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Ein tolles Land mit sehr netten Leuten

Phil, Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland, 2013/14, CSP

Ich kann mich noch genau erinnern, wie es für mich war, zu den Auswahlseminaren zu fahren. Meins fand in Magdeburg statt. Ich war sehr nervös, denn ich wusste, es ging irgendwie um meine Zukunft. Positiv fand ich an dem Wochenende, dass sich AFS für jeden einzelnen Teilnehmer Zeit genommen hat und sich so ein gutes Bild von jedem machen konnte. Als ich dann einige Zeit später die Zusage für mein favorisiertes Land Großbritannien bekam, war die Aufregung zunächst groß. Dann kam allerdings recht schnell die Ernüchterung: ich sollte mich noch einmal bei der Partnerorganisation Time for God (TFG) in England bewerben. Das hieß: Ich sollte die ganze Bewerbungsprozedur noch einmal durchlaufen. Also nochmal Bewerbungen schreiben, Interviews geben und das Ganze diesmal natürlich auf Englisch. Auch von TFG wurde ich angenommen und mir wurde in derselben Email auch direkt mein Projekt mitgeteilt: Ich sollte im East Durham Methodist Circuit knapp ein Jahr mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Zweifel im Voraus

Ich muss zugeben, dass ich sehr gemischte Gefühle über die ganze Situation hatte. Sollte ich wirklich ein Jahr Familie, Freunde und Freundin zurücklassen, um in ein mehr oder weniger unbekanntes Land zu gehen? Die Zeit des Abschieds kam viel zu schnell und ich wusste in den letzten Tagen vor der Abfahrt gar nicht mehr so richtig, wie mir geschah. Für mich ging es dann aber Ende August 2013 von Berlin zunächst nach Düsseldorf und von dort nach Newcastle. Meine Nervosität und Traurigkeit wich recht schnell, denn es wartete viel Neues auf mich. Ich hatte von Anfang an keine Erwartungen an das Placement gehabt. Ich glaube, das war auch gut so, denn so konnte ich nur positiv überrascht werden und so kam es dann auch. Ich sollte beim Pfarrer wohnen. Am ersten Tag lernte ich auch meine Mitfreiwillige Abby aus den USA kennen.

Arbeitsplatz

Ich war mit Abby der erste Freiwillige in diesem Projekt. Es gab im Vorfeld einige Leute, die sehr an der Sache gezweifelt hatten. Als ich ankam, wurde mir mitgeteilt, dass ich mit Abby einige Jugend- und Kinderclubs eröffnen sollte. Der Kirchenkreis, in dem ich arbeitete, bestand aus insgesamt neun Kirchen. Unsere Aufgabe war es nun, diese Clubs zu eröffnen. Ich hatte keine Ahnung, wie man sowas machen sollte, aber während der Zeit gelang es uns, welche zu etablieren. Es ging damit los, dass wir auf der Straße Flyer an Kinder und Eltern verteilt hatten. Ich bin besonders stolz auf ein Projekt, dass Abby und ich gestartet haben. Wir hatten am Anfang lediglich 2 Kinder, beim ersten Mal. Aber dadurch hatten wir einen Zugriff auf die Kinder in diesem Dorf. Das verbreitete sich schnell. Über das Jahr hinweg kamen so viele Kinder, dass wir in der Gemeinde um Unterstützung baten und die bekamen wir dann auch. Als ich gegangen bin, waren nicht weniger als 30 Kinder bei uns, die regelmäßig kamen. Wir haben wohl einige Sachen richtig gemacht. Ich denke, dass die Kinder auch nach den Sommerferien wiederkommen werden.

Natürlich klappte nicht alles. Wir haben einen Jugendclub in einer anderen Kirche eröffnet. Da aber auch eine andere Gruppe an diesem Tag in der Kirche war, mussten wir den Club früher am Tage stattfinden lassen. Daher kamen nach anfänglichen Erfolgen keine mehr. Wir mussten also umstrukturieren. Durch „Sponsorengelder“ konnten wir uns einen Billardtisch, ein Dartboard, einen AirHockey Tisch und eine Spielkonsole leisten und haben so den Club im April wiedereröffnet. Am Anfang wurde das auch gut angenommen, aber es verging dann doch ein Monat, wo wieder keiner kam. Das war sehr frustrierend. Zum Ende meiner Zeit schafften wir es dann doch, dass wieder einige Kinder kamen.

Mein Aufgabenfeld ging aber weit darüber hinaus. Da wir von der Kirche engagiert waren, mussten wir beide am Kirchenleben teilnehmen. Das hieß auch am Sonntag in die Kirche zu gehen und bei verschiedenen Events zu helfen. Wir mussten überall sein. Es gab natürlich auch mal Wochenenden, an denen nichts los war, aber dann auch wieder welche, an denen viel zu viel passiert ist. So variierte meine Stundenzahl in der Woche zwischen 40-50. Da es leider nur viele Leute im fortgeschrittenen Alter in der Kirche gab, ist es mir sehr schwer gefallen, Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Es ergaben sich einfach kaum Gelegenheiten dazu, da ich auch mit der Arbeit sehr eingespannt war.

