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Ich bin an jeder Herausforderung gewachsen

Dorothea, Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland, 2013/14, Community Service Program

Partnerorganisation „Time for God“

Nachdem ich im November an einem Auswahlwochenende teilgenommen hatte, kam im Dezember die freudige Nachricht: Ich hätte die Chance, einen Freiwilligendienst in Großbritannien zu absolvieren. Da AFS dort mit Partnerorganisationen zusammenarbeitet, musste ich allerdings noch einen zweiten Bewerbungsprozess durchlaufen. Die Partnerorganisation, mit der AFS in meinem Fall kooperierte, hieß TFG (Time for God). Es handelt sich hierbei um eine christliche Freiwilligenorganisation, was aber niemanden von einer Bewerbung abschrecken sollte. Auch ich selbst stand dem Ganzen anfangs kritisch gegenüber, aber alle Sorgen sollten sich als völlig unbegründet herausstellen. Time for God ist eine sehr seriöse und professionelle Organisation und ich kann nur Gutes über sie berichten. Natürlich sollte man als Bewerber dem christlichen Glauben gegenüber offen sein oder ihn zumindest akzeptieren, aber es wird einem nichts aufgedrängt und man wird keinesfalls dazu gezwungen, etwas zu tun oder zu glauben, was man nicht möchte.

Das zweite Bewerbungsverfahren bestand aus einer schriftlichen Bewerbung sowie zwei Skype Interviews – zuerst mit einer Zuständigen der Organisation und dann mit der Personalbeauftragten meines späteren Placements. Beide Interviews wurden natürlich auf Englisch abgehalten, was aber überhaupt kein Problem darstellte. Meinen Gesprächspartnern war ja durchaus bewusst, dass ich kein „Native Speaker“ bin.

Unterkunft & Projekt

Nach erfolgreich bestandenem Bewerbungsprozess war es dann endlich soweit: Im Juli 2013 packte ich meine Sachen und machte mich auf nach London ins „Queen Victoria Seamen’s Rest“. Dabei handelte es sich um ein ursprüngliches Seemannsheim, in dem aber außer pensionierten Seemännern auch Ex-Soldaten, Flüchtlinge und Obdachlose Unterkunft gefunden hatten. Hier wohnte ich zusammen mit zwei anderen Freiwilligen: Einem Freiwilligen von den Philippinen und einer Ungarin, mit der mich schon sehr bald eine enge Freundschaft verband.

Meine Arbeit im „Queen Victoria Seamen’s Rest“ war sehr vielschichtig. So half ich morgens bei der Essensausgabe in der Kantine aus und reinigte diese auch nach dem Frühstück. Abends verkaufte ich Kekse, Sandwiches und Softdrinks im heimeigenen Kiosk. Die Führung dieses so genannten „Coffee Shops“ unterlag der alleinigen Verantwortung der Freiwilligen. Wir durften über das Sortiment entscheiden und dieses durch eine wöchentliche Fahrt zum Supermarkt immer wieder aufstocken. Ein von uns elektronisch geführtes Protokoll der Einnahmen und Ausgaben war hierbei natürlich obligatorisch. Auch die Dekoration des „Coffee Shops“ lag in unseren Händen.

Events

Ein weiterer wichtiger Arbeitsbereich war die Organisation von Aktivitäten und Events. So veranstalteten wir jeden Donnerstag eine Film Night, spielten einmal wöchentlich Badminton und Tischtennis und trafen uns zum Basketballspielen. Wir veranstalteten außerdem eine Talentshow, einen Themenabend zum St. Patrick’s Day, mehrere Barbecues, eine Karaoke Night und mehrere Sportwettbewerbe. Zudem hatten wir die Möglichkeit, wichtige Sportevents auf einer großen Leinwand zu zeigen. Insbesondere bei der Fußballweltmeisterschaft führte dies zu einer besonderen Atmosphäre im Heim. Da Deutschland die WM am Ende gewann, habe ich mich darüber natürlich ganz besonders gefreut.

Als ganz besonders habe ich auch unsere Hungarian Night und German Night in Erinnerung. Hier hatten meine Mitbewohnerin und ich jeweils die Möglichkeit, mit Hilfe einer Power-Point-Präsentation unsere Heimatländer vorzustellen und anschließend ländertypisches Essen zu verteilen. Wir halfen außerdem gelegentlich an der Rezeption aus, wenn dort Hilfe benötigt wurde. Ich fand es toll, dass man uns so viel Verantwortung übergeben und Gestaltungsspielräume gelassen hat. Dadurch konnte ich meine eigenen Ideen einbringen und kreativ umsetzen, was mir total viel Spaß machte.

