einer Gastfamilie macht man sehr schnell Fortschritte. Ich habe mich zusätzlich für einen Sprachkurs in einem der zahlreichen „Centre d’animation“ in Paris angemeldet, wo ich einmal wöchentlich in einer kleineren Gruppe meine Sprachkenntnisse weiter ausbauen konnte. Das kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Ich würde nicht behaupten, dass das unbedingt notwendig ist, aber es ist dennoch sehr hilfreich und auch eine gute Möglichkeit Kontakte zu knüpfen.
 
Frankreich ist bekannt dafür, großen Wert auf die eigene Sprache zu legen und diese sehr zu pflegen. Gleichzeitig haben Franzosen aber auch große Freude daran, anderen ihre Sprache beizubringen und zu erklären. Man erhält also von vielen Seiten großartige Unterstützung, um die Sprachbarriere zu überwinden. Die Mitarbeiter sind beispielsweise gerne dazu bereit Emails oder Texte zu korrigieren, sodass es da nicht zu Problemen kommt. Umso schöner ist die Erfahrung, später nicht mehr auf diese Hilfe angewiesen zu sein.

Unterbringung in Gastfamilien

Die erste Woche meines Freiwilligendienstes habe ich in der kleinen Wohnung neben dem AFS-Büro gewohnt, bis ich endlich meine Gastfamilie kennenlernen durfte. Diese wohnte in der Stadt Paris, sodass ich morgens keine 15 Minuten gebraucht habe, um zum Büro zu kommen. Eine doch sehr ungewöhnliche Situation, da bezahlbarer Wohnraum für Familien in Paris, wie in vielen anderen Großstädten auch, sehr rar ist. Von Anfang an, habe ich mich gut mit meinen Gasteltern und meinen Gastgeschwistern verstanden, die mich herzlich aufgenommen haben. Natürlich brauchte es auch hier eine gewisse Eingewöhnung. Man musste sich gegenseitig kennenlernen und anfängliche Schwierigkeiten in der Kommunikation überwinden. Das Leben in einer Gastfamilie habe ich als ganz wichtigen Bestandteil meines Freiwilligendienstes wahrgenommen, da es die einzigartige Möglichkeit bietet, tief in die fremde Kultur einzutauchen, d.h. sich an einen völlig neuen Lebensrhythmus zu gewöhnen, die Sprache zu lernen und kulinarische Spezialitäten zu entdecken.
 
Im zweiten Halbjahr bin ich dann bei einer neuen Gastfamilie untergekommen, die in einem Pariser Vorort wohnte. Dieser Wechsel war von vorn herein vorgesehen, da mich die erste Familie aus logistischen Gründen nur für sechs Monate aufnehmen konnte. Auch wenn das eine erneute Umstellung war, hat sich auch dieser Wechsel als eine tolle Erfahrung herausgestellt. Die zweite Gastfamilie hat mich ebenfalls sehr liebevoll aufgenommen und mir nochmal einen neuen Blickwinkel eröffnet.
 
Neben der Arbeit im AFS Büro habe ich mir ein sportliches Hobby gesucht und mich bei einem Fußballverein angemeldet. Eine wunderbare Möglichkeit Kontakte zu knüpfen. So hatte ich mit einigen Arbeitskollegen, Austauschschülern und Fußballfreunden einen kleineren Bekanntenkreis. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich schon darum bemühen muss, auch abseits von AFS Anschluss zu finden und mit gleichaltrigen in Kontakt zu kommen. Ein Sportverein oder andere Freizeitaktivitäten sind da sehr hilfreich.

Land und Leute

Natürlich erfährt man bei der Reise in ein europäisches Nachbarland nicht den sogenannten Kulturschock, mit dem man vielleicht in einem Land auf einem anderen Kontinent konfrontiert wird. Dennoch ist es unglaublich interessant die kulturellen Unterschiede zu entdecken, auch wenn sie vielmehr im Detail liegen, sei es die Begrüßung, das Essen, Tagesabläufe etc. So habe ich Frankreich als ein Land mit einer großen kulturellen, landschaftlichen und kulinarischen Vielfalt kennengelernt. Der im Deutschen bekannte Begriff des „savoir-vivre“, also die Kunst das Leben zu genießen, ist nicht bloß ein Klischee, sondern durchaus ein Lebensgefühl, das dort sehr präsent ist.
 
Ich denke, dass man schon nochmal unterscheiden muss zwischen dem Leben und der Atmosphäre in Paris und dem Rest des Landes. Es ist in meinen Augen tatsächlich so, dass Frankreich doch sehr auf Paris zentriert ist. Ab und zu hatte ich die Chance auch andere Regionen in Frankreich zu bereisen. Das hätte ich gerne noch häufiger getan, denn es tut gut, ab und zu mal aus der Großstadt herauszukommen. Die Zugverbindungen sind ausgezeichnet. Ob im Norden, oder im Süden des Landes, es gibt unglaublich viel zu entdecken.
 
Das Leben in einer so großen Stadt wie Paris war anfangs für mich natürlich auch eine enorme Umstellung. Die Metropole an der Seine hat in jedem Fall einen ganz besonderen Charme. Von der kulturellen Seite her gibt es für jeden sehr viel zu entdecken. Man trifft junge Menschen aus aller Welt; eine ganz besondere Atmosphäre. Man lernt schnell davon zu profitieren und sich dem Rhythmus der Millionenstadt anzupassen.
 
Rückblickend war dieser Freiwilligendienst eine tolle Zeit, die ich mit etwas Abstand sicherlich auch als persönlichkeitsprägend beschreiben würde. Mir bleiben viele schöne Erinnerungen, aber auch Erinnerungen an schwierige Phasen, aus denen ich sehr viel gelernt habe.
 
Ich habe ein anderes Land intensiv kennenlernen dürfen und unglaublich viele interessante Menschen getroffen. Der Blick hinter die Kulissen einer gemeinnützigen Organisation, deren Freiwillige sich auf absolut beeindruckende Art und Weise für interkulturelles Lernen einsetzen, und selbst Teil davon zu sein, war eine sehr bereichernde Erfahrung. Diese Erlebnisse nehme ich mit und werden mich immer begleiten.