Betreuung

Während meiner Zeit in Großbritannien wurden wir von TFG betreut. Wenn es mit TFG Probleme gegeben hätte, hätte man sich auch an AFS wenden können. Während der gesamten Zeit war AFS im Hintergrund für uns da. TFG hat ein Einführungsseminar in Doncaster über 4 Tage angeboten. Es war Pflicht an diesem teilzunehmen und man konnte mal einige der Mitfreiwilligen kennenlernen. Es war nur ein Teil der Freiwilligen, denn es ist sehr schwer, alle an einen Ort zu bekommen. Daher gab es im Januar die größte und wichtigste Konferenz. Alle Freiwilligen waren anwesend und es gab viele Workshops und auch Zeit zum reflektieren.

Am Ende des Jahres hat noch ein Abschlussseminar in Gruppen von bis zu 10 Personen stattgefunden. Dort ging es sehr viel um Selbstreflektion und was man in Zukunft machen möchte. Darüber hinaus war eine TFG-Mitarbeiterin für uns verantwortlich. Sie hat uns sogar im Oktober besucht und mit uns gesprochen. Sehr positiv fand ich auch, dass Paul Webster, der Director von TFG, jeden einzelnen Namen kannte. Das finde ich sehr beeindruckend, denn sich jedes Jahr aufs Neue 90 Namen zu merken ist eine gute Leistung. Aber genau dadurch habe ich mich wie in einer großen Familie gefühlt. Es kamen so viele unterschiedliche Nationen zu einem Ort, das war sehr spannend und einmalig. Ob USA, Deutschland, Spanien oder Ungarn. Ich werde diese Tage noch sehr lange in Erinnerung behalten.

Unterkunft

Ich habe bei dem Pfarrer gelebt und gewohnt. Da er ein großes Haus hatte, gab es genügend Platz für alle. Ich hatte mein eigenes Zimmer mit Schrank, Schreibtisch und Kommode. Es reichte für diese Zeit und es mir leicht gefallen, mich einzuleben. Wir waren für unser eigenes Essen verantwortlich. Das fand ich auch sehr in Ordnung, denn dafür habe ich mehr Geld zu meiner freien Verfügung gehabt.

Sprache und Kommunikation

Während meines Jahres habe ich ausschließlich Englisch gesprochen. Sehr gewöhnungsbedürftig ist der Akzent im Nordosten doch. Es ist mir bis zum Schluss schwer gefallen, alles fehlerfrei zu verstehen. Trotzdem hat sich mein Englisch verbessert. Wer jeden Tag dazu gezwungen ist, Englisch zu sprechen, fängt auch irgendwann an, auf Englisch zu denken. Das habe ich an mir beobachtet und ich freue mich sehr darüber. Ich muss gestehen, dass ich recht häufig mit Eltern und Freunden über Skype telefoniert habe. Das war mir sehr wichtig auch nach Hause Kontakt zu halten. Hätte ich dies nicht gemacht, wäre mein Englisch jetzt wohl noch besser. Aber ich denke, das muss jeder für sich selbst abwägen.

Hobbys und Freizeit

Wer Fußball, Cricket und Rugby mag ist in England sehr gut aufgehoben. Fußball ist der populärste Sport, es gibt aber auch sehr viele Rugby-Vereine. Ich selber bin einem Fußball-Verein beigetreten. Ich weiß nicht genau, wie es mit anderen Sportarten aussieht. Was ich aber auf jeden Fall empfehlen würde, ist, eine Mannschaftssportart zu betreiben, um unabhängig etwas von seiner Arbeit zu unternehmen.

Fazit

Der Großteil meines Projektes läuft über Time for God (TFG), einer Partnerorganisation von AFS. Wie der Name schon sagt, ist diese sehr religiös geprägt. Das ist nicht jedermanns Sache, darüber sollte man sich im Klaren sein. Ich muss zugeben, vor meinem Jahr war ich nicht häufig in der Kirche und während meines Jahres war ich nun mehrere Male in der Woche dort. Das war ein sehr großer Unterschied. Ich machte mir nicht viel aus der ganzen Kirchensache. Sie war mein Arbeitgeber und ich fühlte mich sehr gut aufgehoben dort. Wer die Kirche komplett ablehnt oder keine Lust darauf hat, sollte sich eventuell nochmal nach anderen Ländern umsehen. Das mag jetzt sehr hart klingen, aber während des Jahres ist man viel in die Kirche eingebunden.

Großbritannien ist ein tolles Land mit sehr netten Leuten. Natürlich ist es immer noch in Europa und man erlebt nicht so einen heftigen Kulturschock, wie beispielsweise in Südamerika, dennoch hat man das Gefühl „weg“ zu sein. Die kleinen Dinge machen dort den großen Unterschied. Alle Autos fahren auf der anderen Seite, Teppiche in Badezimmern oder die Sprache. Überall findet man Unterschiede. Ich hatte während meines Jahres viel Spaß. TFG bietet eine Reihe an Tätigkeitsfeldern an (Arbeit mit Kindern und Jugendlichen; Outdoor Projekte; Arbeit in Schulen; Arbeit mit Behinderten; Obdachlosenbetreuung; Betreuung älterer Leute). Ich bereue mein Jahr nicht, ganz im Gegenteil und ich würde jedem empfehlen, etwas Ähnliches zu machen, nachdem er mit der Schule fertig ist.