Soziales

Das Tollste an der Arbeit im QVSR war aber der tägliche Kontakt zu unseren Klienten, den Heimbewohnern. Jeder von ihnen war auf seine Art einzigartig und man bekam die unterschiedlichsten Anekdoten und Geschichten zu hören. Natürlich wurde man auch mit traurigen Schicksalen konfrontiert. Es kann sehr bedrückend sein, aus erster Hand zu erfahren, was ein einzelner Mensch in seinem Leben bereits durchmachen musste. Zum Glück hatte ich immer Freunde an meiner Seite, mit denen ich über solche Situationen reden konnte. Insbesondere der Austausch mit meiner Mitbewohnerin half mir sehr. Da wir denselben Job hatten, fühlte ich mich von ihr immer voll und ganz verstanden. Und auch wenn es manchmal nicht ganz leicht war: Selbst an den anstrengendsten und erdrückendsten Tagen hatte ich am Ende immer das Gefühl, etwas Gutes und Sinnvolles getan zu haben.

Freizeit

Natürlich bestand mein Freiwilligenjahr nicht nur aus Arbeit. Da ich in London wohnte, boten sich mir sehr viele Freizeitmöglichkeiten, die ich so gut es ging ausschöpfte. So traf ich mich oft mit anderen Freiwilligen und schaute mir Londons bekannte (und auch weniger bekannte) Ecken an. Da ich vom Land stamme, genoss ich die Reize der Großstadt in vollen Zügen. Und wenn ich mich doch einmal nach Natur und Weite sehnte, stattete ich einfach einem der zahlreichen Londoner Parks einen Besuch ab.

Natur und Weite bekam ich auch auf der so genannten „Mid Term Conference“ zu sehen. Nachdem TFG bereits im Oktober ein viertägiges Willkommens-Seminar organisiert hatte, wurden alle Freiwilligen im Januar nach Wales eingeladen. Hier hatte man noch einmal die Möglichkeit, sich mit all den anderen Freiwilligen über seine Erfahrungen auszutauschen und ein paar wunderschöne gemeinsame Tage zu verbringen. Am Ende des Jahres lud TFG noch einmal zu einem Kurzseminar ein, in dem man in Kleingruppen über das Gelebte reden und reflektieren konnte. Insgesamt war ich mehr als zufrieden mit der Betreuung durch TFG. Ich fühlte mich stets verstanden und ernst genommen.

Kultur

An meinem Arbeitsplatz vermischten sich alle möglichen Kulturen. Dadurch hatte ich nicht nur Kontakt zu England und seinen Traditionen, sondern gleichzeitig im gewissen Sinne zur ganzen Welt. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, einige dieser internationalen Bekanntschaften nun zu meinen engsten Freunden zählen zu können.

Wiedereingewöhnung

Das einzig Traurige an schönen Dingen ist: Sie sind viel zu schnell vorbei. Und so kam es, dass ich mich nach zwölf wundervollen Monaten wieder zuhause in meinem alten Kinderzimmer befand. Ich muss zugeben, dass mir die Wiedereingewöhnung zu Hause nicht ganz leicht viel. Dafür hatte ich einfach zu lange Londoner Großstadtluft geschnuppert. Doch auch wenn London unangefochten die Liste meiner Lieblingsstädte anführt, ist mir im Laufe der Zeit etwas sehr Wichtiges klar geworden: Es war nicht der Ort, der das Jahr zu einem der tollsten Jahre meines Lebens gemacht hat, sondern die Menschen. Natürlich erinnere ich mich gerne an all die Plätze zurück, die ich besucht habe, aber jeder dieser Plätze ist verbunden mit Erinnerungen, die ich mit anderen Menschen teile. Gäbe es all die tollen Menschen und Erinnerungen nicht, hätte auch die Stadt London im Nachhinein nicht so eine große Bedeutung für mich.

Rückblick

Wieder zu Hause vermisse ich neben meinen Freunden aber auch die Arbeit und das Gefühl, unabhängig zu sein. In England hatte ich jeden Tag etwas Sinnvolles zu tun: Ich half dabei, das Leben anderer Menschen etwas lebenswerter zu machen. Das gab jedem einzelnen Tag eine ganz neue Bedeutung. Natürlich war das Leben und die Arbeit im Queen Victoria Seamen's Rest nicht immer einfach, aber das wäre ja auch irgendwie langweilig, oder? Ich bin an jeder Herausforderung gewachsen und erinnere mich mit Freude an all die schönen Momente, die ich erleben durfte. Für mich war mein Auslandsjahr nicht nur ein Jahr. Es war ein Teil meines Lebens, mit all den Höhen und Tiefen, die das Leben eben zu bieten hat.

Ich wünsche allen zukünftigen Freiwilligen, dass sie ein genauso wundervolles Jahr wie ich erleben dürfen. Scheut euch nicht vor Herausforderungen, sondern nutzt sie für euch. Ihr werdet daran wachsen. Und ganz wichtig: Nutzt jede Möglichkeit, die euch geboten wird und schiebt eure Pläne nicht vor euch her. Ein Jahr ist viel schneller vorbei als ihr denkt. Und am Ende bereut man meistens sowieso nur das, was man NICHT getan hat.